Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Mich selbst machte das Buch einigermaßen ratlos. Ich habe seit ungefähr 20 Jahren viele der im Buch beschriebenen Konzeptentwicklungen begleitet. Zur gedanklichen Untermauerung von vielen in der Debatte (z.B. bei Keimform.de) vertretenen Konzepten gibt es verschiedene Ansätze, von denen nun aber in dem Buch einige für mich wesentliche ganz verleugnet oder explizit ausgeschlossen werden. Das wäre egal, wenn sich dies für mich nicht auch in den Ergebnissen zeigen würde.

Als ein Ziel der theoretischen Arbeit an dem Buch wird versprochen: „Aus der Neubeantwortung der Fragen nach Utopie und Transformation lassen sich neue Kriterien für die Praxis gewinnen“ (S&M: 14). Welche Kriterien sind dies?

  • Mit dem Staat geht es nicht. So zumindest wird im Theorieteil argumentiert: „Politisch-staatliche Transformationstheorien zielen auf Macht im Staat ab, um diese zwecks Durchsetzung allgemeiner Ziele über Menschen auszuüben. Das aber ist Herrschaft.“ (ebd.: 54) Deshalb werden, aus meiner Sicht auch berechtigt, pure „politisch-staatliche Transformationstheorien“ abgelehnt. Bei der Frage nach der real zu vollziehenden Praxis jedoch zeigt sich jedoch ein Schwanken: Vielleicht kann der Staat ja doch „das Eigentum vergesellschaften, neue Praktiken fördern und schützen, sich demokratisch in die Gesellschaft auflösen etc..“ (ebd.: 232)? Hier setzt eine sympathische Praxis der Autoren ein: Sie stellen ihre Position offen zur Diskussion: „An dieser Stelle müssen wir zugeben, dass es viele Menschen gibt, die auf dem Gebiet von Staat und Politik mehr Kenntnisse haben als wir. Wir reichen ihnen also gerne den Kelch weiter und wollen sie fragen: Welchen Beitrag kann ein Staat zu einem Dominanzwechsel, der eine freie Gesellschaft durchsetzt, leisten?“ (ebd.: 233) Was soll ich dann von dem vorausgesetzten theoretischen Rahmen halten, wenn er so schnell aufgeweicht wird?
  • „Traditionsmarxistisch“ geht es nicht. Was dieser „Traditionsmarxismus“ vorzuschlagen hätte, wird überhaupt nicht geprüft – das Kapitel über den „traditionellen Marxismus“ (Kapitel 2.3., S. 57-64) ist ein einziger Verriss, der eine gedankliche Strohpuppe zurechtzimmert und Versatzstücke aus der realen Theorie völlig kontextlos und aus den geschichtlichen praktischen Kämpfen herausgerissen verdammt und verurteilt. Wie mit dem Widerspruch umzugehen ist, dass einerseits ohne vorherigen Machtkampf die neue Gesellschaft primär aus einer Konstitutions-Praxis entstehen soll, andererseits die Verfügung über die dazu notwendigen Lebens- und Produktionsbedingungen noch gar nicht vorhanden ist, sondern dass wir erst „die Bedingungen unseres Handelns, Lebens und Fühlens schrittweise erringen“ (ebd.: 88) müssen, bleibt als Fragestellung völlig offen – denn die Frage nach der Aneignung wurde mit dem „Traditionsmarxismus“ gleich mit entsorgt (siehe dazu auch 3.2). Die Frage danach, WER jetzt über diese notwenigen Mittel verfügt, und WER sie demgegenüber erst erringen muss, bleibt völlig ausgeblendet.
  • Mit einem Kampf um die Macht geht es nicht. Obwohl die Autoren auch einen positiven Machtbegriff haben (als „Vermögen, individuell oder kollektiv zu handeln“(ebd.: 17)), lehnen sie ein Konzept der „Eroberung der politischen Macht“ (ebd.: 60) ab. Ohne dass sie diese Quellen angeben, finde ich darin die sympathische Losung der Zapatistas wieder: „Es ist nicht nötig, die Welt zu erobern. Uns reicht es, sie neu zu erschaffen.“ Oder auch den Buchtitel und -inhalt von John Holloway „Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen.“ Der auch von Holloway gesehene positive Inhalt der Macht (im Sinne von „power to“) als Fähigkeit, selbstgesetzte Ziele verwirklichen zu können, und die „Mittel zur Erreichung von individuellen oder kollektiven Zielen“ (ebd.: 17) werden dabei jedoch aus den Augen verloren und aus der Hand gegeben.
  • Bitte keine Kämpfe. Vom Individuum als Subjekt her gesehen hat doch niemand wirklich das Bedürfnis, anderen zu schaden. Nur die herrschenden (sic!) Bedingungen vielen nahe, ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer zu befriedigen. Wie können wir diese Bedingungen beseitigen? Hier setzt das Konzept von Stefan und Simon auch direkt an den individuellen Bedürfnissen an, wobei völlig offen bleibt, ob sich geschichtliche Entwicklungen überhaupt unmittelbar aus den individuellen Bedürfnissen ergeben. Eine „interpersonal verabredete Außerkraftsetzung der exkludierenden Wirkung des Eigentums“ (ebd.: 223) als Strategie für die Transformation wäre ja bei ein wenig gutem Willen dann ja schon immer und überall in der von Herrschaft und Ausbeutung geschüttelten „zivilen“ Welt der letzten Jahrtausende möglich gewesen.

