Wir waren gestern abend bei einer Veranstaltung zum Thema

Bioökonomie: Ökologische Modernisierung der imperialen Lebensweise?

Diese Veranstaltung wurde ausgerichtet von der BMBF-Nachwuchsgruppe „Bioökonomie und Soziale Ungleichheiten“ an der Universität Jena.

Bioökonomie

„Bioökonomie“ ist ein neuer Hype, für den es seit 2009 von der OECD und seit 2012 auch von der EU ein Strategiepapier gibt. Mit ihm soll nun endlich die Wirtschaft gleichzeitig ökologisch werden und die ökologischen Probleme wirtschaftlich profitabel gelöst werden. Bioökonomie soll Antwort auf die drängendsten Fragen der Zeit „wie sie sich etwa im Klimawandel, dem Biodiversitätsverlust, der Nahrungsmittel-verknappung und der Ressourcenübernutzung (von Öl bis zu Agrarflächen) zeigen“ (Working Paper 1: 21.) geben. Dabei soll eine Win-Win-Situation geschaffen werden. In den OECD- und den EU-Papieren unterscheiden sich der Inhalt und die Orientierung:

„Die OECD und USA konzentrieren sich in ihren Papieren auf die spezifischen Technologien, nämlich Biotechnologien, die eine effizientere Ressourcennutzung, neue 21 Formen der Energiegenerierung sowie Durchbrüche bei der medizinischen Versorgung und Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung ermöglichen sollen. Die EU und Deutschland setzen hingegen in ihren Bioökonomie- oder Bioenergie-Strategiepapieren den definitorischen Schwerpunkt stärker auf die erneuerbare Ressource „Biomasse“. Bio steht in diesem Kontext für nachwachsend und darüber hinaus für erneuerbar. (Working Paper 1: 20-21.)

Letztlich ist die Verwendung nachwachsender Rohstoffe für die Energieerzeugung und die industrielle Produktion ein zentraler Punkt dieser Strategie. Damit soll von einer Energieversorgung, die auf fossilen Energien beruht übergegangen werden zu einer landbasierten Energieversorgung.

In der Veranstaltung gestern abend sprach Maria Backhouse aus Jena darüber, wie dieses Konzept in verschiedenen Ländern entwickelt wird, welche Übereinstimmungen und Unterschiede es dabei gibt (siehe auch Working Paper 1). Die BMBF-Nachwuchsgruppe in Jena wird sich in den nächsten 4 Jahren ausführlich damit beschäftigen. Markus Wissen aus Berlin ergänzte dann diese Ausführungen und stellte explizit die Frage, ob Bioökonomie eine ökologische Modernisierung der imperialen Lebensweise bedeute. Darauf komme ich später noch zurück.

Als etwas älterer Jahrgang kennt man das eigentlich alles schon. Ein „grünes Wachstum“ in der Verbindung von Ökonomie und Ökologie hatte z.B. der Zukunftsforscher Rüdiger Lutz vorausgesagt und gehofft, dass es in einer „sanften Wende“ dazu kommen könnte (Lutz 1987). Später hatte er sogar einen Job als „Innovationsökologe“ bei einem Bürostuhlhersteller und war guter Hoffnung, dass spätestens nach dem magischen Jahr 2000 die Ökologische Revolution stattfinden würde (mehr zur Innovationsökologie hier):


Transformationen mit dem Wendepunkt der Ökologischen Transformation als „sanfte Wende“ (aus Lutz 1994: 30)

Die ReferentInnen gingen auch auf die ebenfalls seit 1987 bekannte Strategie der „Nachhaltigkeit“ ein und fragten sich, wodurch sich die „Bioökonomie“ davon unterscheidet. Ein Unterschied besteht in der Situation, in der die Konzepte jeweils entstanden. Während die „Nachhaltigkeit“ in die Debatte gebracht wurde, als der globale Nord-Westen deutlich über seine Widersacher im Osten und die aufstrebenden Länder im Süden gesiegt hatte, befinden sich auch die privilegierten Länder derzeit in einer „multiplen Krise“, in deren Zentrum einerseits die Ökonomie schwächelt (vor allem nach der Krise von 2007) und andererseits die ökologisch-klimatischen Umweltbedingungen teilweise bereits dramatische Auswirkungen zeigen.

Sehr deutliche Unterschiede gibt es bei der Wahl der Akteure und Strategien. Während „Nachhaltigkeit“ auf den Dialog mit den und die Beteiligung der BürgerInnen setzt, spielt sich das Vorantreiben der Bioökonomie auf der Ebene des staatlichen und unternehmerischen Handelns ab.

Angesichts der Krisenhaftigkeit der neoliberalen Phase des Kapitalismus, so meint Markus Wissen, könnte es durchaus sein, dass eine mögliche neue Phase des Kapitalismus maßgeblich von der Bioökonomie bestimmt wird (quasi als neues „Akkumulationsregime“). Nachdem ja schon einige Ökotechniken wie die Erneuerbaren Energien boomen, könnte die neue Welle aus der Abbildung von Rüdiger Lutz nun vielleicht doch Fahrt aufnehmen. Die folgende Abbildung zeigt eine „historische Abfolge aus regulationstheoretischer Perspektive“ (aus Wikipedia):

Auch hier wird deutlich, dass die mit „Nachhaltigkeit“ bezeichnete „Logik“ in der „Ära“ des „Anthropozäns“ nicht gerade ein Paradies zu werden verspricht. Rüdiger Lutz jedenfalls verlor den Job, als er den Anspruch des Kapitals auf Maximalprofit zugunsten der Ökologie in Frage stellen wollte und nach 2000 verließ ihn auch so ziemlich jede Hoffnung.

