Begriffsverwirrung

An einem Wort können sich Streite entzünden. Dabei scheint es so einfach zu sein. Marx schrieb im „Kapital“ zu den Gebrauchswerten:

„Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer ihre Form sei.“ (MEW 23: 50)

Demnach wird ein Ding zum Gebrauchswert, wenn es „menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt“ (ebd.: 49), d.h., wenn es nützlich ist.

Auf späteren Seiten im „Kapital“ wird der Gebrauchswert aber nur noch als Moment der Waren im Kapitalismus thematisiert, wobei der Gebrauchswert nun untrennbar vom Tauschwert wird, ja wo er zu so etwas wie „zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (MEW 23: 70) wird. Man kann den Gebrauchswert nun nicht mehr trennen von dem, dessen Erscheinungsform es ist, dem Wert.

Beide Betrachtungsweisen haben ihre Befürworter. Ich selbst bin durch beide durchgegangen. Zuerst, in meinem „ersten Leben“ in der DDR nahm ich die Lehre auf, dass die produzierten Dinge einerseits einen Gebrauchswert haben und andererseits als Ware auch Wert besitzen. Beides schien voneinander getrennt betrachtet werden zu können. Nach 1990 lernten wir neue Marx-Interpretationen kennen und eine davon schien besonders spannend: Die WertkritikerInnen um Robert Kurz betonen, dass letztlich der Gebrauchswert nicht trennbar ist vom Wertverhältnis, sondern dass er von vornherein bei der Produktion als Ware im Kapitalismus formbestimmt von dieser Gesellschaftsform ist. Diese Sichtweise wird in Beiträgen der Zeitschrift „Streifzüge“ mit dem Thema „Gebrauchswert“ gerade wieder bekräftigt.

Im Kapital-Lesekurs der „Zukunftswerkstatt Jena“ unterschieden wir (hier) für Begriffe wie „Ware“ und „Gebrauchswert“ zwei Bedeutungen: Einmal „Ware (1)“ und „Gebrauchswert (1)“ für Waren und Gebrauchswerte, wie sie in vielen Gesellschaftsformationen auftreten und zum anderen „Ware (2)“ und „Gebrauchswert (2)“ für ihre besondere Form im Kapitalismus. Durch die aktuelle Nummer der „Streifzüge“ wurde das Thema wieder aktuell. Besonders eindrücklich wurde die wertkritische Sichtweise dort von Stefan Meretz formuliert und in den Kommentaren des veröffentlichten Textes im Internet wurde an einen früheren Text von Stefan erinnert, an den sich eine ausführliche Debatte entwickelt hatte. Mit meinem Text zu Begriffshierarchien hatte ich versucht, die pure Gegensätzlichkeit der Sichtweisen zu überwinden und letztlich eine methodische Basierung der Unterscheidung von Begriffen (1) und Begriffen (2) zu liefern. Dieser Text soll das noch einmal aufgreifen und für den Begriff „Gebrauchswerte“ weiter führen.

Methodisches

Es gibt verschiedene Lesarten des „Kapitals“, die sich auf die Begriffsbildung, unter anderem auf die Interpretation des „Gebrauchswerts“, auswirken. Diese wiederum sind wichtig für die Handlungsziele, die man sich stellen kann. Die schon zitierten Bemerkungen von Marx zu Gebrauchswerten als „stofflichen Inhalt des Reichtums“, womit „menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt“ werden, scheinen für viele Gesellschaftsformen zu gelten, also auch die vor dem Kapitalismus existierenden und vielleicht auch die danach. Wenn man davon ausgeht, dass in diesen anderen Gesellschaftsformen Tauschwert bzw. Wert nicht mehr in dergleichen Weise wie im Kapitalismus die Ökonomie bestimmen, ist der Gebrauchswert (1) dann weitgehend unabhängig vom Tauschwert bzw. dem Wert. Es käme dann darauf an, den Gebrauchswert vor der Dominanz/Beherrschung durch den Tauschwert/Wert zu befreien.

