Der Widerstand gegen die Stationierung neuer Kernwaffen in West und Ost und auch die Anti-Atombewegung konnte einst hunderttausende Menschen mobilisieren. Heute ist ziemliche Ruhe eingekehrt, nur noch einzelne Aktivisten und Gruppen versuchen, die Mauer des Desinteresses zu durchbrechen und auch andere Gefahren, die eher in der Zukunft auf uns und unsere Kinder warten, lassen die meisten Menschen ziemlich kalt.

Es gibt dafür ein passendes Gleichnis: Werfen Sie einen Frosch lebend ins heiße Wasser und er wird versuchen, gleich wieder rauszuspringen. Wenn Sie den Frosch aber ins kalte Wasser setzen und erst nach und nach erwärmen… könnte er drin sitzen bleiben, bis… es zu spät ist.

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Die häufig schlechte Anpassung von Menschen an Verschiebungen unserer Lebensbedingungen zeigt sich auch am Desinteresse an einem dem entsprechenden Vorausdenken. Erst vor kurzen saß ich wieder nach einem schlecht besuchten Vortrag über die globalen Probleme mit den wenigen Unentwegten und die Diskussion mündete wie üblich schnell in die Frage: Und warum sind die anderen nicht hier? Und: Wie können wir anders auf sie zugehen, damit sie künftig gemeinsam mit uns eine bessere Zukunft gestalten können als die uns bedrohende?

Ich kann darauf keine einfache Antwort geben. Wofür sich Menschen interessieren, wie sie auf Problemstellungen reagieren, hängt aber oft mit Phänomenen zusammen, die wir kennenlernen sollten, um besser damit umgehen zu lernen.


Wandel (v)erkennen

Ein Teil der Situation des Froschs, der einen langsamen Wandel einfach auszusitzen versucht, ist auch aus der menschlichen Psychologie bekannt und heißt „shifting baselines“ (dt.: sich verschiebende Referenzlinien). Dieser Begriff geht auf die Beobachtung zurück, dass im Golf von Kalifornien die jüngeren und die älteren Menschen eine unterschiedliche Sicht auf den Rückgang der Fischschwärme haben. Die Älteren wissen noch, wie viel Fisch einst vorhanden war und erkennen deshalb einen deutlichen Rückgang, während den Jüngeren dieser Rückgang gar nicht bewusst ist (Pauly 1995, vgl. auch Rost 2014: 23). Sie stellen sich auch das frühere Meer mit weniger Fischen vor, als es tatsächlich einmal waren:
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Das liegt daran, dass die Referenzlinien der Bewertung jeweils innerhalb der eigenen Lebenszeit entstehen und längerfristige Veränderungen nicht entsprechend wahrgenommen und bewertet werden (ebd.: 18). Ein anderes Beispiel für dieses Phänomen: Auf den folgenden Bildern wird gezeigt, was als „guter“ Fisch galt und gilt:
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Manchmal kommt es sogar zu solchen Phänomenen, dass das Ergebnis einer früheren Umweltkatastrophe zum schützenwerten Naturschutzgebiet wird, wie bei der Lüneburger Heide (dpa 2014).

