Dieser Text gehört zur „Langen Antwort an Simon“ zu seinem Kommentar hier im Blog. Insgesamt gehören mehrere Blogbeiträge zu dieser Antwort.


Weltgeschichte getrieben vom Streben nach Bedürfnisbefriedigung?

Wird die Weltgeschichte überhaupt vom Streben nach Bedürfnisbefriedigung vorangetrieben? Vielleicht ist das eine Vorstellung, die aus unseren Wünschen stammt: Wir wünschen uns eine Gesellschaft, deren Entwicklung sich aus den gemeinsam verfolgten Anstrengungen zur Erfüllung unser aller Bedürfnisse ergibt. Bisher war es wohl eher so, dass andere Faktoren die Geschichte vorangetrieben haben. Natürlich waren alle Handlungen der Menschen irgendwie bedürfnisvermittelt (weil Menschen bedürftige Wesen sind, wie Du, Simon, in Deinem Kommentar zur Bestimmung des Menschen schreibst), aber bestimm(t)en sie wirklich den Gang der Menschheitsgeschichte?

Ich muss da auch meinen nicht weiter hinterfragenden Bezug auf Marx aus einem kürzlichen Blogbeitrag relativieren. Marx schreibt beiläufig durchaus, „daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt – und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat“ (DI, MEW 3: 28). Das ist wichtig, um die Historizität der Bedürfnisse zu verstehen. Aber letztlich ist es für Marx durchaus ein Gewinn, dass erst das Kapital „die Arbeit über die Grenzen seiner Naturbedürftigkeit hinaus“ treibt und damit „die materiellen Elemente für die Entwicklung der reichen Individualität“ (GR, MEW 42: 244) schafft. Das heißt also, dass nicht die Bedürfnisse (der Mehrheit der Menschen) zum Kapitalismus geführt haben und auch die Abschaffung der Sklaverei geschah nicht, weil dadurch irgendeine Bedürfnisbefriedigung beschränkt gewesen wäre. Moralische Aufrufe von Menschen, die ein Bedürfnis dazu trieb, haben die Sklaverei so lange nicht beendet, wie die Sklaverei ökonomisch sinnvoll war innerhalb der herrschenden Verhältnisse. Die Französische Revolution wurde zwar durch eine Hungerrevolte ausgelöst. Die Oktoberrevolution durch das Streben nach Frieden und Brot. Darauf bezieht sich auch der Beitrag im Hist.-Krit. Wörterbuch des Marxismus:

„Historische, die Lebensweise verändernde Umschwünge geschahen stets durch ein Geltendmachen von Massenbedürfnissen…“ (HKWM 2: 123)

Ich finde eine Über-Verallgemeinerung dessen aber bedenklich. Es stimmt sicher, dass ohne dass die vorhandenen Bedürfnisse in einem ausreichenden Maß befriedigt sind, sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht auf Dauer halten können. Wodurch sich die gesellschaftlichen Zustände aber tatsächlich veränderten bzw. verändern, ist viel weniger klar.

Wenn es so ist, dass die jeweilige Beschränkung der Bedürfnisbefriedigung die Geschichte weiter treibt, so entsteht die Frage: Und warum stagnierte die geschichtliche Entwicklung oft jahrtausende-, jahrhunderte- oder jahrzehntelang? Warum gaben sich Menschen massenhaft mit der beschränkten Befriedigung ihrer Bedürfnisse zufrieden? Aus Kritisch-Psychologischer Sicht müssten wir sie selbst danach fragen, welche für sie guten Gründe sie dazu hatten/haben, die gegebenen (beschränkte) Formen der Bedürfnisbefriedigung für hinreichend zu halten, statt nach ihrer Erweiterung zu streben. Dass sie es massenhaft und andauernd tun, ist jedoch wohl als geschichtliche Tatsache anzusehen. Das Neue bekommt eigentlich immer nur eine Chance, wenn sich das Alte absolut nicht mehr halten lässt, wenn es durch die Veränderung der Bedingungen überlebensunfähig geworden ist. Dann drängen die nicht ausreichend befriedigten, bzw. neu entstehenden Bedürfnisse in die Bresche, erweitern die Risse und drängen darüber hinaus…

