Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.8 vom 25.10.2018)


Wenn man sich die Ideologen des Kapitalismus anschaut, so schwärmen diese geradezu davon, dass Menschen sogar ohne entsprechende mitmenschliche Motivation durch ihr marktwirtschaftliches Tun die anderen einbeziehen. Der kapitalistische Markt wäre demnach bereits inklusionslogisch verfasst. Wenn nur alle Menschen über einen ausreichend großen Teil des Privateigentums an Produktionsmitteln verfügen würden, könnte jede/r autonom über den Einsatz dieser Produktionsmittel bestimmen und damit seine individuelle Autonomie ausleben und trotzdem wäre – wie durch eine „unsichtbare Hand geleitet“ (Smith 1775/2005: 458) – der gesellschaftliche Zusammenhalt realisiert.

„Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.“ (Smith 1775/2005: 19).

Stefan und Simon verweisen darauf, dass dieses System nur funktioniert, wenn die Produzenten alle miteinander konkurrieren und derart doch eine Exklusionslogik herrscht. „Alles, was das Dasein für jeden von uns lebenswert macht, hängt davon ab, dass man die Beschränkung der Tätigkeit anderer durchsetzt“ schreibt John Stuart Mill (Mill 1857/1974: 12). Außerdem verselbständigt sich das Wirken der „unsichtbaren Hand“. Der Kapitalismus mit Wachstum unterscheidet sich auf jeden Fall von Ökonomien, in denen es kein Wachstum gibt. Ohne Wachstum geht der wirtschaftliche Erfolg des einen tatsächlich „auf Kosten“ des anderen. Es könnte eine Situation konstruiert werden, bei der wie im Kapitalismus Wachstum erfolgt und deshalb eine „Win-Win“-Situation entsteht, so dass alle etwas vom Wachstum haben (genauso funktionierte ja auch größtenteils die Befriedung der sozialen Konflikte). Eine Kapitalismuskritik muss sich also auf andere Argumente verlegen.

Die Kapitalismuskritik, also die Begründung, warum wir den Kapitalismus überhaupt „aufheben“ sollten, beinhaltet nach Stefan und Simon die Tatsache, dass in ihm die Sphäre der Produktion (Produktion, Tausch, Verwertung) gegenüber der Sphäre der Reproduktion vorherrschend ist (S&M: 27). Als grundlegend wird von Stefan und Simon angesehen, dass die Produzent*innen getrennt voneinander produzieren. Unter „Produzent*innen“ sind hier letztlich die gegeneinander konkurrierenden Unternehmen zu verstehen, nicht die lebenden Menschen mit ihrem Arbeitsvermögen. Wegen dieser Trennung der „Produzent*innen“ voneinander müssen die Produkte getauscht werden, wobei als Tauschäquivalent Geld notwendig ist und was Konkurrenz mit sich bringt. Wie sich das Geld vermehrt, um Kapital zu werden, bleibt bei Stefan und Simon offen. Sie verweisen dabei einfach auf die Betriebswirtschaftslehre, die feststellt, „dass es bei der Unternehmensführung zuförderst um eins geht: Vermehrung des investierten Geldes, Verwertung von Kapital“ (ebd.: 33). Den Mechanismus dieser Vermehrung bringen sie in Verbindung mit dem Konkurrenzdruck, der zur Kostensenkung der Produktion zwingt. Die notwendige Kapitalvermehrung wird als „Verwertungszwang“ bezeichnet und führt dazu, dass sich die gesellschaftlich herrschenden, also die ökonomischen Verhältnisse gegenüber den Individuen verselbständigen. „Es scheint, als würden die Verhältnisse die Menschen nur anwenden, als würden die Menschen nur dem Zweck der Verwertung dienen.“ (ebd.: 33).

Der Übergang zur Darstellung des Kapitalismus als Exklusionsgesellschaft geschieht durch den einfachen Satz: „Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft haben Menschen gute Gründe, ihre Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer zu befriedigen.“ (ebd.: 34) Als Beispiel der Exklusion dient hier wieder ein Unternehmen, nämlich H&M, das in der Konkurrenz andere Unternehmen exkludieren muss. Ich als Individuum bin daran beteiligt, weil ich ja durch mein Bedürfnis nach möglichst billiger Kleidung genau diesen Konkurrenzkampf mit anheize. Dies ist alles nicht falsch, aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

Als Folgen solcher Exkludierungen werden u.a. genannt die Auslagerung, d.h. Externalisierung von Kosten, die insbesondere zu ökologischen Problemen führen und die Ausbeutung. Die Ausbeutung besteht darin, dass die arbeitenden Menschen mehr Werte erzeugen, als sie in Form von Lohn erhalten und die Differenz steckt sich der Kapitalist ein (ebd.: 37). Dies beruht darauf, dass die arbeitenden Menschen „nichts anderes zu tauschen“ haben, als ihre Arbeitskraft. Die Ausbeutung ist demnach bei Stefan und Simon eine untergeordnete Folge der primären Problematik: des adäquaten Tauschs. „Selbstverständlich kritisieren wir diese Ausbeutung, aber sie ist fester Bestandteil einer verallgemeinerten Tauschwirtschaft und nur zusammen mit dieser zu überwinden.“ (ebd.: 37).

