Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog. Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Menschen haben Bedürfnisse, aber welche Bedürfnisse sie haben, verändert sich im Verlauf der Geschichte:

„Unsere Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der Gesellschaft; wir messen sie daher an der Gesellschaft; wir messen sie nicht an den Gegenständen ihrer Befriedigung. Weil sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie relativer Natur.“ (MEW 6: 412)

Trotzdem haben die Bedürfnisse der Menschen eine spezifische Gemeinsamkeit, die in allen alle historischen Vergesellschaftungsformen existiert: Vor allem aus der Kritischen Psychologie kommt die Erkenntnis, dass Bedürfnisse von Menschen nicht ausreichend befriedigt sind, wenn unmmittelbare Mangelsituationen aufgehoben sind, sondern dass Menschen ein Bedürfnis danach haben, für die Behebung zukünftiger Mangelsituationen vorgesorgt zu haben. Diese Art Bedarf gibt es auch bei hochentwickelten Tieren. So haben sie einen Bedarf nach der Kontrolle ihrer Umweltbedingungen auch unabhängig von konkreten körperlichen Bedarfszuständen, was sich z.B. im Neugier- und Explorationsverhalten zeigt. Auch ihr Bedarf nach sozialer Einbindung verweist auf diese Vorform der „Vorsorge“.

Menschen erfüllen diese Vorsorge, indem ihre Bedürfnisse durch Produkte befriedigt werden, die gesellschaftlich erarbeitet werden. Dabei zielen Arbeitshandlungen primär nicht auf die je eigene Bedürfnisbefriedigung, sondern jedes Tun ist in ein wechselseitiges Für-Andere-Arbeiten eingebunden. Menschen arbeiten nicht nur für sich, sondern für den „verallgemeinerten Anderen“. Wir Menschen schaffen damit ein Netzwerk, das es uns ermöglicht, den vorsorgenden Charakter der Bedürfnisse zu befriedigen, weil jedes Individuum hier eingebunden ist, auch wenn es sich selbst eventuell auch nur zeitweise nicht an den Arbeiten beteiligt (Tiere werden bei Krankheit und Schwäche nicht von ihren Artgenossen mitversorgt). Dieser Vorsorgecharakter menschlicher Bedürfnisse, der durch gesellschaftliche Arbeit verwirklicht wird, ist nicht nur eine Phrase, sondern hat Folgerungen:

„Da „menschliche“ Existenzerhaltung […] nicht in der Beseitigung jeweils aktueller Bedürfnisspannungen besteht, sondern als über die Produktion, d.h. bewusste Veränderung der Natur ermöglichte Vorsorge für die gesellschaftliche, damit individuelle Lebenserhaltung, also als Überwindung der Zufälligkeiten jeweils aktueller Situationen durch kooperative Kontrolle über die Lebensbedingungen zu charakterisieren sind, sind subjektive Notsituationen auf „menschlichem“ Niveau nicht primär das erlebte Ungenügen direkter Bedürfnisbefriedigung, sondern der erlebte Mangel der gesellschaftlich vermittelten Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen.“(Ute Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 33-34)

Das menschliche Niveau der Bedürfnisbefriedigung ist also daran gebunden, dass sie unter Lebensbedingungen leben, „unter denen für ihre Befriedigung in verallgemeinerter Weise vorgesorgt ist“ (ebd.: 35). Das führt dazu, dass Menschen von sich aus das Bedürfnis haben, sich an der Schaffung dieser Bedingungen und der Erarbeitung der Mittel der Bedürfnisbefriedigung zu beteiligen. Dieses Bedürfnis wird in der Kritischen Psychologie etwas missverständlich „produktives Bedürfnis“ genannt – ausdrücklich ist damit nicht gemeint, dass Menschen das Bedürfnis haben, „produktiv“ im Sinne des Auslebens individueller Kreativität zu sein oder dass dieses Bedürfnis neben den anderen Bedürfnissen stünde. Die „produktive“ Seite menschlicher Bedürfnisse bezieht sich auf die gesamtgesellschaftliche Absicherung der Vorsorge.

Auf diese Bedürfnisse beziehst Du Dich, Simon, wenn Du in der Gesellschaftlichkeit eines Menschen die Bedeutung siehst, „dass die Quellen seiner Bedürfnisse gesellschaftlich vermittelt sind“ und daraus schließt, „dass der Mensch, aufgrund seines allgemeinen Wesens, das Bedürfnis hat über die gesellschaftlichen Quellen seiner Bedürfnisbefriedigung vorsorgend zu verfügen“.

Du gehst davon aus, dass in der neueren Weltgeschichte dieses Bedürfnis immer „auch beschnitten“ war. Das Unbeschnittene, das Unbeschränkte wäre dann die Verfügung jedes einzelnen Individuums an den Lebensbedingungen der gesamten Gattung Mensch (zumindest des gleichzeitig mit ihm lebenden Teils und der Nachkommenden). Du gehst davon aus, dass dieses zumindest Vorstellbare irgendwie das Ziel menschlichen Strebens sei.

