Ich lese mich seit einigen Wochen durch einen immer größer werdenden Bücherstapel zur Geschichte. Wie üblich finde ich in jeder Quelle mindestens ein bis zwei neue Hinweise auf Bücher oder Texte, die ich mir dann übers Internet oder auch antiquarisch besorge. Als ich in einem Mailwechsel vor einigen Tagen schrieb, dass gerade 24 Bücher noch warten, kamen eine Stunde später drei weitere mit der Post und seitdem noch einmal zwei.

Warum tue ich mir das an? Nun ja, seit ich einige Fragen habe, finde ich es spannend, die möglichen Antworten dazu nachzulesen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn andere etwas zitieren oder auch referieren, sie längst nicht alles für mich Wichtige erfasst haben. Was mich besonders ärgert ist die Praxis, dass oft jemand etwas liest, was ihn (oder sie) überzeugt und dann wird genau diese Position als „Wahrheit“ wie ein Banner weiter herumgetragen, ohne zu prüfen, ob es noch Alternativen zu dieser Position gibt.

Es ist natürlich so gut wie unmachbar, alles zu einem Thema, das vielleicht ein Fachhistoriker zur Rate ziehen müsste, als interessierter Laie auch zu lesen – vor allem fehlt natürlich auch die methodologische Grundlage (über die ja auch sehr vielfältig gestritten wird). Ich habe mich schon mit vielen Fachgebieten beschäftigt. Geschichte braucht das intensivste Literaturstudium. Hier lässt sich wenig schnell zusammenfassen. Mir ist auch aufgefallen, dass Marx und Engels in ihren geschichtlichen Texten durchaus nicht einfach nur die bekannten „Regeln“ aus dem „historischen Materialismus“ (Stichworte u.a.: Zusammenhang Produktivkräfte – Produktionsverhältnisse, Klassenkampf…) durchzelebrieren, sondern sich extrem intensiv mit allen Einzelheiten der von ihnen beschriebenen geschichtlichen Themen beschäftigten (z.B. Engels über die „Fränkische Zeit“ (MEW 19)); Lenin hat ein ganzes Buch über „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“ geschrieben (LW 3).

Ich habe vor kurzem bei einem Vortrag in Dresden zwei Zitate gegenüber gestellt, die unterschiedliche Formen des Umgangs mit Geschichte unter MarxistInnen kennzeichnen. Der eine Text lautet:

Die marxistisch-leninistische Auffassung von der Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung „begründet die Überzeugung von der Notwendigkeit des geschichtlichen Fortschritts zuverlässig und wissenschaftlich“

Der stammt aus einem Staatsbürgerkundelehrbuch von 1983.
Aus dem westlichen Marxismus stammte dagegen folgender Satz:

„Die Entwicklungsrichtung gegebener Sozialsysteme ist – im Rahmen der objektiven materiell-technischen und sozialökonomischen Voraussetzungen – offen.
Welche Richtung eingeschlagen wird, bzw. welche konkret-historische Ausprägungsform die entstehende Gesellschaftsformation […] annimmt, hängt ab von den empirisch zu rekonstruierenden Bedingungen des jeweiligen „historischen Milieus“.“ (Naumann 1978: 27)

Um etwas über Geschichte zu verstehen und aus ihr zu lernen, müssen wir uns also ganz konkret mit den „empirisch zu rekonstruierenden Bedingungen“ beschäftigen.

Ich habe oben Fragen erwähnt, die mich zum Geschichtsstudium bewegen. Das sind folgende:

  • Wie vollzogen sich andere Transformationen von einer Gesellschaftsformation zur nächsten?
  • Ist die Aufeinanderfolge der Gesellschaftsformationen für alle Regionen der Welt ungefähr gleich? D.h. gibt es einen notwendigen Zusammenhang zwischen ihnen, der dazu führt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass nach GF 1 (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus) dann GF 2 (Feudalismus, Kapitalismus) folgt? Das betrifft die Frage nach Determinismus (nicht im Sinne totaler Bestimmtheit, sondern auch Bedingtheit) und Kontingenz (etwas kann der Fall sein oder auch nicht, was nicht unbedingt identisch mit Zufälligkeit sein muss).
  • Welche Rolle spielten (Dorf-)Gemeinschaften im Feudalismus „zwischen“ den bekannten sozialen Beziehungen zwischen Grundherren (verschiedenster Art) und feudal (d.h. auf Grundrentenbasis) Ausgebeuteten?