Wenn es jedoch um Kernaussagen zum Kapitalismus selbst geht, dann wird der Gebrauchswert (2) nur noch als Erscheinungsform des Werts thematisiert, der selbst nur im Kapitalismus als sich verdinglichendes gesellschaftliches Verhältnis vorkommt. Dies führt in der wertkritischen Interpretation dazu, den Begriff „Gebrauchswert“ im Sinne von (1) abzulehnen und nur noch den „Gebrauchswert (2)“ zu verwenden. Es ginge dann nicht darum, die „Gebrauchswerte“ zu retten, sondern auch diese mit dem Gesamtkomplex der wertbestimmten Produktionsweise abzuschaffen. Auch die Begriffe „Nutzen“ (Schandl 2017: 288) und „Bedürfnis“ (Distelhorst 2017: 31) bleiben vor solcher Kritik nicht verschont.

Roman Rosdolsky unterscheidet den „Gebrauchswert als solchen“ (Rosdolsky 1959/2017: 11), was unserem Begriff (1) entspricht, von dessen „Modifizierung durch Formverhältnisse der bürgerlichen Ökonomie (ebd.), was ungefähr unserem Begriff (2) entspricht.

Auch Frigga Haug (1999) unterscheidet eine ursprüngliche Bedeutung (entsprechend (1), die allgemein-überhistorisch und gleichzeitig auch für konkret-historisch frühere Gesellschaftsformen gilt) und dessen Verkehrung im Kapitalismus (entsprechend (2)).

Marlene Radl und Verena Rauch unterscheiden unterschiedliche Abstraktionsebenen, wobei auf der ersten noch vom Kapital abstrahiert wird und in der einfachen Zirkulation Gebrauchswerte nicht als Waren thematisiert werden (dem Begriff (1)) und auf der zweiten Abstraktionsebene erscheint dann die ökonomischen Formbestimmung „unter gewissen Voraussetzungen“ (Begriff (2)) (Radl, Rauch 2017: 19).

Verständiges Schwanken

Diese beiden Sichtweisen und können auch total auseinander fallen. Die Sichtweise A) besteht dann in folgender Perspektive: Jedem Produkt bzw. jeder Ware kann ein Gebrauchswert zugeschrieben werden und manchen Produkten kommt zusätzlich noch ein Tauschwert/Wert zu, der dem Gebrauchswert aber äußerlich ist. Die Sichtweise B) leugnet die Möglichkeit der Trennung und bindet den Gebrauchswert direkt an die (ökonomische) Wertbestimmung für Waren im Kapitalismus. Einmal wird der Wert dem Gebrauchswert nur äußerlich zugeordnet gesehen (A), das andere Mal wird der Gebrauchswert nur als Moment des Werts gesehen (B). Wer sich ein wenig Mühe gibt, kann sich in beide Denkweisen hineindenken. Beide können auch überzeugend wirken. Wer sich nicht von vornherein entscheiden kann, kann dann zwischen beiden Betrachtungsweisen hin und her schwanken. Mich erinnert das an die sogenannten Kippbilder, wie z.B. bei dem berühmten Bild mit der jungen und alten Frau.

Für jene, die nur eins der Bilder sehen, hier das jeweils andere mit etwas verdrehtem und dadurch deutlich erkennbarem Gesicht (aus Missfeldt):

Haben wir eine Alternative wir diesem Schwanken oder dem Streit zwischen den Sichtweisen?

Das Hin und Her zwischen zwei möglichen Sichtweisen, die einander ausschließen, kennt der Philosoph Hegel als typische Verhaltensweise des verständigen Denken. Der Verstand ist notwendig, um überhaupt Unterscheidungen treffen zu können. Dabei werden bestimmte Merkmale festgehalten und von anderen Zusammenhängen wird abstrahiert. Das Hin- und Herschwanken entsteht dann, wenn trotzdem etwas Gemeinsames vorhanden ist, von dem abstrahiert wurde, wenn jeweils nur eine Sichtweise eingenommen wird.

