Ist es nur einer Rockband gestattet, sich wenigstens zeitweise in melancholischen Unter-gangsvisionen zu ergehen? „Way Down We Go“ spielt die isländische Gruppe Kaleo in einem Vulkan . Das ist der Sound zu dem folgenden Text.


Wie lange kann es noch gut gehen, dass wir Menschen die Biokapazität des Planeten Erde seit den 80er Jahren überschreiten und mehr vernutzen und zerstören, als sich wieder regenierieren kann? Wie lange können die Treibhausgasemissionen noch ansteigen, bevor der Klimawandel nicht mehr nur für Menschen „ganz weit weg von uns“ existenziell gefährlich wird? Von Katastrophenwarnungen will niemand etwas hören, „Alarmismus“ wird abgelehnt.

In einer Publikation des Umweltbundesamts wurde davor gewarnt, die Gefahren des Klimawandels zu offensiv zu kommunizieren: „Die Risiken des Klimawandels können zu Verdrängungsreaktionen oder sogar zu fatalistischen Reaktionen („Ich kann ja doch nichts tun.“) führen. Um diese Reaktionen von vornherein zu verhindern, sollte ein „Katastrophismus“ – d.h. die Betonung von potenziellen Klimafolgen katastrophalen Ausmaßes – vermieden und die Kommunikation von Risiken immer mit der Kommunikation von Anpassungsmöglichkeiten verbunden werden.“ (Zebisch .a. 2005: 11). Das funktioniert auch gut. Die Menschen sind weitgehend beruhigt und eine Umfrage des Umweltbundesamtes ergab, dass 17% der Menschen in der BRD „der Meinung sind, dass es bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit erst einmal Fortschritte geben muss, bevor man sich Umwelt- und Klimaschutz leisten kann“ (UBA 2017: 10).

Wir verlassen die sichere Zone
Auch wenn schon lange von Öko-Katastrophen gesprochen wird und z.B. vom Waldsterben keiner mehr spricht und auch die Ozonschicht gerettet werden konnte, heißt das nicht, dass es nicht in Wirklichkeit doch noch weiträumig zu katastrophalen Verhältnissen kommen könnte. „Katastrophal“ könnte es werden, wenn die Klimaverhältnisse aus stabilen rückgekoppelten Wechselwirkungen rausrutschen und die Wetterverhältnisse extrem instabil werden. Nicht, dass es 2 oder 3 Grad wärmer wird und sich die Klimazonen irgendwie anpassen werden, macht die Gefahr aus, sondern dass wir gerade dabei sind, eine sichere Zone von Umweltbedingungen zu verlassen, die die Menschheit 11 000 Jahre in ihrer Entwicklung getragen und unterstützt hat. In dieser Zeit wich die globale durchschnittliche Temperatur zeitweise nur jeweils um plus oder minus 0,75 Grad vom Durchschnitt für diese Zeit ab. Erdgeschichtlich wird dieses erstaunlich temperaturstabile Zeitalter Holozän genannt.


Abb. 1: Das Holozän als besonders temperaturstabiles Zeitalter
(verändert nach Wikipedia: Globale Erwärmung)

Auch die bekannten historischen Abweichungen, wie die mittelalterliche Warmperiode oder die Kleine Eiszeit lagen global gesehen noch innerhalb einer (in der folgenden Abbildung türkis dargestellten) begrenzten Schwankungsbreite.

Abb. 2: Temperaturverlauf im Holozän (aus Spratt 2011)

Inzwischen bewegen wir uns vom Mittelwert recht schnell aus diesem stabilen Bereich heraus. 1990, als ich zum ersten Mal darauf aufmerksam wurde, betrug der Anstieg lediglich 0,5 Grad gegenüber dem Wert vor der Industrialisierung. Inzwischen überschreitet die globale durchschnittliche Temperatur diesen Wert in mehreren Jahren hintereinander um mehr als 1,4 Grad. Wahrscheinlich erleben wir mit den bis jetzt noch ungewöhnlichen Wetterkapriolen von abwechselnder Hitze und folgenden schweren Unwettern den Anfang der Destabilisierung von jahrtausendelang gewohnten Wettermustern, die mit dem Klima-Umbruch einhergehen.

Mit diesem Ausbruch aus den holozän-sicheren Klimabedingungen und den anderen Überschreitungen der sog. Planetaren Grenzen eröffnet die Menschheit das Zeitalter des „Anthropozäns“. Dies ist aber gute Botschaft, sondern eine Drohung.

Wo stehen wir?