Bei aller Klarheit dessen, was die kategoriale Utopie ausmacht (dass keine Bedürfnisse mehr auf Kosten anderer durchgesetzt werden können), können wesentliche Voraussetzungen einer solcherart als möglich vorausgesetzten neuen Gesellschaftsform nicht angegeben werden, was wiederum mit sympathischer Offenheit zugegeben wird: „Hier beschleicht uns eine noch größere Unsicherheit: Wie können wir bestimmen, was die veränderbaren Voraussetzungen einer freien Gesellschaft sind? Was braucht sie unbedingt, was ist verzichtbar? Ist es eine hohe Technikentwicklung? Eine globale Vernetzung? […] Da wir uns uneinig und unsicher sind, wollen wir diese historischen Vorbedingungen im Konjunktiv belassen.“ (ebd.: 211)(mehr dazu hier in 4.3.3.)

Im Kapitel zu den Transformationstheorien häufen sich dann die Unsicherheiten, Unklarheiten und Aufrufe, die Lücken selbst zu schließen. Dabei geht es, wie schon gesagt, nicht um eine Strategie für Kämpfe, sondern um das Aufzeigen des Weges der „Konstitution des Neuen“, das „im Alten beginnt und das Alte schließlich überwindet“ (ebd.: 18). Hierzu werden verschiedene Szenarien diskutiert. Leider zeigte sich bei einigen schon, dass sie nicht zu einer Aufhebung des Kapitalismus aus ihm selbst heraus führen können. Die wichtigste davon hatte bis vor kurzem die Funktion, sich eine derart grundlegende Gesellschaftsform-Transformation auch ohne Kämpfe vorstellen zu können: Die Vorstellung des „Auskooperierens“. Sie war übernommen von der Praxis der Freien Software: Deren Hersteller*innen (ich übernehme hier eine Schreib- und Denkweise der Autoren, siehe dort S. 24) brauchen nicht direkt gegen die proprietäre Software (wie von Microsoft) zu kämpfen, sie entwickeln einfach selber eine bessere Software (z.B. Linux) und durch die weltweite vernetzte Kooperation von Freiwilligen kann die Konzernmacht durchaus erfolgreich „auskooperiert“ werden (statt bekämpft oder „auskonkurriert“, siehe auch S&S: 225). Ich kann mich an befreiende Seufzer einiger Leute bei dieser Konzeptentwicklung erinnern: „Endlich brauche ich nicht mehr zu kämpfen, sondern kann gegen den Kapitalismus handeln, in dem ich tue, was ich eh gern mache!“ Obwohl dieses Auskooperieren an vielen Stellen durchaus funktioniert (so bei der Ersetzung von Brockhaus durch Wikipedia) kann dies nicht dazu verhelfen, dass sich die vorhandenen Commons (nichtkapitalistische kollektive Praxen der Herstellung* und Nutzung von Ressourcen und Gütern, siehe im Buch S. 156) sukzessive ausdehnen. Die Autoren schreiben dazu: „Auch wir neigten früher zu dieser Vorstellung des Dominanzwechsels, mussten aber in letzter Zeit davon Abstand nehmen“ (ebd.: 225). Wenn man den im Theorieteil eigentlich abgelehnten Staat als Krücke für den Übergang ablehnt, bleibt eigentlich nur noch das Szenario 3, die Krise, übrig (ebd.: 230f.). Damit sind wir dann wieder überhaupt nicht weiter als andere Theorien. Und es ist ja noch überhaupt nicht erwiesen, dass die Tatsache, dass die kapitalistische Gesellschaft in der Krise „die Existenz eines wichtigen Teils der Menschen nicht mehr ausreichend“ sichert, irgendwie zu einer „Aufhebung“ in der gewünschten Form führt statt zu einer Barbarisierung. Natürlich wissen dies auch die Autoren. Sie orientieren deshalb auf eine möglichst große Verbreitung von Erfahrungen von „interpersonalen Inklusionsräumen“, also Räumen, in denen die Menschen sich nicht mehr auf Kosten anderer bewegen und entwickeln. Über diese schon seit den Utopischen Sozialisten bekannte, im gewaltfreien Anarchismus praktizierte und durch die Alternativpraxen nach 1968 wieder auflebenden Orientierungen hinaus hat das Buch dann keine Strategie mehr vorzuschlagen. Die Wiederholung dieser durchaus nicht zu kritisierenden Orientierung auf derartige Praxen und Bewegungen mag dankenswert sein. Die hohen Versprechungen und Erwartungen, die das Buch weckt, werden damit eher nur für jene eingelöst, die das vorher nicht kannten.

Wenn man mich nun fragt, wie ich denn nun nach dieser Kritik die Frage nach dem Transformationsweg beantworte, so kann ich dazu keine Antwort geben, weil ich mir das auch nicht in dieser Weise vorgenommen habe. Hinzu kommt, dass der vorgegebene theoretische Rahmen aus meiner Sicht für Überlegungen dazu viel zu eng ist. Um dies zu zeigen, muss ich natürlich wenigstens ansatzweise auf die Alternativen zu den von S&M vertretenen Positionen skizzieren, deshalb wird dies einen großen Raum meiner Position zum Buch einnehmen.


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