Wenn man den Klimawandel ähnlich betrachtet, braucht man sich eigentlich keine Sorgen machen. Unsere Nachkommen erleben dann eben eine wärmere Welt: was macht denn schon eine um 2 bis 5 Grad wärmere Umgebungsluft aus? Leider ist es nicht so einfach. Es ist bekannt, dass ein Ansteigen der globalen Durchschnittstemperatur um ungefähr 2 Grad schon für viele Regionen gefährliche ökologische Veränderungen mit sich bringt, so dass die Nahrungsmittelversorgung und küstennahe Wohnsiedlungen bedroht werden und auch Unwetterextreme insgesamt deutlich ansteigen. Wird man sich auch daran gewöhnen? Es ist dabei zu erwarten, dass die Zustände sich nicht nach und nach verändern, sondern bereits jetzt folgt der Anstieg von wetter- und damit auch klimabedingten Katastrophen wie großen Fluten, Hurrikans und Dürren einer Exponentialkurve. Außerdem muss erwartet werden, dass verschiedene „Kipp-Punkte“ wie das Auftauen der Dauerfrostböden mit der Freisetzung von großen Treibhausgasquellen und andere nichtlineare Effekte zu sehr schnellen und sehr abrupten Veränderungen der Umweltbedingungen führen können. Daran ist eine Anpassung der Menschen kaum bis gar nicht mehr möglich, ohne dass Leben und Lebensqualität verloren gehen. Meistens geschehen solche Unglücke aber erst mal nur den anderen:
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Wie schlecht wir uns schon auf einem hohen Wohlstandsniveau anpassen können, zeigen u.a. die vielen abwehrenden bis hasserfüllten Reaktionen auf die Zuwanderung von Menschen aus Krisengebieten. 2012 waren weltweit schon 32,4 Millionen Menschen wegen Überschwemmungen, Stürmen und anderen Umweltkatastrophen auf der Flucht (Ginnetti 2015, vgl. IPCC 2012, vgl. auch den Blog „Flüchtlingsforschung“) und auch die häufig direkt zur Flucht führenden Kriege haben nicht zuletzt häufig mit sich katastrophal verschlechternden Umweltbedingungen und folgenden Verteilungskämpfen zu tun (vgl. Welzer 2010, Schlemm 2016).

Die genannten Referenzlinien sind ein Bestandteil von dem Bild, das sich ein Mensch jeweils von der Welt macht. Deshalb kommen wir nun zu den sog. „mentalen Modellen“.

Mentale Modelle

Die Welt wird im Kopf der Menschen nicht als genaue Kopie dargestellt. Ihre Strukturen und ihre Veränderungsprozesse werden modellhaft vorgestellt und dabei in ihrer Komplexität reduziert.

Die Reduktion geht aber nicht so weit, dass beim Ziehen von Schlüssen aus Prämissen vom ganzen Inhalt dessen, worum es geht, abstrahiert wird, wie es in der formalen deduktiven Logik wäre. Stattdessen werden Vorstellungen über die Denkobjekte und über ihre möglichen gegenseitigen Beziehungen zugrunde gelegt. Diese Vorstellungen beinhalten oft Analogien. So kann man sich den elektrischen Strom als „Elektronenflüssigkeit“ vorstellen oder auch als „Menge kleiner grüner und roter Männchen“. Oder wir sehen uns im Sonnensystem in der Mitte und alles Kreis um uns herum, wie in einer Armillarsphäre – wir haben aber auch die Möglichkeit, mit einem mentalen Blick „von außen“ die elliptisch um die Sonne kreisenden Planetenbahnen vorzustellen. Als Internet-Mem (häufig weitergeleiteter „Running Gag“) entwickelt sich gerade ein neuer Blick: Dabei wird auch die sich bewegende Sonne, um die die Planeten „herumspiralen“, visualisiert und damit in die Vorstellungswelt vieler gebracht (z.B. DJSadhu 2013) – aber nicht mal dieses stimmt völlig mit der Wirklichkeit überein (Plait 2013):

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Wenn ich mir jetzt den Flug eines Raumschiffs vorstelle, so läuft der in den unterschiedlichen mentalen Modellen unterschiedlich ab. Häufig sind bereits verschiedene mögliche mentale Modelle bekannt. Dann wird diese Bewegung testweise in mehreren dieser Modelle „durchgetestet“. In der Armillarsphäre wird es, wegen der verwickelten Bewegung der einzelnen Planeten, kaum möglich sein, echte Raumfahrt zu simulieren. Deshalb kann man in das heliozentrische Weltbild wandern. Ob die kosmische Sicht der Bewegung der Sonne auch noch benötigt wird, hängt davon ab, wie weit das Raumschiff fliegen will…

Das Modell der mentalen Modelle geht nun davon aus, dass ein „logischer Denker“ sich nie mit einem mentalen Modell zufrieden gibt. Aus einer Information soll eine Schlussfolgerung gezogen werden. Die Schlussfolgerung wird erst dann als gültig angesehen, wenn sie in verschiedenen Denkmodellen gleich ist.

