Dieser Beitrag gehört zum Themenkomplex:
„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


„Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?“
(Franz Schubert und Wilhelm Müller, Die Winterreise, Frühlingstraum;
Eingangszitat im Buch von Agnes Heller)

Karl Marx bezieht sich häufig auf menschliche Bedürfnisse, verwendet diesen Begriff aber eher unsystematisch und auch inkohärent. In der Kritischen Psychologie wurde eine Theorie der Bedürfnisse schon von Ute Holzkamp-Osterkamp (1977) entwickelt und von Klaus Holzkamp (1985) in seine „Grundlegung der Psychologie“ integriert. Später tauchen die Bedürfnisse als Moment von Gründen in der Behandlung des Begründungsdiskurses nicht mehr auf (außer z.B. bei Krauss 1998), obwohl damit ein großes Potential verschenkt wird.

In der gesellschaftstheoretischen Debatte spielt der Bedürfnisbegriff auch nicht die Rolle, die seiner inhaltlichen Bedeutung eigentlich zukäme. Befreiung meint häufig das Hinwegräumen der Hindernisse, die Bedürfnisbefriedigung verhindern oder einschränken. Die Forderung nach einem „guten Leben“ durch emanzipative Bewegungen beinhaltet die Forderung nach einer Erfüllung von Bedürfnissen. Gleichzeitig rufen ökologische Zerstörungen Zweifel daran hervor, ob die wachsenden menschlichen Bedürfnisse auf unserer endlichen Erde überhaupt erfüllt werden können. Für jene, die nach Wegen für eine Überwindung des Kapitalismus suchen, stellt sich das Problem, dass eine emanzipative Umwälzung Bedürfnisse von Menschen nicht ignorieren darf, aber die vorhandenen Bedürfnisse häufig auch dazu führen, sich mit Herrschaft zu arrangieren bzw. diese ggf. sogar gegen andere Menschen und ihre Bedürfnisse zu unterstützen. Dürfen Bedürfnisse kritisiert werden oder sind sie unhintergehbar, wenn Menschen nicht fremdbestimmt werden sollen?

Für Agnes Heller stellte sich die Frage nach einer angemessenen Bestimmung von Bedürfnissen auf zweierlei Weise. Die Frage, wie es zu einer Überwindung des Kapitalismus kommen könne, kann auf verschiedene Weise beantwortet werden. Die eine besteht in der Erwartung eines beinah „naturgesetzlichen“ Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus/Kommunismus. Das dabei notwendige aktive Handeln von Menschen verwirklicht eine durch die Entwicklung der Produktivkräfte „vorgegebene“ Entwicklungstendenz, die oft als Notwendigkeit gesehen wird. „Mit Notwendigkeit eines Naturprozesses“ erwartet Marx, dass die kapitalistische Produktion ihre eigene Negation erzeugt (KI, MEW 23: 791). Agnes Heller sieht diese Ansicht als gescheitert an (und führt auch von Marx selbst Zitate an, die zeigen, dass er nicht derart deterministisch dachte). Damit entsteht aber die Frage, was sonst zum Ende des Kapitalismus führen könnte. Bei Marx findet sie die Antwort: Eine revolutionäre Theorie „wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist“ (KHR, MEW 1: 386). Hier findet sie auch eine Bemerkung, die für ihre Suche richtungsweisend wird:

„Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein.“ (KHR, MEW 1: 387)

Zu den „radikalen Bedürfnissen“ kommen wir später noch ausführlich. Die Abwendung von der Theorie der objektiven Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus führt zur Orientierung an Entwicklungen, die eher mit dem Subjekt und seiner Praxis zu tun haben:

„Dieser Konzeption nach ist es allein der revolutionäre Kampf des durch die radikalen Bedürfnisse konstruierten kollektiven Subjekts die revolutionäre Praxis, die den Übergang […] und die Schaffung der Zukunftsgesellschaft gewährleisten.“ (Heller 1974/1980: 98)

Der zweite Grund, warum Agnes Heller in den Bedürfnissen den Dreh- und Angelpunkt des Übergangs zum Kommunismus sieht, ist ihre Kritik an der Interessen-Politik. Bei Marx und Engels findet sich der Begriff des Interesses durchaus als neutrale oder positive Bestimmung; so schreibt Engels von „gemeinsamen Interessen“ in frühen Gemeinschaften (AD, MEW 20: 166) und im „Manifest der Kommunistischen Partei“ wird den Kommunisten zugeschrieben, „die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorzuheben und zur Geltung zu bringen“ und „stets das Interesse der Gesamtbewegung“ zu vertreten (Man, MEW 4: 474). Dies gilt nicht nur beim Übergang zum Kommunismus, sondern nach Engels sind auch im Kommunismus „die Interessen der einzelnen nicht einander entgegengesetzt, sondern vereinigt“ (RE, MEW 2: 539). Agnes Heller verallgemeinert die Situation im Kapitalismus, bei der sich individuelles und allgemeines Interesse im Widerspruch befinden, was z.B. in den „Grundrissen“ (GR, MEW 42: 90) geschildert ist. Wenn im Kapitalismus das „ allgemeine Interesse […] die Allgemeinheit der selbstsüchtigen Interessen“ (ebd.: 170) ist, so identifiziert Heller den Interessenbegriff mit diesem konkreten Verhältnis. Dabei können Interessen per definitionem nicht über diese Allgemeinheit der Selbstsüchtigen hinaus. Mit diesem Interessenbegriff erweist sich auch die Erwartung auf ein den Kapitalismus überwindendes „Klasseninteresse“ der Arbeiterklasse als obsolet. „Deshalb kann auch das Motiv des die kapitalistische Gesellschaft transzendierenden Klassenkampfes nicht das „Klasseninteresse“ sein…“ (Heller 1974/1980: 65). Was aber dann? In diese selbst erzeugte Leerstelle treten dann die schon erwähnten „radikalen Bedürfnisse“ ein. Der eben zitierte Satz geht weiter:

„Deshalb kann auch das Motiv des die kapitalistische Gesellschaft transzendierenden Klassenkampfes nicht das „Klasseninteresse“ sein – das echte, nichtfetischisierte Motiv stellen die radikalen Bedürfnisse der Arbeiterklasse dar.“ (Heller 1974/1980: 65)

Mit dem Aufgreifen der Bemerkung von Marx über „radikale Bedürfnisse“ versucht sie eine Antwort auf die immer noch aktuelle Frage zu geben:

„Historische, die Lebensweise verändernde Umschwünge geschahen stets durch ein Geltendmachen von Massenbedürfnissen; es fragt sich, wie angesichts heutiger globaler Nöte entsprechende Umwälzungen durch ganz neue Massenbedürfnisse erreicht werden können.“ (Taut 1995: 123)


(Version 2, 10.02.2017)

Es geht noch weiter… Mehr dazu in Kürze…ich weiß noch nicht, wie tief ich in die Referierung einsteige…

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