Die Einheit in der Vernunft

Für das ganze Bild sind beide Teilbilder notwendig und das Begreifen ihres Zusammenhangs. Wer seine Flexibilität noch einmal testen will, kann das an dem neuen Bild eines Mannes (von Missfeldt) versuchen:

Zusätzlich zu den Teilbildern, bei denen jeweils vom anderen Teil abstrahiert wurde, wäre nun deren Einheit zu erfassen. Das ist bei Hegel die Aufgabe der Vernunft.

„Solche festgewordene Gegensätze aufzuheben, ist das einzige Interesse der Vernunft. […]. In der unendlichen Tätigkeit des Werdens und Produzierens hat die Vernunft das, was getrennt war, vereinigt und die absolute Entzweiung zu einer relativen heruntergesetzt, welche durch die ursprüngliche Identität bedingt [ist].“ (HW 2: 21-22)

Wie vollzieht sich das nun bei Begriffen (was bei Hegel thematisiert wurde), insbesondere beim Begriff „Gebrauchswert“ (was es so bei Hegel nicht gibt)?

Gebrauchswerte – dreimal in begreifend aufsteigender Stufenfolge

Hegel unterscheidet einen allgemeinen Begriff, einen besonderen und einen einzelnen. Der allgemeine Begriff entspricht der einen Sichtweise (A) und der besondere Begriff der anderen (B). Der einzelne Begriff verspricht dann die Erfassung von ihrer Einheit, führt also eine neue Sichtweise C ein, die bisher noch nicht möglich war.

A)    Der allgemeine Begriff

Der allgemeine Begriff wird bei Hegel auch „Begriff als solcher“ (HW 6: 272) genannt. Damit wird „das Allgemeine gegen die Unterschiedlichkeit der Momente“ (HW 6: 274) festgehalten.

A)    Der besondere Begriff

Wenn der allgemeine Begriff als „das Allgemeine gegen die Unterschiedlichkeit der Momente“ bestimmt wurde, so ist damit eine „Unterschiedlichkeit der Momente“ schon implizit vorhanden. Die unterschiedlichen Momente werden im besonderen Begriff jedoch nur als „fixierte, isolierte Unterschiede“ (HW 6: 279) erfasst. Jeder besondere Begriff ist ein „bestimmte[r] Begriff, welcher als sich gegen andere unterschieden gesetzt hat“ (HW 6: 274). Die besonderen, voneinander Unterschiedenen sind gleichgültig gegeneinander, ihre Einheit ist nur eine äußerliche Beziehung. Dabei ist aber mitgedacht, dass jedes der Besonderen ein Besonderes desselben Allgemeinen ist. Das Besondere stellt das Allgemeine (in dieser Besonderheit) dar (HW 6: 280):

„… die Gattung ist unverändert in ihren Arten; die Arten sind nicht von dem Allgemeinen, sondern nur gegeneinander verschieden“ (HW 6: 280).

B)     Der einzelne, konkret-allgemeine Begriff

(Die Bedeutung des „Einzelnen“ darf hier nicht verwechselt werden mit der Bedeutung des  „Singulären“ oder ähnlichem, sondern sie wird durch die Argumentation von Hegel inhaltlich bestimmt).

Die Besonderen sind nun aber insofern nicht wirklich gegeneinander gleichgültig, als sie  Besondere desselben Allgemeinen sind. Jeder besondere Begriff ist selbst das Allgemeine, das durch seine Besonderen erfüllt ist. Die Besonderen haben eine Beziehung zueinander, weil jeder seine Beziehung auf das Allgemeine hat. Das Besondere und das Allgemeine wird auf diese Weise zum Einzelnen. Jedes Einzelne ist selbst das Allgemeine, das durch seine Besonderen bestimmt ist. Durch das Allgemeine hindurch ist das Einzelne auch mit den anderen Besonderen vermittelt. Die biologischen Arten wurden zuerst nur in ihrer jeweiligen Besonderheit nebeneinander gestellt und klassifiziert. In der Evolution der Gattungen finden sie ihre Einheit, ihre Allgemeinheit durch die auch ihre wechselseitigen Beziehungen erschließbar werden. Jede einzelne Art beinhaltet in sich das Ganze und die Beziehungen zu den anderen Arten. Auch das Ganze abstrahiert nun nicht mehr vom Besonderen, sondern es ist bestimmt durch sie und deren Beziehungen. Es ist nun ein konkret-Allgemeines.

