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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Im Kapitalismus werden also Bedürfnisse nur in einer bestimmten Weise befriedigt, die angesichts der menschlichen Möglichkeiten (der „an Bedürfnissen reiche“ Mensch“ (Heller 1974/1980: 48) bzw. gesellschaftlich vermittelte Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 34)) als beschränkt oder reduziert erscheint, bzw. bei der Ziele und Mittel verkehrt sind.

Diese konkrete Form der reduzierten Bedürftigkeit im Kapitalismus kann nicht durch Appelle oder individuelle Entscheidungen aufgehoben werden, denn sie ist in die konkrete Weise der Bedürfnisbefriedigung, also die Wirtschaftsform eingebunden. Individuen stehen sich im Kapitalismus als einzelne Menschen gegenüber, die je nach ihrer Klassenstellung durch den Besitz an Produktionsmitteln oder nur ihrer Arbeitskraft unterschiedliche Bedürftigkeiten haben und diese nur entsprechend den herrschenden Verhältnissen befriedigen können; die ArbeiterInnen also nur durch Verkauf ihrer Arbeitskraft. Damit sind sie per se von den umfassenderen menschlichen Möglichkeiten abgeschnitten, unabhängig davon, ob sich dies auf ihren Bedürfnisreichtum (z.B. nach freier Zeit anstatt Lohnarbeit) oder die Kontrolle über die Lebensbedingungen, die sie nicht haben, bezieht.

Solch eine spezifische Form der Bedürfnisbildung und -befriedigung ist an die Voraussetzungen der kapitalistischen Verhältnisse (Trennung Eigentum an Produktionsmitteln – Eigentum an bloßer Arbeitskraft) gebunden, ist historisch mit ihnen entstanden und kann in der weiteren Geschichte mit ihnen vergehen. Agnes Heller schreibt:

„Jede Gesellschaft hat ihr eigenes Bedürfnissystem, das daher für die Beurteilung des Bedürfnissystems einer anderen Gesellschaft in keinerlei Hinsicht massgebend sein kann.“ (Heller 1974/1980: 111)

Trotzdem soll der Impuls für die Kritik und letztliche Aufhebung des Kapitalismus aus den Bedürfnissen der Menschen selbst kommen und ihnen nicht aufgezwungen werden. Wenn Menschen aus eigenen Bedürfnissen heraus eine andere, eine neue nachkapitalistische Gesellschaftsordnung entwickeln, d.h. dass sie nicht durch eine „Diktatur des Proletariats“ oder eine „führende Partei“ gezwungen oder gegängelt werden und nicht durch andere Gewaltverhältnisse dazu gebracht werden sollen, so können müssen wir nun nach Bedürfnissen suchen, die es schon im Kapitalismus gibt, die aber über ihn „hinausschießen“. Bei Marx findet sich der Satz:

Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein.“ (KHR, MEW 1: 387)

Dies ist der Ausgangspunkt für Agnes Hellers Begriff der „radikalen Bedürfnisse“. Sie erläutert den Begriff der „radikalen Bedürfnisse“:

Ein radikales Bedürfnis ist ein solches Bedürfnis, „dessen Befriedigung nur durch die Transzendierung des Kapitalismus möglich wird.“ (Heller 1974/1980: 103).
„Sie sind solcher Natur, dass sie in der gegebenen Gesellschaft nie zuvor befriedigt wurden“ (ebd.: 113)

Das heißt, diese Bedürfnisse entstehen schon im Kapitalismus, können aber in ihm und durch ihn nicht befriedigt werden.

Ich hatte in einem Blogbeitrag danach gefragt, „welche Bedürfnisse es sind, die im Kapitalismus nicht befriedigt werden können“. Genannt wurden z.B. Bedürfnisse nach:

  • Individualität
  • Freiheit
  • Solidarität / Liebe
  • Ein Ende des „homo homini lupo est“,
  • menschenwürdiges Dasein für Alle,
  • Maßvoller Verbrauch,
  • Sicherheit (Zuversicht und daraus resultierende langfristig stabile „Ruhebasis“) der Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse
  • Leben zu können ohne andere ausbeuten zu müssen
  • Uneingeschränkte Teilhabe an der Verfügung über die gesellschaftlichen, also meinen Angelegenheiten.
  • Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit (nicht nur für wenige, die sich diese kaufen können), Raum zur (kreativen) Entfaltung, Respekt, Miteinander, Liebe.
  • Bedürfnis nach konkurrenzloser Möglichkeitsgleichheit zwischen Menschen

Besteht die Hoffnung, dass diese Bedürfnisse Menschen zu einem antikapitalistischen Handeln veranlassen? Denn darum geht es. Das Konzept der radikalen Bedürfnisse ersetzt bei Agnes Heller die klassischen Vorstellungen des Übergangs vom Kapitalismus in eine nachkapitalistische Gesellschaft. Klassische Vorstellungen beruhen vor allem auf der Annahme, dieser Übergang geschehe notwendigerweise, wenn auch nicht automatisch, sondern durch das Handeln von Menschen realisiert. So nennt Marx im Vorwort zur ersten Auflage des „Kapitals“ seinen „Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst…“ (KI, MEW 23: 16). An anderen Stellen distanziert er sich von solch einer deterministischen Auffassung auch deutlich. Trotzdem wurde diese Auffassung, vor allem auch durch die Annahme eines spezifischen Klasseninteresses der Arbeiterklasse, sehr bekannt. Agnes Heller lehnt es aber ab, die gesetzmäßig entstehenden und wirkenden Klasseninteressen als den Kapitalismus überschreitend anzunehmen. Als Alternative dazu greift sie den eher beiläufigen Satz von Marx mit den radikalen Bedürfnissen auf.