Für den derzeit anstehenden Umbruch in eine nachkapitalistische Gesellschaft wäre es nun an der Zeit, den weiteren Verlauf der Geschichte tatsächlich in die Spur der Bedürfnisentwicklung zu heben…

Hier wäre mein Gedankengang so um die Jahrtausendwende sicher zu Ende gewesen. Der real existierende Kapitalismus hatte seine Dynamik verloren, die Verlierer begannen sich zu wehren (Proteste bei den Wirtschaftsgipfeln, Weltsozialforen…). Ziemlich wahrscheinlich ist der Kapitalismus in seiner „traditionellen Form“, die auf Enteignungen wie bei der „ursprünglichen Akkumulation“ und der Ausbeutung als Aneignung unbezahlter Lohnarbeit beruht, am Ende seiner Geschichte angekommen. Was dabei aufbricht, sind aber scheinbar längst veraltete, aber nur zeitweise stillgestellte Konfliktlinien, die zu chaotischen Verhältnissen führen, die derzeit keine Richtung auf etwas Besseres erkennen lassen.

Die allgemeine Tatsache, dass Menschen das Bedürfnis haben, „über die gesellschaftlichen Quellen seiner Bedürfnisbefriedigung vorsorgend zu verfügen“, führt derzeit nicht erkennbar zu einer Erweiterung von Verhaltensweisen und Verhältnissen, in denen Menschen in inklusiver Form (also nicht sich gegenseitig ausschließend, sondern eher bereichernd) mit diesen Quellen der Bedürfnisbefriedigung umgehen, sondern dazu, sich auf noch eingeschränktere Weise jeweils nur selbst absichern zu wollen.
Was bedeutet diese Regression? Kann man die einfach aussitzen, während man selbst schöne Theorien schafft? Systemumbrüche in sich selbst organisierenden Systemen haben die Eigenart, dass in sog. „sensiblen Phasen“ vorher nur kleine Impulse sich plötzlich lawinenartig vergrößern können und dann zu einer Dominanz kommen. Das wird auch „Schmetterlingseffekt“ genannt. Welche der Impulse sich durchsetzen, ist vorher noch unbestimmt. Da können wir beruhigt auf die von uns bevorzugte Variante hoffen. Wenn es aber dann zum Bruch kommt, entstehen aus der Wirksamkeit der unterschiedlichen Impulse heraus schnell neue Tatsachen sowie neue Kräfteverhältnisse und die dabei entstehenden Verhältnisse erhalten wiederum eine starke Beharrungskraft. Im Roman von Reinmar Cunis können sich nach weiträumigen Fluchtbewegungen aller EuropäerInnen in Richtung der nördlichen Länder nicht die Kommune-Gruppen durchsetzen, sondern es entstehen „nationalkapitalistische“ Imperien, durchzogen von kleinen Feudalsystemen faschistoider Gruppen. Wir sind mit dem, was seit der Jahrtausendwende passiert ist, auf dem besten Wege zu solchen Verhältnissen statt den von uns gewünschten.

Wie kann uns eine Theorie der allgemeinen menschlichen Bedürftigkeit und der grundsätzlichen Möglichkeit einer human-verallgemeinernden Bedürfnisbefriedigung dabei helfen, in diese Kämpfe einzugreifen mit der Absicht und der Aussicht, die Wahrscheinlichkeit solcher Aufbrüche zu erhöhen? Wenn die „produktiven Bedürfnisse“ der theoretische Ansatzpunkt sind für die Erweiterung der Möglichkeit, nicht in einander ausschließender Weise über die Bedingungen unserer Bedürfnisbefriedigung verfügen zu können, wie können wir sie konkret historisch wirksam machen?

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