Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog. Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Simon, Du siehst in Deinem Kommentar richtig, dass wir im 2. Punkt Differenzen haben: „Der Mensch strebt aufgrund seiner menschlich-allgemeinen (abstrakten) Situation zum Kommunismus.“ Das scheinen auch viele bekannte Philosophen so zu sehen: Aristoteles: Der Mensch strebt nach dem sittlich Guten. Plotin: Das Bestreben der Menschen besteht im Aufstieg zum „Einen“ (woher sie kamen). Thomas von Aquin: ethisch gutes Verhalten zielt auf die Vervollkommnung in Richtung dessen, was das Wesen ausmacht. Fichte: Der Endzweck des Menschen besteht darin, eine völlige Übereinstimmung mit sich selbst zu erreichen. Schelling: „Gebt dem Menschen das Bewußtseyn dessen, was er ist er wird bald auch lernen, zu seyn, was er soll“ (siehe hier). Seit Augustinus wird jedoch auch die Ambivalenz betont: Der Mensch hat auch die Möglichkeit, das Gute zu verfehlen: Während Gott immer gut ist, steht der Mensch vor der Wahl: Er kann gut sein. Man kann das unterschiedlich lesen: Er kann wenigstens gut sein, es ist nicht ausgeschlossen. Oder aber: Er kann auch nicht gut sein. Dass Veränderung typisch für Menschen ist, meinen auch andere: Der Praxisphilosoph Flego: „Das Wesen des Menschen ist nicht das, was er schon ist, sondern das, was er noch werden kann“. Bloch: „der Mensch…invariant gerade als das sich … stets überschreitende Wesen“ (Mehr zum Begriff des Menschen bei Bloch). Sartre: „Der Mensch ist also durch seinen Entwurf definiert.“ Obgleich auch diese Philosophien den Entwurf und die Überschreitung als Weg zu etwas Besserem unterstellen, wird es vorsichtiger formuliert.

Das, was das Menschliche ausmacht, ist also die Offenheit. In der Kritischen Psychologie wird dies für das Denken und Handeln einzelner Menschen als „Möglichkeitsbeziehung“ gegenüber der Welt diskutiert. Das bedeutet auch, dass das menschliche Wesen nichts ist, das in seiner Entwicklung irgendwie vorherbestimmt wäre.
Was bringen nun die Bestimmungen, die Du für Menschen als wesentlich ansiehst, für unsere Frage? Du führst zwei Bestimmungen des Menschen zusammen:

  • „Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, das sich zu seinen Bedingungen verhalten kann.“
  • „Der Mensch ist ein bedürftiges Wesen. Er strebt nach etwas, will etwas.“

Daraus folgt:

  • „Der Mensch ist ein bedürftiges Wesen. Er strebt nach etwas, will etwas.“

Darin stimme ich Dir zu. Es folgt daraus aber für mich nicht schlüssig, dass deshalb der Mensch „aufgrund seiner menschlich-allgemeinen (abstrakten) Situation zum Kommunismus“ strebe.

Für diesen Schluss fehlt noch die Voraussetzung, die Du auch nennst: dass die Bedürfnisbefriedigung nur in beschränkter Weise erfolgt (… und das den Menschen das nicht ausreicht und sie deshalb die Schranken durchbrechen).

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