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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Agnes Heller vertritt in ihrem Buch „Theorie der Bedürfnisse“ noch eine Unterscheidung von Sozialismus und Kommunismus. Den Sozialismus sieht sie als einen „Übergang, der freilich Jahrhunderte in Anspruch nehmen kann“ (Heller 1974/1980: 116). Erst im Kommunismus als „Gesellschaft der assoziierten Produzenten“ gibt es die Möglichkeit, dass bei steigender Produktivität die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit so stark gesenkt werden kann, „daß dem Arbeiter die Befriedigung „höherstehender“ Bedürfnisse möglich wird“ (ebd.: 27).
Unter den Bedingungen einer hohen Arbeitsproduktivität und der Existenz kommunistischer gesellschaftlicher Verhältnisse können sich auch die Bedürfnisse grundlegend ändern. Diese Veränderung trifft unterschiedliche Bedürfnisse der heutigen Zeit in unterschiedlicher Weise, wie Marx ausführt:

„Die kommunistische Organisation wirkt in doppelter Weise auf die Begierden, welche die heutigen Verhältnisse im Individuum hervorbringen; ein Teil dieser Begierden, diejenigen nämlich, welche unter allen Verhältnissen existieren und nur der Form und Richtung nach von verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen verändert werden, wird auch in dieser Gesellschaftsform nur verändert werden, indem ihnen die Mittel zur normalen Entwicklung gegeben werden; ein anderer Teil dagegen, diejenigen Begierden nämlich, die ihren Ursprung nur in einer bestimmten Gesellschaftsform … verdanken, wird ganz und gar seiner Lebensbedingungen beraubt.“ (DI, MEW 3: 238f.)

Welche Bedürfnisse werden die „vergesellschafteten Menschen“, das heißt des „gesellschaftlich entwickelten Menschen“ (KIII, MEW 25: 269) haben? Agnes Heller geht davon aus, dass es weiterhin einen Unterschied zwischen den Bedürfnissen in der Arbeit und außerhalb der Arbeitszeit geben wird. Letztlich wird die Arbeit „von allen Menschen verrichtet werden“, so dass „auch jeder Mensch Zeit – und zwar gleich viel Zeit – für „freie Betätigung“ haben wird“ (Heller 1974/1980: 122). Die Arbeit wird vor allem geistige Arbeit sein und deshalb zum „Selbstverwirklichungsbereich der menschlichen Persönlichkeit“ (ebd.: 135) gehören. „Damit wird sie aber zum Lebensbedürfnis, zu einem entscheidenden – wenn nicht zum entscheidensten – Bedürfnis des Menschen und erhält daher auch in der Bedürfnisstruktur eine dominante Rolle. Die Frage, „warum“ die Menschen arbeiten, kann in dieser Konzeption nicht einmal aufkommen.“ (ebd.: 135)

Mit dieser persönlichen Entwicklung befindet sich jedes Individuum auch im Einklang mit den Möglichkeiten, wie sie der gesamten menschlichen Gattung gegeben sind, weil grundsätzlich niemand von diesen Möglichkeiten ausgeschlossen ist.

„Der Gegensatz von Subjekt und Objekt hört auf, […] der Reichtum der Gattung und der Reichtum des Individuums „fallen zusammen“ bzw. der Reichtum der Gattung wird von jedem einzelnen Individuum repräsentiert“ (Heller 1974/1980: 98)

Die unter kapitalistischen Verhältnissen festgestellte Ziel(Zweck)-Mittel-Umkehr im Verhältnis der Menschen untereinander wird dabei wieder aufgehoben. Andere Menschen sind nicht mehr Mittel der Verwirklichung der eigenen Bedürfnisse, sondern „die gemeinschaftliche Tätigkeit und der gemeinschaftliche Genuß, d.h. die Tätigkeit und der Genuß, die unmittelbar in wirklicher Gesellschaft mit andren Menschen sich äußert und bestätigt“ (ÖPM, MEW 40: 538), macht die anderen Menschen, bzw. das Einssein mit ihnen, selbst zu einem eigenen Bedürfnis. Für Marx waren etwa die Zusammenkünfte der kommunistischen Handwerker Vereinigungen zum Zweck der Propaganda, aber sie sollten auch gleichzeitig zur Aneignung eines neuen Bedürfnisses dienen, dem „Bedürfnis der Gesellschaft“, „und was als Mittel erscheint, ist nun Zweck geworden“ (ebd.: 553).

Der einzelne Mensch ist nicht mehr von sich selbst, von anderen oder der Gesellschaft entfremdet, sondern in nicht entfremdenden gesellschaftlichen Verhältnissen „ist doch jedes Individuum Repräsentant der bewusstgewordenen und realisierten Gattungsmäßigkeit, das in jedem anderen Menschen den Repräsentanten der realisierten Gattungsmäßigkeit erkennt und sich zu ihm als solchem in Beziehung stellt“ (Heller 1974/1980: 143). Seine Bedürfnisse sind deshalb auch nicht gegen die anderer oder der Gesellschaft überhaupt gerichtet:

„Da jedes Individuum die Gattungsmäßigkeit für sich repräsentiert, ist es das Bedürfnis (in diesem Fall: moralisches Bedürfnis) jedes Individuum[s], auf dem Niveau der Gattungsmäßigkeit zu handeln.“ (ebd.: 143)

Wachsende Bedürfnisse sind im Kommunismus nicht mit quantitativen Steigerungsansprüchen zu verwechseln, denn „menschlichen Bedürfnisse werden qualitativer Natur sein, und was qualitativ ist, kann nur für Qualitatives „eingetauscht“ werden“ (ebd.: 61):

„Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, mußt du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluß auf andre Menschen ausüben willst, mußt du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, d.h., wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußrung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“ (ÖPM, MEW 40: 567)

Wie wir schon im Kapitel über die „Entfremdung“ darauf verwiesen haben, dass der „an Bedürfnissen reiche Mensch“ (Heller 1974/1990: 48) sich im Kommunismus entfalten kann, so besteht „Reichtum“ nicht mehr in verfügbaren Ressourcen, Dingen oder Mächten, sondern in den „Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen“, die „im universellen Austausch erzeugt“ wurden (GR, MEW 42: 396).

Letztlich erfolgt die Bedürfnisbefriedigung nicht mehr vermittelt über Märkte unter kapitalistischen Verhältnissen, sondern „das Primäre [ist] das Ermessen der Bedürfnisse und die entsprechende Verteilung von Arbeitskraft und Arbeitszeit“ (Heller 1974/1980: 27).

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