Die vernünftige Einheit der Unterschiede in Einzelnen bzw. Konkret-Allgemeinen kann nicht mehr wirklich bildhaft vorgestellt und dargestellt werden. Unser Beispiel mit den Kippbildern ließe sich noch ein wenig weiterbilden, wenn wir sehen, dass in der Entwicklung aus der jungen Frau die alte wird und in jedem Entwicklungsmoment alle anderen ebenfalls enthalten sind:

Jede Darstellung oder jedes Denken, bei dem ein Moment festgehalten wird, erzeugt wieder einen Rückfall ins nur verständige Denken.

Und nun dasselbe noch mal für den Begriff „Gebrauchswerte“:

A)    Gebrauchswert als solcher

Der allgemeine Begriff des Gebrauchswerts, d.h. der Begriff des „Gebrauchswerts als solcher“ soll das „Allgemeine gegen die Unterschiedlichkeit der Momente“ festhalten. Wenn es an den genannten Bestimmungen von Gebrauchswerten etwas gibt, das etwas Allgemeines gegen alle Unterschiedlichkeit ist, dann ist es ihre Bestimmung als „stofflicher Inhalt des Reichtums“, der ein „Bedürfnis befriedigt“.

„Der Gebrauchswert in dieser Gleichgültigkeit gegen die ökonomische Formbestimmung, d.h. der Gebrauchswert als Gebrauchswert, liegt jenseits des Betrachtungskreises der politischen Ökonomie.“ (MEW 13: 16, vgl. auch MEW 42: 767)

An einer anderen Stelle setzt Marx das Wort „Gebrauchswert“ in dieser überhistorischen Sichtweise in Anführungszeichen.

„… in diesem seinen tatsächlichen Verfahren verhält er [der Mensch, AS] sich also faktisch stets zu gewissen äußeren Dingen als „Gebrauchswerten“, d.h. er behandelt sie stets als Gegenstände für seinen Gebrauch…“ (MEW 19: 375)

Man kann die in diesem Sinne nützlichen Dinge unterteilen in folgende (Bildquelle):

Für die Gebrauchswerte in dieser Betrachtungsweise gilt:

„Obgleich Gegenstand gesellschaftlicher Bedürfnisse, drückt der Gebrauchswert jedoch kein gesellschaftliches Produktionsverhältnis aus.“ (MEW 13: 16)

Der Begriff „Gebrauchswert“ ist somit ein „Relationsbegriff, der in dieser Allgemeinheit historisch unspezifisch Dingen als „Gegenstand der Befriedigung irgendeines Systems menschlicher Bedürfnisse (Gr, MEW 42, 767) zukommt.“ (Haug 1999: 1159)

