Dies ist ein Titel eines SF-Roman aus dem Jahr 1987, der die Welt nach dem ökologischen und sozialen Zusammenbruch in den späten 90er Jahren beschreibt. Ich habe ihn jetzt erst gefunden, als ich in utopischen und SF-Schriften nach dem Umgang mit Geld in Beschreibungen möglicher zukünftiger Welten fragte.

Ich finde es verblüffend, wie in diesem Roman, der vor 30 Jahren geschrieben wurde, auf heutige Fragen geantwortet wird. Was kann alles passieren, wenn ökologische und Wirtschaftskrisen so stark zuschlagen, dass das Leben, wie wir es kennen, nicht mehr möglich ist und auch wir, die wir die Flüchtlinge größtenteils lieber abwehren, zu Flüchtenden werden?

Ende der 80er Jahre begann die Angst vor den „Grenzen des Wachstums“ und auch vor Atomwaffen zu weichen; in den 90ern wurde nach dem Ende des sog. „kalten Kriegs“ gar das „Ende der Geschichte“ ausgerufen und auf eine „Friedensdividende“ gehofft. Der asiatische Kapitalismus boomte noch und die Dot.Com-Spekulation begann sich am Horizont des Jahrtausends zu entfalten. Der Zusammenbruch war trotzdem nicht aufzuhalten. Er kommt mit so etwas wie einem Siedeverzug.

Das 21. Jahrhundert setzte ein mit verschärfter Terrorangst, der Auslösung und Verschärfung von Kriegen, dem weiteren Abbau von sozialen Sicherheiten, dem Wegrutschen ganzer Nationalökonomien und der Häufung von sogenannten „Jahrhundert-“ Unwettern. Nichts hält die Lawine der weiteren Katastrophen auf, der Auftrieb für populistische Politiker verrät die allgemeine Verunsicherung, die um sich greift.

Niemand kann prognostizieren, was genau passieren wird. Vielleicht beschreibt das Wort „Kuddelmuddel“ die kommende Ära noch am besten. Eine Vorstellung von dem, was kommen könnte, bietet Reinmar Cunis mit seiner Geschichte Europas von 1999 bis ungefähr 2050. Das Ende der europäischen Politik und die Zeit der Naturkatastrophen führen zu Versuchen der „Neuordnung“ und irgendwann in dieser Zeit können wir den Protagonisten Huda bei seinem Lebensweg durch mehrere Lebensgemeinschaften, Regionen und politische Formen hindurch begleiten.

Es ist nicht die Utopie, die wir vielleicht erwartet hätten. Es bricht weder eine absolut barbarische Mad-Max-Dystopie aus noch wird endlich alles gut. Es ist wie immer: Ein großes Durcheinander.

Die Personenkreise, die hier beschrieben werden, sind fast alle Nachkommen von Flüchtlingen in die nördlichen Länder, nachdem die Landstriche südlich der Ostsee durch Gifte und Klimaerwärmung unbewohnbar geworden waren. Die Torsby-Kommunen, in denen sich Huda zu Beginn des Buches aufhält, wurden übrigens 2016 gegründet 😉 . In dieser Kommune gibt es weder Militär noch Bosse. „Hier steht niemand über den andern, jeder ist für sich allein verantwortlich und gemeinsam mit den Mitbewohnern für die Gemeinschaft.“ (41) Die notwendigen Arbeiten werden aufgeteilt und „wenn festgelegt war, wer wann was zu tun hatte, hielt man sich dran, aber niemals hätte sich ein Torsbyer einem schlichten Sachzwang gefügt“ (47). Auf die Frage, wer sie dieses System gelehrt habe, wird geantwortet.

„Das stammt aus den ersten Jahren. Irgendwie mußten wir weiterleben. So ging es am besten.“ (ebd.).

Die Utopien von vor hundert Jahren hätten jetzt diese Gesellschaft lang und breit geschildert und uns als Vorbild schmackhaft zu machen versucht. Oft hat es auch funktioniert, so konnte Ètienne Cabets Utopie „Die Reise nach Ikarien“ viele französische Arbeiter seiner Zeit begeistern. Auch Edward Bellamys „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“ führte zur Gründung von Dutzenden Clubs und Vereinen, die seine Gedanken umsetzen wollten.

Am Ende des 20. Jahrhunderts läuft es nicht mehr so. Die Utopien werden realistischer, die Welt kann nicht mehr im Schwarz-Weiß-Kontrast dargestellt werden. Huda, der selbst schon nicht so ganz in die friedliche Kommune passt, weil er in seinem bisherigen Leben immer eine Waffe nötig hatte, muss konstatieren.

