Frösche im Hitzebad

Solche Anschläge wie auf den Weihnachtsmarkt in Berlin machen unmittelbar betroffen und führen zu oft recht scharfen Reaktionen. Was würde wohl passieren, wenn in Deutschland innerhalb einer Woche 7 000 Menschen umkämen, in Europa sogar 70 000? Solche eine Katastrophe mit so vielen Toter scheint unvorstellbar. Aber genau das ist passiert. Und zwar im Hitze-Sommer 2003. Nach einer Studie führte die Hitze im August 2003 dazu, dass ca. 70 000 Menschen in Europa starben, die ohne die Hitzewelle nicht gestorben wären (Robine et al. 2007).



Die Abbildung zeigt die Differenz zwischen der Anzahl der Verstorbenen im Zeitraum des Sommers 2003 im Vergleich mit der durchschnittlichen Sterbezahl zwischen 1998 und 2002 im jeweiligen Zeitraum (ebd.)

Wären dies Terroropfer, würden die Verhältnisse sicher auf den Kopf gestellt, aber als Hitzeopfer bleiben sie unter dem Radar unserer Aufmerksamkeit. Dass derzeit ungefähr 30% aller Arten von Säugetieren, Vögeln und Kriechtieren noch in diesem Jahrhundert vom Aussterben bedroht sind (Rockström 2009b), löst kaum ein Schulterzucken aus. Das neue Konzept „Planetare Grenzen“ (ebd.), das zeigt, dass die sicheren Bereiche der menschlichen Existenz auf diesem Planeten auf einigen Gebieten bereits weit überschritten sind, ist nahezu unbekannt. Dass die Umweltkapazität, also die Kapazität unseres Lebensraumes, menschliches Leben zu tragen, seit den 80er Jahren überschritten wurde, hat bisher so gut wie keine Konsequenzen. Dies liegt vor allem daran, dass die Folgen dieser Überschreitung regional meist gerade da zu spüren sind, wo die Menschen keinen Einfluss auf und auch so gut wie keinen Anteil an ihrer Verursachung haben. Deshalb halten wir es noch gut aus mit unserer Lebens- und Produktionsweise. Wir verhalten uns hier so wie die Frösche, die (angeblich) in einem immer wärmer werdenden Topf ausharren, bis das Wasser mit ihnen dann doch zu kochen beginnt und es zu spät ist.

Und wenn einige Frösche von anderswo noch rausspringen, wollen nicht wenige von uns sie auf keinen Fall in unserem eigenen Töpfchen haben… Manche von uns suchen durchaus nach kühlen Stellen im Napf. Oder nach den kühlenden Tropfen von irgendwoher. Die alternativen Konzepte kommen kaum über das seit den 70er Jahren Tradierte von Ökodörfern, Gemeinwirtschaft oder Solidarischer Ökonomie hinaus. Sie versuchen, zu rettenden Inseln zu werden, aber sie drohen mit zerkocht zu werden.

Nur noch Utopien sind realistisch…

Inzwischen verkünden sogar die Vereinten Nationen Utopien. Mit der Agenda 2030 sollen auf der Welt Armut und Hunger beseitigt und Nachhaltigkeit durchgesetzt werden und dabei soll „niemand zurückgelassen“ werden. Da diese Utopie überhaupt nicht analysiert, welche Ursachen bis jetzt die Erfüllung dieser guten Wünsche verhindert haben, kann sie nur abstrakt und unerfüllbar bleiben. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) schreibt auf seiner Webseite etwas von einer „Umgestaltung von Volkswirtschaften hin zu nachhaltiger Entwicklung, beispielsweise durch verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster und sauber und erschwingliche Energie“. Dabei stehen wirklich „verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster“ den Prinzipien von Profit und Wachstum diametral entgegen.

Wenn Oskar Negt schreibt, „Nur noch Utopien sind realistisch“ (2012), so können damit nur ganz andere Utopien gemeint sein. Es geht nicht mehr darum, als Utopie ein „Besserwerden“ zu wünschen, es kann nicht mehr nur darum gehen, das Vorhandene zu optimieren –, nein, es muss vollständig in Frage gestellt werden.