A)    Besonderer Gebrauchswert im Kapitalismus

Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse erfolgt jedoch immer in einer historisch konkreten Form. Eine dieser Formen ist durch kapitalistische Verhältnisse bestimmt. Es ist weitgehend unstrittig, dass diese kapitalistischen Verhältnisse dadurch von anderen unterschieden sind, dass die gesellschaftlichen Basisstrukturen, in denen menschliches Handeln ihr Möglichkeitsfeld findet, durch bestimmte ökonomische Verhältnisse bestimmt sind. Die „Kapital“-Interpretationen unterscheiden sich dadurch, dass einerseits angenommen wird, die basalen Strukturen stünden am Anfang des „Kapitals“ und würden quasi die weiteren Ausführungen weitgehend bestimmen, so dass das Spätere nur noch als Abgeleitetes zu verstehen sei (vgl. (Kurz, Lohoff 1989). Eine andere Interpretation betrachtet die Marxsche Argumentationsweise wie auch die Darstellung der Dialektik bei Hegel als fortlaufende Selbstkritik früher dargestellter Positionen, wobei die „Wahrheit“ erst am Schluss entschlüsselt wird (vgl. Schlemm 2016). In beiden dieser Interpretationen sind kapitalistische Strukturen der Gesellschaft weitgehend davon bestimmt, dass die Warenproduktion nicht direkt der Befriedigung der Bedürfnisse dient, sondern durch die „Verwertung des Werts“ der Profiterwirtschaftung (hier betont wiederum eine Interpretationslinie die Wertverwertung, die andere die Profiterwirtschaftung aus der Aneignung des Mehrwerts).

Der Gebrauchswert der kapitalistisch erzeugten Waren ist also sekundär gegenüber dem Wert. Wie im „Kapital“ ausgeführt wird, wird der „Gebrauchswert […] zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts“ (MEW 23: 70). Dies gilt, sobald Waren einander entgegengestellt werden, um im Wert einer Ware (in Äquivalentform) den Wert der anderen  (in relativer Wertform) zu ermitteln. Dies ist ein logischer Schritt, nicht eine historische Tatsache. Diesem logischen Schritt entspricht ein bestimmter historische Zustand, andere jedoch nicht unbedingt. Im Kapitalismus erfordert das Begreifen der Verhältnisse der kapitalistischen Warenproduktion diesen und weitere Schritte der Erkenntnis. Dann bekommt auch der „Gebrauchswert“ eine besondere Bedeutung. Gebrauchswerte sind zwar notwendig, weil sonst Waren verkauft werden – aber die Produktion erfolgt nicht zum Zwecke der Erzeugung von Gebrauchswerten, sondern zum Zwecke der der Akkumulation von Kapital, also der erweiterten Reproduktion von Wert.

Der Gebrauchswert im Kapitalismus ist also nicht mehr getrennt denkbar vom Wert/Tauschwert. Radl und Rauch schreiben dazu: „Unter gewissen Voraussetzungen wird der Gebrauchswert also selbst zur ökonomischen Form“ (Radl, Rauch 2017: 19) und Schandl: „Der Gebrauchswert, von dem wir hier reden, ist immer formbestimmt gewesen, er ist gesetzt und nicht vorausgesetzt“ (Schandl 2017: 22). Interessant sind die Redewendungen, die auf die Besonderheit des hier diskutierten Gebrauchswerts hindeuten: „unter gewissen Voraussetzungen“ und „von dem wir hier reden“. Die Voraussetzung, unter der diese Rede vom wertbestimmten Gebrauchswert gilt, ist der Kapitalismus: „Marx geht also von einem bereits fertigen Resultat aus, nämlich von der Ware als Elementarform der kapitalistischen Produktionsweise, von einer Ware, die sich als allgemeine Form von Dingen und vor allem der Arbeitskraft als Ware bereits historisch durchgesetzt hat“ (Reitter).

