Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Da für die Vorstellungen zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung ohne direkten Zwang oder indirekten Zwang durch das ökonomische Wertgesetz oder eine zentrale Planung die Stigmergie wichtig ist, möchte ich noch einmal darauf zurück kommen. Schon in der Oekonux-Debatte wurde für diese Frage das Vorbild der Herstellung Freier Software zu Rate gezogen (Merten, Meretz 2005). Später wurde eine Verbindung zur Stigmergie erkannt (vgl. Heylighen 2007), das nach Wikipedia ein „Konzept zur Beschreibung einer besonderen Form der Koordination von Kommunikation in einem dezentral organisierten System, das eine große Anzahl von Individuen umfasst“, ist (Wikipedia: Stigmergie).

Stigmergische Hinweise sind „Bedürfnisspuren“ (S&M: 177), also Hinweise, „wo Beitragende gebraucht werden und welches Ziel ein Projekt verfolgt“ (ebd.). Einerseits sollen dabei alle Bedürfnisse einfließen, andererseits ist auch eine „möglicherweise konfliktvolle Verständigung über Bedürfnisse der Re/Produktion“ (ebd.: 182) notwendig. Diese Abstimmung geschieht im Vorhinein (ex ante), nicht erst auf dem Markt, wenn es sich zeigt, ob die Produkte überhaupt gekauft werden. Eine Tendenz dazu zeigt sich auch in der kapitalistischen Produktion schon länger, zumindest im Vertrieb technisch anspruchsvollerer Produkte wird nicht ein „Gerät verkauft“, sondern ein konkreter Kundennutzen realisiert. Auch die antizipierenden Algorithmen bei Amazon setzen mehr und mehr darauf, das zu beschaffen, wofür bei den Menschen, über deren Bedürfnisse man viele Daten gesammelt hat, demnächst wahrscheinlich Bedarf besteht.

Die Organisierung über stigmergische Praxen (also Zeichen in bestimmten Infrastruktursystemen, in denen benötigte Zuarbeiten vermerkt und vermittelt werden können) passt auf vieles, was wir inzwischen aus der Freizeitwelt und auch im Berufsleben kennen. Problematisch daran, dieses Konzept in den Mittelpunkt der Vorstellungen über die Vermittlung der Arbeits- und Produktteilung zu stellen, ist vor allem seine Begrenzung auf einen spezifischen Aufgabentyp: Es müssen Teilaufgaben sein, die durch kleinteilige Beiträge einzelner oder kleinerer Gruppen zu erfüllen sind. Es geht dabei um eine mögliche „Fragmentierung großer Projekte in einzelne Problempakete“ (Rendueles 2015: 104). Softwareprojekte lassen sich z.B. typischerweise gut so strukturieren. Die ganz normale materiell-energetische Produktion folgt jedoch einer anderen Logik. Hier gibt es vielfältige sachlich-notwendigerweise ineinander gestaffelte Produktionsprozesse, die durchgängig nur in sehr künstlicher Weise als „Bedürfnis“ und „Bedürfnisbefriedigung“ abgebildet werden können. Das betrifft vor allem jene Herstellungs*bereiche, die heute B2B („Business to business“ genannt werden und in der sozialistischen Ökonomie „Abteilung I: Produktion von Produktionsmitteln“ genannt wurden). Eine kurze Zeit konnte man sich vorstellen, die 3D-Drucktechnik könnte die Herstellung* materieller Gebrauchsgüter ebenso wie die Software- und intelligiblen Produkte so splitten, dass sie in ähnlicher Weise organisierbar wäre. Praktisch hat sich dies als Irrtum erwiesen, denn gerade der 3D-Druck anspruchsvoller technischer Systeme mit jeweils spezifischen Anforderungen ergänzt die Palette anwendbarer höchst komplexer Technologien nur und ersetzt sie so gut wie gar nicht und ist im „Hausgebrauch“ technisch nicht beherrschbar.

Als Beispiel für eine auf der Hand liegende Motivation, sich an der Befriedigung von Bedürfnissen zu beteiligen, wurde schon das schreiende Kind genannt. Dass ich mich hinsetzen, und in mühevoller Kleinarbeit das Bauteil für ein Messgerät, das die Rauheit auf einem Bauteil in der Turbine eines Windrads… entwickle und herstelle, braucht da schon etwas anderes. So ein Bauteil schreit nicht –aber ohne dies werden wir keine Elektroenergie haben und viele Bedürfnisse nicht befriedigen können, ohne dass ich diese für meine Motivation auch direkt sehen könnte. Stigmergie in dem vorgestellten Sinne kann also nicht alle Koordinationsprobleme lösen. Diese Erfahrungen aus der normalen Produktionswelt werden kaum thematisiert. Ich weiß nicht, wieviel Prozent der Herstellung* in den „B2B“-Bereich bzw. den Bereich der Produktion von Produktionsmitteln fällt, aber er dürfte erheblich sein und sich schwer in die Sprache der „Bedürfnisse“, die in der von Simon und Stefan besprochenen Weise ausgehandelt werden, einzupassen sein.