Seit über einem Vierteljahrhundert verfolge ich, wie zuerst die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ und später die IPCC-Berichte immer wieder ausführen, warum es wichtig ist, so schnell wie möglich die Emission von Treibhausgasen drastisch zu senken. Und genau so lange erlebe ich, dass dieses Ziel nicht einmal ernsthaft angesteuert wird, sondern das Anwachsen der Emissionen sogar noch die pessimistischsten Prognosen der damaligen Zeit übersteigt. Seit einem Vierteljahrhundert wissen wir, dass wir „in den Knick“ kommen müssen – von einem beständigen Anstieg der Emissionen zu einer beständigen Senkung. Den führenden Industrieländern ist tatsächlich eine leichte Senkung der Emissionen gelungen, allerdings auch bei nur schwach steigerndem Wirtschaftswachstum. Es ist sicher nicht ganz falsch, die Erfolge bei der Steigerung der Energieeffizienz vor allem ökonomischen Sparinteressen zuzuschreiben. In die Bilanz der BRD geht auch die De-Industrialisierung und teilweise Modernisierung der DDR ein. So wird vom Bundeswirtschaftsministerium festgestellt: „Neben zahlreichen energie- und umweltpolitischen Maßnahmen ist der Rückgang der CO2-Emissionen in hohem Maße auf die Wiedervereinigung und die damit verbundene Modernisierung des gesamten Kapitalstocks zurückzuführen: Allein in den ersten zehn Jahren seit 1990 konnten die CO2-Emissionen um gut 207 Mio. t reduziert werden, in den darauffolgenden zehn Jahren nur noch um 102 Mio.t; ein Hinweis darauf, dass die relativ kostengünstigen Minderungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, weitere Minderungen also nur unter Inkaufnahme zusätzlicher Kosten erreicht werden können.“ (BMWI 2013: 49)

Die Zwickmühle wird immer enger: Einerseits werden diese zusätzlichen Kosten nicht zur Verfügung gestellt, bzw. die notwendigen umfassenden Transformationen der Produktions- und Lebensweise nicht in Angriff genommen, andererseits schließen sich die „Fluchttüren“ des Klimawandels. Insbesondere Kohlendioxid bleibt über 100 Jahre in der Atmosphäre, es sammelt sich also immer weiter an. Je später wir beginnen, die Emissionen zu senken, desto stärker muss die Senkungsrate sein, um den Anstieg der mittleren globalen Temperatur seit Beginn des Industriezeitalters noch auf bestimmte Werte zu begrenzen. Die folgende Abbildung zeigt, dass bei einem sofortigen Beginn der Reduktion ungefähr eine Senkung von 6% pro Jahr notwendig ist, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie in Paris als Ziel diskutiert wurde. Im Jahr 2020 ist es dafür zu spät. Dann muss auch für das Ziel einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad schon eine Senkungsrate von ungefähr 3,2 % erreicht werden und ab ca. 2035 ist es auch dafür zu spät.


Abb. 3: Das Schließen der „Fluchttüren“ (ergänzt aus Stocker 2013a: 280).

Die berühmte 2-Grad-Grenze wurde einst eingeführt, weil man annahm, bei Temperatursteigerungen, die im globalen Mittel unter 2 Grad bleiben, wären die Folgen noch verkraftbar (tolerabel) und erst ab Steigerungen um 2 Grad und mehr würden gefährliche Folgen eintreten. Inzwischen musste festgestellt werden, dass viele der Prozesse wie das Abschmelzen des Eises viel schneller vorangehen, als bisher prognostiziert. Das liegt daran, das manche das Schmelzen verstärkenden Prozesse, wie sog. Gletschermühlen und geschmolzene Schichten zwischen Erde und Eis, auf denen das Eis schneller wegrutscht, bereits stärker wirken sind, als früher angenommen. Deshalb muss mittlerweile davon ausgegangen werden, dass schon bei einer mittleren globalen Temperaturerhöhung von zwei Grad gefährliche Prozesse geschehen und über 2 Grad „sehr gefährliche“ Folgen zu befürchten sind.