Wieso aber soll das gelten? Wir haben hier eigentlich dasselbe Argumentationsproblem, das Kritische PsychologInnen bei der „Handlungsfähigkeit“ haben. Der Begriff „Handlungsfähigkeit“ beinhaltet die Verfügung eines Menschen über seine Lebensbedingungen durch die Beteiligung am gesellschaftlichen Prozess (Klaus Holzkamp (1990) FKP 26: 38). Dabei wird vorausgesetzt, dass eine gemeinsame Erweiterung der gesellschaftlichen Lebensmöglichkeiten grundsätzlich möglich ist. Das heißt auch, dass die Verfügung über die Bedingungen erweitert werden kann. Das Denken und Handeln von menschlichen Individuen kann nun in bestimmten Situationen in zwei unterschiedliche Richtungen tendieren: Es kann zu einer gemeinsamen Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten, sprich der Bedingungsverfügung, tendieren oder es kann sich mit den gegebenen (beschränkkten) Formen der Handlungsmöglichkeiten, bzw. der (beschränkten) Bedingungsverfügung zufrieden geben. In der Kritischen Psychologie sollen nicht einzelne Handlungen oder Absichten je nach diesen Tendenzen „klassifiziert“ oder beurteilt werden, sondern diese „intrasubjektive Handlungsalternative“ (Holzkamp ebd.: 38) soll einzelnen Menschen helfen, ihre eigenen Möglichkeiten besser zu verstehen. (Als Holzkamp diese theoretische Grundlegung der Kritischen Psychologie schrieb, schien es noch eine unkomplizierte Nahtstelle hin zur revolutionären Weltbewegung auf gesellschaftlicher Ebene, in welche die individuelle Entscheidung hineinführen könnte, zu geben). Kategorial geht es dabei ganz neutral um „die Art und Weise, wie die Individuen meinen, Verfügung über die eigenen Lebensumstände erreichen zu können“ (Markard 2009: 158).

Mit den „produktiven Bedürfnissen“ scheint nun aber wieder eine Richtung, nämlich das Streben nach Erweiterung, festgeschrieben zu werden. Du schreibst vom Bedürfnis „nach menschlicher Bedürfnisbefriedigung in unbeschnittener Form“. Dieses setzt Du dann doch als „höchste Form des Sich-Entwickelnden“, obwohl Du bestreitest, so etwas zu haben.

Wie bei den jeweils individuell subjektiven Gründen für eine Richtung der Handlungsfähigkeit werden wir sehen, dass es anscheinend viele gute Gründe gibt, sich jeweils auf Bereiche der möglichen gesellschaftlichen Vorsorge zu beschränken. Gerade die durch die Kritische Psychologie betonte Möglichkeitsbeziehung der Individuen zur Welt gibt ihnen neben dem Streben nach einer Erweiterung der Bedingungsverfügung auch die Möglichkeit des Verharrens oder auch des Rückfalls in traditionelle, bekanntn und anscheinend „sichere“ beschränkte Formen.

Im Zukunftsroman „Wenn der Krebsbaum blüht“ von Reinmar Cunis aus dem Jahr 1987 verlassen sich angesichts des Chaos, das die ökologischen Zerstörungen mit sich bringen, die meisten Menschen sogar wieder eher auf clanartige Strukturen zur Absicherung ihrer Vorsorge und schon das Aufrechterhalten von überregionalen einigermaßen „gerechten“ Handelsbeziehungen ist demgegenüber eine Errungenschaft, mit der sich die einstigen Kommune-Bewohner abmühen müssen.

Gemessen an einer eventuell möglichen Verfügung jedes einzelnen Individuums an den Lebensbedingungen der gesamten Gattung Mensch können die jetzigen Formen der Bedürfnisbefriedigung ausnahmslos als beschränkt und beschnitten gelten. Du schreibst: „Die Deprivation der Bedürfnisse äußert sich verschiedenartig emotional als Ohnmacht, Leiden, Unsicherheit etc. Ziel ist eine bessere Befriedigung der Bedürfnisse sicherzustellen“. Ute Holzkamp-Osterkamp schreibt dazu:

„Die „Notdurft“ spezifisch menschlicher, also „produktiver“ Bedürfnisse ist die „Not“ des Ausgeliefertseins an zufällige Situationen der Fremdbestimmtheit, des Existenzrisikos, der „Offenheit“, d.h. Beliebigkeit und damit relativen Wirkungslosigkeit individuellen Tuns…“ (Holzkamp-Osterkamp, 1976/1990: 34)

Das stärkste Argument ist hier die Unsicherheit der beschränkten Formen und das Ausgeliefertsein. Solange die beschränkten Formen, z.B. die traditionelle Einbindung in Familie und Gemeinde oder auch die Vorsorge durch Geld (oder Immobilienbesitz…), für viele Menschen gut funktionieren, haben sie kaum einen Grund, eine Erweiterung anzustreben. Erst wenn diese beschränkten Formen ihr Maß an Sicherheit verlieren und das Ausgeliefertsein spürbar wird werden Alternativen interessant. Leider gibt es außer progressiven Alternativen auch genügend regressive und es entsteht die Frage, wie die progressiven wirksamer werden können. Die regressiven Formen sind das, was man kennt, von denen man zu wissen glaubt, was man bekommt. Die progressiven Wege wären erst mühsam selbst zu schaffen. In dem schon erwähnten Zukunftsroman ist das geschehen, was wir heutzutage auch allzuoft beobachten:

„Die Menschen begannen, sich mit der europäischen Vergangenheit zu beschäftigen, die sie glorifizierten und nachzuahmen versuchten. Der Feudalismus gelangte wieder zu Ansehen, mit ihm Fürsten und Geldadel.“ (Cunis 1987: 443)

Nach allerlei militaristischer SF und den Weltraum-Soap-Operas wurden nicht umsonst mittelalterliche Fantasy-Welten zum popkulturellen Renner. Diese geistige Imprägnierung wird nicht folgenlos bleiben. Menschen sind mindestens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts mehrheitlich nicht einem Streben nach einer Ausweitung ihrer Bedingungsverfügung gefolgt. Dies darf nicht folgenlos bleiben für eine trotz alledem hoffnungsvolle Theorie für eine emanzipative Zukunft.

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