Eine kleiner Verweis in einem Blogkommentar verwies mich auf ein neues Buch von Bini Adamczak: „Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende.“ Sie untersucht bestimmte Merkmale der revolutionären „Sequenzen“ von 1917 und 1968 und macht Vorschläge für eine Dritte, die hoffentlich kommende. Dabei verflechten sich mehrere Themenstränge, die eine Perspektive aus der Sicht der Kulturen und Beziehungen einnehmen. Ich werde im Folgenden einige der Inhalte vorstellen und gleichzeitig eigene Erinnerungen oder Gedanken einflechten.

Postrevolutionäre Revolution

Bini Adamczak beginnt mit der Beobachtung, dass für Revolutionen der Art 1917 typisch ist, dass sich revolutionäre und nachrevolutionäre Zeiten deutlich voneinander unterscheiden. Die Revolution selbst stellt einen begeisternden Aufbruch dar und trotz der damit auch verbundenen Brutalität sind die Beteiligten danach traurig, dass die Zeit vorbei ist und Spätgeborene bedauern sogar, nicht dabei gewesen zu sein. Auch wo die Revolution erfolgreich war, wie in der Sowjetunion, gab es eine „Postrevolutionäre Depression“. Nicht etwa, weil die Ziele nicht vollständig erreicht worden sind – sondern auch grundsätzlich: Beim Aufbau werden andere Aufgaben gestellt, die „Situation fordert nicht mehr Mut und Entschlossenheit, sondern Geduld und Disziplin“. Es gab danach einen kollektiven Wunsch nach „Wiederkehr von Kampf und Aufregung“. Vielleicht war auch das Hintergrund dafür, dass weiterhin das politische Leben „als revolutionärer Klassenkampf reinszeniert“ wurde.

Die Erziehung in der DDR, die Art Bücher, die wir lasen, die Filme, die wir sahen, sollten immer wieder eine revolutionäre Begeisterung beschwören, die nicht da war. Bei uns konnte das noch weniger fruchten als in der UdSSR, weil unsere Eltern und Großeltern meist noch nicht mal wirklich an einer Revolution beteiligt gewesen waren…

Beziehungen im Revolutionstyp 1917

Ich kann mich gut an eine Geschichte erinnern, die uns irgendwann in der Kindheit oder Jugend nahe gelegt worden war: Ein Vater hatte drei zerstrittene Söhne. Um sie zu mehr Einheit zu bekehren, zeigte er ihnen drei dünne Ästchen… und zerbrach nacheinander jedes einzeln. Als er die drei zusammenschnürte zu einem kleinen Bündel, konnte er sie nicht mehr zerbrechen. „Einheit macht uns stark“ – war die Botschaft. Verbunden mit der Darstellung, dass solche Konzepte wie die „Diktatur des Proletariats“ und der „Führenden Rolle der Arbeiterpartei“ aus Lehren niedergeschlagener Revolutionen wie der Pariser Commune entwickelt und verwirklicht werden mussten, erzeugte das eine gewisse Akzeptanz der politischen Realität im „real existierenden Sozialismus“. Das bedeutet, wie auch Bini Adamczak schreibt: „Statt an einem Modell der Verknüpfung, der Beziehung orientierten sich die Bolschewiki an einem Modell der Repräsentation, der Subordination.“ In meiner Jugend war Walter Ulbrich t schon abgeschrieben, man machte sich eher lustig über seinen Versuch, eine „sozialistische Menschengemeinschaft“ zu beschwören. Bini Adamczak zitiert Jörn Schüttrumpf, der schrieb: „Alle sozialen Beziehungen, soweit sie auf Vertrauen gründen, wurden absichtsvoll zerstört.“ Ich weiß nicht, auf welche Praxen sich das bezieht. Ja, „Fraktionen“ waren nicht erlaubt, die Staatssicherheit zerstörte auch wichtige Beziehungen… aber in dieser Allgemeinheit trifft das, so meine Erfahrung, doch nicht zu. Besonders nach der „Wende“ zeigte sich für viele, dass die Beziehungen am Arbeitsplatz zwar nicht immer freundschaftliche, liebevolle waren…, aber Gründe, sich wegen einer allgegenwärtigen Konkurrenz zu misstrauen und zu mobben, waren systematisch ausgeschaltet. Das veränderte vieles und ermöglichte vieles, was heutzutage kaum noch im Bewusstsein ist.