Das folgende etwas lebensfremde Beispiel (aus Obermaier 2004: 5) soll das erläutern: Als Information wird der Satz: „An der Tafel ist ein Kreis oder ein Dreieck“ gegeben. Was stellen Sie sich jetzt gerade als vor zu dieser Situation, wie ist Ihr mentales Modell? Wahrscheinlich so:

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Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten. Wenn vor dem entsprechenden Symbol ein Minuszeichen steht, steht das für eine Negation. Wenn ich die einbeziehe, kann ich zwei weitere mentale Modelle bilden:

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Das erste besagt etwa, dass an der Tafel ein Dreieck, aber kein Kreis steht. Wenn nun zu der ersten Aussage noch hinzu kommt die Information: „An der Tafel gibt es kein Dreieck“, so funktioniert das erste mentale Modell nicht mehr, sondern nur noch das Dritte. PsychologInnen nennen das „modellbasiertes Schließen“. PsychologInnen wissen auch, dass der Arbeitsspeicher im Gehirn nur begrenzt ist und die Suche nach alternativen Modellen deshalb meistens schnell abgebrochen wird. Außerdem spielen Vorurteile eine sehr große Rolle bei der Auswahl der bevorzugten mentalen Modelle.

Die mentalen Modelle sind nicht nur für die Anschauung der Welt wichtig, sondern aus ihnen gewinnen wir vor allem auch Vorstellungen darüber, welche Ziele wir mit welchen Mitteln erreichen können. Ich selbst habe z.B. Probleme mit manchen digitalen Geräten, bei denen die Bedienung auf dem ein- oder mehrmaligen Drücken irgendwelcher Knöpfchen beruht. Ich kann besser mit analogen Drehknöpfen umgehen. Man kann mir viel erzählen über Digitalisierung – ich werde zuerst versuchen, die Knöpfchen zu drehen und dann schimpfen, dass sie zu klein zum Anfassen sind. Menschen mit einem digitalen mentalen Modell können über mich nur den Kopf schütteln. Wenn ich ein normaler, also lernfähiger Mensch bin, kann ich wohl auch noch in ein neues mentales Modell wechseln.

Über unsere Einbettung in die natürliche Umwelt haben wir auch ein mentales Modell. Seit 11 000 Jahren, also seit der letzten Eiszeit, veränderte sich die durchschnittliche globale Temperatur nie mehr als ungefähr 0,75 Grad nach oben oder unten (vgl. Kasang 2008). In diesem Korridor gab es zwar regional deutliche Schwankungen der Umweltbedingungen, die z.T. lange erinnert wurden, wie wahrscheinlich auch ein Meeresspiegelanstieg um ca. 6000 v.u.Z. als „Sintflut“. Erdgeschichtlich war der Klimazustand in dieser langen Zeit aber erstaunlich stabil.
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Wir haben mittlerweile, mit ziemlicher Sicherheit angetrieben durch die von menschlichen Aktivitäten freigesetzten Treibhausgase, schon wieder einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad seit Beginn der Industrialisierung erreicht; wir befinden uns also direkt am oberen Ende des Stabilitätskorridors. Trotzdem denken sich die meisten Menschen, die davon wissen, erst einmal nicht viel dabei (im Wohnraum merkt man 0,8 Grad schließlich kaum). Die Leugner des menschengemachten Klimawandels gehen erst recht davon aus, dass alles beim Alten bleiben wird. Dies entspricht den Erfahrungen, die die Menschen in Jahrtausenden gemacht haben. Es ist deshalb kein Wunder dass, das „mentale Modell“ der meisten Menschen auf die Katastrophenwarnungen nur sehr träge reagiert.