Das wäre nicht so problematisch, wenn es wirklich nur um kategoriale Fragen ginge. Ich bin überzeugt davon, dass Menschen im Commonismus/Kommunismus jeweils für die zu lösenden Aufgaben auch Lösungen finden werden. Aber die Einseitigkeit in den vorgestellten Lösungen verleitet zu unzulässigen Verallgemeinerungen, wie eben das In-den-Mittelpunkt-Stellen des Stigmergie-Konzepts, als wäre das der Zauberstab für alle Fälle. Natürlich ist es gut, überhaupt Vorstellungen über mögliche neue Koordinationspraktiken zu haben – aber aus Freude darüber wird es m.E. zu oft als „Zauberlösung“ vorgestellt. Die Verwandtschaft mit der für viele vertrauten Freien-Software-Szene (vgl. die Herkunft der Debatte von keimform.de aus oekonux.de) verleitet auch dazu, die Unbesorgtheit bezüglich der Ökonomie der Zeit, der Ressourcenverwaltung oder der Verfügbarkeit von Beträgen zu verallgemeinern.

Die Hoffnung, dass auch ohne den Druck der unternehmerischen Konkurrenz jeweils genügend Beiträge von Menschen zur Herstellung* des Benötigten zur Verfügung stehen, beruht u.a. auf dem sog. „stigmergischen Gesetz“:

„Gibt es ausreichend Menschen und Commons, so wird sich für jede Aufgabe, die getan werden muss, auch eine Person oder ein Commons finden.“ (ebd.: 181)

Diese Hoffnung beruht auf dem Gesetz der großen Zahlen (ebd. Fußnote 33): Mit zunehmender Häufigkeit von Ereignissen (hier der Vielfalt individueller Handlungswünsche) wird ein Zielwert (Übereinstimmung mit Fülle der gesellschaftlich notwendig zu erfüllenden Aufgaben) angenähert. Problematisch daran ist allerdings, dass es bei dem Gesetz der großen Zahlen um EINEN zu erreichenden Zielwert (mathematisch genauer: die relative Häufigkeit des Zufallsprozesses) geht, der hier unter der Hand wieder in eine „Fülle der gesellschaftlich notwendig zu erfüllenden Aufgaben“ zerfällt.

Es ist auch zu befürchten, dass die stigmergische Selbstorganisierung den Netzwerkeffekt der Selbstverstärkung nur weniger (beliebter) Bahnen („reich wird reicher“-Dynamik) und des „Austrocknens“ der weniger beliebten in sich enthält. Darauf verweist schon Francis Heylighen in seinem frühen Artikel zur „Selbstorganisation durch Stigmergie“ (2007). Es müssen wirklich sehr, sehr viele Beitragende zur Verfügung stehen, um auch die „trockenen“ Arbeitstätigkeiten noch zu erfüllen. Wikipedia ist zwar schnell und stark gewachsen und konnte andere Lexika „auskooperieren“ – andere Wikiprojekte wie „Nupedia“ oder „Gnupedia“ wurden aber deswegen eingestellt. Wenn das eine tatsächlich besser war als die anderen mag das in Ordnung sein. Aber es gibt sicher auch viele reale Aufgabenstellungen, bei denen die Erfolgsfaktoren von Wikipedia, z.B. dass jede*r schnell und ohne große Einarbeitung mitmachen kann und die Beiträge qualitativ keine Innovationen darstellen (dürfen), nicht gegeben sind und deshalb auch notwendige andere Entwicklungspfade austrocknen.

Wenn bei der Freien Software bestimmte Wünsche nicht erfüllt werden, so ist das nicht weiter schlimm, weil es meist Alternativen gibt. Wenn rote Links bei Wikipedia ewig rot bleiben, auch nicht. Wenn aber nur eine Aufgabe fehlt in einer vielfach miteinander gekoppelten arbeitsteiligen Aufgabe – etwa bei der Herstellung von Teilen eines Messgeräts für die Rauheit einer Oberfläche in der Turbine eines Windrads, das Strom für eine Maschine bereitstellt, in der Teile für eine Fertigungsmaschine für… –hergestellt werden, dann sind die Arbeit und die aufgebrachten Ressourcen für alle anderen Teilaufgaben umsonst verausgabt. Wie gesagt, das Problem wird sicher gelöst werden können – aber nicht allein oder zentral mit Stigmergie. An anderen bzw. neueren Konzepte wie Scrum, die entsprechend anderer gesellschaftlicher Ziele umgewandelt und angepasst werden können, sollte es nicht mangeln… Auf jeden Fall gilt die Feststellung im Zusammenhang mit Commonsverbünden bei keimform.de: „Individuell muss niemand bestimmte Aufgaben übernehmen, aber kollektiv muss sich für alle Aufgaben jemand finden, die oder der sie übernimmt.“ (Siefkes u.a. 2016) Dies muss organisiert werden, denn es ergibt sich nicht von alleine durch die Menge der Beteiligten.

