Version 1.3 (06.01.2017)


Menschen brauchen ständig etwas. Als lebendige Wesen benötigen sie Nahrung, Wasser und Luft; als soziale Wesen sind sie angewiesen auf angenehme und förderliche gesellschaftliche Beziehungen. Der Zustand des „Etwas Brauchens“ oder „Etwas Benötigens“ wird „Bedürfnis“ genannt. Alles, was Menschen tun, ist auf die Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet. So weit, so gut – aber auch so abstrakt. Interessant wird es, wenn wir betrachten, wie unterschiedlich die Bedürfnisbefriedigung erfolgt. Und streitbar wird es spätestens bei der Frage, ob alle Menschen im Grunde die gleichen Bedürfnisse haben, oder nicht. Politisch spannend wird es, wenn als Ziel die Bedürfnisbefriedigung aller Menschen zum Ziel erhoben wird und gleichzeitig ökologische Begrenzungen des Naturverbrauchs berücksichtigt werden müssen.

Der Begriff „Bedürfnis“ wird vor allem im Kontext der Wirtschaftslehre verwendet und hier gibt es Unterscheidungen gegenüber dem Begriff des „Bedarfs“ und der „Nachfrage“. Als „Bedarf“ gelten hier nur jene Bedürfnisse, für deren Erwerb Geld vorhanden ist. Zur „Nachfrage“ kommt es, wenn bei der bedürftigen Person tatsächlich auch ein Kaufwille vorhanden ist. Damit wird die Thematisierung der Bedürfnisse von vornherein in einen Kontext gestellt, der nur einen spezifischen wirtschaftlichen Zustand erfasst, nämlich eine geldvermittelte Warenwirtschaft.

Wie wäre ein Begriff von Bedürfnissen zu bestimmen, wenn er für alle menschlichen Verhältnisse gelten soll? Er wird dann in gewissem Sinne abstrakt (abstrahiert von den Besonderheiten der verschiedenen Formen der Gesellschaftlichkeit der Menschen), aber er soll auch das Besondere der Menschen im Unterschied zu anderen Lebewesen ausdrücken. Eine solche Begriffsbestimmung schlägt Klaus Holzkamp in seiner „Grundlegung der Psychologie“ (Holzkamp 1985) vor. Dabei werden wieder die Worte „Bedürfnis“ und „Bedarf“ unterschieden, aber mit einer anderen Bedeutung belegt als in der wirtschaftstheoretischen Diskussion. Lebewesen benötigen die Zu- und Abfuhr von Stoffen und Energien. Damit wird eine Differenz zwischen dem Vorhandensein und dem Erfordernis danach in physiologischer Hinsicht ausgeglichen. Im Organismus entstehen durch den Verbrauch von Stoffen und Energien im Stoffwechsel Mangelzustände, die durch die Zufuhr des Benötigten ausgeglichen werden. Auch für Pflanzen wird dies oft schon als „Bedarf“ angesprochen. Als Begriff grenzt Klaus Holzkamp den „Bedarf“ jedoch darauf ein, dass bei Tieren ab einem bestimmten Entwicklungsstand der Zusammenhang zwischen dem organismischen Mangelzustand und der Fähigkeit zu seiner Beseitigung emotional bewertet wird (Holzkamp 1985: 101). Einige Stunden nach ihrer letzten Mahlzeit wacht meine Katze unruhig aus dem Schlaf auf und schaut nach, ob an ihrer Futterstelle noch etwas zu finden ist. Sie hat einen Bedarf nach Nahrung. Dies geschieht nicht einfach als Folge biochemischer physiologischer Prozesse (wie die Beseitigung von Mangelzuständen bei Pflanzen), sondern vermittelt über psychische Prozesse.

Für Menschen gilt das auch, aber auf kultiviertere Weise. Sie sind biologische Wesen, aber sie haben nicht Bedarfe, sondern Bedürfnisse. Darin steckt der ganze Unterschied des Menschlichen vom Tierischen. Wenn Menschen etwas zu essen brauchen, dann entstehen die Lebensmittel im Prozess der gesellschaftlich organisierten Arbeit. Wenn sie sich wärmen, dann verwenden sie produzierte Kleidung und Wohnräume (und sogar das Futter für die Haustier-Katzen stellen sie her). Bedürfnisse sind deshalb „Bedarfszustände, die im Zusammenhang mit Aktivitäten zur gesellschaftlichen Lebenssicherung stehen bzw. auf gesellschaftlich produzierte Objekte oder gesellschaftlich geprägte Situationen gerichtet sind und deswegen nur durch die Produktion und deren Resultate befriedigt werden können“ (Holzkamp-Osterkamp1990: 18). Bedürfnisse zeigen also Differenzen zwischen Benötigtem und Vorhandenem (also Mangelzustände) an, die emotional bewertet werden und deren Befriedigung im gesellschaftlichen Kontext geschieht.

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In der Abbildung werden die gerade erläuterten Begriffsverwendungen zusammengefasst. Dabei ist es wichtig nicht zu vergessen, dass die wirtschaftstheoretischen Begriffe von „Bedarf“ und „Nachfrage“ nur für Gesellschaftsordnungen gelten, in denen der Zugang zu den Mitteln der Bedürfnisbefriedigung über geldvermittelte Märkte begrenzt wird.

Organismische Bedarfe und menschlichen Bedürfnisse kommen natürlich im Individuum zusammen. Neugier gibt es z.B. schon bei Tieren. Bei Menschen gibt es dies noch in Form eines „Angezogenseins von allem Neuen“ (Holzkamp-Osterkamp 1990: 22), aber die Neugier erhält auch in eine neue spezifisch menschliche Qualität, insofern sie eine befriedigende „bewußte Erforschung neuer Umweltgegebenheiten im Zusammenhang der gesellschaftlichen Lebenssicherung“ (ebd.) wird. Auch „der biologisch überkommene „Erkundungsdrang“, der „unbewußt“ auf das spontane Absuchen de Umgebung nach im Ernstfall oder Notfall relevanten Eigenschaften gerichtet ist“ erhält eine zur spezifisch menschliche Bedürfnisqualität, die „forschende Analyse der Realität“, wobei der Erkundungsdrang darin „als unspezifischer Motor enthalten“ bleibt (ebd.). Dasselbe gilt auch für die Bedarfsgrundlage an Aktivitäten (Jagen) zur Befriedigung der Bedarfe (Hunger), die bei Menschen die Grundlagen für produktive Bedürfnissen werden.


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