Das heute vorherrschende mentale Modell bildet vorwiegend kontinuierliche und lineare Veränderungen ab. Es reicht über den Horizont der eigenen Lebenszeit kaum hinaus. Wenn ich agiere, erwarte ich einen Nutzen für meine individuelle Bedarfsdeckung und wir Menschen in den entwickelten Industrieländern haben uns daran gewöhnt, als formal Gleiche zwar gleiche formale Rechte zu haben, aber letztlich doch damit leben zu müssen, dass die einen mit ihren wirtschaftlichen Entscheidungen bestimmen, wo es lang geht und wir uns nur sehr mühsam, wenn überhaupt, dagegen wehren können (wenn wir es denn wollen). Zu unserem Modell gehört z.B. auch „Wer nicht (lohn)arbeitet, sollte nicht existieren“. Gelebte und erlebte Praxen gehen in diese mentalen Modelle ein. Wirtschaftliche Gewinne, die als Erfolgsfaktoren gelten, beruhen häufig auf Vermeidung (Steuerbetrug) oder Verschiebung von Kosten nach außen, so auch bei den Kosten der Naturzerstörung. Gewinne werden privatisiert, Kosten „externalisiert“– in die Gesellschaft, die Natur und die Zukunft. Dies basiert in den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen, prägt aber auch unser mentales Modell. Dieses mentale Gefängnis lässt dann nur noch wenige Spielräume für Zielvorstellungen und Handlungsmittel. Vielleicht lässt sich ja an der Drehschraube der Steuern drehen (Ökosteuern, redet da noch jemand davon?). Vielleicht lassen sich sogar gewinnträchtige Formen finden, die Umwelt zu retten? (Privatisierung des bisherigen Gemeinguts Atmosphäre durch handelbare CO2-Verschmutzungszertifikate)? Mehr passt meistens nicht ins mentale Modell, wie etwa die Abschaffung der kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise. Ein neues Modell wäre z.B. eins ohne isolierte Individuen, bei denen nicht zahlungskräftige „Bedarfe“ (ein Begriff der Wirtschaftslehre), sondern Bedürfnisse (z.B. nach einer lebenswerten Umwelt) und selbstbestimmte Kooperation auf Grundlage der gemeinsamen Verfügung über die Lebens- und Produktionsmittel im Mittelpunkt stehen.

An die Drehschrauben denke ich häufig, wenn ich erfahre, welche Möglichkeiten jetzt denen offen stehen, die in der Kommune als Beteiligte am AGENDA-21-Prozess oder anderen bürgerschaftlichen Initiativen mit beraten dürfen, wie eine Kommune ihre Energie- und Umweltbilanz verändern oder „nachhaltig werden“ könnte. Nachdem einige Möglichkeiten wie die Wärmedämmung öffentlicher Gebäude ausgeschöpft sind, wird es immer schwerer, wirklich noch etwas zu erreichen. Denn nicht in Frage gestellt werden in den allermeisten Fällen die Bevorzugung des motorisierten Individualverkehrs, die Notwendigkeit „möglichst viele Studierende in der eigenen Stadt“ zu haben, die Unternehmen in der Stadt zu halten und zu unterstützen usw.. Das mentale Modell, das auf Gewinn aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit aus ist, begrenzt allzu oft unsere eigenen Zielvorstellungen und auch Handlungsoptionen. Ich sehe uns da in einem Cockpit eines sonstwohin steuernden Flugzeugs, in dem wir an allen möglichen Knöpfchen drehen dürfen, die aber so gut wie nichts Wesentliches bewirken. Das liegt daran, dass das ganze Flugzeug in die falsche Richtung fliegt, wir aber den Steuerknüppel nicht in die Hand bekommen und andere Mitreisende die Notwendigkeit dazu noch gar nicht sehen.