Bedrohlich ist dabei vor allem, dass höchstwahrscheinlich mehrere Schwellwerte in den sich selbst stabilisierenden Wechselwirkungsnetzwerken auf dem Land, in den Ozeanen und der Atmosphäre überschritten werden und wichtige stabilisierende Elemente ins „Kippen“ kommen.  Unsere Umweltverhältnisse werden sich nicht nur nach und nach verändern, woran wir uns sicher noch problemlos anpassen könnten. Beim Überschreiten bestimmter Schwellwerte „kippen“ vernetzte Systeme in völlig unvorhersehbare neue Zustände und wir nähern uns diesen Schwellwerten oder haben sie teilweise schon überschritten. Mit diesem Wissen muss man letztlich konstatieren, dass es bereits „5 nach 12“ ist. Es steht nicht nur ein mehr oder weniger sanfter Klimawandel bevor, sondern ein Klima-Umbruch.

Der Hitzesommer mit ca. 70 000 zusätzlich Gestorbenen in Europa ist nur ein Vorgeschmack auf das, was wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erleben werden. In die Langzeitprognose (rosa eingefärbter Bereich) des Deutschen Wetterdienstes in der nächsten Abbildung wurde die ungefähre Lebensspanne von jetzt geborenen Kindern und Enkeln eingezeichnet. Schon sie werden eine andere Umwelt haben als wir und unsere Vorfahren über 11 000 Jahre hinweg.

Abb. 4: Erlebte und erwartete Temperaturentwicklung
(ergänzt nach DWD 2017)

Dass das Klima sich aus der „sicheren Zone“ entfernt, hat nicht nur direkte Auswirkungen auf unser Wohlbefinden. Die Extremwetterereignisse und Verschiebungen klimatischen Zonen werden landwirtschaftliche Ergebnisse massiv beeinträchtigt. Schon jetzt müssen viele Menschen wegen jahrelangen Dürren und schweren Überschwemmungen flüchten. Seit 2008 mussten pro Jahr ungefähr 22,5 Millionen Menschen aus wetter- und klimabedingten Gründen umgesiedelt werden. Durch die Lebensgrundlagen der Menschen zerstörenden Folgen des Klima-Umbruchs werden kriegerische Konflikte heraufbeschworen und angeheizt, wie es sich jetzt schon in besonders gefährdeten Regionen deutlich zeigt. Der Klima-Umbruch gilt in allen sicherheitsrelevanten Prognosen als einer der Haupttreiber der Gefährdung von Biosphäre, menschlichem Leben und wirtschaftlicher sowie politischer Stabilität. Antonio Guterres, bis 2015 Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, warnte schon vor 10 Jahren: „Ohne eingreifende Maßnahmen werden Klimawandel, Umweltverschmutzung und Naturkatastrophen das Leben in vielen Teilen unseres Planeten zunehmend unmöglich machen.“ (Guterres 2007)

Hier zeigt sich, dass die Probleme, über die sich Deutsche in der Umfrage des Umweltbun-desamtes besorgt zeigten, eng zusammen gehören. So stand für 55% das Thema „Zuwanderung, Migration“ im Vordergrund, für 47% das Thema „Kriminalität, Frieden, Sicherheit“ und nur für vergleichsweise wenige 21% das Thema „Umwelt- und Klimaschutz“. Wie wenig unsere Gesellschaft bereit ist, geflüchtete Menschen zu unterstützen und aufzunehmen, wurde in den letzten beiden Jahren bereits deutlich. In dieser gesellschaftlichen Stimmung sehe ich eine größere Gefahr als von der Erhöhung der Temperatur.

Die Tatsache, dass die Länder, die die Treibhausgase maßgeblich verursachten und verursachen häufig weit weg von den Regionen liegen, in denen die Folgen jetzt schon erlitten werden müssen, vereinfacht die Lage keinesfalls. Höchstens in den USA könnte man noch erwarten, dass die selbst erlebten Katastrophen zu einem Umdenken durch eigene Erfahrungen führen könnten, aber gerade da scheint das wenig zu funktionieren…

Wir stehen also längst nicht mehr einen Schritt vor dem Abgrund, sondern sind schon einen Schritt weiter gegangen, ohne zu merken, dass der Fuß schon keinen Grund mehr findet…

Was brauchen wir?

Mit „ein wenig sparen“ werden die Gefahren nicht umgangen werden. Nicht nur linke Revoluzzer, sondern sogar der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ geht davon aus, dass eine „Große Transformation“ in der Lebens- und Wirtschaftsweise notwendig sein wird. (WBGU 2011) Das Ziel wird hier, wie in vielen Debatten seit den 90ern, als „Nachhaltigkeit“ bestimmt, also einer Entwicklungsform, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“ (ebd.: 419). Diese Große Transformation wird hinsichtlich der Eingriffstiefe verglichen mit der Entstehung des Ackerbaus und später der Industriegesellschaft. Rainer Fischbach spricht von einem „Umbau der gesamten soziotechnischen Struktur – einschließlich des Aufbaus einer flächendeckenden Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs, zukunftsfähiger Netze für Energie und Telekommunikation, der Umgestaltung des Artefakt-Universums nach Maßgabe der Kriterien Sparsamkeit, Wiederverwendbarkeit und Reparierbarkeit, des Umbau des Wohnraums bis hin zu den Siedlungsstrukturen unter den Zielsetzungen einer Reduktion des Verkehrs- und Klimatisierungsaufwands … etc.“ (Fischbach 2015: 205).