Die individuelle Persönlichkeitsentwicklung war ein ausgesprochenes Ziel der Politik im Sozialismus. Dabei war diese Entwicklung natürlich in Richtung auf ein bestimmtes Ideal-bild orientiert, eine „sozialistische Persönlichkeit“ sollte es schon sein. Und Pawel Kortschagin aus dem Buch mit dem deutlichen Titel: „Wie der Stahl gehärtet wurde“, gehörte zu den Vorbildern. Darin finde ich auch die „Selbstzurichtung zur Härte… bis zur Identitätsstiftung“, von der Bini Adamczak schreibt, wieder. Diese Härte fand ich auch wieder in den alten Genossen, die nicht mal in der Wissenschaft persönliches Interesse wichtig fanden, sondern darin nur den „Parteiauftrag“ sahen. Trotzdem, und wiederum möchte ich auch benennen, dass die Ausschaltung der Konkurrenz um Lebensgrundlagen auch andere Persönlichkeitsrichtungen und Beziehungen ermöglichten. Ich weiß z.B., dass sich mein Interesse von der „reinen“ Wissenschaft (so menschenfern wie möglich: Astronomie) zur Gesellschaftstheorie und -praxis verschob, als ich Genossen um mich herum hatte, die ich wirklich unterstützen wollte, bei denen ich echte menschliche Wärme und Beziehungsfähigkeit fand… Da Kooperation und Solidarität auch „offiziell“ eingefordert wurden, war es gar nicht so schwer, das auch in vielerlei Hinsicht und recht großem Ausmaß zu leben. Dass die Hinsichten nicht ausreichend waren, das Ausmaß nicht allen Bedürfnissen entsprach…, dies ist unter allen Verhältnissen eine Frage der weiteren Entwicklung…

Revolutionstyp 1968

Die politisch-kulturelle Revolution um 1968 (die ökonomischen Kämpfe in den Fabriken ist hier wie bei B.A. nicht Thema) hatte im Wesentlichen eine zu 1917 entgegengesetzte Rich-tung. Es ging um „weniger Universalität als Partikularität, weniger Einheit als Vielheit, weniger Gleichheit als Freiheit und weniger Rationalität als Kreativität“. 1968 „steht eher für Autonomie als für Stabilität, eher für Entfremdungskritik als für Ausbeutungskritik und eher für eine Kritik der produktiven als der repressiven Macht“. „Wo 1917 versucht hatte, das Private abzuschaffen, Reproduktion zu maskulinisieren, Emotionalität zu rationalisieren, das Sexuelle zu zivilisieren und menschliche Beziehungen zu ökonomisieren, versuchte 1968 das Private zu politisieren, Produktion zu feminisieren, Rationalität zu kritisieren, Kultur zu sexualisieren und die Ökonomie zu vermenschlichen.“

Diese Entgegensetzung ist nach Adamczak aber noch nicht zufriedenstellend. Spätestens in den neuen Formen des Selbst-Unternehmer-Kapitalismus sehen wir: “Die individualisierenden und subkulturalisierenden Dispositive des Spektakels ermöglichen kein Leben im Überfluss des sexuellen, geschlechtlichen, ethnischen, materiellen Reichtums der Gesellschaft, sondern zunehmende Konkurrenz um die knappen und fließend hierarchisierten Posten, zwischen denen die Wahlmöglichkeiten ausgedehnt wurden.“ Ulrike Baureithel beschrieb gerade (in OXI 7/18), wie „die kollektiven und Gemeinschaft stiftenden Elemente, die die linksalternative Kultur und Ökonomie der siebziger Jahre ausmachte“ sich „in der postmodernen Erlebnisgesellschaft“ verflüssigen. Als wir nach 1990 aus dem Osten uns mit Literatur über diese Praxen und Kulturen aus dem Westen eindeckten, Projekte besuchten und solidarisch begleiteten, trafen wir sie nicht selten gerade in einer Stagnations- und Regressionsphase an. Die Begeisterung, die wir aus den 1970er Texten herauslasen, wurde bei Akteuren der 90er nur noch belächelt. Immer wieder entstanden und entstehen auch neue Projekte. Aber von alleine gelingt ihnen kein Durchbruch, der erhoffte Dominoeffekt tritt nicht ein…

Relationale Revolutionstheorie

Aller guten Dinge sind drei; nach zwei Versuchen in entgegengesetzte Richtungen sollte nun die höhere Synthese möglich sein. Die beiden Vorversuche illustrieren den Gegensatz zwischen Totalität und Singularität, von „Einheit des Zwangs“ und „bindungsloser Differenz“ von „Strukturfixiertheit der alten Linken“ einerseits und „Singularitätszentrierheit der Neuen Linken“ andererseits. Diese Extreme werden vermieden durch eine Orientierung auf Relationalität, auf Beziehungen, auf die Beziehungsweise der Menschen.

