Um diese beiden unterschiedlichen Formen des „Allgemeinen“, die in den vorigen Beiträgen eine Rolle spielten, noch näher zu charakterisieren, sollten wir uns mit den Schlussformen (also Formen von Begründungen von Schlussfolgerungen aus Prämissen) beschäftigen. Dabei wird das Verhältnis von Allgemeinem, Einzelnem und Besonderem in allen möglichen Formen diskutiert. Denn diese drei Bestimmungen sind miteinander vermittelt – jede hat ihre Bedeutung nur in Bezug auf die anderen. Das Einzelne existiert nur in allgemeinen Zusammenhängen – das Allgemeine existiert nur im und durch das Einzelne. Und das Besondere ist jeweils die Bestimmtheit von Allgemeinem.

So einfach bleibt es aber nicht. Diese drei Bestimmungen können unterschiedliche Vermittlungsformen untereinander haben. Hegel erfasst sie in seiner „Begriffslogik“ als Schlussformen. In einem Schluss werden drei Urteile (Aussagen, die Subjekt und Prädikat durch ein „ist“ verbinden) zusammen genommen, so dass zwei als Prämissen zur dritten als Schlussfolgerung führen. Das dritte Urteil wird dadurch nicht nur behauptet, sondern begründet. Die Logik der Schlüsse wird seit Anbeginn der Philosophie diskutiert. Hegel handelt sie nicht nur neben- und nacheinander ab, sondern entwickelt sie ausgehend von den jeweils unvollständigsten Formen bis hin zu der höchsten Form (insgesamt kennt Hegel 10 derartige Schlussformen). Die Kenntnis dieser Schlussformen ist keine „Haarspalterei“, denn das Nachdenken über verschiedene Zusammenhänge bewegt sich häufig erst einmal nur innerhalb einer Schlussform und das Denken kann vorankommen, wenn weitere Schlussformen bekannt sind und verwendet werden können.

In allen Schlüssen beziehen sich (bei Hegel) Allgemeines, Einzelnes und Besonderes aufeinander. Die abstrakteste Form von Schlüssen ist der Schluss des Daseins:

„Diese Rose ist rot; Rot ist eine Farbe. Also ist diese Rose ein Farbiges“ (HW 8: 335)

„Diese Rose“ ist das Einzelne, das „Farbige“ stellt die Allgemeinheit dar und „rot“ das Besondere (der Farbe). Der Schluss hat also folgende Form:

„Diese Rose ist rot;
Rot ist eine Farbe.
Also ist diese Rose ein Farbiges“
  Das Einzelne ist Besonderes (E=B),
Besonderes ist Allgemeines (B=A).
Also ist das Einzelne ein Allgemeines (→ E=A)

Abgekürzt wird diese Form beschrieben als EBA. Dieselbe Form werden wir gleich noch zweimal sehen, wobei dann aber jeweils die Extreme des Allgemeinen und des Einzelnen anders miteinander verbunden sind.

Im einfachsten Fall des EBA-Schlusses werden die drei Elemente durch die Besonderheit zusammen gehalten (vermittelt), könnten aber auch ohne einander sein (die Rose könnte auch gelb sein und das Rote könnte zu etwas anderem gehören).

Bei den drei letzten Schlussformen (d.h. den Schlussformen der Notwendigkeit) sind die Verhältnisse schon komplexer. Die Momente sind enger aneinander gebunden.

Kategorischer EBA-Schluss – Allgemeines als objektive Allgemeinheit

„Carsten (als Einzelner) ist ein (besonderer) Mensch.
Menschen (B) sind Tiere die denken (Allgemeines).
Carsten (der Einzelne) denkt also (hat am Allgemeinen teil)“
Das Einzelne ist Besonderes (E=B),
Besonderes ist Allgemeines (B=A).
Also ist das Einzelne ein Allgemeines (→ E=A)

Carsten könnte als der unmittelbar existierende Einzelne auch ein anderer Einzelner sein (das er es ist, ist zufällig). Notwendig miteinander verbunden sind das Allgemeine (das Denken) und das Besondere (Menschen als besondere denkende Tiere). Es gibt keine Menschen, die nicht denken (zumindest es der Möglichkeit nach können). Durch die Besonderheit (Mensch zu sein) ist der einzelne (unmittelbare, zufällige) Carsten mit dem Allgemeinen (dem Denken-Können) verbunden. In dieser Schlussform sind jeweils die Gattung (als Allgemeines), die spezifische Differenz (Besonderheit) und das Einzelne miteinander verbunden.