Dieter Kraft (2012) machte darauf aufmerksam, dass der Wortschöpfer für das Wort „Utopie“, Thomas Morus, genau dies bezweckte. Morus lebte in der Zeit der sog. „ursprünglichen Akkumulation“ des Kapitalismus, in der die alte Welt zerstört wurde, was auch von ihm als katastrophal empfunden wurde. „Utopia“ war kein „verspielter Entwurf eines idealen Staates“, sondern „eine Denkschrift, die den Ausweg aus der Katastrophe weisen will“. Es geht um die „notwendigen Frage nach dem möglichen Ausweg eines Staates, der vor dem Abgrund steht.“ Es geht nicht um ein Besser-Leben, sondern ums Über-Leben. Das ist auch der Grund, warum die Utopien von Morus und noch mehr die „Sonnenstadt“ von Campanella so unerträglich repressiv wirken. Es gibt zwar weder Geld noch Privateigentum, aber auch keine Allmende-Idyllen.

Im 21. Jahrhundert geht es auch wieder um das Ganz-Andere, aber diesmal hoffentlich ohne Verzicht auf das bessere Leben. Die beiden Utopietypen des Über- und des Besserlebens müssen verbunden werden. Wie das gehen soll angesichts des notwendigen Zurückruderns beim Zugriff auf Ressourcen und der Naturzerstörung, ist noch weitgehend offen. Noch versuchen die meisten Frösche, ihre jeweils privilegierte Stellung auf einer gekühlten Insel gegen andere, die noch aufspringen wollen, zu verteidigen. Heißes Wasser brodelt immer mehr, Chaos und Turbulenzen werden weiter zunehmen, Terroranschläge, Sicherheitsaufrüstung, populistische Erfolge prägen die Zeit – Keimformen lebenswerter human-ökologischer Initiativen drohen unter zu gehen. Wir haben früher mal auf den Schmetterlingseffekt für diese Keimformen gehofft, also darauf, dass in sog. „sensiblen Phasen“ der Entwicklung dominante Strukturen aufbrechen und das kommende Neue sich freisetzen und vervielfältigen kann. Der Schmetterlingseffekt gilt aber auch für die Elemente des Schreckens. Was sich da entpuppt, müssen wir leider täglich erleben. Es heißt immer, die Zukunft sei offen. Die Hoffnung, dass schon wieder einmal alles gut gehen könnte, ist billig zu haben und wird im Alltag von den allermeisten von uns praktiziert. Was aber, wenn wir tatsächlich einen Plan B oder C brauchen? Es ist aber keine Alternative, nur jeweils alleine aus dem immer heißer werdenden Kochtopf zu springen – wir brauchen Netzwerke der Solidarität, aus denen heraus nichtkapitalistische Lebens- und Produktionszusammenhänge sprießen. Das ist kein Wunschtraum mehr, sondern wird pure Überlebens-Notwendigkeit.

Literatur

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)(2015): Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Kraft, Dieter (2012): Utopie – Verständnis und Missverständnis einer verbogenen Kategorie. In: UTOPIE. Magazin für Sinn & Verstand.

Negt, Oskar (2012): Nur noch Utopien sind realistisch. Politische Interventionen. Göttingen: Steidl

Robine, Jean Marie; Cheung, Siu Lan Le Roy, Sophie; van Oyen, Herman; Herrman, Francois richard (2007): Report on excess mortality in Europe during sommer 2003. (EU Community Action Programme for Public Health, Grant Agreement 2005114).

Rockström, Johann (2009): A safe operating space for humanity. Nature. Vol. 461 (461) Sept. 2009, p. 472-475.


P.S.:


Die erste Version dieses Textes erschien in der Februar/März-Ausgabe der Zeitung „Der Rabe Ralf“
und ist auch als pdf abrufbar.


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