Nicht alle Menschen vertrauen darauf, dass unsere Zivilisation vor größeren Katastrophen gefeit ist. Im Gegenteil: Wenn bei uns der Strom für einige Tage wegbleibt, kann das das alltägliche Leben so aus den Fugen geraten, dass Hunger und Kälte unser Leben bedrohen könnten. Krieg, technische Pannen, Terroranschläge oder Naturkatastrophen – all das kann das normale Leben bedrohen. Die Bundesregierung empfiehlt in ihrer „Konzeption für zivile Verteidigung“, Vorräte für 10 Tage zu bunkern.

In diesem Konzept wird auch die „Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigen Gü-tern und Leistungen“ über diesen Zeitraum hinaus versprochen, aber nicht alle haben so viel Vertrauen in die Fähigkeiten oder Möglichkeiten der Politik. In einer WDR-Reportage über sogenannte „Prepper“ in Mecklenburg-Vorpommern wird die Befürchtung ausgesprochen, dass der Regierung die Menschen dann genau so egal sein könnten wie bei der Bankenrettung. Angesichts der Bedrohungen durch vielerlei Krisen und des Misstrauens in Hilfe „von oben“ bereiten sich die „Prepper“ vor. Sie „preparieren“ sich, indem sie selbst Vorräte anlegen und Fähigkeiten erlernen, die ihnen helfen, in solchen Krisensituationen zu überleben. Soweit könnte ich ja noch mitgehen. In der Reportage werden Neulinge für einige Tage von erfahrenen „Preppern“ betreut. Sie lernen u.a. ein Kaninchen zu schlachten. Was aber auch dazugehört, ist das Erlernen von Mißtrauen. Der erste Hinweis den die mit Rucksack Angereisten bekommen, ist die auffallende verräterische Farbe ihrer Kleidung und Rucksäcke und in der ersten Nacht werden sie probeweise „überfallen“, damit sie endlich ihr Sicherheitsgefühl verlieren. Angst und die Vorbereitung auf Böses, das von allen anderen Menschen erwartet wird, herrschen vor. Die Journalistin bemerkt diese einseitige Orientierung:

„Der Gedanke, daß Menschen sich auch in schlechten Zeiten gegenseitig helfen könnten, spielt hier keine Rolle.“

Im Gegenteil, die Reihenfolge dessen, womit man sich für schlechte Zeiten eindecken sollte, ist kein Zufall: „Patronen, Bohnen und Reis“ („Prepper – Bereit für die Apokalypse“). In den USA, wo diese Szene zuerst Aufwind bekam, gibt es eine besondere Resonanz solcher Gedanken und Praktiken mit der Ideologie von Selbstbehauptung, egoistischer Freiheit und persönlicher Unabhängigkeit. Dass die Ängste und Sicherheitsbedürfnisse kommerziell ausgeschlachtet werden können, beflügelt die Szene zusätzlich. Auf einem Prepper-Con geht es vor allem um Bewaffnung und da fehlt es nicht an vollautomatischen Raketenwerfern gegen Zombies. Ein Anbieter gibt zu: Es sei ein Ge-schäftsmodell, das immer besser funktioniert, je schlechter es der Wirtschaft sonst geht. In der Reportage „Prepper – Bereit für die Apokalypse wird ein dicker Mann in seinem Bunker vorgestellt, der 140 Waffen besitzt, um sich im Ernstfall zu verteidigen. 140 Waffen für einen Mann mit zwei Armen und sicher nicht mal den Fähigkeiten, zwei auf einmal zu bedienen. Auf eine Familie hat er übrigens verzichtet… Wie widersinnig ist das denn. Wofür lohnt es sich denn dann, in so einem Bunker ganz alleine zu überleben? Heute schon kostet der allgemeine Waffenbesitz in den USA jährlich 30 000 Menschen das Leben. Vor diesem Krieg haben sie eher keine Angst. Wahrscheinlich denkt jeder von sich, dass nicht er getroffen wird, sondern den Finger am Abzug hat. Wer zuerst schießt, siegt. Sollten es tatsächlich solche Leute sein, die überleben? Hat die Menschheit das verdient?

