Methodik der Kritischen Psychologie für die Kennzeichnung menschlicher Charakteristika

Die genannten Begriffsbestimmungen von Rubinstein und Leontjew leiden wie fast alle anderen an einer gewissen Willkürlichkeit. Wie können wir vom willkürlichen „Ausdenken“ von Definitionen wegkommen? Gibt es andere als „bloß äußerliche, unabgeleitete Klassifikationen“, wie Ute Holzkamp-Osterkamp die vorhandenen kritisiert (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 117)? Die Alternative sieht Holzkamp-Osterkamp darin, den Begriff der Bedürfnisse wie andere Begriffe zur Kennzeichnung von menschlichen Charakteristika „aus den materiellen Entwicklungsnotwendigkeiten des Übergangs von der bloß biologischen zur gesellschaftlichen Lebenserhaltung und der progressiven Entfaltung der Produktionsweise“ abzuleiten (ebd.: 124).

Diese logisch-historische Methode legte Klaus Holzkamp seiner „Grundlegung der Psychologie“ (1983/1985) zugrunde. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die psychischen Funktionen in der Tier- und Menschenwelt von einfachen Formen hin zu komplizierteren entwickeln und dabei Entwicklungssprünge vollziehen, die gedanklich rekonstruiert werden können. Die Widerspiegelung der frühen, einfachen Formen entspricht dann auch recht einfachen (vom Komplexen noch abstrahierenden) Begriffsbestimmungen. Im Verlauf der historischen Entwicklung vollziehen sich Anreicherungen des zu begreifenden Gegenstands und diese Anreicherungen erweitern auch die Begriffsbestimmungen bis hin zur komplexesten Form. Die derzeitig höchstentwickelte Form dient als „Zielpunkt“, von dem aus die Vergangenheit rekonstruiert wird. Dazu ist die Überlegung hilfreich, dass es von bestimmten früheren Formen ausgehend auf dem Weg zu dem Höchstentwickelten jeweils bestimmte Entwicklungsnotwendigkeiten gegeben hat. Wenn es diese nicht gegeben hätte, hätten die historischen Vorformen ja einfach ohne weitere Entwicklung weiter existiert. Entwicklungsnotwendigkeiten hängen mit Widersprüchen zusammen: das zu einer bestimmten Zeit Vorhandene war in bestimmten Bereichen nicht mehr in der Lage, die weitere Existenz der biotischen Population aufrecht zu erhalten, dies wurde entweder durch innere Veränderungen (z.B. Mutationen) ausgelöst oder durch eine Veränderung der Umwelt (Z.B. Veränderung des Nahrungsmittelangebots). Der Weg der Begriffsentwicklung folgt nicht allen Verzweigungen der historischen Geschehnisse, sondern rekonstruiert „nur“ den Weg von den frühesten Anfängen bis hin zur gegenwärtigen Entwicklungsform. Dazu werden jeweils bekannte historische Tatsachen genutzt, soweit sie jeweils untersucht und bekannt sind. Der weitere Fortschritt der geschichtlichen Wissenschaft mag in der Folge Veränderungen des Wissens mit sich bringen; die Herausforderung besteht darin, vor allem für die sprunghaften Qualitätsumschläge jeweils die Voraussetzungen für die Entwicklungsnotwendigkeit und die Weise des Übergangs zu neuen Formen, die den veränderten Bedingungen entsprechen, nachzuvollziehen. Deshalb enthalten die begriffsgrundlegenden Bücher von Ute Holzkamp-Osterkamp und Klaus Holzkamp einen großen Teil historischer Analyse. Für die menschlichen Motivationen und Bedürfnisse geschieht das im Band 1 der „Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung“ von Ute Holzkamp-Osterkamp. Die „gegenstandsgeschichtliche Kategorialanalyse“ (Holzkamp 1985: 51) rekonstruiert den Weg von biologischen ursprünglichen Formen bis hin zur menschlichen Qualität. Diese menschliche Qualität lässt dann Unterschiede gegenüber den tierischen Vor- (und Neben-)Formen erkennen. Was das Menschliche im Unterschied gegenüber dem bloß-Tierischen ausmacht, kennzeichnet alle menschlichen Lebensformen, das heißt sie sind für Menschen in aller menschlichen Geschichte („überhistorisch“) allgemein – hier wird von den Gesellschaftsformen abstrahiert. Diese „überhistorisch“-abstrakte Kennzeichnung des Menschlichen reicht aber nicht aus, wenn das Leben und die Handlungsmöglichkeiten von Menschen in konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen, wie dem Kapitalismus, gekennzeichnet werden sollen. Wenn wir diese Unterscheidung beachten, wird es auch klar, dass Charakteristika aus einzelnen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht als „überhistorische“ verallgemeinert werden können. Viele der Debatten um die Bedürfnisse leiden z.B. darunter, dass Bedürfnisse im Kapitalismus und bestimmte hier nahegelegte oder erzwungene Befriedigungsformen als menschlich-allgemeine angenommen werden. Das Wissen um die menschliche Spezifik der Bedürfnisse hilft diesen Beschränkungen aus dem Weg zu gehen. In Bezug auf ihr weitergehendes Thema der Motivation schreibt Holzkamp-Osterkamp dazu:

„Wenn man wissenschaftlich erfassen will, auf welche Weise die Motivation durch die bürgerlichen Lebensverhältnisse überformt, möglicherweise verstümmelt und verzerrt ist, so muß man erst einmal wissen, was denn da geprägt, verstümmelt, verzerrt werden soll.“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 46)

Zu unterscheiden sind also drei Betrachtungsebenen:

  1. Die Rekonstruktion der „biologisch-naturgeschichtlichen Gewordenheit“ (ebd.: 45)
  2. Die menschliche Spezifik in ihrer neuen Qualität gegenüber der bloßen Naturgeschichte, wobei bestimmte biologische Charakteristika auf einer „unspezifischen“ Ebene erhalten bleiben.
  3. Die Spezifik in besonderen Gesellschaftsformen, z.B. dem Kapitalismus.

Zu beachten ist, dass die „überhistorischen“ allgemeinen Charakteristika des Menschlichen hier nicht als willkürliche Setzungen erscheinen, wie es in Texten der Fall ist, bei denen etwas „Unentfremdetes“ vorausgesetzt wird, das im historischen Verlauf irgendwann von sich „entfremdet“ wurde. (siehe den Text „Maßstab und Zielhorizont des „Nicht-Entfremdeten“ ).

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