Gibt es außerhalb des Kapitalismus auch „Arbeit“? Kann man für die Zeiten vorher schon von „Wirtschaft“ sprechen? Wie sieht es mit „Gebrauchswerten“ aus, wie mit „Subjekten“, mit „Vernunft“, mit „Politik“? Zu all diesen Begriffen gibt es in linken Kreisen immer mal wieder erbitterte Debatten darüber, ob sie in allen menschlichen Gesellschaften (sozusagen „überhistorisch“) vorhanden sind, oder nur dem Kapitalismus zuzuordnen sind. Wenn jemand einen der Begriffe überhistorisch verwendet, wird dies häufig als „Ontologisierung“ kritisiert und zurückgewiesen, so z.B. hier von Wertkritikern:

„Die abstrakte „Arbeit“ erschien demzufolge auch nicht als historische Realkategorie des Kapitalismus, sondern als ontologische ewige Menschheitsbedingung.“ (Ernst Lohoff, Robert Kurz 1998).

Ich selbst habe so etwas in einem aktuellen Blog-Kommentar „beinah als eine „Enteignung“ von Begriffen“ bezeichnet. Der Anlass war ein Vorwurf gegenüber einem anderen Autoren, dass die Aussage „Wirtschaft hat es immer gegeben“ eine Ontologisierung sei.

Mir fallen folgende Begriffe ein, die dementsprechend nur zum Kapitalismus bzw. höchstens noch zu anderen Ausbeutungsgesellschaften bzw. Gesellschaften mit exkludierenen Strukturen gehören sollen: Neben „Arbeit“ auch „Gebrauchswert“ (wozu es hier eine ausführliche Debatte gibt), „Wirtschaft“, „Eigentum“, „Politik“, „Vernunft“, „Subjekt“ und „Interesse“. Diese Liste lässt sich sicher bis ins Unendliche fortsetzen.

Ich denke, dass die für die Begriffe verwendeten Worte durchaus gleichermaßen für Begriffe verwendet werden können, die zueinander im Verhältnis des Allgemeinen und Besonderen stehen. Begriffshierarchien sind nichts Ungewöhnliches. Wikipedia bietet als Beispiel die Unterteilung es Oberbegriffs „Lebewesen“ in die Unterbegriffe „Mensch“ und „Tier“.

Die Katze neben mir ist ein Tier, sie ist damit auch ein Lebewesen. Sie hat alle Merkmale von Lebewesen, d.h. (wenn wir die klassische Begriffsbestimmung nach Porphyrios durchgehen) sie ist körperlich, sie ist beseelt und empfindend. Aber sie ist nicht vernünftig, was sie von mir als Menschen unterscheidet.

Die vollständige Hierarchie der Ober- und Unterbegriffe für diesen Fall zeigt die folgende Abbildung (aus Sowa in Wikipedia).

Solch ein Begriff erfasst das „wahrhaft Allgemeine“ (HW 8: 312, § 163 Zusatz 1), denn seine Unterbegriffe erfüllen den Oberbegriff vollständig. Alle Lebewesen fallen unter die Unterbegriffe, die einerseits die vernünftigen Lebewesen, andererseits die nicht vernünftigen Lebewesen erfassen. Die Unterscheidung zwischen Ober-und Unterbegriff erfolgt durch eine entsprechende spezifizierende Formulierung: Wenn ich von der Katze spreche, dann von einem empfindenden Organismus. Genau so sollte es doch möglich sein, von Lohnarbeit (oder eben „abstrakter Arbeit“ zu sprechen, ohne den damit gegebene Einheit mit konkreter Arbeit im Kapitalismus zu verleugnen) , wenn ich die Arbeit (Oberbegriff) im Kapitalismus (Unterbegriff: Arbeit im Kapitalismus) meine.

Eine unvollständige Art von Allgemeinheit – die abstrakte Allgemeinheit – entsteht, wenn das bloß Gemeinsame der Unterarten unter „Hinweglassung des Besonderen“ (ebd.: 311) erfasst wird. Solch ein Allgemeines liegt vor, wenn etwa die neben- oder nacheinander vorliegenden besonderen gesellschaftlichen Verhältnisse mit Unterbegriffen erfasst werden, deren Oberbegriff von den konkreten Arten der Gesellschaftlichkeit abstrahiert und das Gemeinsame aller dieser Arten erfasst. Indem dieser Oberbegriff das Gemeinsame (die Gesellschaftlichkeit/Vernünftigkeit) erfasst, lässt er sich wiederum unterscheiden gegenüber anderen Gemeinsamkeiten (z.B. der Tiere) und erweist sich dadurch wieder als Unterbegriff eines höheren Begriffs („Lebewesen“). Die Liste der Unterbegriffe kann in diesem Fall nie vollständig sein, weil sie nicht „aus dem Begriff“ abgeleitet werden kann.

