Gerade wird Donald Trump in sein Amt eingeführt und die Welt rätselt, ob er seine Amtsgeschäfte genauso führen wird, wie seinen Wahlkampf. Beim Weltwirtschaftsforum und am Stammtisch nebenan wird gleichermaßen gerätselt und letztlich entnervt aufgeben: „Warten wirs ab.“

Dabei ist es doch ziemlich normal, dass eine Weltmacht im Abgesang, eine Gesellschaftsform ohne Visionen, eine Wirtschaft ohne Aussicht, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen und dabei die Natur nicht zu zerstören letztlich nur noch einen Hampelmann auf die Tribüne stellen kann, der das Elend dann in noch mehr Chaos treibt und dem man dann vielleicht auch wieder die Schuld zuschieben kann.

Die bürgerliche Demokratie, die sich gerade gewaltsam global durchzusetzen drohte, entlarvt sich – dafür gibt’s die Redeweise, dass sich etwas „zur Kenntlichkeit entstellt“ hat. Trump kann durch sein erratisches Auftreten, seine Großmachtsprüche und -entscheidungen mit der Hand am roten Knopf tatsächlich als Person größtes Unheil heraufbeschwören. Dass immerhin so viele AmerikanerInnen sich viel von ihm versprechen, zeigt die Hoffnungs- und Trostlosigkeit, verweist darauf, dass die Welt tatsächlich „aus den Fugen“ ist. Trump als Person ist da nur ein Symptom, nicht die Ursache der kommenden Katastrophen.

Viele Menschen reagieren auf Verunsicherung leider nicht mit Vernunft. Sie verlieren eher die Reste ihres Verstands. Sie personifizieren das Böse wie das Gute, sie schotten sich mit den Ihren ab und verweigern Gemeinschaft und Solidarität. Sie wären ja dumm, wenn sie anderen etwas abgäben, wenn sie anderen vertrauten, wenn sie sich anders verhielten, als so, wie sie es im allgegenwärtigen kapitalistischen Konkurrenzkampf gelernt haben.

Dass Trump so obenauf sein kann, ist auch der Tatsache zu schulden, dass die Menschen keine anderen mitmenschlichen Beziehungen erleben konnten, dass die Keimformen einer nichtkapitalistischen Gesellschaft im eigenen Saft kochen und noch nicht in die Alltagserfahrungen der normalen Leute einsickern konnten.

Wir stecken bereits in der „sensiblen Phase“ von sich selbst organisierenden Prozessen, bei der die bisher herrschenden Strukturen aufbrechen und neue Impulse nicht mehr einfach in der Masse der Normalität untergehen, sondern sich unvorhersagbar verstärken. Die neuen Medien bilden ein mächtiges Mittel dieser Verstärkung. Auch hier sind die Wütenden, Aufgebrachten, Unüberlegten schneller, durchsetzungsfähiger und massenhafter vertreten als die Nachdenkenden, Vernünftigen und Bedachten.

In den 90er Jahren, als das „Ende der Geschichte“ verkündet worden war, hofften wir auf den „Schmetterlingseffekt“, der in kommenden sensiblen Phasen ermöglichen könnte, dass sich Impulse von Schmetterlingen, die sonst niemanden jucken, plötzlich vermehren und zur Durchsetzung neuer Strukturen führen könnten. Die Zapatisten waren solche Schmetterlinge, die sich Ende des letzten Jahrtausends bildenden Antiglobalisierungsbewegungen, die Occupy-Proteste, die Transition-Town-Bewegung und vieles andere mehr. Diese Strukturen sollten befreiend für alle sein, alle Schranken von Klasse, Rasse und anderen Unterdrückungsformen abwerfen. Aber die abstrakte Logik der Selbstorganisierung sagt nichts darüber, ob diese Schmetterlingsflügelschläge verstärkt werden, oder die anderer Akteure. Schon in den 90ern war von beunruhigenden Netzwerken Rechter zu hören, auch andere Konservative pflegten ihre Netzwerke… wahrscheinlich mehr als viele Links-Alternative, die sich immer wieder in Grabenkämpfen schwächten.

In den USA ist der Kampf für einige Zeit ziemlich entschieden, auch wenn es noch machtvolle Demonstrationen gegen Trump gibt. Wir sehen, manchmal kann auch wider alle Vernunft und wider alle Erwartung der schlimmste Fall eintreten. Wir sehen das auch an anderen Fronten, so dem beschleunigten Abschmelzen des Eises und damit des Meeresspiegelanstiegs durch den Klimawandel, der in den nächsten Jahrzehnten gewaltige Flucht- und Migrationsströme hervorrufen wird. Solange die progressiven gesellschaftlichen Entwicklungswege so blockiert sind wie derzeitig, liegt es für viele nahe, sich den Flüchtenden gegenüber zu versperren, Solidarität zu verweigern. Unter den herrschenden egoistisch-kapitalistischen Umständen ist diese Reaktion ziemlich normal und vorhersehbar. Man kann sich dann eher über jene wundern, die sich aufopfern für die Flüchtlingshilfe allerorten. Aber Marx meinte, dass wir über den Gegensatz von Egoismus und Aufopferung hinaus zu neuen gesellschaftlichen Strukturen kommen müssen, in denen weder Egoismus die eigenen Bedürfnisse befriedigt, noch Aufopferung notwendig ist.

Trumps Sieg zeigt den Sieg der egoistischen Selbstverliebtheit in dieser Gesellschaft. Er macht ihre Fratze kenntlich. Leider bestärkt die Konzentration auf ihn wiederum die Personalisierung und verschleiert gesellschaftlich-strukturelle Bedingungen.

Sich selbst organisierende Prozesse haben die angenehme Eigenschaft, verknöcherte Strukturen in ihren „sensiblen Phasen“ aufbrechen zu lassen. Aber sie haben auch die unangenehme Eigenschaft, dass diese „sensiblen Phasen“ sich auch wieder schließen, nachdem das System einen neuen relativ stabilen strukturellen Zustand eingenommen hat. Ein Zeitalter der allgemeinen Barbarei ist zwar nicht sehr stabil, aber im Moment leider viel wahrscheinlicher als ein Zeitalter der Emanzipation.

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