Die eben genannten Spezifika des Gesellschaftlichen haben auch Folgen für die Bedürftigkeit der Menschen. Sie sind zwar auch biologische Wesen, die durchaus auch unter physiologischen Mangelzuständen leiden, aber der Hunger hat für Menschen eine andere Bedeutung als für Tiere. Schon innerhalb der Tierwelt gibt es verschiedene Entwicklungsstadien von Bedarfszuständen und Aktivitäten ihrer Befriedigung. Das beginnt bei einer „weitgehend am Stoffwechselgeschehen orientierte[n] Bedürftigkeit der niederen Tierformen“ (Holzkamp-Osterkamp 1077: 191). Im Verlauf der phylogenetischen Entwicklung entwickelt sich vor allem die individuelle Lernfähigkeit, so dass Tiere höherentwickelter Tierarten Fähigkeiten für vielfältigere Aktionsmuster haben. Zur Befriedigung eines Bedarfs gehört nicht nur das Erreichen des befriedigenden Gegenstands (Futter etc.), sondern auch das Ausüben der entsprechenden Aktivität (Jagen). Es entsteht ein „gegenüber den einzelnen inhaltlichen Bedarfszuständen verselbständgte[r] übergeordnete[r] „Bedarf nach Umweltkontrolle“ […] außerhalb der jeweiligen Ernstsituation“ (ebd.: 190). Auch das Neugier- und Explorationsverhalten, lernende und übende Verhaltensweisen und der Bedarf nach sozialen Kontakten sind „“bedarfsmäßig“ abgesichert“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 37). In Tiergärten und Zoos wird seit längerer Zeit darauf geachtet, dass die Tiere nicht nur ihr Futter vorgesetzt bekommen, sondern ihre artgerechten Verhaltensweisen, z.B. beim Suchen und Jagen nach dem Futter, ebenfalls ausleben können.

Diese biologischen Voraussetzungen gehen in die menschliche Bedürftigkeit ein, erhalten auf der gesellschaftlichen Ebene aber eine neue Qualität. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse basiert „nicht mehr wie beim Tier durch in der natürlichen Umwelt vorgefundene Objekte und Situationen, sondern über die gesellschaftliche Produktion“ (ebd.: 29). Sie richtet sich nicht mehr lediglich auf die Überwindung aktueller Mangel-, Not- und Bedrohungssituationen, sondern strebt einen „Zustand verallgemeinert-vorsorgender Abgesichertheit gegenüber möglichen Mangel-, Not- und Bedrohungssituationen“ an (Holzkamp 19871985: 215). Die Bezeichnung „verallgemeinert“ bezieht sich hier auf die Bezogenheit auf andere Menschen, ohne sie direkt kennen zu müssen.

Menschliche Bedürfnisse sind also „Bedarfszustände, die im Zusammenhang mit Aktivitäten zur gesellschaftlichen Lebenssicherung stehen bzw. auf gesellschaftlich produzierte Objekte oder gesellschaftlich geprägte Situationen gerichtet sind und deswegen nur durch die Produktion und deren Resultate befriedigt werden können“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 18).

Menschliche Bedürfnisse nach Nahrung sind deshalb nicht vollständig befriedigt, wenn etwa in Flüchtlingslagern eine Schüssel Reis übergeben wird, wenn die Menschen weiterhin unter einem „Mangel der gesellschaftlich vermittelten Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen“ leiden müssen (ebd.: 34).

Zwei Bedürfnisssysteme

Schon für höherentwickelte Tiere wurde festgestellt, dass es neben den Bedarfen, die sich direkt auf organismische Mangelsituationen beziehen, zusätzlich Bedarfe verselbständigen, die den Aktivitäten zur Beseitigung der Mangelsituation zuzuschreiben sind. Bei Menschen werden deshalb ebenfalls zwei Bedürfnissysteme unterschieden. Diese Unterscheidung klassifiziert nicht die Bedürfnisse selbst, sondern Aspekte von Bedürfnissen.

Der „sinnlich-vitale“ Aspekt richtet sich dabei auf „individuelle Mangel- und Spannungszustände“, die „Indikatoren für die unmittelbare Gefährdung, Beeinträchtigung o.ä. der individuellen Existenz sind“ (ebd.: 23). Es geht dabei um die individuelle organische Lebenssicherung (Hunger, Durst, Temperaturregulierung…) und die Fortpflanzung (Sexualität). Schon Leontjew hatte die Bedürfnisse, „deren Befriedigung die notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der physischen Existenz ist“, „vitale“ Bedürfnisse genannt (Leontjew 1975/1987: 186). Hier kommt bereits die menschliche Spezifik zum Tragen, weil auch die „sinnlich-vitalen“ Aspekte der Bedürfnisse die vorsorgende Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen mit einschließen (Holzkamp 1983/1985: 246).