Vollständig würde das Allgemein-Menschliche durch eine andere Besonderung, die wieder Vollständigkeit ermöglicht. Vorstellbar wäre die Unterteilung in „Klassengesellschaften“ oder „Nichtklassengesellschaften“, bzw. allgemeiner gefasst: „Gesellschaftsformationen mit wesentlich exkludierenden Strukturen“ und „Gesellschaftsformationen mit wesentlich inkludierenden Strukturen“.

Bei der Frage nach der „Ontologisierung“ „überhistorischer“ Merkmale befinden wir uns jedoch eher im Bereich der vorher diskutierten abstrakten Verallgemeinerung. Alles Überhistorische abstrahiert von den historischen Besonderheiten der als unterscheidbar bestimmten Gesellschaftsformationen. Aber die Merkmale der bestimmten Gesellschaftsformationen sind keine Momente einer vollständigen Allgemeinheit. (Nebenbei: Auch deshalb kann man die Kette der aufeinander folgenden Gesellschaftsformationen nicht „aus dem Begriff ableiten“).

Die fraglichen Begriffe „Arbeit“, „Wirtschaft“ usw. sind Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse. Im eingebürgerten Sprachgebrauch gibt für sie es i.a. gute Begriffsbestimmungen, die in vielen oder gar allen konkreten Formen menschlicher Gesellschaften zutreffen.

  • Arbeit: „Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.“ (Marx MEW 23: 192) bzw. bewusste, „kooperative Veränderung der Umweltgegebenheiten zur Erweiterung der allgemeinen Lebensmöglichkeiten“ (Holzkamp-Osterkamp 1976: 212) mit der Möglichkeit, sich nicht nur vorgegebenen Lebensbedingungen anzupassen, sondern diese in der gemeinsamen „produktiven“ Einflußnahme bewußt den gesellschaftlichen und individuellen Lebensnotwendigkeiten gemäß zu verändern (ebd.: 211f.)
  • Eigentum: Verhältnis zwischen Menschen in Bezug auf von ihnen genutzte und angeeignete Sachen: „Alle Produktion ist Aneignung der Natur von Seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform. In diesem Sinn ist es eine Binsenweisheit zu sagen, dass Eigentum (Aneignen) eine Bedingung der Produktion sei“ (MEW 42: 23). „Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums.“ (MEW 4: 475, vgl. dazu auch: „Der Kommunismus nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen.“ (ebd.: 477))
  • Wirtschaft: Handeln, das auf Nutzleistungen zur Bedürfnisbefriedigung bezogen ist (Weber 1922/1972: 199).

In den wertkritischen Debatten werden diese Begriffe nun i.a.so eng definiert, dass ihre Bestimmungen tatsächlich nur für den Kapitalismus, höchstens noch andere Klassen- bzw. exkludierende gesellschaftliche Verhältnisse zutreffen.

  • Arbeit: „Die „Arbeit“ muss weg, weil sie nichts anderes als die spezifische Tätigkeitsform der modernen ökonomischen Selbstzweck-Sphäre ist.“ (Ernst Lohoff, Robert Kurz 1998). Als überhistorischer Begriff wird „gesellschaftliche Produktion“ verwendet.
  • Eigentum: „In meinen Worten“ ist Eigentum „ein abstraktes Rechtsverhältnis einer Person […] in Bezug auf andere Personen und eine Sache. Eigentum definiert rechtlich die Exklusion Dritter von der Verfügung über eine Sache“ (Meretz 2012) Die nicht ausschließende Alternative soll „Besitz“ sein.
  • Wirtschaft: „Erst der Kapitalismus hat diese Tätigkeiten in Sphären aufgespalten, in Wirtschaft und den Rest.“ (Meretz 2017) Das dazu Alternative wird bezeichnet als „Aktivitäten zur vorsorgenden Herstellung aller Lebensbedingungen“