Ein ähnlicher Schluss, der Reflexionsschluss, hat dieselbe Form EBA. „Alle Menschen sind sterblich. Nun ist Cajus ein Mensch. Ergo ist Cajus sterblich.“ Die Sterblichkeit als Allgemeines ist zwar allen Menschen (den besonderen sterblichen Wesen) gemeinsam, aber sie ist nicht deren wesentliche Natur. Das Allgemeine (also das Denken) im kategorischen Schluss ist aber nicht nur ein gemeinsames Allgemeines, sondern macht das Spezifische, das Wesen der Einzelnen aus und es ist deshalb nicht mehr irgendein (zufälliges) Gemeinsames. Es ist nicht durch eine subjektive Auswahl oder Zuschreibung bestimmt, sondern vom Wesen des Einzelnen, das heißt objektiv.

Hypothetischer AEB-Schluss – Allgemeines als gesetzmäßiger Zusammenhang

„Wenn es regnet, wird es nass.
Es regnet.
Also ist es nass.“
A
E
→ B

Hier ist wiederum das Einzelne (dass „es regnet“) zufällig. Es vermittelt zwischen dem Allgemeinen (dem Wesen, der Gesetzmäßigkeit) und dessen Besonderung (der besonderen Erscheinungsform). Die besondere Erscheinungsform des Allgemeinen (Zusammenhangs/Gesetzes) existiert, WENN das vermittelnde Einzelne auch existiert. Zwischen dem Wesen und seiner Erscheinung gibt es eine Vermittlung der bedingten Notwendigkeit. Diese Struktur haben auch Naturgesetze: Wenn Himmelsköper in der Nähe von starken Gravitationskräften (der Sonne) sind, bewegen sie sich entsprechend den Keplerschen Gesetzen. Es könnte auch sein, dass es nicht regnet oder dass sich der Himmelskörper weit entfernt von einem sehr schweren Körper befindet. Erst wenn alle Bedingungen vorhanden sind, also auch die zufällige einzelne Bedingung (zu regnen), tritt die Folge ein („es wird nass“). Das ist aber nicht einfach als Kausalitätsbeziehung gefasst, sondern setzt eine notwendige Beziehung (ein sog. Kategorisches Urteil) („Wenn es regnet, ist es nass“) in Verbindung zu zwei unmittelbaren Momenten („es regnet“ und „es ist nass“). Die notwendige Beziehung kennzeichnet eine Möglichkeit, die beim Zusammenkommen mit der unmittelbaren Bedingung zur Wirklichkeit wird. Damit es nass werden kann, muss es regnen und es muss einen notwendigen Zusammenhang zwischen Regen und Nässe geben (insoweit andere Faktoren, wie ein Gartenschlauch, ausgeschlossen sind). Wenn etwas als ein „gesetzmäßiger Ablauf“ betrachtet wird, muss also immer beachtet werden, ob für die Folge, die von ihm erwartet wird, auch die Bedingungen gegeben sind. Ob sie gegeben sind, ist kontingent, folgt also nicht aus dem notwendigen Zusammenhang selbst.

Disjunktiver EAB-Schluss – Allgemeines als Totalität

Beim disjunktiven Schluss ist diese Zufälligkeit/Kontingenz auch noch aufgehoben.

„Dies ist weder Eis noch Wasser.
H2O ist Eis, Wasser oder Dampf.
Also ist dies Dampf.“
E(A)
AB
→ EB

Wenn das Allgemeine (H2O) sich besondert zu Eis, Wasser und Dampf, so ist ein Einzelnes eindeutig bestimmbar. Nichts ist mehr zufällig. Das Allgemeine erweist sich als vollkommen bestimmt (HW 6: 400), d.h. als Totalität. Man kann sie sich auch denken als „die in ihre Arten zerlegte Gattung“ (ebd.: 398). Jede Art schließt die anderen aus, d.h. sie ist das Allgemeine als Besonderes. Gleichzeitig bezieht sich jede Art auch auf sich selbst, sie ist das Allgemeine als Einzelnes.

(Die Sprechweise, dass das „Allgemeine sich besondere“ macht übrigens den von Marx bei Hegel kritisierten „Mystizismus“ aus. Natürlich kann man auch sagen, dass die besonderen Formen des Wassers (in unseren Gedanken) zusammengenommen den Begriff (das Allgemeine) „H2O“ bilden. Dann geht aber die Bedeutung dieses Allgemeinen als Totalität verloren: Es ist eben nicht nur ein „Zusammennehmen“, eine beliebige Verallgemeinerung, sondern wenn das Allgemeine vorhanden ist, geht es von ihm aus, was als sein Besonderes zu ihm gehört. Vom allgemeinen Begriff aus ist bestimmt, was seine Besonderen sind. Hier gibt es keinen subjektiven Anteil mehr, der sich aussuchen könnte, was er zusammen nimmt – deshalb erfolgt in Hegels System hier auch der Übergang zur „Objektivität“).

Advertisements