In der Theorie sind, wie so häufig, schon Versatzstücke neuer mentaler Modelle vorhanden, die aber noch nicht in den Alltagsverstand der meisten von uns eingedrungen sind. Zu diesen neuen mentalen Modellen gehört das Wissen und die Vorstellung, dass die meisten komplexen Systeme sich nicht kontinuierlich-linear verhalten, sondern ein nichtlineares Verhalten mit diskontinuierlichen Brüchen zeigen. Der Frosch überlebt das Kochen nicht mehr und auch für uns gibt es auf unserem endlichen Planeten Leitplanken, bei deren Überschreiten die historisch erreichte Lebensqualität nicht mehr gehalten werden kann (vgl. Schlemm 2015). Wir sind den Leitplanken inzwischen schon so nah, dass unsere eigenen Kinder die langfristigen Folgen unseres Tuns ausbaden müssen. Wenn die globale Durchschnittstemperatur sich erhöht und die Ökosysteme erst einmal destabilisiert sind, wird die Temperatur noch Jahrtausende lang auf dem hohen Niveau bleiben und Ökosysteme brauchen auch Jahrzehnte, Jahrhunderte und noch länger zur Neuanpassung. Enkeltauglich ist das nicht. Unsere Nachfahren werden die ökologischen Kosten unseres heutigen Lebens, die wir externalisieren, über Generationen hinweg aufarbeiten müssen. Die Utopie einer „universale[n] “Muße-mit Fülle“-Wirtschaft“ (Jonas 1979/2003: 329) lässt sich dann wirklich nicht mehr aufrecht erhalten.

Argumente, die wir etwa in einem Vortrag oder einer Veröffentlichung verbreiten wollen, werden also unter Umständen vom vorhandenen mentalen Modell eher abgestoßen, als integriert, wenn sie nicht dazu passen. Wir müssen also nicht nur neue Informationen geben, sondern auf einen Wechsel des mentalen Modells setzen. Es ist meiner Erfahrung nach auch häufig so, dass die Information über die Gefahren des Klimawandels oder des Plastiks im Meer durchaus bekannt sind. Da sie aber nicht in ein neues mentales Modell integriert werden können, bleibt dieses Wissen wirkungslos.

Es gibt da durchaus einige Vorschläge, wie die „Postwachstums-Gesellschaft“ oder die „Commons“. Die müssen dann alle bekannten Informationen und auch Zielvorstellungen besser als das erste beinhalten und erfüllen, so dass z.B. neben der Stabilisierung der Umwelt auch die sozialen Entwicklungsnotwendigkeiten weiter berücksichtigt sind und auch kein Verlust an Demokratie eintritt.

Gute Gründe

Bisher leistete das mentale Modell der Linearität, der Überschaubarkeit und des begrenzten Zeithorizonts recht gute Dienste für Generationen von Menschen. Haben wir also keine Chance, uns auf neue Verhältnisse einzustellen? Wir hatten oben gesehen, dass der „Gag“ bei den mentalen Modellen darin besteht, dass sie zwar das Denken gewissermaßen „framen“ (einrahmen), dass sie aber auch geändert werden können, wenn neue Informationen hinzukommen und das Denken nicht vorzeitig abgebrochen wird.

Und Menschen besitzen glücklicherweise grundsätzlich die Fähigkeit, sich gedanklich zu distanzieren von den jeweils gegebenen Tatsachen in der Welt und auch von ihren eigenen Gedanken, Vorstellungen und auch mentalen Modellen (Schlemm 2001). Als Menschen können wir unsere Reflexionen reflektieren. Gedanken, Vorstellungen und mentale Modelle, die ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, können in Frage gestellt werden. Die eben erwähnte Selbstreflexion begründet auch den Subjektstatus von Menschen, von jedem einzelnen Individuum. Als Subjekte können wir die Bedingungen unseres Seins in Frage stellen und uns ihnen nicht nur anpassen oder auf ihre Veränderungen reagieren.

Jedes Individuum hat, wenn dieser Subjektstatus ernst genommen wird, in jedem Moment selbstbestimmt die Möglichkeit, die jeweiligen eigenen Gedanken und mentalen Modelle in Frage zu stellen oder beizubehalten. Wenn andere Menschen sich das Recht herausnehmen würden, für jeweils andere zu bestimmen, was „schlechte“ oder „gute“ Gründe für eine bestimmte Entscheidung sind, würden sie diesem Menschen den Subjektstatus entziehen, ihn also als Objekt ihrer Zuschreibung behandeln. Warum „die anderen“ mal wieder nicht zu so einem wichtigen Vortrag gekommen sind, darüber kann ich nur von ihnen selbst erfahren. Das, was ich mir über ihre Gründe, die sie haben könnten, ausdenken kann, nützt mir nicht wirklich etwas und ihnen erst recht nicht.