Eine solche Orientierung auf Beziehungen stützt sich auch auf eine Ontologie der Beziehungen: Die Welt setzt sich demnach nicht aus Dingen zusammen, sondern aus Beziehungen. „Relationen verbinden so nicht lediglich bereits existierende Elemente, sondern stiften in dieser Verbindung vielmehr deren Bedeutung und Funktion, deren Aktionsweise und Identität.“ Eine Autorin, die B. Adamczak hierzu zitiert (Karen Barad), folgt dem „Zwang zur Dialektik“ (Hörz 1984: 133). Sie kritisiert eine Ontologie, bei der isolierte Dinge vor aller Beziehung angenommen werden, während ihrer Meinung nach neuere Erkenntnisse (spätestens beginnend mit der Quantentheorie nach Bohr) zeigen, dass auch die außermenschliche Welt von Beziehungen durchzogen ist, in denen die jeweiligen Entitäten („Erscheinungen“) erst entstehen. Camilla Warnke vollzog bereits 1974/1977 den Weg vom Substanzialismus zum Relationismus der westlichen Sozialtheorie nachvollzogen und gezeigt, dass eine Reduktion von Dingen als bloße „Stellen in Relationen und Relationsgefügen“, wie sie bei Rombach (1971) erfolgte, nicht angemessen ist (Warnke 1977: 35). Ein „System von Qualitäten kommt zwar dem Ding objektiv, als dessen immanente Bestimmung zu, aber nicht unabhängig und außerhalb der Wechselwirkung mit anderen Dingen“ (Warnke 1974: 29). Gegen Rombachs Überbetonung des Beziehungs-Strukturellen, bei dem eine Beziehung ein „mehrstelliger, mindestens zweipoliger Zusammenhang zwischen zwei Stellen“ ist, „die durch Variable besetzt werden“, betont auch Renate Wahsner (1996: 42), dass der enge Zusammenhang zwischen den von den Relata abhängigen Relationen und eben den Relata besser als „Verhältnis“ zu verstehen ist. Dies ist ein „mehrstelliger Zusammenhang, bei dem nicht von dem, was im Zusammenhang miteinander steht, abstrahiert wird.“

Wenn Beziehungen in diesem Sinne als Verhältnisse verstanden, wenn auch nicht so benannt werden, so macht es durchaus Sinn, auch zu sagen, das Subjekt werden „erst in Beziehungen hervorgebracht“, wie bei Bini Adamczak. Wenn wir uns fragen „wer wir sind“, sollten wir fragen, „welche Beziehungen wir führen“. Gleichzeitig sind die Relata aber nicht nur austauschbare „Stellen“ in den Beziehungen, sie haben selbst eine intrinsische, mit der Beziehung zusammenhängende, aber nicht nur durch sie bestimmte Qualität. Das wird heute auch praktisch eher unsichtbar, weil sich gerade in den die Beziehungen ermöglichenden sozialen Netzwerken einzelne Menschen immer mehr dem erwarteten Bild zurechtmodeln und so tatsächlich eher das ausdrücken, was „das Netz“ erwartet.

Bini Adamczak sieht auch eine Verbindung mit der Debatte über die Commons. Es gibt keine Commons ohne Comming – wie häufig zitiert wird. Ebenso wie Bini Adamczak sich von der Perspektive der Gesellschaft als Totalität verabschiedet hat, gewinnen auch die Commoners keine gesamtgesellschaftliche Perspektive außer der Anrufung der Leerformel der „polyzentrischen Organisierung“.

Bini Adamczak sieht die „Beziehungweisen“ begrifflich auf derselben Stufe wie die „Produktionsweisen“ – erarbeitet aber noch keine Verbindung beider Momente. Trotzdem ist ihre Sichtweise auf eine grundlegende gesellschaftliche Transformation gerichtet. Es sollen nicht nur andere, neue Beziehungen innerhalb der alten Produktions- und Zirkulationsweise, sprich, dem Kapitalismus, produziert werden. Es geht darum, die Spielregeln zu ändern. Sie fragt nach den Spielregeln in einem Omnypoly.