Leontjew betont, dass man einen Menschen durch Hunger zum Tier machen könne, sage „absolut nichts über die Natur seiner menschlichen Bedürfnisse aus“ (Leontjew 1975/1987: 186). Schon bei Marx gibt es über die menschliche Qualität solcher organischen Bedürfnisse eine Stellungnahme:

„Hunger ist Hunger; aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegeßnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt.“ (Marx EGR, MEW 42: 27)

Zum Hunger bei Menschen als gesellschaftlichem Wesen gibt es bei Marshall B. Rosenberg ein noch treffenderes Zitat:

„Wenn ich zum Beispiel gegessen habe und sage, ich bin satt, dann meine ich strenggenommen: Der Hunger nach Nahrung im Körper von Marshall Rosenberg ist befriedigt. Aber wenn ich alle Menschen auf dieser Welt im Blick habe, ist mein Bedürfnis nach Nahrung noch nie erfüllt worden, in meinem ganzen Leben noch nicht, nicht annähernd. Das spüre ich ganz deutlich. Das heißt nicht, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich gerade etwas Gutes gegessen habe. Es wäre traurig, wenn ich nicht genießen könnte, was mir gegeben wird. Aber ich möchte mir bewusst darüber sein, dass heute Morgen beim Frühstück nur ein Teil meines Bedürfnisses nach Nahrung erfüllt wurde, nur ein ganz kleiner Teil.“ (Rosenberg 2004/2010: 131)

Was in den beiden letzten Zitaten nicht präzise genug erfasst ist, ist die Tatsache, dass die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der individuellen Lebenssicherung durch gesellschaftliche Arbeitsprozesse erfolgt. Diejenigen der Fortpflanzung bleiben dabei eine „natürliche Aktivität bloß sozialer Art“, ohne dass die gegenständliche Arbeit der Menschen hierfür eine Bedeutung hätte (Holzkamp 1983/1985: 219).

Die schon bei Tieren vorhandenen Bedarfe nach einem Neugier-, Explorations- und Sozialverhalten, die sich auf eine unmittelbare Umweltkontrolle beziehen, erhalten bei Menschen eine neue Qualität, weil sie sich nicht mehr bloß auf die unmittelbare Umwelt beziehen, sondern die gesellschaftliche Vermittlung der Bedürfnisbefriedigung. Es geht um die „Teilhabe an gesellschaftlicher Realitätskontrolle durch bewußte Veränderung der Natur zur vorsorgenden Absicherung des Lebens der Gesellungseinheit und Integration in den kooperativen Zusammenhang arbeitsteiliger gesellschaftlicher Beziehungen, über die gesellschaftliche Realitätskontrolle allein möglich ist.“ (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 22) Es hat einen emotionalen Befriedigungswert, sich eingebunden zu wissen in die Prozesse der gesellschaftlichen und damit auch der eigenen Lebenssicherung. Die so bestimmten „produktiven“ Bedürfnisaspekte erklären es auch, wieso einzelne Menschen sich an gesellschaftlicher Produktion bereits in historisch frühen Zeiten beteiligten, als es noch keine Zwangsmöglichkeiten gab (ebd.: 19). Auch Marx schreibt gegen Adam Smith, der die Arbeit nur als Fluch betrachtet, dass ein Individuum „in seinem normalen Zustand […]“ auch das Bedürfnis einer normalen Portion von Arbeit“ hat (MEW 42: 512).

Mit dieser Begriffsbestimmung wird sicher auch deutlich, dass der „produktive“ Bedürfnisaspekt nicht einfach nur ein „Bedürfnis zum Produktivsein“ eines Individuums im Hobby- und Bastelmodus ist, sondern es geht immer die Teilhabe am gesellschaftlichen Zusammenhang.

Dabei garantiert die gesellschaftliche Natur der menschlichen Bedürfnisse nicht, dass sich Individuen an der gesellschaftlichen Reproduktion beteiligen. Hinzu muss eine spezifische Motivation kommen.

„Es muß geklärt werden, unter welchen Bedingungen sich objektive Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Existenzerhaltung in subjektive Notwendigkeiten umsetzen, auf welche Weise also ein persönlicher Beitrag zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele zu einem aktuellen „produktiven“ Bedürfnis des Individuums werden kann.“ (ebd.: 57)

Durchbrechung der Unmittelbarkeit und gnostische Distanz

Mit seiner menschlichen Natur erhält jedes Individuum die Fähigkeit, sich in die jeweils bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinein zu entwickeln und die konkreten Bedeutungsstrukturen zu verstehen. Dies betrifft auch das Begreifen gesellschaftlicher Zusammenhänge, die über die unmittelbare Erlebniswelt hinausgehen. Dabei lernt das Individuum die entsprechenden typischen Denk- und Handlungsformen kennen, hat aber gleichzeitig die Fähigkeit, sich von diesen gnostisch zu distanzieren und bei einer negativen Bewertung Denk- und Handlungsalternativen zu suchen. Sollte das Suchen von Alternativen für das Individuum sehr aufwendig und riskant sein, gibt es für das Individuum gute Gründe, die nahegelegten Strukturen einfach zu reproduzieren und damit auch zu festigen.

Auch zu ihrer eigenen Bedürftigkeit haben Menschen ein bewusstes Verhältnis. Sie können eine Rang- und Reihenfolge sowie eine Wertigkeit für verschiedene Bedürfnisse entwickeln, sie können unterschiedliche Handlungsstrategien für die Befriedigung der Bedürfnisse schaffen.

Dass Menschen bereit sind, für gesellschaftliche Ziele zu handeln, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, obwohl es innerhalb der kooperativ-arbeitsteilig vermittelten Prozesse nicht immer einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Handlung und Bedürfnisbefriedigung gibt, wird ebenfalls durch das mögliche bewusste-Verhalten-zu diesen gesellschaftlichen Zielen ermöglicht. Allerdings wird nur dann motiviert und nicht unter Zwang gehandelt, wenn die „allgemeingesellschaftliche Notwendigkeit des Zieles wirklich gegeben, d.h. mit und in der Realisierung tatsächlich auch die Erweiterung der individuellen Lebensmöglichkeiten zu erwarten ist.“ (ebd.: 61)

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