Vielleicht haben sie für sie gute Gründe für das Desinteresse oder die Abwehr? In der Kritischen Psychologie nach Klaus Holzkamp wird die Einschränkung auf bestimmte Möglichkeiten und das Ausschließen anderer verknüpft mit dem Ausmaß an der „Verfügung über die Lebensbedingungen“ des Individuums. Da wir in den entwickelten Industrieländern seit langem nur sehr begrenzt über unsere Lebensbedingungen verfügen, sondern nur vermittels des Besitzes von Geld „Bedarfe“ (das sind jene Bedürfnisse, für deren Erfüllung wir zahlungsfähig genug sind) befriedigen können, hatten wir „gute Gründe“, nicht über die dadurch begrenzten Horizonte hinauszudenken. Jetzt verändert sich jedoch die Basis für solche Gründe, denn die kommenden Verschärfungen der Lebenslage angesichts ökologischer Desaster wird auch die jetzt noch vorhandenen Verfügungsmöglichkeiten immer mehr einschränken. Da ist es sehr sinnvoll, die Begründung der eigenen Entscheidungen zu hinterfragen. Bisher gab es vielleicht für viele noch „gute Gründe“, im Interesse der Aufrechterhaltung der vorhandenen Verfügung über unsere Lebensumstände noch weitergehende Horizonte (wie die Abschaffung der kapitalistischen Wirtschaft) auszublenden. Diese Gründe werden verblassen angesichts der noch größeren Gefahr des Verlusts der Lebensgrundlagen selbst. Dann entstehen neue „gute Gründe“ für ein anderes Verhalten und wir brauchen dazu neues Wissen und neue mentale Modelle.

Heute reicht es mir vielleicht noch aus, an den angebotenen Drehknöpfen der „Nachhaltigkeit“ herumzuhantieren. Mit den vorhandenen Drehknöpfen kann z.B. an dem eigenen Konsum- oder Verkehrsverhalten gedreht werden oder es können Apelle an Verantwortungsträger formuliert werden. Wenn mir dabei bewusst wird, dass wir den Steuerknüppel sowieso nicht erreichen können, dann ist das schmerzhaft und entwertet für mich die Bemühungen, an den anderen Knöpfchen zu drehen. Wenn ich gar versuche, an den Steuerknüppel zu gelangen, ist das mit Mehraufwand und auch einem Risiko, mich dabei zu gefährden, verbunden. Um dies auf mich zu nehmen, brauche ich schon sehr viel bessere Gründe als meine bisherigen „guten“.

Neue mentale Modelle müssen die Vorteile der alten berücksichtigen. Sie müssen sie im dialektischen Sinne negieren, das heißt „aufheben“ (überwinden, aufbewahren, höher heben) und nicht einfach beiseiteschieben.

Wie kann das gelingen? Wahrscheinlich lag einer der Begründer der eben erwähnten Dialektik hier schon ganz richtig: Sokrates. Seine Methode war es, fragend die in den vorherigen Annahmen steckenden Widersprüche herauszukitzeln.

Die jetzt vorherrschenden mentalen Modelle haben eine enorme Beharrungskraft, weil sie den herrschenden gesellschaftlichen Strukturen entsprechen. Sie sind nicht beliebig konstruiert und könnten durch neu konstruierte ersetzt werden, sondern sie sind “objektive Gedankenformen“ (MEW 23: 90). Die Jobcenter setzen ja wirklich durch, dass Menschen ohne Lohnarbeit ein Existenzminimum nur erhalten, wenn sie sich allen möglichen Schikanen unterwerfen. Die allermeisten Menschen können ja tatsächlich ihren Lebensstandard nur halten und vielleicht auch noch erhöhen, wenn die Wirtschaft nicht „kriselt“, sondern weiter wächst. Und wenn alle so leben wollten, wie Aussteiger mit Selbstversorgung oder sich wenigstens in Kommunen zusammentun, würden sie sehr schnell an die Grenzen des Privateigentums an Grund und Boden stoßen. Der Widerspruch, dass diese Prämissen, die nicht nur im Denken festgehalten werden, sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen alle Handlungsmöglichkeiten strukturieren, mit den langfristigen Überlebensnotwendigkeiten kollidieren, wirkt erst mit einer Zeitverzögerung. Aber erstens können Menschen auch vorausdenken und zweitens bricht dieser Widerspruch durchaus schon in die Gegenwart durch.