Letztlich zeigt sich an diesen Fragen, dass mich die Geschichte um der Zukunft willen interessiert. Mir war schon länger bewusst, dass eine Übertragung der „Gesetze der Dialektik“, auch wenn sie durch eine „funktional-historische“ Kategorialanalyse wie in der Kritischen Psychologie (Holzkamp 1985: 52) für einen Gegenstandsbereich konkretisiert wurden, auf menschliche Geschichte und Zukunftsgestaltung ohne eine ausführliche Analyse der Geschichte selbst kurzschlüssig wäre. Auch im Kontext der „Keimform-“ Debatte wird vorwiegend der kurzschlüssige Weg der Ableitung von allgemeinen Entwicklungsmustern („5-Schritt-…“) und auch das unreflektierte Überbewerten nur einzelner AutorInnen ohne eine ausreichende Einbettung in umfassende geschichtliche Studien praktiziert.

Aus meinen derzeitigen Studien zur Geschichte habe ich inzwischen eine andere Sicht auf „Keimformen“. Natürlich gibt es vieles, was aus späterer Zeit als „Keimformen“ erkennbar wird für etwas, was sich zumindest in einigen Regionen dann später entwickelt hat. Aber eine Keimform-Theorie 2.0 (falls sie möglich ist) muss aus der Geschichte mindestens drei Ergebnisse beachten:

  1. Alle wichtigen neuen Trends entstanden nie nur aus nur einer einzigen „Keimform“, sondern waren bedingt durch viele Faktoren, die zuvor meist unverbunden existierten, aber in besonderen historischen Momenten und Situationen zusammen kamen. Die geschichtliche Erfahrung aus der Debatte über die Ursache der Wüstungen (z.B. Rösener 2010)) spricht für eine „multifaktorielle“ Erklärung, wobei sich dann immer noch „bestimmende“ und nur „mitwirkende“ Faktoren unterscheiden lassen. Bei den mitwirkenden Faktoren sind einige notwendige, andere nicht…
  2. Für viele später entstandene Zustände in wenigen Regionen gab es auch in anderen Regionen bereits „Keime“. Es ist interessant zu untersuchen, warum sie jeweils nicht keimten (so z.B. bei der Ständeverfassung (siehe Hintze 1931/1970)). Die Erfahrungen dabei zeigen, dass i.a. viele Bedingungen zusammen treffen müssen, damit der Boden fruchtbar für den Keim ist und damit er auch die bestimmte Form annimmt, die wir dann später kennen.
  3. Neues entstand i.a. nicht aus einer vorherigen Konfiguration heraus (durch innere Widersprüche oder so), sondern durch das Zusammentreffen (mindestens) zweier Tendenzen, die jede der beteiligten Produktionsweisen und Kulturen in ihren Grundlagen erschüttern, die aber gemeinsam das Potential für Neues entwickeln. Solche Kombinationen sind i.a. prinzipiell nicht vorher prognostizierbar.

Das sind so die ersten Eindrücke für eine tastende Zusammenfassung. Ich will versuchen, voreilige Zusammenfassungen und Verallgemeinerungen zu vermeiden. Natürlich geht man nie ganz vorurteilslos an das Material heran. Grundsätzlich bin ich jetzt erst einmal eher neugierig auf neues Wissen über die Vielfalt menschlichen Lebens in allen Zeiten als dass ich zu theoretisierenden Gesetzesaussagen kommen wöllte.

Deshalb werde ich in der nächsten Zeit wohl einige Blogbeiträge über einzelne Leseerfahrungen schreiben, um InteressentInnen ein Stück weit mitnehmen zu können, ohne dass ich gleich eine neue große Geschichtstheorie ausarbeiten muss.

Literatur:

Engels, Friedrich (MEW 19): Fränkische Zeit. Karl Marx, Friedrich Engels. Werke. Band 19. Berlin: Dietz Verlag 1987. S. 474-581.
Hahn, Erich, Kosing, Alfred, Rupprecht, Frank (1983): Staatsbürgerkunde. Einführung in die marxistisch-leninistische Philosophie. Berlin: Dietz Verlag.
Hintze, Otto (1931/1970): Weltgeschichtliche Bedingungen der Repräsentativverfassung. In: Feudalismus-Kapitalismus. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht. S. 68-113.
Holzkamp, Klaus (1985): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/Main, New York 1985
Lenin, Wladimir Iljitsch (LW 3): Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland. Der Prozeß der Bildung des inneren Marktes für die Großindustrie. Werke, Band 3. Berlin: Dietz Verlag 1956.
Naumann, Klaus (1978): Formationsanalyse – Entwicklungszentren – Weltgeschichte. In: Gesellschaftsformationen in der Geschichte. Berlin: Argument Verlag. S. 7-34
Rösener, Werner (2010): Die Wüstungen des Spätmittelalters und der Einfluss der Klimafaktoren. Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte (ZHG) Band 115 (2010), S. 57-77.

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