Auf die drängende Frage „Was tun?“ gibt sie die naheliegende Antwort: Knüpft andere Verbindungen, konstruiert befriedigende Beziehungsweisen.

Mich lässt dieser Aufruf einigermaßen ratlos zurück. Ich knüpfe schon immer so viele wie möglich andere, befriedigendere Beziehungen. Wie aber soll sich dadurch die Gesellschaft verändern? Ich kann mit meinem Chef keine solche Beziehungsweise eingehen, weil wir strukturell andere Interessen haben. Ich kann mit anderen Leuten, die meinen Arbeitsplatz haben wollen, nicht kooperieren. Ich habe auf dem Arbeitsamt oder dem Jobcenter immer die schlechteren Karten. Wenn junge Leute ohne Ellenbogenmentalität erzogen werden, haben sie es im gesellschaftlichen – vor allem dem Berufsleben – enorm schwer, überhaupt noch ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Solch eine Lebenseinstellung ist schön – aber existenzgefährdend. Wer sich dem ganz entziehen kann, das gibt es ja auch, lebt eine Ausnahme; ihre Lebens- und Beziehungsweise kann trotz aller Bemühungen nicht einfach verallgemeinert werden.

„Doing Society“ – Revolution als Transformation

Der relationale Revolutionsbegriff fokussiert also auf soziale Konstruktionsprozesse. Damit wäre auch gleichzeitig das andere Problem vor allem der Revolutionen des Typs 1917 ge-löst: Dieser neue Revolutionsbegriff „fokussiert weniger drauf, wie die alte Welt zerschlagen wird, als darauf, wie eine neue aus den Bestandteilen der alten erschaffen werden kann. Nur so kann das Licht der Revolution auch in ihrer postrevolutionären Zukunft noch scheinen. Revolution bedeutet dann radikale Neukombination prä-existierender Elemente, die durch eine neue Verbindung eine neue Essenz erhalten.“ Es gäbe keine Trennung zwischen Revolution und Postrevolution, beides findet statt „nicht als Machterringung, sondern als sozialen Transformationsprozess […], in dessen Zentrum nicht die Destruktion der herrschenden Gesellschaft steht, sondern die Konstruktion einer herrschaftsfreien.“

Wie schon an anderen Stellen verweist Bini Adamczak auch hier auf die Debatten um Geschlechtlichkeit und Gender. Die neue revolutionstheoretische Perspektive „überträgt die Kontingenz und Veränderbarkeit, die für das doing gender auf Interaktionsebene angenom-men wird, auf die großen gesellschaftlichen Institutionen.“

Wenn es dann einmal dazu gekommen ist, dass die darauf beruhenden neuen sozialen Praktiken dominant geworden sind, sollte sie auch „wesentlich stabiler“ sein, „als es die Übereinstimmung mit einer Idee sein könnte.“


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Literatur

Adamczak, Bini (2017): Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Berlin: Suhr-kamp 2016.

Barad, Karen (2003): Postumanist Performativity: Toward an Understanding of How Mater Comes to Matter. Signs. Journal of Women in Culture and Society, 2003, vol. 28, no. 2.

Hörz, Herbert (1984): Dialektik in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 1984, Heft 2, S. 133-141.

Rombach, Heinrich (1971): Strukturontologie. Eine Phänomenologie der Freiheit. Freiburg, München: Alber.

Wahsner, Renate (1996): Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis. In: HEGELIANA. Studien und Quellen zu Hegel und zum Hegelianismus. Herausgegeben von Helmut Schneider. Band 7. Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien. Peter Lang

Warnke, Camilla (1974): Die “abstrakte” Gesellschaft. Systemwissenschaften als Heilsbotschaft in den Gesellschaftsmodellen Persons´, Dahrendorfs und Luhmanns. Berlin: Akademie-Verlag.

Warnke, Camilla (1977): Gesellschaftsdialektik und Systemtheorie der Gesellschaft im Lichte der Kategorien der Erscheinung und des Wesens. In: Bernhard Heidtmann, Gudrun Richter, Gerda Schnauß, Camilla Warnke: Marxistische Gesellschaftsdialektik oder „Systemtheorie der Gesellschaft“? Berlin: Akademie-Verlag. S. 25-68.


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