Über damit verbundene Gesellschaftsformen und deren Möglichkeiten und Grenzen wird beim Wissenschaftlichen Beirat nichts ausgesagt. Es geht dort primär um eine grundsätzliche Umgestaltung der Energiesysteme, des Verkehrssektors und der Landnutzungsweise – alles vor allem im Sinne einer Dekarbonisierung, d.h. des Übergangs von kohlenstoffreichen Energiequellen zu CO2-emissionsfreien Energienutzungsformen und wirtschaftlich höchstes um „neue Geschäftsmodelle für eine klimaverträgliche Gesellschaft“ (ebd.: 153). Im Kapitel „Hindernisse und Blockaden für die Transformation“ gibt es die schnoddrige Überschrift. „It´s politics, stupid!“. Zu ergänzen wäre: „It´s capitalism, stupid!“.

Worauf können wir hoffen?

Von Seiten der Natur könnten wir auf einen oder mehrere starke Vulkanausbrüche hoffen, die die Sonneneinstrahlung auf die Erde blockieren…. Allerdings würde dies nur wenige Monate oder Jahre helfen und die Ursache nicht beseitigen.

Die größte Hoffnung wird nach wie vor auf eine Entkopplung der Wirtschaftsleistung von den Treibhausgasemissionen gelegt. Führende Industriestaaten konnten ihre „Kohlenstoffintensität“, also die CO2-Emissionen pro Wirtschaftseinheit, schon senken. Allerdings nur graduell, wirklich „in den Knick“ sind sie damit noch gar nicht gekommen. Wie im Zitat vom Bundeswirtschaftsministerium schon mitgeteilt wurde, sind „die relativ kostengünstigen Minderungspotenziale weitgehend ausgeschöpft“. Und alle Wegzeichen deuten auf einen Krebsgang in der Klimapolitik hin: Abwürgen der Energiewende, ein kontraproduktiver Bundesverkehrswegeplan, Steigerung der Emissionen aus der Landwirtschaft, u.a. durch die industrielle Massentierhaltung usw. usf.

Können wir auf den vom Wissenschaftlichen Beirat gelobten Fortschritt im Wertewandel und ein verändertes individuelles Verhalten der Menschen hoffen? Die CO2-Fußabdruckrechner, die solche Verhaltensänderungen bestärken sollen, zeigen auch, dass bei Eintragungen, die dem maximal möglichen ökologischen und treibhausgaseinsparenden Verhalten entsprächen, der individuelle bzw. familiäre CO2-Ausstoß immer noch ungefähr beim Dreifachen des nachhaltig möglichen Werts liegt. Ohne strukturelle Veränderungen in der Infrastruktur, der Produktionsweise und der Lebensweise tut sich durch „ein wenig sparen“ so gut wie nichts, auch wenn deswegen nicht davon abgeraten werden kann.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat also Recht: was wir brauchen, ist eine wirklich Große Transformation.

Was ist wahrscheinlich?

Ungeachtet dieser eigentlich notwendigen Umsteuerung ist es am wahrscheinlichsten, dass weiter das Szenario „Business as usual“ gefahren wird. Der gewünschte Wohlstand ist scheinbar nur mit einer „brummenden“ Wirtschaft halt- und ausbaubar, bei der an eine Senkung des Produktionsausstoßes zugunsten haltbarer und reparierbarer Produkte oder gar der Verzicht auf marketingtechnisches Anheizen des Konsums kaum zu denken ist. Außerdem beruht die dominierende kapitalistische Wirtschaftsweise strukturell auf der Auslagerung von allen Aufwendungen, die nicht Profit bringen. Und da in den letzten Jahrzehnten auch die Staaten ausgeblutet wurden, ist von denen nicht viel mehr zu erwarten an zu leistenden Umstrukturierungsmaßnahmen. Sogar wenn sie wegweisenden Strategien in Richtung Nachhaltigkeit aufzeigen würden, würden sie schnell an die Grenzen von ökonomischen Interessen stoßen. Kaum eine Stadt kann es sich beispielsweise bei beibehaltenem Standortwettbewerb leisten, freiwillig auf Größe, Verkehr und Industriestandorte zu verzichten. Während im vorigen Jahrhundert die zeitweise breitenwirksame Befriedung sozialer Konflikte gelang, in dem die arbeitenden Menschen am erzeugten Reichtum mehr und mehr beteiligt wurden, ohne dass die Profitinteressen Schaden nahmen, gibt es für umweltbezogene Bedürfnisse keine zahlungskräftige Nachfrage, auf die eine Marktwirtschaft setzen könnte.