Was würdest Du, was würden Sie von einer Welt halten, in der in Europa innerhalb von einer Woche 70 000 Menschen zusätzlich sterben müssen? Wäre das nicht ein Grund, sofort zu handeln, um die Ursachen dafür abzustellen? Wären diese Menschen durch  Terrorakte gestorben, würden sicher nicht mehr nur die Alarmglocken schrillen sondern viele akute und umwälzende Gegenmaßnahmen wären plötzlich gerechtfertigt. Wir leben in dieser Welt. Im europäischen Hitzesommer des Jahres 2003 sind ungefähr 70 000 Menschen in Europa hitzebedingt eher gestorben, als es ohne diese Hitzewelle geschehen wäre (Robine et al. 2007 )? Die folgende Abbildung zeigt den Unterschied der Mortalität in diesem Zeitraum im Vergleich zur durchschnittlichen Mortalität in anderen „normalen“ Zeiten (ebd.):
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70 000 Tote … in einer der Hitzewellen, von denen schon in näherer Zukunft immer mehr zu erwarten sind, wenn nicht in den nächsten 5-10 Jahren die Treibhausgasemissionen deutlich herunter gefahren werden. Es gibt im Internet ein „Mem“, das auf diese Situation hinweist:
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Vielleicht sollten wir, die wir uns schon länger mit diesen Themen beschäftigen, einmal erzählen, wie jeweils wir (also ich und Du und Sie…) einst darauf gekommen sind, dass wir uns mit den Themen der globalen Probleme beschäftigen müssen, was das eigene mentale Modell in dieser Hinsicht gefüllt hat, welche „guten Gründe“ wir vielleicht auch haben, manches davon nicht zu sehen und wie wir in der Vergangenheit schon mal zu neuen „guten Gründen“ gekommen sind, die uns weiter gebracht haben?

Wer mag, kann ja hier in den Kommentarspalten anfangen…


Literatur:

DJSadhu (2013): The helical model – our Galaxy is a vortex.

dpa (2014): Touristenziel dank Umweltkatastrophe. N 24.

Ginnetti, Justin (2015): Disaster-Related Displacement Risk: Measuring the Risk and Addressing its Drivers. Geneva: Internal Displacement Monitoring Centre; Norwegian Refugee Council.

IPCC (2012): Managing the Risks of Extreme Events and Disasters to Advanced Climate Change Adaption.

Jonas, Hans (1979/2003): Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main: Insel Verlag

Kasan, Dieter (2008): Temperaturänderungen im Holozän nach verschiedenen Rekonstruktionen (Bild).

Marx, Karl (MEW 23): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 23. Berlin: Dietz Verlag 1988.

Obermaier, Claudia (2004.): Mentale Modelle und kognitive Täuschungen.

Pauly, Daniel (2995): Anecdotes and the shifting baseline syndrome of fisheries. Trends in Ecolocy and Evolution. Volume 10, Issue 10, October 1995, Pages 430.

Plait, Phil (2013): No, Our Solar System is NOT a „Vortex“.

Robine, Jean Marie; Cheung, Siu Lan Le Roy, Sophie; van Oyen, Herman; Herrman, Francois richard (2007): Report on excess mortality in Europe during sommer 2003. (EU Community Action Programme for Public Health, Grant Agreement 2005114).

Rost, Dietmar (2014): Wandel (v)erkennen. Shifting Baselines und die Wahrnehmung umweltrelevanter Veränderungen aus wissenssoziologischer Sicht. Wiesbaden: Springer.

Schlemm, Annette (2001): Die spezifische Möglichkeitsbeziehung und die Handlungsfähigkeit.

Schlemm, Annette (2015): Planetare Grenzen.

Schlemm, Annette (2016): Migration und Flucht im Kapitalozän. Wien: Druckraum.

Welzer, Harald (2010): Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt am Main.: Fischer.


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Version 2 (12.11.2016)