Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Auch in manchen politischen Texten spielt die Vorstellung, dass Menschen „gemeinsam verschieden“ (S&M: 127) sein können und die Gesellschaft quasi von unten her selbst gestalten, eine zentrale Rolle, worauf Holger Marcks hinweist. In einem Flyer zu den „Anarchistischen Prinzipien“ wird festgestellt: „Nur in Beziehungen der „Freiheit/Freiwilligkeit“ können Menschen die Bedürfnisse anderer mitdenken, lernen, sich in andere hinein zu versetzen sowie soziale Verantwortung zu übernehmen und basisdemokratische Aushandlungsformen zu finden.“ Das Grundprinzip für die Vermittlung ist die „freiwillige Vereinbarung“ (vgl. Kropotkin 1892: 142ff.). Schon Kropotkin antwortet hier auf die zweifelnde Frage, wer sich denn in der zukünftigen Welt um die Verkehrsregelung kümmern solle… (ebd.: 149f.). Solche Gedanken und auch Praxen haben eine lange Geschichte. Ich möchte nur einiges dazu herausgreifen: Für Michael Bakunin war klar:

„Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich“ (Bakunin 1871/1921: 180).

Freiheit bedeutet dann „frei zu sein in der Freiheit anderer“ (Bakunin 1860/1973: 131). Der Anarchismus von Erich Mühsam „will die […] natürliche Verbindung von Persönlichkeit und Gesellschaft mit Gleichberechtigung, gegenseitiger Unterstützung und Selbstverantwortlichkeit aller Einzelnen im Bewußtsein der Gesamtverbindlichkeit und gemeinsamen Verantwortung fürs Ganze wieder zur Lebensform auch der Menschheit werden lassen“ (Mühsam 1932/1973: 22). Der hierzu angestrebte Föderalismus ist „Gemeinschaft der lebendigen Teile zum Gefüge eines lebendigen Ganzen“ (ebd.: 22-23). Auch die geschichtliche Tradition der Dorfgemeinden, die heute in der Commonsdebatte wieder eine Rolles spielen, war für Anarchisten grundlegend (vgl. Kropotkin 1892: 5). Nicht nur hier fanden AnarchistInnen die von ihnen vertretenen Prinzipien (letztlich in idealisierter Weise) verwirklicht – Peter Kropotkin schrieb ein ganzes Buch, um nachzuweisen, dass „die gegenseitige Hilfe […] als Naturgesetz und als Faktor der Entwicklung betrachtet werden“ kann (Kropotkin 1902/1920: 13). Zum klassischen Anarchismus kommen inzwischen „postanarchistische“ Überlegungen zu „Freiheit, Individualität und Subjektivität“ (Mümken 2003).

„Die individuelle Freiheit eines Menschen muss und kann nach Auffassung von uns AnarchistInnen mit der Freiheit aller anderen zusammen bestehen“ (ebd.: 246).

Auch im Marxismus gab es Versuche, die „Freie Assoziation in der klassenlosen und staatenlosen Gesellschaft“ in Form einer „industriellen Demokratie“ bereits im frühen 20. Jahrhundert anzustreben (Korsch 1922/1968). Eine einigermaßen aktuelle Schrift, die auch in der Vorläufergruppe von „Keimform.de“, der Oekonux-Debatte ausgiebig diskutiert worden war, ist die Schrift „Gleicher als Andere“ von Christoph Spehr (2003/2018).

Natürlich hatten all diese Vorläufer noch nicht die Begriffe der Kritischen Psychologie und sie stimmten auch nicht in allen Punkten mit Simon und Stefan überein. Aber gegenüber späteren Konzepten werden auch die Kategorien der Kritischen Psychologie und die vagen Versuche, einen „Commonismus“ mit „Freiwilligkeit und kollektiver Verfügung“ zu kennzeichnen, historisch relativiert werden. Ein Fundus an Wissen und Erfahrung sind diese Vorläuferkonzepte allemal (vgl. Marcks 2018).

Interessant finde ich folgende Argumentation von Jürgen Mümken im Zusammenhang mit Bakunin: Menschliche Freiheit beinhaltet gerade, dass es keine allgemeinen Gesetze (der Natur) gibt, die eine Aussage darüber machen, „wie eine menschliche Gesellschaft auszusehen hat, und wie diese als freie Gesellschaft organisiert werden muss“ (Mümken 2003: 269). „Aus den allgemeinen Gesetzen der Natur allein lässt sich somit keine freie Gesellschaft begründen.“ (ebd.: 270). Aus Gesetzen der Gesellschaft ist dies sicher ebensowenig möglich. Ich denke schon, dass auch die Holzkampsche Bestimmung des Verhältnisses von Gesellschaft, deren Reproduktion notwendigerweise unterstellt werden muss, und Individuen, für die die gesellschaftlichen Reproduktionsnotwendigkeiten keinen per se zwingenden Charakter haben, sondern nur als Handlungsmöglichkeiten gelten (Holzkamp 1983: 235f., vgl. S&M: 125), eine argumentative Bereicherung für die genannten Konzepte darstellen kann. Es kann jedoch nicht behauptet werden, dass eine darauf beruhende Konzeption ein solches Alleinstellungsmerkmal hat, dass alle Vorläuferkonzepte dem gegenüber lediglich defizitär wären.


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