Aufgrund des „Business as usual”-Trends werden mit großer Wahrscheinlichkeit die schlimmstmöglichen Szenarien der globalen Temperaturerhöhung mit allen destabilisierenden Folgen verwirklicht. Es wird viele lokale und regionale Katastrophen wie den Hurrikan Katrina oder den Sturm Lothar oder Überschwemmungen wie an der Elbe 2002 und in Bayern 2016 geben, während die Versicherer sich zurückziehen und auch Bayern gerade beschlossen hat, Hochwasseropfern keine Soforthilfe mehr zu zahlen (wenn ihre Schäden versicherbar gewesen wären). Die Rückversicherer beobachten seit langem einen ständigen Anstieg von Schäden, die mit dem Klima zu tun haben. Im Rest der Welt sind bereits Millionen von Menschen wegen Dürre oder Überschwemmungen aus ihrer Heimat geflohen, meist nur in die benachbarten Gebiete. Und obwohl nie ein einzelnes Extremwetterereignis direkt dem Klima-Umbruch zugeschrieben werden kann, wird deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit für deren Auftreten wächst und wächst. Dabei ist der Klima-Umbruch nur ein Faktor, der das Überschreiten der Planetaren Grenzen auf vielen Gebieten in ihrer Wirkung noch verstärken wird.

Es ist für die nächsten Jahrzehnte zu erwarten, dass nicht nur Flüchtlinge an unsere Grenzen stoßen, sondern andere Klima-Umbruch-Folgen zu einem mehr oder weniger schrittweise erfolgenden Zusammenbruch von ökologischen Milieus und den darauf beruhenden wirtschaftlichen Einheiten, besonders der Landwirtschaft, führen werden. Steigende Meeresspiegel und Stürme bedrohen Seehäfen, über die 90% der Welthandelsströme abgewickelt werden. Stromtrassen fallen immer öfter Stürmen zum Opfer, zerstörte Verkehrswege behindern „Just-in-Time“-Produktionsnetzwerke. Die enge Verzahnung vieler global vernetzter Wirtschaftsbeziehungen wird mehr und mehr Risse bekommen, die sich in einem mehr oder weniger rasanten „Zerbröckeln“ der Wirtschaft zeigen wird, wobei sich die sowieso vorhandene ökonomische Fragilität und die Gefährdung durch solche scheinbar natürlichen Störungen hochschaukeln kann. Wie Menschen mit dieser Situation umgehen, ist noch am schlechtesten vorherzusagen. Entstehen solidarische neue Wirtschafts- und Lebensformen, wie wir es z.T. in Griechenland erleben? Oder setzen sich ausgrenzende, nationalistisch-egoistische Strömungen durch, wie in den meisten Ländern Europas und großen Bereichen Nordamerikas? Jedenfalls könnten durch einen wirtschaftlichen Niedergang über längere Zeit hinweg die Treibhausgasemissionen dann doch sinken und der Anstieg der Temperaturen könnte irgendwo bei 4 Grad oder 5 oder 6 aufgehalten werden. Diese Aussage ist natürlich keine Wunschvorstellung, sondern benennt eine immer wahrscheinlicher werdende Gefahr. Die Welt hat sich dann bereits in unabsehbarer Weise verändert; die Menschheit muss in völlig instabilen Nach-Holozän-Bedingungen neue Formen des Lebens und Wirtschaftens erfinden.

Während bei allen Unwägbarkeiten von Zukunftsprognosen für die Natur noch einigermaßen zuverlässige Prognosen möglich sind, ist das Verhalten der Menschen – wie ich schon erwähnte – weniger prognostizierbar. Es ist deshalb ziemlich offen, ob und wann die Große Transformation schließlich als gemeinsame Kraftanstrengung aller Menschen dieses Planeten möglich sein wird. Die natürlichen Bedingungen für Landwirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und alles andere sind dann für Jahrhunderte und Jahrtausende aber schon instabil wie nie zuvor.

