Erinnert sich noch jemand an den Hurrican Harvey im August diesen Jahres? Da war doch irgendwas… weit weg für die meisten. Ganz weit weg von unserem Alltag, abgesehen von der erregten Berichterstattung über eine kurze Zeit.

(Joe Webb)

Die nun erfolgten wissenschaftlichen Auswertungen sind noch viel weiter weg. Sie sind zwar durch nur wenige Klicks im Internet erreichbar, aber wen interessieren sie schon? Für die Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Vereinigung war die Auswertung der wissenschaftlichen Befunde zum Hurrican Harvey (vgl. auch jw vom 15.12.2017) ein Höhepunkt.

Die Klimaforschung bemüht sich seit mehreren Jahrzehnten, mögliche Folgen der Erderwärmung zu ermitteln, damit wir Menschen uns schützen oder anpassen können. Das, was sie prognostizieren, wird gerne in Frage gestellt. Seit mehreren Jahren ist aber zu beobachten, dass viele der Voraussagen durch die Wirklichkeit bereits eingeholt und sogar übertroffen wurden (vgl. Schlemm 2017). Bisher war angenommen worden, dass die Erwärmung des Golfs von Mexico um ein Grad zu einer Erhöhung der Niederschläge in diesem Gebiet um ca. 6-7 % führen könnte. Diese Erwartung beruht darauf, dass wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen kann. Mit jedem Grad Erwärmung können sich 7% mehr Wasserdampf in der Atmosphäre befinden, die dann im Wettergeschehen mitmischen. Es gibt bereits Untersuchungen zur Steigerung des Niederschlags durch die Erderwärmung (vgl. Lehmann, Coumou, Frieler 2015). Nun wurde diese Abschätzung für den Hurrican Harvey überprüft. Dabei wurden natürliche Ursachen für eine Erhöhung der Wassertemperatur wie El-Nino-Anomalie in die Untersuchung einbezogen. Diese natürlichen Effekte und auch die physikalisch-chemischen möglichen Folgen des CO2-Anstiegs können gut voneinander separiert werden. Historische Daten für diese Einflüsse für den Zeitraum zwischen 1950 und 2016 liegen auch vor. Die statistische Analyse dieser Daten zeigt, dass sich seit 1950 die Niederschlagsmenge nicht nur um die erwarteten 6-7% erhöht hat, sondern mindestens um 18,8 % (und möglicherweise sogar um 37,7%) (Risser, Wehner 2017).

Nach einer anderen Studie (van Oldenborgh et al 2017) führt der menschliche Anteil an der Klimaerwärmung zumindest in der betrachteten Region zu einer Steigerung der Wahrscheinlichkeit solcher Extremereignisse um durchschnittlich das Dreifache (wobei der Unsicherheitsbereich von 1,5 bis 5 reicht) und ihrer Niederschlagsmenge um ca. 15 % (mit einem Unsicherheitsbereich zwischen 8% und 19%). Solche Wahrscheinlichkeitsaussagen besagen nicht, dass ein einzelnes Ereignis ganz konkret nur von der menschengemachten Erderwärmung verursacht wäre. Die globale durchschnittliche Erderwärmung verändert jedoch auch in ihren regionalen Auswirkungen die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse und deren Stärke.

Neben den statistischen Unterschungen wird auch nach Mechanismen gesucht, die die stärkere Wirkung der Erderwämung über die bisher bekannten Effekte hinaus erklären. Zur Erhöhung der Niederschlagsstärke über das bisher erwartete Maß hinaus könnten z.B. der Beitrag von Kondensationswärme und höhere Luftgeschwindigkeiten beitragen.

Sollte weiterhin „Business as usual“ betrieben werden, so erhöht sich die Niederschlagsmenge möglicherweise um das Zehnfache (van Oldenborgh et al 2017). Das, was jetzt als Extrem gilt, wird dann zum Normalzustand (vgl. Extremwetter als „neue Normalität“ bei CNN 2016).

Diese „Normalisierung der Extreme“ kann man sich gut verbildlichen durch eine Verschiebung der Gaußkurve, die hier für die Normalisierung der extremen Hitzetage erläutert wird.

Diese „Normalisierung“ wird sich aufgrund ihrer Dramatik unterscheiden von den „shifting baselines“ (sich verschiebenden Grundlinien), die bei kontinuierlichem Wandel einsetzen (vgl. Schlemm 2016). Sie wird sich regional unterschiedlich auswirken, deshalb werden immer wieder Leute fasziniert-gruselnd vorm Fernseher den Katastrophen der andern zuschauen können. Wahrscheinlich führt das auch dazu, dass weiterhin nicht genug unternommen wird, um auf die Bremshebel zu steigen… bis die Umbrüche einander kaskadenartig beschleunigen und die ökologisch-sozio-ökonomischen Netzwerke, aus denen heraus wir uns jetzt versorgen, auseinander fallen. In dieser dann entstandenen neuen „Normalität“ der klimatischen und ökologischen Instabilität und Unsicherheit werden wir und unsere Nachkommen dann zu neuen Formen finden müssen, uns möglichst gut zu versorgen. Wie die natürlichen klimatisch-ökologischen Tendenzen verlaufen, ist in großen Grenzen doch einigermaßen durch die Naturgesetze bestimmt. Menschen können nur bestimmen, unter welchen Bedingungen diese Gesetze wirken, welche dadurch verstärkt zur Wirksamkeit kommen, welche eher nicht. Wie sich die Menschen unter diesen Bedingungen jeweils verhalten, ob sie einander noch das Letzte rauben und in einer Art „Mad-Max“-Dystopie leben müssen, oder ob sie sich – auch bzw. gerade unter diesen Bedingungen – in Richtung kooperativ-ökologische Lebens- und Wirtschaftsweisen entwickeln, ist weniger klar voraussagbar. Das ist glücklicherweise noch offen und unserer Entscheidung überlassen.

Quellen:

CNN (Jones, Judson; Gray, Jennifer)(2016): Why extreme weather is the new normal.

Lehmann, Jascha; Coumou, Dim; Frieler, Katja (2015): Increased record-breaking precipitation events under global warming. Climatic Change (2015) 132: 501.

Risser, Mark D.; Wehner, Michael F. (2017): Attributable human-induced changes in the likelihood and magnitude of the observed extreme precipitation during Hurricane Harvey. Geophysical Research Letters. Doi: 10.1002/2017gl075888.
Schlemm, Annette (2016): Warum retten wir nicht sofort die Welt?

Schlemm, Annette (2017): Schlimmer als der bisher angenommene Worst Case.

van Oldenborgh, Geert Jan et al (2017): Attribution of extreme rainfall from Hurricane Harvey, August 2017. Environ. Res. Lett 12(2017) 124009.

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