Ich werde am nächsten Wochenende zur Erarbeitung eines Wörterbuchs mit beitragen. Um die Arbeit eines Autors zum Eintrag „Menschenbild“ einschätzen zu können, habe ich selbst zusammen getragen, was ich dazu habe. Das Ergebnis kommt in den nächsten Tagen hier in einigen Beiträgen.


http://www.thur.de/philo/kp/mensch.htm

(„Laßt uns das Menschenbild vollenden“ – Radierung von Heinz Plank)

Jede und jeder von uns hat bestimmte Vorstellungen, wie Menschen normalerweise sind und was Menschen gegenüber anderen Lebewesen auszeichnet. Diese Vorstellungen hängen eng mit eigenen Erfahrungen zusammen, aber auch mit der Kultur, in der wir aufwachsen und den Menschen“bildern“, die uns hier begegnen. Beides, die eigenen Erfahrungen wie auch die kulturellen Bilder können sich im Verlaufe von kürzeren oder längeren Zeitepochen auch deutlich verändern.

Menschen“bilder“ im Laufe der Geschichte
Aristoteles (384-324 v.u.Z.) nahm an, dass die Besonderheit des Menschen darin besteht, nach dem sittlich Guten zu streben, was er nur in Gemeinschaft kann. Er benötigt dazu Vernunft und Willensanstrengung:

„Das Sittliche liegt demnach ebenso wie das Unsittliche in unserer Macht. Denn da wo das Handeln bei uns steht, steht bei uns auch das Unterlassen, und umgekehrt, wo das Unterlassen, da steht auch das.“ (Aristoteles: 106).

Im christlichen Neoplatonismus Plotins (um 204 – 270) ist dem menschlichen Sein die Aufgabe gestellt, dem Abfall vom Einen entgegenzuwirken, die Entfremdung von ihm aufzuheben, d.h. selbst Geist zu werden. Jede Person ist deshalb in Bewegung: „Person ist nicht, sie wird erst“ (nach Hirschberger I, S. 310.). Pico della Mirandola (1463 – 1494) in der Renaissance wiederum stellte sich den Menschen als sich selbst frei gestaltendes Wesen vor:

„Du sollst deine Natur ohne Beschränkung nach deinem freien Ermessen selbst bestimmen.“ (zit. in Schwaetzer 1997: 151)

René Descartes (1596 – 1650) gibt dem Menschen geistige Freiheit, indem er Geist und Materie so trennt, dass das Geistige dem Mechanischen des Körperlichen nicht folgen muss. Baruch (auch Benedictus) de Spinoza (1632 – 1677) wiederum sieht Geistiges und Materielles als Attribute einer Substanz und sieht einen Menschen nur dann als frei an, „wenn er sich von seiner Vernunft leiten läßt; denn nur dann wird sein Handeln von Ursachen bestimmt, die allein seine Natur angemessen erfassen kann, auch wenn sein Handeln von diesen Ursachen mit Notwendigkeit bestimmt wird.“ (Spinoza 1677/1988: 18).

Thomas Hobbes (1588 – 1679) wird zum Denker der bürgerlichen Isolierung der Menschen. Sie würden ohne Staat in einem ständigen Kampf aller gegen alle stehen. Sie sind nicht frei, sondern folgen den Notwendigkeiten ihrer Physis. Nur das Streben nach Selbsterhaltung bringe die Menschen auch dazu, Frieden anzustreben. Das gelingt ihnen durch einen Gesellschaftsvertrag durch den sie sich einer Staatsgewalt unterwerfen, die den Willen, „der als Wille aller gilt“ durchsetzt. Bei Immanuel Kant (1724 – 1804) gehört der Mensch beiden Welten an, der Sinnlichen, aber auch jener von Verstand und Vernunft (Kant 1787/1993, B 574-575). Dem Menschen wohnt ein Vermögen bei „sich, unabhängig von der Nötigung durch sinnliche Antriebe, von selbst zu bestimmen“ (ebd.: B 562).

Bei Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) wird die Dynamik aus dem Ich heraus verstärkt: Für Intelligenzen gibt es „mannigfaltige Handlungsmöglichkeiten, unter denen allen, […] ich auswählen kann, welche ich will…“(Fichte 1801/197: 31). Auch für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) macht das Geistige die Besonderheit des Menschlichen aus:

„Insofern der Mensch als Naturwesen ist und sich als solches verhält, so ist dies ein Verhältnis, welches nicht sein soll. Der Geist soll frei und das, was er ist durch sich selbst sein.“ (Hegel 1817/1986 I: 90)

Gleichzeitig ist bei ihm der Mensch wieder als Wesen in Gemeinschaft betrachtet:

„Die Gemeinschaft der Person mit anderen muß daher wesentlich nicht als eine Beschränkung der wahren Freiheit des Individuums, sondern als eine Erweiterung derselben angesehen werden“ (Hegel 1801: 82).

Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) betonen erstmals die re/produktive Tätigkeit als Wesensmerkmal der Menschen: „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie fangen an, sich von den Tieren zu unterschieden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren […]“ (Marx, Engels 1845-46: 21). Dabei meiden sie spätestens ab 1845 feste Wesenszuschreibungen (die es vorher als „Gattungswesen“ bei Marx noch gab):

„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen […] sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie durch ihre eigne Aktion erzeugten“ (Marx, Engels 1845-46: 20).

In der Praxisphilosophie und bei Ernst Bloch (1885-1977) wird wieder eine Vorstellung des Menschen eingeführt, bei der dem Menschen in Streben ins Bessere geradezu als Wesens-merkmal zugesprochen wird. Bei Bloch ist „der Mensch die reale Möglichkeit alles dessen, was in seiner Geschichte aus ihm geworden ist und vor allem mit ungesperrtem Fortschritt noch werden kann“ (PH: 271) und auch Gvosden Flego (1946…) schreibt:
„Das Wesen des Menschen ist nicht das, was er schon ist, sondern das, was er noch werden kann“ (Flego 1995:75).

Die Ansichten der DDR-Philosophie in Bezug auf den Menschen fasste Herbert Hörz (1933…) in folgender Definition zusammen:

„Menschen sind Natur- und Vernunftwesen, Gestaltungs- und Sozialwesen, die in der Lage sind, durch gesellschaftliche Bedingungen und ihre revolutionäre Veränderung bestimmt, ihre Existenzbedingungen effektiver und humaner zu gestalten“ (Hörz 1989: 41).

(ausführlicher siehe Schlemm 2001a)


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