Im Zusammenhang mit dem Klima-Umbruch wird immer öfter über notwendige Anpas-sungsmaßnahmen gesprochen. Die betreffen zuerst weit entfernte Regionen, aus denen die Menschen jetzt schon massenhaft flüchten müssen. Die Wüsten dehnen sich aus, auch in Syrien befeuerte eine ungewöhnlich lange Dürre die Krisen und Kriege. Auch Über-schwemmungen und Hurricans führen zu Vertreibung und Not. Eine extrem marktabhängige Nahrungsmittelversorgung, in denen es kaum noch nationale oder regionale Selbstversorgungsmöglichkeiten gibt, könnte auch bei uns in Gefahr geraten, wenn der Verkehr und Wirtschaft zusammenbrechen. Nicht vorzusorgen, wäre tatsächlich leichtsinnig. Vorsorge besteht gerade darin, auch bei einem Mangel an Gewissheit Maßnahmen zur Vermeidung von Schäden NICHT hinauszuschieben, wenn Schäden möglich sind und nicht nur eingebildet. Ich denke, solch eine Vorsorgesituation ist tatsächlich gegeben, nicht nur wegen dem Klima-Umbruch, sondern auch anderen Gefahren wie der Zerstörung der ökologischen Vielfalt, der Versauerung der Meere usw. usf.. Welche Vorsorge ist jedoch sinnvoll?

Neben dem Vertrauen auf eine Versorgung „von oben“ gibt es „da unten“ noch eine andere Richtung, in die man sich bewegen kann. Eine Welt voller Egoisten, erst recht wenn sie sich untereinander erfolgreich gegenseitig dezimieren, wird nicht überleben. Es gab mal ein Buch von Vine Deloria mit dem Titel: „Nur Stämme werden überleben“. Nicht „persönliche Unabhängigkeit“ im Kampf jeder gegen jeden macht Menschen überlebensfähig, sondern soziale Kooperation.

„Nur Stämme werden überleben“ und erfahrungsgemäß auch nur die, die kooperativ und hierarchiearm sind. Leider ist die Vorstellungswelt für nachapokalyptische Zeitalter okku-piert vom Bild des ständigen Kampfs zwischen Clans und Banden, geführt von mächtigen und gefährlichen Männern. Nur im Endzeitfilm „Postman“ mit Kevin Costner ist es das Wiederaufleben von Kommunikation und Kooperation, das die Menschen – auch im Kampf gegen die räuberischen Banden – zu weiterer Entwicklung befreit. Auch ethnologische Studien legen nahe, dass unter erschwerten Lebensbedingungen Formen der Gesellschaft, in denen jedes Individuum sich schöpferisch die Problemlösungen einbringen kann, Vorteile gegenüber hierarchisch-geschlossenen Strukturen haben (Seibel 1980: 176ff.). Und die beste Vorbereitung für Notzeiten ist in melanesischen Gemeinschaften z.B. eine Tradition von Festen, in denen darum gewetteifert wird, wer mehr spendieren kann als andere.

„Eingeübt zur festen Gewohnheit in fetten Tagen, wird die Bereitschaft zum Teilen zur Überlebenshilfe in der Not.“ (Seibel 1980: 182)

Auch im Ernstfall werden die Menschen nicht ewig in Bunkern leben können. Und die Produktion der Lebensmittel war noch nie die Sache eines Einzelmenschen oder einzelner Familien, sondern von kooperativen Gemeinschaften. Natürlich wird es immer Einzelne geben, die vielleicht unter ungünstigen Bedingungen leben und unter Umständen lieber andere ausrauben, als selbst zu verhungern. In Robert Merles Buch „Malevil“ ist die Überlebensgemeinschaft selbst geschockt, als sie um des eigenen Überlebens willen Plünderer erschießen müssen. Wenn dies nicht ein entsetzlicher Ausnahmefall bleibt, sondern zum immer wieder bestätigten Muster der Handlungsorientierung, so bleibt bald nicht mehr viel, was zu verteidigen wäre. Eine Zombie-Apokalypse wird immer wahrscheinlicher, je mehr Menschen keine Alternative zur Absicherung gegen Gefahren sehen, als ein Ego-Prepper zu werden. Umso wichtiger ist es, andere Alternativen zu entwickeln, zu befördern und zu propagieren.

Hier gibt’s z.B. eine Übersicht über sinnvolle alternative Projekte und Lebensgemeinschaften:

Auch der eigene Alltag verträgt sicher noch mehr Gemeinsamkeit. Vertrauensbildung ge-schieht schon vor der Krise und bereichert das eigene Leben auch ohne Krise. Was könnte es Besseres geben, als eine absichernde Vorbereitung auf mögliche Krisen, die einen nicht verroht, sondern bereichert?

Wann wird bei Euch das nächste Spendier-Fest gefeiert?

Quellen
Bundesregierung (2016): Konzeption für zivile Verteidigung.
Deloria, Vine (1970/1988): Nur Stämme werden überleben. Goldmann.
Merle, Robert (1975): Malevil. Aufbau-Verlag.
Pro Sieben (2016): ZOMBIE APOKALYPSE Vorbereitung – Prepper-Con.
Schilk, Jochen (2014): Nicht weit vom Stamm. OYA 25/2014.
Seibel, Hans Dieter (1980): Struktur und Entwicklung. Ein sozialwissenschaftliches Lehrbuch. Kohlhammer.
WDR-Reportage (2017): „7 Tage… Endzeitstimmung“.

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