Über die volkswirtschaftliche und die Kritisch-psychologische Unterscheidung zwischen „Bedürfnis“ und „Bedarf“ hatte ich schon einen Blogbeitrag geschrieben.

In volkswirtschaftlichen Texten wird der Begriff „Bedarf“ für jene Bedürfnisse verwendet, für die eine zahlungskräftige Nachfrage besteht (Bild aus Heini 2014).

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In der Kritischen Psychologie begrenzt sich die Anwendung des Begriffs „Bedarf“ auf Lebewesen, während für Menschen der Begriff „Bedürfnisse“ vorbehalten ist. bedc3bcrfnisse_11

In der DDR gab es eine weitere Definition: Die bezog sich auf die Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Solche Mittel umfassen auch die „natürliche Umwelt, Zeit und Ruhe für Erholung und Entspannung, menschliche Beziehungen“ (Autorenkollektiv 1984: 16). Dabei wurde betont, dass ein Bedürfnis durch unterschiedliche Mittel befriedigt werden kann (ebd.: 16). Da diese Mittel im Gesamtkomplex der gesellschaftlichen Arbeit bereitgestellt werden, galt der „Bedarf“ an Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung der Menschen einer sozialistischen Gesellschaft als „volkswirtschaftliche Planungsgröße“. Nicht die Zahlungskraft sollte zwischen individuellem Bedürfnis und dem Zugang zu Mitteln seiner Befriedigung vermitteln, sondern die gesellschaftliche Vermittlung sollte sich in Form der „Nachfrage“ als Planungsgröße äußern.

Auch in der Gewaltfreien Kommunikation gibt es den Begriff des „Bedarfs“, der die materielle Menge von etwas verwendet wird, was für die jeweils gewählte Strategie zur Erfüllung eines Bedürfnisses (siehe dazu mehr unten) benötigt wird.

Schon die einfache Sprache, die mit der Redewendung „Ich habe ein Bedürfnis…“ beginnt, geht meistens weiter mit einer Bestimmung WONACH ich ein Bedürfnis habe. „Ich habe ein Bedürfnis nach XXX“. Ist nun das, wofür das XXX steht, mein Bedürfnis? Oft wird es auf die Schnelle so gedacht. Es gibt etwas oder sollte etwas (nämlich das XXX) geben, das mein Bedürfnis befriedigt. Dann ist nicht XXX selbst das Bedürfnis, sondern dass ein XXX gerade MEIN Bedürfnis befriedigt, hat mit mir selbst zu tun, es kommt aus mir selbst heraus.

Der Bedürfnisbegriff von Sergej L. Rubinstein leidet darunter, dass in seiner Definition das Wort „Bedarf“ verwendet wird, obwohl es keine zusätzliche Erklärungskraft bietet, sondern eher synonym mit dem Wort „Bedürfnis“ daherkommt, was eine recht sinnlose „Definition durch sich selbst“ darstellt:

Ein Bedürfnis ist „der vom Menschen erfahrene Bedarf an etwas, das außerhalb von ihm liegt“ (Rubinstein 1946/1961: 766).

Das „Etwas“, also das XXX, werde ich im Weiteren „Gegenstand“ nennen, obwohl das auch etwas nicht Dingliches sein kann, wie menschliche Beziehungen oder ähnliches. Wie bewusst das Bedürfnis ist, und ob der befriedigende Gegenstand bekannt ist, kann unterschiedlich sein. Rubinstein verwendet „Trieb“ und „Wunsch“ als unterscheidende Begriffe. Im Trieb ist ein Bedürfnis noch nicht bewusst und auch der befriedigende Gegenstand ist noch nicht festgelegt. Ein Wunsch dagegen ist schon auf einen Gegenstand gerichtet und bewusst (ebd.: 722f.). Für diese Worte verwenden andere AutorInnen andere Begriffsbestimmungen. Alexej Leontjew betont, dass mit dem Bedürfnis der befriedigende Gegenstand noch nicht gleich mit bestimmt ist. Ein Mensch mit Bedürfnissen muss demnach den das Bedürfnis befriedigenden Gegenstand erst noch entdecken (Leontjew 1975/1987: 181). In Leontjews Sprachgebrauch wird dieser Gegenstand dann zum Motiv des auf seine Befriedigung gerichteten Handelns.

Ein Bedürfnis ist also, wie wir gesehen haben, selbst nicht bloß ein Gegenstand. Es ist aber auch nicht nur etwas Inneres, sondern letztlich ein Verhältnis zwischen Innerem und Äußerem. Dieses Verhältnis wird vom Individuum emotional bewertet.

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