„Ihr Träumer! Ihr lebt im selbstgemachten Paradies, und rings um euch herum ist seit fünfundreißig Jahren Krieg […] Euer System ist ein Schönwettersystem, hab ich´s nicht immer gesagt? Beim ersten Sturm hält es nicht mehr stand.“ (49, 123)

Diese Kommune ist eine Ausnahme in einer Welt von sich neu strukturierenden Machtbereichen. Die Menschen finden im Erinnungsschatz der Menschheit vor allem feudale Strukturen, denen sie sich jetzt wieder anvertrauen. Besonders faschistoide Gruppen entwickeln wieder eine Art Lehnsgefolgschaft. Als Huda Torsby verlässt, bleibt diese Gemeinschaft als mögliche gute Lebensart in Erinnerung. Aber die Welt, die Welt ist nicht so. Menschen, die schon vor dem Kollaps „grün“ und „alternativ“ gelebt hatten, waren übrigens wie alle anderen Menschen auch gezwungen gewesen zu flüchten und landeten in Flüchtlingslagern. Zur Ruhe kommt Huda erst bei den Sameh (d.i. der Eigenname der sog. Lappen), die vom Umbruch fast nichts mitbekommen haben. Trotzdem müssen sie sich ihrer selbst vergewissern und verändern auch Denkweisen:

„Wir haben immer von uns Sameh behauptet, wir lebten nicht auf, sondern an der Erde, und das Gerangel um die Güter dieses Planeten wäre nicht unsere Sache. Wir irren uns! Ohne die Güter der Erde, ohne das, was wächst und was wachsen läßt, können wir und unsere Tiere nicht leben.“ (218).

Die Torsby-Siedlung muss inzwischen militärische Übergriffe abwehren und Handelskooperationen gestalten, sie setzen aber weiterhin auf ihre Eigenständigkeit innerhalb einer Welt, in der zum Zwecke der Stabilisierung gerade wieder Könige gekrönt werden. Außer bestimmten Eckpunkten wie Selbstständigkeit, Staatsunabhängigkeit und Waffenfreiheit (405) legen sie aber nicht zu viel fest. Sie stehen für einen „sozialen Pluralismus“, denn „Wir wissen, wie vielfältig das Leben ist, deshalb Pluralismus, nicht Einheitsgesellschaft.“ (411)

Aber selbst die charismatische Gründerin dieses Ortes, Mine, ist weiterhin sehr geerdet:

„In ein paar Jahren wird Torsby ein Städtchen wie viele im Reich seiner nordeuropäischen Majestät sein. Sie werden es zum Ausflugsziel machen und uns begaffen. Sie werden mich wie ein Fossil bestaunen. Sie werden lächeln, „das sind also die berühmten Utopisten?“ Du kennst dieses Lächeln, dieses sichere, dieses erbärmliche pragmatische Lächeln.“ (419-420)

Was bewegt die Menschen zu solchen unterschiedlichen neuen Ordnungsstrukturen? Torsby basiert auf der sanften Überzeugungskraft einer charismatischen Person. Der Kapitalismus scheint ausgespielt zu haben, weil eine durchgängige Dominanz der Wirtschaft über die Gesellschaft nicht möglich ist. Was dagegen als Vorbild in den Köpfen der Menschen vorherrscht, sind feudale Bilder. Seit Cunis dieses Buch geschrieben hat, hat sich dies noch enorm verstärkt, Feudal-Fantasy beherrscht nahezu alle „fantastischen“ Zukunfts- und Alternativbilder in Wort, Schrift, Film und Spiel. Da der wirtschaftliche und ökologische Kollaps gerade die bisherigen Produktivkraftvoraussetzungen zerstört hat, würde ein Verzicht auf Geld wohl eher den ersten Satzteil in Marxens Satz verwirklichen:

„Das Geld weggestrichen, würde man [….] entweder auf eine niedrigere Stufe der Produktion zurückgeworfen […] oder man würde zu einer höhren fortgehn…“ (Grundrisse MEW 42: 143).

Die ausgedachte Geschichte eines Romans ist natürlich keine Prognose. Für mich war es jedoch fast gespenstig, einige mögliche Zukunftsbilder der nächsten Jahrzehnte mitzuerleben und vor allem die Struktur der Vielfalt, des Durcheinanders, der verwirrenden Suche bleibt mir im Gedächtnis. Dies entspricht viel mehr einer realen Antizipation als die früheren utopischen Bilder einer glatten neuen Zukunftsvision nach dem Zusammenbruch der alten. Für viele Konzepte einer neuen Gesellschaftsordnung nach dem Kapitalismus gilt das, was Huda erlebt:

„Das Torsbykonzept wird von Jahr zu Jahr utopischer, gemessen an dem, was in der Welt geschieht.“ (165).

P.S. Das Krebsbaumblühen bezieht sich offensichtlich nicht auf Tschernobyl 1986, sondern kennzeichnet eine lappische Legende, bei der die Sonne am Ende eines Erdzeitalters den nördlichen Wendekreis überschreitet und damit den Beginn einer neuen Epoche signalisiert (455).

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