Da nun der Begriff „Gebrauchswert“ in einem Buch zur Analyse des Kapitalismus natürlicherweise vorwiegend diesen besonderen Begriff des Gebrauchswerts (im Kapitalismus) thematisiert und auf den allgemeinen Begriff (in seiner überhistorischen Bedeutung mit der Orientierung auf Bedürfnisbefriedigung) nur beiläufig zu sprechen kommt, erhält dieser besondere Begriff eine starke Dominanz in der kapitalismuskritischen Theorie. Diese Dominanz führt nun in kritischer Absicht bis hin zur Ablehnung des Begriffs „Gebrauchswert“ (wie auch andere Begriffe wie „Arbeit“) im überhistorischen allgemeinen Sinne. So schreibt Stefan Meretz „Ich möchte ein […] Argument entwickeln, warum Gebrauchswert keine überhistorische Kategorie sein kann und Marx hierin also irrte.“ (Meretz 2017: 17). Obwohl er hier also behauptet, dass Marx irrte, insofern er den Gebrauchswert auch als überhistorische Kategorie verwend (siehe die Zitate unter A)), kann er dem großen Schwanken des verständigen Denkens nicht entgehen. Im selben Beitrag behauptet er, dass Marx den „Gebrauchswert immer als Moment der Ware“ (ebd.) verstünde. Irrt Marx nun mit dem überhistorischen Begriff oder versteht er ihn eh immer anders? Auch nach Franz Schandl ist es Marx, der schwankt: „Der Marx´sche Gebrauchswert wird somit zu einem Grenzgänger, der einmal innerhalb und einmal außerhalb der politischen Ökonomie angesiedelt wird.“ (Schandl 2017: 24)

Von Rosdolsky, der in der aktuellen Nummer der „Streifzüge“ mit abgedruckt ist, übernehmen viele (Kurz 1995, Schandl 2017: 21) für diese Doppeldeutigkeit des Begriffs „Gebrauchswert“ die Unterscheidung in einen „exoterischen“ und einen „esoterischen Marx“ (aber letztlich in einem anderen Sinne als Rosdolsky es meinte, oder auch Marx (vgl. dazu Heinrich 1997)). Dabei ließe sich diese Grenzgängerei bzw. Doppeldeutigkeit leicht erklären, mit einer Weiterführung der Argumentation.

Die Begrenzung des Begriffs „Gebrauchswert“ auf den Kapitalismus ist eine Beschränkung auf die Besonderheit dieser Gesellschaftsform, die alle Beziehungen zu anderen besonderen Gesellschaftsformen und zum Allgemeinen abschneidet, also eine verständige Sichtweise.

A)    Der Gebrauchswert in seiner Entwicklung

Auch ein Gebrauchswert im Kapitalismus als Erscheinungsform des Werts ist ein Gebrauchswert im allgemeinen Sinn, d.h. „stofflicher Inhalts des Reichtums“, der ein „Bedürfnis befriedigt“. Diese einzelne Form kann als besonders erkannt werden, indem ihr Unterschied gegenüber dem Allgemeinen und den anderen besonderen bekannt ist. Als Gebrauchswert im Allgemeinen hat dieser einzelne Gebrauchswert Gemeinsamkeiten mit anderen besonderen Gebrauchswertformen.

„Ist „der Wert“ der Ware so nur eine bestimmte historische Form von etwas, was in allen Gesellschaftsformen existiert [nämlich des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit, AS], so aber auch der „gesellschaftliche Gebrauchswert“, wie er [ Rodbertus A.S.] den Gebrauchswert der Ware charakterisiert.“ (MEW 19: 375f.)

Der einzelne Gebrauchswert (im Kapitalismus) teilt mit den anderen besonderen Gebrauchswertformen das Allgemeine (Überhistorische) und unterscheidet sich in spezifischer Weise von ihnen. Diese Zusammenhänge würden negiert, wenn das Denken bei der Trennung von Allgemeinem und Besonderem (bzw. der Leugnung des Allgemeinen). Auch die historischen Zusammenhänge zwischen den zeitlich nacheinander folgenden Gebrauchswertformen würden unsichtbar.

In der gesellschaftstheoretischen Erkenntnis wurden nicht zuerst alle Gebrauchswertformen klassifiziert, sondern das Erleben der eigenen Zeit führt zur Tendenz, die selbst erlebte Form der Produktion und Nutzung der gerade vorliegenden Gebrauchswertform übermäßig zu verallgemeinern. Wenn die Besonderheit endlich erkannt wird, kann als Gegenreaktion nun die Besonderheit verabsolutiert werden. Worin kann sich dann Kritik begründen? Die Destruktion hat selbst auch einen Standpunkt, aber welcher das ist, wird unsagbar, wenn alle Worte wie „Gebrauchswert“ oder „Nutzen“ oder „Bedürfnis“ als kapitalismuskontaminiert verworfen werden. Dass der Gebrauchswert außerhalb dieser besonderen Form im Kapitalismus ANDERS sein könnte, kann dann nur noch als abstrakte Negation ausgedrückt werden. Eine bestimmte Negation braucht jedoch ein umfassenderes Begriffssystem, in dem die Beziehungen zum Allgemeinen und anderen Besonderen nicht mehr abgeschnitten ist.