Dabei wird die Besonderheit des definierten Aspekts für kapitalistische Verhältnisse meist sehr prägnant erfasst, aber der Zusammenhang mit den allgemeinen oder anderen besonderen Formen wird abgeschnitten. Diese Umdefinition ist es, die ich als „Enteignung“ bezeichnete, weil diese Begriffe/Worte dann nicht mehr zur Verfügung für Begriffsbildungen stehen, die sich an den eingebürgerten Sprachgebrauch anlehnen. Zwar soll z.B. bei den Begriffen „Eigentum“ und „Besitz“ durchaus auch an die gewohnte Verwendung erinnert werden, aber der dabei benutzte Vergleich des Eigentums/Besitzes einer Mietwohnung (im Kapitalismus) bezeichnet eine ganz andere Sache (nämlich eine innerhalb des Kapitalismus) als den gemeinten Wesensunterschied (zwischen kapitalistischem Privateigentum und Commons als Besitz). Außerdem verstellt diese Abtrennung der Wortverwendungen die Erkenntnis geschichtlicher, gesellschaftsformübergreifender Zusammenhänge.

Philosophisch gäbe es noch mehr Interessantes zu diskutieren. Hier nur einige Hinweise aus einer Hegel-Lektüre dazu:

„Das Besondere enthält die Allgemeinheit, welche dessen Substanz ausmacht; die Gattung ist unverändert in ihren Arten; die Arten sind nicht von dem Allgemeinen, sondern nur gegeneinander verschieden. Das Besondere hat mit den anderen Besonderen, zu denen es sich verhält, eine und dieselbe Allgemeinheit.“ (HW 6: 280)

Auch eine Hierarchie des Allgemeinen und Besonderen kennt Hegel.

„… das Allgemeine hat hiernach eine Besonderheit, welche ihre Auflösung in einem höheren Allgemeinen hat. Insofern es nun auch nur ein relativ Allgemeines ist, verliert es seinen Charakter des Allgemeinen nicht, es erhält sich in seiner Bestimmtheit [….].“ (HW 6: 278) Eine Gattung kann als niedrigere Gattung „in einem höheren Allgemeinern ihre Auflösung“ haben (ebd.: 278f.). „Dies kann auch wieder als Gattung, aber als eine abstraktere aufgefaßt werden“ (ebd.: 279)

Die begriffslogische Darstellung des Verhältnisses von Allgemeinem und Besonderem findet sich in noch unentwickelter Weise bereits in der Wesenslogik als Verhältnis von Wesen und Erscheinung bzw. als Verhältnis von (unbestimmte) „Materie“ und geformtem Inhalt=inhaltsentsprechender Form. Daher ist es oft auch sinnvoll, das Verhältnis der fraglichen Begriffe als Verhältnis von „Wesen“ und „Existenzform“ zu diskutieren, oder eben als Verhältnis von (unbestimmter) „Materie“ und „Form“.


Literatur:

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 6): Wissenschaft der Logik II. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 6): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

Holzkamp-Osterkamp, Ute (1976): Motivationsforschung 2. Die Besonderheit menschlicher Bedürfnisse – Problematik und Erkenntnisgehalt der Psychoanalyse. Texte zur Kritischen Psychologie, Band 4/2. Frankfurt, New York: Campus Verlag. 4. Auflage 1990. 

Lohoff, Ernst; Kurz, Robert (1998): Was ist Wertkritik? MARBURG-Virus. Online: http://www.krisis.org/1998/was-ist-wertkritik/ (abgerufen 2017-07-21)

Marx, Karl, Engels, Friedrich (MEW 4): Manifest der Kommunistischen Partei. In: Karl Marx, Friedrich Engels. Werke. Band 4. Berlin: Dietz-Verlag 1959. S.459-493.

Marx, Karl (MEW 23): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. (1867) In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 23. Berlin: Dietz Verlag 1988.

Marx, Karl (MEW 42): Einleitung zu den „Grundrissen“. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Band 42. Berlin: Dietz Verlag 1983.

Meretz, Stefan (2012): Eigentum und Besitz und Commons. Online. http://keimform.de/2012/eigentum-und-besitz-und-commons/ abgerufen 2017-07-21)

Weber, Max (1922/1972): Wissen und Gesellschaft. Tübingen: Mohr.


 

 

 

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