Dieser Beitrag gehört zum Themenkomplex:
„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Marx hat keine in sich konsistente Theorie der Bedürfnisse erarbeitet. Er sieht aber einen engen Zusammenhang zwischen der Bedürfnisbefriedigung und der menschlichen Geschichte:

„Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse…“ (DI, MEW 3: 28)

Für Agnes Heller heißt das, dass die „Entstehungsgeschichte der Menschen […] im Grunde genommen die Entstehungsgeschichte der Bedürfnisse“ ist (Heller 1974/1980: 44). Marx kritisiert die bürgerliche politische Ökonomie deshalb auch dafür, dass der Begriff der Bedürfnisse bei ihnen keine Rolle spielt (ebd.: 25). Um zu analysieren, wieso das nicht nur einem subjektiven Fehler geschuldet ist, sondern in den objektiven Verhältnissen nahe gelegt ist, muss Marx jedoch diese Gesellschaftsform erst einmal in ihrer konkreten Struktur, in der Bedürfnisse nur als Bedarfe wirksam werden, analysieren. Die Bedürfnisse bleiben aber auch hier noch enthalten: Marx selbst geht von einem Warenbegriff aus, der eben nicht nur den (Tausch-)Wert verkörpert, sondern in dem die Waren mindestens auch einen Gebrauchswert haben.

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt.“ (KI, MEW 23: 49)

Auch wenn der Gebrauchswert (außer bei der Ware Arbeitskraft) letztlich sekundär ist gegenüber dem (Tausch-)Wert und die Ware von vornherein „zum Tauschen“ hergestellt wird, bestünde ohne einen (zumindest behaupteten) Nutzen für einen anderen, d.h. den Käufer keine Chance auf einen Verkauf. Deshalb ist die „Bedürfnisbefriedigung […] die conditio sine qua non jeglicher Ware“ (Heller 1974/1980: 23). So beschränkt die Befriedigung der Bedürfnisse als Bedarf (also als zahlungskräftiges Bedürfnis, siehe hier) auch ist, in den Bedarfen ist das Moment der Bedürftigkeit enthalten.
Dabei erweist sich die so bestimmte Ware als besondere Form von „nützlichen Dingen“ (Skizze aus dem Kapitalseminar der Zukunftswerkstatt Jena):
nuetzliche-dinge

Agnes Heller findet bei Marx mehrere Formen der Klassifizierung von Bedürfnissen.
Die erste Klassifikation beruht auf den Objekten der Bedürfnisbefriedigung. Demnach sind materielle, geistige, auch Bedürfnisse des Gemeinschaftslebens und das Bedürfnis nach Betätigung (Arbeit) zu unterscheiden. Hierzu gehört auch die Unterscheidung in „materielle“ und „nichtmaterielle“ Bedürfnisse. Materielle Bedürfnisse sind „all jene Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die Gegenstände bzw. Mittel produziert bzw. ständig reproduziert werden müssen( sie werden in der Konsumtion und in der produktiven Konsumtion verbraucht)“ (Heller 1974/1980: 114). Die nichtmateriellen Bedürfnisse sind dann jene, „für deren Befriedigung die Objekte nicht im Stoffwechsel mit der Natur „produziert“ bzw. überhaupt nicht produziert werden“ (ebd.)

Eine andere Klassifikation unterscheidet „natürliche“ von „gesellschaftlich produzierten“ Bedürfnissen. Die „natürlichen Bedürfnisse“ beziehen sich auf die einfache Erhaltung des menschlichen Lebens als bloßes Naturwesen, wozu auch Kleidung und Heizung gehören, wodurch sich die menschlichen natürlichen Bedürfnisse von den tierischen unterscheiden. Das „natürliche Bedürfnis“ bildet eine Art Grenzbegriff, Heller spricht von einer „existenzieller Grenze der Bedürfnisbefriedigung“ (ebd.: 34). Es wird nicht angenommen, dass der Mensch sich als Summe von natürlichen und gesellschaftlichen Aspekten verstehen lässt, wobei die „natürlichen“ Bedürfnisse nur dem Naturteil zuzuschreiben wären. Sondern Menschen sind immer gesellschaftliche Wesen, aber letztlich bedürfen sie aufgrund ihrer biologischen Konstitution der Befriedigung von dadurch bedingten Bedürfnissen. Wenn Menschen in ihrer Bedürfnisbefriedigung auf diese Art Bedürfnisbefriedigung reduziert sind, so ist dies ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse (vgl. Heller ebd.: 30).