„Die Notwendigkeit des „Übergangs“ wird […] nicht von irgendeinem Naturgesetz „garantiert“, sondern von den radikalen Bedürfnissen.“ (Heller 1974/1980: 96)

Diese radikalen Bedürfnisse gibt es bei Menschen im Kapitalismus, ohne dass eine Art „revolutionäres Subjekt“ konstituiert werden müsste. Dies ist auch für Volker Gransow wichtig:

„Radikale Bedürfnisse sind beobachtbar, Zukunftserwartung wird aus Wirklichkeit abgeleitet, die philosophische Konstruktion eines revolutionären Subjekts vermieden. Zukunft ist möglich.“ (Gransow: 1123)

Auch Rudi Dutschke setzte auf „neue radikale Bedürfnisse, wie zum Beispiel der Wunsch, die Totalität der die Menschen von langer Arbeitszeit, Manipulation und Elend befreienden Produktivkräfte endlich von den Fesseln des Kapitals und der Bürokratie zu befreien“ (Dutschke 1968).

Radikale Bedürfnisse sollen zwischen kapitalistischer Gegenwart und nachkapitalistischer, d.h. kommunistischer Zukunft, vermitteln. In ihnen steckt das Diskontinuierliche, denn die Verhältnisse dieser beiden Gesellschaftsformen sind grundlegend unterschiedlich; aber sie verkörpern auch die Kontinuität zwischen diesen Verhältnissen. Die radikalen Bedürfnisse selbst entstehen schon im Kapitalismus. Es ist gerade der Kapitalismus, der sie ermöglicht und hervorbringt. In welchem Lebensalltag einfacher Menschen hätte es früher z.B. ein Bedürfnis nach freier Zeit oder nach universeller Entwicklung der eigenen Fähigkeiten gegeben? Obgleich die Bedürfnisse im Kapitalismus entstehen, können sie in ihm aber nicht wirklich (außer in Ausnahmefällen) befriedigt werden. Ein radikales Bedürfnis „wird vom Kapitalismus selbst, von der Antinomik des Kapitalismus hervorgebracht und gehört geradezu zum Funktionieren des Kapitalismus hinzu. Gleichzeitig mobilisiert dasselbe Bedürfnis die Arbeiterklasse zur Transzendierung des Kapitalismus“ (Heller 1974/1980: 104).

„Die radikalen Bedürfnisse sind laut Marx inhärente Momente der kapitalistischen Bedürfnisstruktur, ohne sie kann der Kapitalismus […] nicht funktionieren. Und der Kapitalismus bringt solche Tag für Tag erneut zustande. Die „radikalen Bedürfnisse“ können aus dem Kapitalismus nicht „eliminiert“ werden, da sie dessen, zu seinem Funktionierten notwendige Produkte sind. Sie sind daher nicht „Keime“ einer zukünftigen Formation in der Gegenwart, sondern „Zubehör“ der kapitalistischen Formation; nicht ihr Sein, sondern ihre Befriedigung transzendiert den Kapitalismus. Jene Individuen also, bei denen die „radikalen Bedürfnisse“ bereits im Kapitalismus aufkommen, sind Träger des „kollektiven Sollens“.“ (Heller 1974/1980: 88)

Agnes Heller nennt als radikale Bedürfnisse die eben erwähnten Bedürfnisse nach Universalität (ebd.: 97) und freier Zeit. „Das Bedürfnis der Freizeit ist laut Marx derart elementar, dass es die Schranken der Entfremdung ständig durchstösst“ (ebd.: 103).

„Während der Lohnkampf laut Marx für die partikularen Interessen des Proletariats geführt wird, transzendiert der Kampf um Freizeit die partikularen Interessen und enthält im Prinzip die „Gattungsmäßigkeit““ (ebd.: 103)

In der von Heller nicht erwähnten autonomen Arbeiterbewegung beispielsweise im Italien der 60er und 70er Jahre wurde durchaus nicht nur für höhere Löhne, sondern „gegen die Arbeit“ als kapitalistische Lohnarbeit überhaupt gekämpft (Zerowork 1975, 1977).

Noch deutlicher wird der Widerspruch zwischen den entstehenden Bedürfnissen nach Selbstentfaltung und ihrer Reduktion auf die Zwänge der Selbstverwertung in den neuen Arbeitsverhältnissen der vernetzten High-Tech-Welt (Meretz, Schlemm 2001). Die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen ändern sich, während die kapitalistische Wirklichkeit ihre Entfaltung nur in beschränkter Weise zulässt. Marx spricht vom „Widerspruch zwischen der Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängten Lebensbedingung, der Arbeit“ (DI, MEW 3: 77). Die befreiende Wirkung der Freizeit kann nur dann verstanden werden, wenn diese nicht nur in ihrer negativen Rolle als „Freiheit von der Arbeit“, sondern als freie Zeit „für echt menschliche, hochstehende Betätigung – für freie Betätigungen“ (Heller 1974/1980: 151) verstanden wird.

Ob die bisher entstandenen radikalen Bedürfnisse ausreichen, den Kapitalismus zu überwinden, muss Agnes Heller offen lassen:

„Auf die Frage aber, ob die kapitalistische Gesellschaft dieses „enorme Bewusstsein“ tatsächlich hervorbringt, (das zu Marxens Zeiten nicht vorhanden war, dessen Dasein Marx zweifellos „konstruieren“ musste), gab die Geschichte bis heute keine Antwort.“ (Heller 1974/1980: 107)

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