Und nun?

Wer ahnt und befürchtet, dass es so kommt, wie eben beschrieben, tut tatsächlich gut daran, diese Ahnung zu verdrängen. Denn man fühlt sich damit wie ein Rufer in der Wüste, wie Kassandra. Und kann doch wenig tun.

Wenn die Folgen des Klima-Umbruchs und der Zerstörung anderer geo-klima- und biosphärischer bisher selbstregulierenden Wechselwirkungsnetzwerke immer heftiger zuschlagen, wird es wahrscheinlich doch zu Versuchen kommen, die Sonneneinstrahlung durch irgendeine Art Geo-Engineering regulieren zu wollen. Dabei ist es fast unumgänglich, dass weitere unvorhersehbare nicht bewältigbare Prozesse angestoßen werden. Außerdem ist zu befürchten, dass der Verlust der relativen Stabilität zuerst zu einer stärkeren globalen Entsolidarisierung führen wird. Die wichtigste Aufgabe für Menschen, die ihre Augen nicht verschließen, besteht darin, sich dem entgegen zustellen.

Dazu ist es aber unumgänglich, keinen illusorischen Zweckoptimismus mehr aufzubauen. Natürlich hindert das nicht daran, zu bremsen, wo auch immer der Klima-Umbruch vielleicht noch zu bremsen geht. Aber ohne „in den Knick“ zu kommen, ohne eine Große Transformation ist die Gefahr nicht zu beseitigen.

Es müssen auch Anpassungsmaßnahmen in Angriff genommen werden. Nach der fast unbemerkten Katastrophe der 70 000 Hitzetoten von 2003 in Europa wurden Hitzewarnsysteme erneuert, in vielen Ländern und Regionen werden Klimaanpassungsstrategien entwickelt. Man kann das kritisieren, weil damit angeblich dem Kampf gegen den Klimawandel die Orientierung genommen würde. Aber es wäre unverantwortlich, nicht wenigstens damit anzufangen.
Viel wichtiger als vieles, was dort an technischen Umstellungen z.B. in der Landwirtschaft auf eher wärmeliebende, dürrevertragende Sorten genannt wird, sind für uns jedoch soziale und gesellschaftliche Kämpfe und Umstrukturierungen.

Klimagerechtigkeit ist ein leider etwas sperriger Begriff, der darauf aufmerksam macht, dass nicht zuerst wir als jene Menschen, in deren Wirtschaftssystem die Ursachen für die Misere stecken, unter den Folgen leiden, sondern jene Menschen, die an der Verursachung keinen oder so gut wie keinen Anteil haben. Auch wenn derzeit eher China und Indien zur weiteren CO2-Steigerung beitragen, so haben die dominierenden Industrieländer eine so große „Klimaschuld“, dass sie eigentlich sofort aufhören müssten, Treibhausgase zu emittieren, damit andere Länder noch eine Chance haben, eine einigermaßen produktive, natürlich nachhaltige, Wirtschaft aufzubauen.

Auch in den Industrieländern leiden unter den Klima-Umbruchfolgen vor allem alte und sozial nicht so gut gestellte Menschen sowie Menschen in benachteiligten Stadtteilen und Orten (Schad u.a. 2013: 166f.). Klimagerechtigkeit wäre bereits jetzt und überall notwendig. Die wichtigste Bemühung muss darauf gerichtet sein, dass Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das ist eine Frage der Kultur, der Menschlichkeit, ein wahrer Prüfstein der Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Zivilisation.

Wenn wir das durchsetzen wollen angesichts der zu erwartenden Umbrüche, d.h. wenn wir einfach menschlich bleiben wollen, dann können wir sicher nicht warten, bis die Regierung dem Aufruf ihres Wissenschaftlichen Beirats nach einer Großen Transformation folgt. Wir können sicher auch nicht erwarten, dass die Kanzlerin Merkel zu einer Art Klima-Gorbatschow wird und ihre Amtszeit mit der Dekonstruktion des atmo-geo- und biosystemgefährdenden kapitalistischen Systems beendet. Die anstehende Revolution müssen wir schon selber machen!


(Ausführliche Texte zum Klima-Thema:
https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2017/04/30/verlassen-der-sicheren-zone/)

Die Inhalte dieses Textes wurde zuerst als Kurzvortrag “Industrie 4.0 im Anthropozän” während der InkriT-Tagung am 11.4.2017 in Berlin vorgetragen.

Advertisements