In den „Grundrissen…“ (GR, MEW 42) hatte Marx die „natürlichen Bedürfnisse“ noch mit den „notwendigen Bedürfnissen“ identifiziert. Im „Kapital…“ (KI…KIII, MEW 23…25) beziehen sich die notwendigen Bedürfnisse auf ein „normales“ Leben von Menschen einer bestimmten Klasse innerhalb einer gegebenen Gesellschaft (Heller 1974/1980: 34). Das beinhaltet schon mehr als die „natürlichen Bedürfnisse“, denn dazu kann z.B. auch die Gewerkschaftszugehörigkeit gehören (ebd.: 35).

Den Gegenbegriff zum „notwendigen Bedürfnis“ bildet das „Luxusbedürfnis“. Marx unterscheidet „a) […] Notwendige Konsumtionsmittel, wobei es ganz gleichgültig, ob ein solches Produkt, wie z.B. Tabak, vom physiologischen Standpunkt aus ein notwendiges Konsumtionsmittel ist oder nicht; genug daß es gewohnheitsgemäß als solches“ „b) Luxus-Konsumtionsmittel, die nur in dem Konsum der der Kapitalistenklasse eingehn, also nur gegen verausgabten Mehrwert umgesetzt werden können, der dem Arbeiter nie zufällt.“ (KII, MEW 24: 402) Was als Luxus gilt, ist nicht durch den Inhalt festgelegt (etwa, darüber, dass er über die biologisch-physiologische Bedürftigkeit hinausgeht). Luxus ist immer das, was nicht gewohnheitsgemäß zum Bedürfnissystem der Arbeiterschaft gehört. Damit wird deutlich, dass sich die Bedürfnisse der Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft unterscheiden und dies nicht nur durch das Maß an Luxus, sondern auch durch die Richtung der Bedürftigkeit. Während Menschen aus der Arbeiterklasse an der „Selbsterhaltung“ interessiert sind und auch „Entwicklungsbedürfnisse“ haben (KI, MEW 23: 649), besteht das Bedürfnis des Kapitals (bzw. seiner Funktionäre) im Bedürfnis nach Verwertung des Kapitals (d.h. der „Investition“ von Kapital zum Zwecke der neuerlichen unbezahlten Mehrwertaneignung und damit seiner Akkumulation).

Die Bezeichnung „gesellschaftliches Bedürfnis“ ist besonders vieldeutig. Wenn Gesellschaft als etwas den Menschen Äußerliches gesehen wird und die „gesellschaftlichen Bedürfnisse“ den persönlichen übergeordnet werden, so liegt lt. Heller eine Fetischbeziehung vor (Heller 1974/1980: 76). Auch die Denkweise, die gesellschaftlichen Bedürfnisse gäben die „echten“ Bedürfnisse vor, während die von Menschen anders gefühlten bzw. gedachten Bedürfnisse eher „unecht“ seien, ist so eine fetischisierende Denkform. Es gibt auch andere Betrachtungsweisen der Gesellschaft. So kann es nach Heller durchaus sinnvoll sein, von einer „Gesamtheit oder […] Durchschnitt der individuellen Bedürfnisse von Einzelindividuen“ zu sprechen. (ebd.: 75)

Bei Marx tritt die Bezeichnung der „gesellschaftlichen Bedürfnisse“ nach der Analyse von Heller in 4 Formen auf:

1. So gibt es diese Bezeichnung bei der Benennung von Formen der gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen und für Bedürfnisse im nichtökonomischen Bereich der Schulbildung oder der Gesundheitseinrichtungen (ebd.: 81).