Denn es gibt genug Gründe, skeptisch zu sein. In der BMBF-Nachwuchsgruppe „Bioökonomie und Soziale Ungleichheiten“ jedenfalls ist die Perspektive der „Globalen Ungleichheitsperspektive“ schon in den Titel geschrieben.

Globale Ungleichgewichtsperspektive

Eine wichtige Basis dieser Perspektive besteht darin, Umweltfragen nicht als Probleme der Umwelt bzw. der Natur an sich zu betrachten, sondern sie als gesellschaftliche Fragen zu thematisieren.

„Menschen werden nicht einfach durch die „Knappheit“ natürlicher Ressourcen und „den Klimawandel“ zur Flucht getrieben. Stattdessen sind es ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse – wie der ungleiche Zugang zu Land, Wasser und Produktionsmitteln –, die Ressourcen knapp und den Klimawandel für viele zu einer existenziellen Bedrohung machen.“ (Brand, Wissen 2017b)

Gleich zu Beginn der Erarbeitung von weiteren Strategien der Umsetzung der Bioökonomievorhaben und zu Beginn ihrer Umsetzung wollen die Beteiligten genau nachschauen:

Es „wäre aus einer globalen sozialen Ungleichheitsperspektive genauer zu bestimmen, auf welchen bereits bestehenden gesellschaftlichen Strukturen (nationalen wie transnationalen) die entstehende Bioökonomie aufbaut, und was diese Umstände hinsichtlich politischer und ökonomischer Teilhabe bedeuten.“ (Working Paper 1: 33)

Die bisherigen Erfahrungen mit derartigen Praktiken sind eher schlecht. Ich kann mich erinnern, dass es bei einem Urlaub vor über 10 Jahren fast zu einem Streit mit einem Freund gekommen ist, der ziemlich viel Hoffnung auf Energiegewinnung aus Biomasse setzte und ich ihm entgegen setzte, dass diese Landnutzung mit der Nahrungsmittelgewinnung, vor allem bei Menschen, die letzteres dringend brauchen, konkurriert. Inzwischen ist dies allgemein bekannt.

Kritik der Bioökonomie

Neben solchen praktischen Erfahrungen kann man aber auch den Konzepten selbst schon ihre „Pferdefüße“ ansehen. Einige will, die auch gestern diskutiert wurden, will ich kurz nennen:

  • „Bioökonomie“ bezieht sich stark auf Bevölkerungswachstum als bedrohenden Faktor, ohne zu beachten, dass Menschen in diesen Gebieten im Vergleich zu privilegierten Industriestaaten wenig zum Naturverbrauch beitragen.
  • „Bioökonomie“ behält Technikoptimismus und Vertrauen in die Steuerungsfähigkeit bei bzw. erneuert ihn
  • „Bioökonomie“ will die ökonomischen und ökologischen Probleme durch einen „technologischen fix“ lösen, um Lebensweise unangetastet lassen zu können.
  • Bei „Bioökonomie“ werden einseitig die schon dominierenden agrarindustriellen Industrien gefördert, statt ökologisch-regional angepasster Alternativen (Agrarökologie)
  • „Bioökonomie“ hat ein deutliches Demokratiedefizit, denn die Hauptakteure sind Staat und Wirtschaft
  • „Bioökonomie“ normalisiert Herrschafts- und Gewaltverhältnisse
  • „Bioökonomie“ setzt Exklusivität voraus
  • „Bioökonomie“ bedeutet neue Formen der In-Wert-Setzung und Landnahme
  • Es wird nirgendwo in den Konzepten genau geprüft, ob die Entwicklungen tatsächlich die versprochenen Folgen haben, oder die Probleme nicht eher noch verschärfen (Konkurrenz zu Nahrungsmittelanbau, Probleme der industrialisierten Landwirtschaft…)

Zusammenfassend kann man sagen, dass die „Bioökonomie“ eine Fortsetzung der imperialen Lebensweise ist. Diese besteht in Produktions- und Konsummustern, die

  • den alltäglichen Zugriff auf Natur und Arbeitsvermögen im globalen Maßstab beinhaltet,
  • für einen Teil der Menschheit ein „gutes Leben“ beinhaltet
  • in Zeit und Raum nicht verallgemeinerbar ist
  • und die Möglichkeiten anderer Menschen für ein „gutes Leben einschränkt“
    (P.S. “Gutes Leben“ meint hier nicht „buen vivir“ , sondern vorwiegend konsumbasierte Lebensbefriedigung)

Dies kann man genauer nachlesen im Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“. Ein Zitat der Autoren fasst den Kern der imperialen Lebensweise zusammen:

„Das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wird wesentlich durch die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse andernorts ermöglicht. Das geschieht durch den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und Senken im globalen Maßstab.“ (Brand, Wissen 2017b)

Auch dies ist letztlich nicht ganz neu. Schon 1996 schrieb Christoph Spehr:

„Im Prinzip ging und geht es darum, die Ströme von benutzbarer Natur und von dienstbarer Arbeit so um den Globus zu gruppieren, daß sie bei den privilegierten Gruppen des Nordens münden.“ (Spehr 1996: 11)

Daran ändert sich nichts, ob es „Nachhaltigkeit“ heißt und Menschen in Dialog und Mitgestaltung mitnehmen will, so zu tun, als brauchten grundlegende gesellschaftliche Verhältnisse nicht angetastet werden, oder eben „Bioökononomie“,wo die Menschen gleich gar nicht gefragt werden…

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