Gegenüber „hierarchischen Rätesystemen“ grenzen sich Simon und Stefan ab (S&M: 179) weil sie befürchten, „beim kumulierend-hierarchischen Transport“ würden Menschen „von oben“ für mich Entscheidungen treffen, die mir gegenüber einen fremden Charakter haben (ebd.: 173). Sie nehmen hier ihre (nicht unbedingt zutreffende) Vorstellung von Rätesystemen als Grundlage, anstatt reale Konzepte zu studieren und dann, sicher auch angemessen weiterentwickelt, ihren eigenen Überlegungen zugrunde zu legen. Im Commons-Netzwerk soll es stattdessen „Hubs“ geben, an denen die einzelnen Beteiligten (Individuen oder Commons) sich so verbinden, dass „Meta-Aufgaben“ geregelt werden können (S&M: 179). Solche „Hubs“ sollen dann möglichst horizontal bleiben, eben keine „kumulierend-hierarchische“ Struktur bilden. Das gibt aber keine Antwort für die Regelung von sachlich hierarchisch gestaffelten Gegebenheiten (wie sie z.B. in lokalen, regionalen bis hin zu globalen Umweltbedingungen gegeben sind). Wir hatten das mit den gestaffelten Verbindungen eben schon einmal bei der Vorstellung über den Produktionsprozess, der komplex-ineinandergreifende Abfolgen nicht berücksichtigt und finden das hier auch wieder. Meiner Ansicht nach werden bei der Abwehr von „Hierarchie“ zwei Hierarchiearten vermengt. Einerseits die herrschaftliche Hierarchie, bei der die „Oberen“ über die „Unteren“ bestimmen. Andererseits gibt es jedoch sachlich hierarchische Probleme, die jeweils Regelungen und Entscheidungen auf der entsprechenden Ebene brauchen. Wie sich die Sorge z.B. über die global-atmosphärischen Bedingungen aus einer Summe von möglichst horizontalen „Hubs“ heraus regeln lassen sollte, bleibt offen. Der Verweis auf „Polyzentrizität“, die von den Ostroms eingeführt wurde (Ostrom, V.: 1972, Ostrom E.: 2010) hilft hier erklärtermaßen nicht viel weiter, als dass sie das Problem benennt und umreißt (vgl. Schlemm 2018b).

Auch aus der Systemtheorie ist bekannt, dass solche sachlich begründeten Hierarchien nicht vermieden werden können. Sie bedeuten, dass das System aus zusammenhängenden Subsystemen besteht, deren Komplexität unterschiedlich ist (Simon 1962: 468). Im Buch von Simon und Stefan gibt nur beiläufig auch die Einsicht, dass manche Entscheidungen „einen größeren Raum“ betreffen werden und dass „die wenigsten Entscheidungen […] die gesamte Menschheit“ betreffen (ebd.: 182). Genannt wird die Frage, „wie wir das Klima wieder ins Lot bringen können“ als eine derer, die „die wenigsten Entscheidungen“ betreffen würden. Ich denke, das ist eine maßlose Unterschätzung dieser Frage – sie wird im Gegenteil, zusammen mit anderen Problemen, die sich durch das Überschreiten der planetaren Grenzen (Schlemm 2015d) aufgehäuft haben, eins der wichtigsten Probleme für die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte sein und alle anderen Entscheidungen beeinflussen. Der Klima-Umbruch hin zu einer durchschnittlichen globalen Temperaturerhöhung um mehr als 3 oder 4 Grad verändert alle Ökosysteme dermaßen, dass an eine „normale“ Landwirtschaft – weder hochindustriell, noch traditionell, noch derzeitiges “Öko“ – ernsthaft nicht mehr zu denken ist und wahrscheinlich einen sehr hohen Arbeitsaufwand erfordert, weil stets wechselnde Wetterlagen mit häufigen Extremen ausgeglichen werden müssen.

Dass im Buch von Simon und Stefan gewolltermaßen eben nicht an den (zu erwartenden) realen Bedingungen angesetzt wird, sondern lediglich eine „kategoriale Utopie“ bedacht und dann verwirklicht werden soll, verführt hier dazu, reale Probleme einfach auszublenden, die nicht in diese Optimalforderungen passen, anstatt darauf zu orientieren, genau dafür geeignete Lösungsformen zu finden. Den „Crashtest für Utopien“ (Schlemm 2013c) hat die Utopie des „Commonismus“ deshalb noch längst nicht bestanden.


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