Dieser Beitrag gehört zum Text „Über Bedürfnisse“.


Wenn es um menschliche Bedürfnisse geht, so ist einerseits zu berücksichtigen, dass viele von ihnen einen Grundlage darin haben, dass Menschen tierische Organismen sind, aber andererseits ist auch der qualitative Unterschied herauszuarbeiten, durch den sich Menschen von allen anderen Tieren unterscheiden. Im folgenden Kapitel wird deshalb die Besonderheit der Menschen als gesellschaftliche Wesen untersucht, bevor die Folgen der  Gesellschaftlichkeit der Menschen für menschliche Bedürfnisse betrachtet werden. Die meisten Überlegungen dazu stammen aus der „Grundlegung der Psychologie“ von Klaus Holzkamp (1985), d.h. aus der Kritischen Psychologie, die an vielen Stellen auch eine Art „Anthropologie“ entwickelte. 

2.1 Gesellschaftlichkeit

Gesellschaftlichkeit bedeutet im Unterschied zur Gemeinschaftlichkeit, dass ein systemhafter Zusammenhang entsteht, dessen Strukturen und Eigenschaften nicht mehr nur als Summe seiner Teile bzw. Interaktionen verstanden werden kann. In der Systemtheorie gibt es dafür den Begriff der „Emergenz“. Zu den Eigenschaften der Gesellschaft im Unterschied zu bloßen Gemeinschaften gehört es, dass die einzelnen Menschen nicht in direkter Weise Zugriff auf ihre Strukturen und Funktionsweisen haben. Das übergeordnete System entsteht zwar und wird ständig wieder erzeugt durch das Handeln der in ihm wirkenden Menschen, aber es bildet Gesetzmäßigkeiten aus, die Rahmenbedingungen für das Handeln werden, so dass die Systemstrukturen und -eigenschaften immer wieder erneut reproduziert werden und der direkten Einflussnahme durch Einzelne entzogen sind. Das systemische Ganze behält seine Systemeigenschaften, wenn die in ihm enthaltenen Teile seine Struktur immer wieder reproduzieren. Die wechselwirkenden Teile sind dabei in ihrem Verhalten nicht direkt und unmittelbar festgelegt. Diese Nicht-Festlegung des Verhaltens der im Ganzen doch systemerzeugenden Teile ist die Grundlage für eine wichtige menschliche Eigenschaft: Menschen sind als gesellschaftliche Individuen, aber ihr Handeln leitet sich nicht direkt und unmittelbar aus den gesellschaftlichen Strukturen ab. Gesellschaftliche Strukturen bilden Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Menschen unterschiedliche Möglichkeiten des Handelns haben. Nicht jedes Individuum muss sich stets und gleichermaßen an der Aufrechterhaltung des Ganzen beteiligen. Tiere dagegen bilden keine solche Gesellschaft – jedes Tier muss sich auch in sozialen Gruppen unmittelbar an den zum Überleben notwendigen Aktivitäten beteiligen.

Mehr zum Begriff der Gesellschaft (Unterschied zu Kooperation, Interaktion…)

2.1.1 Menschliche Möglichkeitsbeziehung gegenüber der Welt

Den Menschen begegnen die gesellschaftlichen Anforderungen nicht als direkte Handlungsnotwendigkeiten, sondern als Handlungsmöglichkeiten. Die Handlungsmöglichkeiten aus der Gesellschaft umfassen auch alles, was in gesellschaftlich im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist und vom einzelnen Individuum nur in Ausschnitten erfasst werden kann. Dem gesellschaftlichen Ganzen gegenüber entsteht eine spezifische Möglichkeitsbeziehung der menschlichen Individuen. Das, was durch alle zusammen irgendwie zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft getan wurde und werden muss, wird nicht unmittelbar auf das einzelne Individuum umgelegt. Zwischen den Erfordernissen der Welt und dem menschlichen Handeln liegen mehrere Vermittlungsebenen, die ebenfalls von der von Klaus Holzkamp begründeten „Kritischen Psychologie“ untersucht werden. So werden nur die Bedeutungen, Bedeutungskonstellationen und Bedeutungsanordnungen zu Prämissen des Handelns, die „den Subjekten zugekehrt“ sind, also von ihm erfahren werden (Holzkamp 1985: 838) und die vom Individuum selbst als Handlungsmöglichkeiten ergriffen werden (vgl. Markard 2009: 172). Die Prämisse wirkt nicht nur auf das Individuum ein, sondern das Individuum macht das Gegebene zu seiner Prämisse. Die gegebenen Umstände wirken also nicht in deterministischer Weise so auf das Individuum ein, dass es nur in einer Form reagieren kann, bzw. dass es einen Ursache-Wirkungs-Kausalzusammenhang ausführt oder auf einen Reiz mit einer Reaktion reagiert. Der Mensch handelt aus je individuellen Handlungsgründen heraus, in die z.B. allgemeine Lebensinteressen, bestimmte individuelle Theorien über die Welt und Handlungsabsichten eingehen.

Verschiedene Kulturen und Gesellschaftsformen unterscheiden sich durch die Strukturen, die als Rahmenbedingungen für die Einzelnen dienen. In vorkapitalistischen Zeiten musste ein eigentumsloser Mensch meist „in Stellung“ für Kost und Logis gehen, heute muss er „Geld verdienen“. Aber trotz aller gegebenenfalls existierenden Zwangsmechanismen ist die grundsätzliche Möglichkeitsbeziehung dadurch nicht aufgehoben. Im Gegenteil: Dass z.B. in bestimmten Kulturen und Gesellschaftsformen Menschen nur durch Zwang und Druck zur erwünschten Beteiligung an der Arbeit gezwungen werden, beweist die vorgängige Unabhängigkeit des Einzelnen gegenüber den Reproduktionserfordernissen des Ganzen. Nur wer das Vorgegebene in Frage stellen kann, muss gezwungen werden.

Mehr zur spezifischen Möglichkeitsbeziehung der Menschen

2.1.2 Gnostische Distanz der Menschen gegenüber der Welt

Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlichen Handlungsnotwendigkeiten und dem, was das Individuum als Handlungsmöglichkeit erkennt und aufgreift wirkt sich auch auf die Welterkenntnis aus: menschliche Individuen können nicht nur, sondern sie müssen immer wieder auswählen unter den Handlungsmöglichkeiten und stehen deshalb in einer gnostischen Distanz gegenüber der Welt. Menschliche Handlungen, auch wenn sie von anderen oder durch Umstände erzwungen sind, sind begleitet von eigenem Denken. Auch ein Sich-Zwingen-Lassen ist eine oft äußert sinnvolle Handlungsmöglichkeit und negiert nicht die grundsätzliche Möglichkeit, anders darüber denken und anders handeln zu können. Menschen sind, wie die Existentialisten sagen, dazu verdammt, ihre Entscheidungen zu treffen, sie verhalten sich bewusst zu den Handlungsmöglichkeiten.

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2.1.3 Unmittelbarkeitsdurchbrechung

Der gesellschaftliche Charakter von psychischen Grundlagen, Verhaltensmöglichkeiten und Handlungshorizonten zeigt sich vor allem dadurch, dass die Unmittelbarkeit der Beziehungen zwischen Organismus und Umwelt durchbrochen wird und gesellschaftliche Vermittlungsfaktoren vom Individuum aus jeweils in besonderer Weise wahrgenommen und aufgegriffen werden.

Mehr zur Frage: „Was macht das Menschsein aus?“

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