2. „Gesellschaftliche Bedürfnisse“ bezeichnen auch den Durchschnitt der Bedürfnisse einer Gesellschaft bzw. Klasse, die sich auf materielle Güter richten. So gilt z.B., dass „das „gesellschaftliche Bedürfnis“, d.h. das, was das Prinzip der Nachfrage regelt, wesentlich bedingt ist durch das Verhältnis der verschiedenen Klassen zueinander und durch ihre respektive ökonomische Position“ (KIII, MEW 25: 191). Auch Marx schreibt das „gesellschaftliche Bedürfnis“ hier in Anführungsstrichen. Heller erläutert diese Distanzierung: „Das in der Nachfrage sich meldende „gesellschaftliche Bedürfnis“ ist daher Schein, der die „wirklichen“ gesellschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiterklasse nicht ausdrückt, sondern im Gegenteil verschleiert.“ (Heller 1974/1980: 80)

3. Die Formulierung „gesellschaftlich produziertes“ Bedürfnis bezieht sich auf Bedürfnisse von einzelnen Menschen, die oft auch synonym mit „menschlichen Bedürfnissen“ verwendet wird.

4. Schließlich wird die Bezeichnung „gesellschaftliches Bedürfnis“ auch als Bezeichnung für die Bedürfnisse der Menschen im Kommunismus verwendet. Es sind die Bedürfnisse des „vergesellschafteten Menschen“, bzw. die Bedürfnisse des „gesellschaftlich entwickelten Menschen“ (KIII, MEW 25: 269).

Die Bedürfnisse von Menschen im Kapitalismus sind durch die speziellen gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus beeinflusst. Für Menschen, die diese Verhältnisse als die „normalen“, d.h. dem „natürlichen Wesen“ des Menschen entsprechenden, betrachten, gelten diese Bedürfnisformen auch als die für alle Menschen in allen Zeiten „normalen“ und ihre Bestimmungen werden verallgemeinert. Die Reduzierung der Bedürfnisse auf ökonomisch bestimmbare Bedarfe unter der Voraussetzung, dass viele Menschen keine andere Mittel zu ihrer Befriedigung haben, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen, führt dazu, dass ein sehr reduzierter Bedürfnisbegriff entsteht. Die gezeigte Breite der Begriffsverwendung bei Marx zeigt, dass dieser diese Einengung nicht teilt. Allerdings gibt es bei ihm keine systematische Ableitung der allgemein-menschlichen Bedürftigkeit, deren Formierung durch die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse dann untersucht werden könnte. Vor allem lässt sich dadurch auch nicht untersuchen, welche Rolle die Bedürfnisse bei der Aufhebung des Kapitalismus spielen könnten, obwohl Marx ihnen eine große Bedeutung zuspricht:

„Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist.“ (KHR, MEW 1: 386)

Eine Überwindung des Kapitalismus setzt somit voraus, dass die Menschen Bedürfnisse haben, die über die Möglichkeit ihrer Befriedigung im Kapitalismus hinausreichen (siehe das spätere Kapitel „Radikale Bedürfnisse“). Dass es massenhaft nicht befriedigte Bedürfnisse im Kapitalismus gibt, ist unübersehbar. Das global vorherrschende ökonomische System kann nicht verhindern, dass zigtausende Menschen täglich verhungern; die Naturzerstörung schreitet außer in privilegierten Regionen ungehindert fort, selbst die atmosphärische Basis für eine stabile Ökosphäre wird aufs Spiel gesetzt. Die meisten Menschen halten all dies aus und sie nehmen es hin. Wenn doch einmal Proteste aufflammen, so prallen sie seit Marxens Zeiten an der Trägheit des Systems und den zufriedenen oder sich durchwurstelnden Mehrheiten oder an Todesschwadronen ab. Wie also kann eine gegen den Kapitalismus gerichtete Theorie als Verwirklichung von Bedürfnissen verwirklicht werden?

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