Wenn die Beziehung des Gebrauchswerts der kapitalistischen Gegenwart zu seinem Allgemeinen, d.h. des Reichtums, der Bedürfnisse befriedigt, und die Beziehung zu Gütern in anderen Gesellschaftsformen, die Bedürfnisse befriedigen, nicht verloren geht, mögen die Worte, mit denen diese Güter und ihr Bedürfnisbefriedigungsaspekt jeweils bezeichnet werden, auch gleichgültig sein. Aber die Verabsolutierung der Besonderung durch das Verbot der Verwendung der Worte der besonderen kapitalistischen Form für allgemeine oder andere besondere Formen allein stellt noch längst kein Begreifen der umfassenden Zusammenhänge dar, sondern führt eher zu Denkverboten.

Literatur

Distelhorst, Lars (2017): Nützlichkeit verdummt! In: Streifzüge Nr. 70, Sommer 2017. S. 30-31.

Haug, Frigga (1999): Gebrauchswert. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 4. Hamburg: Argumentverlag. Spalte 1259-1289.

Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (HW): Werke. Frankfurt am  Main: Suhrkamp 1975.

Heinrich, Michael (1997): esoterisch/exoterisch. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 3. Hamburg: Argumentverlag. Spalte 839-846.

Kurz, Robert (1995): Der doppelte Marx. Marx als immanenter Modernisierungstheoretiker und als Kritiker der  Basisstruktur moderner warenproduzierender Systeme. In: Heinz Eidam, Wolfdietrisch Schmied-Kowarzik (Hrsg.): Kritische Philosophie gesellschaftlicher Prais. Auseinandersetzungen mit der Marxschen Theorie nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus. Würzburg: Königshausen & Neumann 1995. S. 151-166.

Kurz, Robert; Lohoff, Ernst (1989): Der Klassenkampf-Fetisch. Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus. In: krisis. Kritik der Warengesellschaft. Online: http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch/ (abgerufen 2017-08-06)

Marx, Karl (MEW): Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Bände 1-42. Berlin: Dietz-Verlag

Radl, Marlene; Rauch, Verena (2017): Weiblich, nützlich, gut? Marxistisch-feministische Überlegungen zum Gebrauchswert. In: Streifzüge Nr. 70, Sommer 2017. S. 8-16.

Reitter, Karl (o.J.): Logisch oder historisch? Einführende Bemerkungen zu einer Kontroverse zwischen Michael Heinrich, Hans Georg Backhaus und  Wolfgang Fritz Haug. http://www.trend.infopartisan.net/trd0104/t200104.html (abgerufen 2017-08-04)

Rosdolsky, Roman (1959/2017): Der Gebrauchswert bei  Karl Marx. Eine Kritik der bisherigen Marx-Interpretationen. In: Streifzüge Nr. 70, Sommer 2017. S. 8-16.

Schandl, Franz (2ß17): Das unschuldige Ding. In: Streifzüge Nr. 70, Sommer 2017. S. 21-28.

Schlemm, Annette (2016): Kampf und Logik. Klassenkampf reloaded. Online: http://www.thur.de/philo/pdf/2016_Kampf%20und%20Logik.pdf (abgerufen 2017-08-05)

Abbildungen

Kippbilder: aus Missfeldt, Martin (o.J.): Alte Frau oder junge Frau? Online: https://www.youtube.com/watch?v=L5QHyL823Xw (abgerufen 2017-08-04)

 

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