Was ist im Kapitalismus Bestandteil wovon? Für Stefan und Simon ist der Tauschzwang das Übergreifende, die Ausbeutung das Sekundäre. Würde Marx das auch so sehen, dann hätte er das „Kapital“ eigentlich nach dem 5. Kapitel beenden können. Ohne hier eine größere Debatte zur Marx-Interpretation aufzumachen, will ich darauf hinweisen, dass mir die Kapitalismusbestimmung, die Stefan in Nachfolge der bekannten Texte der Wertkritiker*innen vertritt, nicht schlüssig erscheint. Meiner Meinung nach hat die Ware Arbeitskraft eine wesentliche Besonderheit (Schlemm 2009), die sich erstens historisch darin zeigt, dass der Kapitalismus nicht mit einer beliebig großen Ansammlung von Geld und Handel begann, auch nicht nur dadurch, dass es (speziell in England) spezifische Pachtbedingungen gab, wodurch „eine wachsende Zahl von Pächtern den Imperativen des Marktes unterworfen wurde“ (Wood 2015: 68), sondern, wie von Marx ausgeführt, durch die Existenz doppelt freier Lohnarbeiter. Die Verwandlung in Kapital „kann nur unter bestimmten Umständen vorgehn, die sich dahin zusammenspitzen: Zweierlei sehr verschiedene Sorten von Warenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln […] andrerseits freie Arbeiter, Verkäufer der eignen Arbeitskraft und daher Verkäufer von Arbeit“ (MEW 23: 742). Zweitens zeigt sich die Besonderheit der Ware Arbeitskraft darin, dass nur sie in der Lage ist, das Mehrprodukt zu erzeugen, aus dem der Mehrwert wird, um den sich die Konkurrenz überhaupt dreht. In einem Text von 2014 (Schlemm 2014) zitierte ich dazu Marx, der explizit auf die Besonderheit der Aneignung der Arbeit aufmerksam macht:

Der „besondre Prozess der Aneignung der Arbeit von Seiten des Kapitals […] „ist ein qualitativ vom Austausch verschiedner Prozeß, und es ist nur by misuse, daß er überhaupt Austausch irgendeiner Art genannt werden könnte. Er steht direkt dem Austausch gegenüber; wesentlich andre Kategorie.“ (MEW 42 GR: 200-201)

(siehe zu den Folgen des Verzichts der Unterscheidung dieses wesentlichen Unterschieds auch Maul 2017). Was macht bei Marx den Kapitalisten (meinetwegen auch die Kapitalist*in) zu einer/m solchen? Nicht die von Stefan und Simon in den Mittelpunkt gestellte Getrenntheit der Produktion in den (getrennten und nur über Tausch vermittelten) Unternehmen, sondern die durch das Privateigentum an Produktionsmitteln ermöglichte Mehrwertenteignung:

„Nicht der Austausch, sondern ein Prozeß, worin er ohne Austausch vergegenständlichte Arbeitszeit, d.h. Wert erhält, kann ihn allein zum Kapitalisten machen.“ (MEW 42: 243)

Der Verzicht auf die Betrachtung der Produktion und der Enteignung des Mehrwerts bzw. ihre „Entwichtigung“ in der Kapitalismusanalyse von Stefan und Simon erweist diesen als bloßen „Zirkulationsmarxismus“ (vgl. Hanloser, Reitter 2008). Die Fixierung auf den Tausch, also auf die „[d]ie Oberfläche der Zirkulation kennt weder Klassen, noch Ausbeutung, noch Dynamik“ (ebd.: 11) oder findet sie nicht wesentlich.

Mit dieser Hervorhebung der Bedeutung der spezifisch kapitalistischen Ausbeutung als Kernelement des Kapitalismus ist übrigens noch nichts darüber gesagt, ob und ggf. wie die Träger*innen der Arbeitskraft eine „transformatorische Potenz“ haben, was ihnen Stefan abspricht (Meretz 2015). (dazu aber noch etwas von mir im nächsten Abschnitt, unten)


Hier gehts weiter.


Advertisements