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„Bedürfnisse über den Kapitalismus hinaus – bei Marx und Heller“


Während bei Agnes Heller in diesen Bestimmungen der kommunistischen Bedürfnisse immer noch die Vorstellung des Unentfremdeten enthalten ist, war sich Marx sicher, dass die Menschen ihre schöpferischen Anlagen herausarbeiten „ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebenen Maßstab“ erfolgt (GR, MEW 42: 396). Dass „jedes Individuum Repräsentant der bewusstgewordenen und realisierten Gattungsmäßigkeit“ werden kann, „ das in jedem anderen Menschen den Repräsentanten der realisierten Gattungsmäßigkeit erkennt und sich zu ihm als solchem in Beziehung stellt“ (Heller 1974/1980: 143) – wie weiter oben schon zitiert –, kann damit nicht einfach aus einer „Aufhebung der Entfremdung“ erhofft werden.

Dass dies geschieht, kann auch nicht als sicher gelten, aber wenigstens als möglich. Die Möglichkeit ist durch die „menschliche Natur“ als „Entwicklungspotenz zur individuellen Vergesellschaftung“ (Holzkamp-Osterkamp 1977: 332) gegeben, aber in ihrer umfassenden Verwirklichung nicht gesichert. Ob die Möglichkeit sich verwirklicht, ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage. Jeder Mensch hat durch seine biologische Natur die Möglichkeit, sich in die jeweils bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinein zu entwickeln. Er hat die Möglichkeit, seine Bedürfnisse dadurch zu befriedigen, dass er jene Bedürfnisse, die im vorherrschenden Kapitalismus nicht befriedigen kann, verleugnet bzw. an ihrer Verdrängung möglichst nicht rührt. Er hat aber auch die Möglichkeit, sie als Orientierung für ein reicheres Leben zu verstehen, wodurch er aber das Risiko eingeht, durch die im Kapitalismus zu befriedigenden Bedürfnisse nicht mehr ausreichend glücklich werden zu können.

Beide Möglichkeiten werden heutzutage gelebt. Karl Marx sah zumindest in Deutschland 1843 keine großen Chancen für eine „Revolution radikaler Bedürfnisse“: „Eine radikale Revolution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein, deren Voraussetzungen und Geburtsstätten eben zu fehlen scheinen.“ (KHR, MEW 1: 387) Auch Agnes Heller muss die Frage nach der historischen Wirksamkeit der Hoffnung auf die radikalen Bedürfnisse, die zu einem „enormen Bewusstsein“ führen sollen, offen lassen:

„Auf die Frage aber, ob die kapitalistische Gesellschaft dieses „enorme Bewusstsein“ tatsächlich hervorbringt, (das zu Marxens Zeiten nicht vorhanden war, dessen Dasein Marx zweifellos „konstruieren“ musste), gab die Geschichte bis heute keine Antwort.“ (Heller 1974/1980: 107)

In gewissem Maße gab und gibt es radikale Bedürfnisse und ein Bewusstsein der Notwendigkeit der Abschaffung des Kapitalismus, um sie befriedigen zu können. Das war aber bisher nicht ausreichend.
Zur weiteren Klärung dieser Frage müssen weiterführend auf jeden Fall zwei theoretische Ansätze von Ute Holzkamp-Osterkamp weiter verfolgt werden.

Das ist erstens die Unterscheidung von Bedürfnissen und Motivation, denn Bedürfnisse zu haben reicht noch nicht aus, um motiviert für ihre Befriedigung zu handeln.

Zweitens charakterisieren Ute Holzkamp-Osterkamp und auch Klaus Holzkamp das menschliche Niveau der Bedürftigkeit spezifischer als bisher dargestellt. So geht es bei der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nicht lediglich um „ihre unmittelbare Befriedigung, sondern die Schaffung von Lebensbedingungen, unter denen für ihre Befriedigung in verallgemeinerter Weise vorgesorgt ist.“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 35). Es geht um eine „Teilhabe an gesellschaftlicher Realitätskontrolle“ (ebd.), um die „Überwindung der Zufälligkeit jeweils aktueller Situationen durch kooperative Kontrolle über die Lebensbedingungen“ (ebd.: 34). Während in der bisherigen kapitalistischen Entwicklung seit Marx mehr und mehr Menschen das auf die Vorsorge gerichtete Moment ihrer Bedürfnisse durch angepasstes Verhalten bzw. die Verfügbarkeit von Geld ausreichend befriedigt finden konnten, verlieren diese vorsorgenden Verhaltensweisen mehr und mehr ihre Wirkung. Angesichts der bedrohlichen Verluste der ökologischen Lebensgrundlagen durch das Überschreiten der Planetaren Grenzen (Schlemm 2015) erhält eine Warnung von Friedrich Engels eine neue Dimension. Dieser bemerkte, dass die Überwindung des Kapitalismus für die große Mehrzahl der Bevölkerung, die in Proletarier verwandelt worden war, „bei Strafe des Untergangs“ geschehen müsse. (Engels SUW, MEW 19: 223) Bisher entgingen viele Arbeitende dem Untergang, weil sich ihre Lebensbedingungen auf Grundlage und auf Kosten der verschärften Ausbeutung anderer Menschen und der Natur sogar weitgehend verbesserten. Untergegangen sind nur „die anderen“. Die ökologischen Herausforderungen der überschrittenen „Planetaren Grenzen“ lassen sich nicht mehr dauerhaft auf Kosten anderer bewältigen, auch wenn die nächsten Jahrzehnte gerade von den Kämpfen um das Abdrängen der Folgen auf andere und auf das Abschotten gegenüber deren Untergang gekennzeichnet sein werden. „Bei Strafe des Untergangs“ ist eine „kooperative Kontrolle über die Lebensbedingungen“ notwendig, und nicht nur eine Möglichkeit, die auch ausgeschlagen werden könnte.

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