„Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien
und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht,
dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen
hinter den Wörtern objektiv zu tun haben.“ (Eribon 2016: 122)

Es gab schon einmal mindestens drei Klassenkonferenzen in Jena (2010, 2011, 2012). Bei der aktuellen Nummer wurde an diese Tradition nicht direkt angeknüpft, sondern es hieß gleich „Klasse neu denken“.

Es war deutlich zu spüren: Diesmal wird Ernst gemacht. Vor allem im gerade entstehenden „Projekt Klassenanalyse Jena“ an der Uni Jena. Diese Dynamik liegt vor allem daran, dass „Klassen und Klassenpolitik mit Wucht in den öffentlichen Diskurs zurückgekehrt“ sind, wie Klaus Dörre sagte (zitiert aus der Veröffentlichung: Dörre 2018).

Von einem „Klassenkampf von oben“ wurde seit Anbruch des „Neoliberalismus“ schon immer mal gesprochen. Derzeit jedoch führt das Fehlen einer angemessenen Re/-Aktion „von unten“ zu fatalen Folgen: Klaus Dörre führt den Erfolg der rechten Strömungen darauf zurück, dass diese in die Lücke stoßen, die sich auftut zwischen der Zunahme der klassenspezifischen Ungleichheiten und der Schwäche von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen, die „um den Gegensatz von Kapital und Arbeit gebaut“ (ebd.) sind.

Klaus Dörre formuliert dann einige Thesen, von denen ich einige Gedanken hier – anders gegliedert – vorstellen will. Gleichzeitig sehe ich die hier genannten Überlegungen auch immer im Kontrast zum gerade herausgekommenen Buch „Kapitalismus aufheben“ von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz (die diesbezüglichen Verweise stamme nicht aus der Tagung, sondern von mir):

1. Zur Definition des Begriffs „Klasse“

Im Marxismus-Leninismus, also dem „orthodoxen Marxismus“, war eigentlich nur die Definition von Lenin bekannt, der die Klassen kennzeichnete als

„Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft“ (Lenin LW 29: 410)

Darüber hinaus oder daneben gab es auch andere Begriffsbestimmungen (vgl. etwa Krysmanski 1990, Vester 2008). Die Debatten um den Klassenbegriff ebbten jedoch ab und der Begriff „Klasse“ wurde lange Zeit durch so etwas wie „Schichten“ ersetzt. Kritisch meint Klaus Dörre dazu: „Im Unterschied zu Schichtungsmodellen benennen Klassentheorien Kausalmechanismen, die das „Glück der Starken“ mit der „Not der Schwachen“ verbinden.“ (Dörre 2018: 42, Boltanski und Chiapello 2003 zitierend). Solche Kausalmechanismen sind z.B. (ebd.):

  • vertraglich auf Äquivalententausch beruhende Ausbeutung (Karl Marx)
  • aus ungleichem Tausch, außerökonomischem Zwang und Dominanz resultierende Überausbeutung (Nancy Fraser)
  • soziale Schließung (Max Weber), bürokratische Kontrollmacht (Erik Olin Wright)
  • Enteignung u.a. von Gemeineigentum und öffentlichen Gütern (Rosa Luxemburg, David Harvey, Sylvia Federici)
  • Distinktion, Auf und Abwertung (Pierre Bourdieu, Didier Erebon).

Die Gewichtung dieser Ausbeutungsmechanismen verschiebt sich je nach konkreter Phase der kapitalistischen Entwicklung bzw. konkreten Bedingungen. Ob und wann welcher Mechanismus wichtiger bzw. wesentlicher als andere ist, ist deshalb keine dogmatisch zu setzende Behauptung, sondern muss konkret analysiert werden.

Eine Sichtweise dagegen, bei der „Fremdbestimmung […] kein Verhältnis zwischen Personen, Instanzen oder Klassen“, sondern „ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, dem alle Gesellschaftsmitglieder unterliegen“ (Meretz 2012), ist, bleibt gegenüber der wechselvollen Dynamik der eben genannten Mechanismen, ihren Gefahren und Eingriffsmöglichkeiten, blind. Nicole Mayer-Ahuja aus Göttingen nannte die „Klassen“ eine „umkämpfte Theorie,… veränderliche Struktur, die (auch politisch) gemacht wird“.

Wegen dieser Kampfpraxis gibt es keine festen Zuordnungen, sondern auch die arbeitende Klasse erzeugt sich – nach der „praxeologischen“ Linie der Klassentheorie – durch Kämpfe, Koalierung und Gegenmachtbildung selbst (vgl. Vester 2008).

2. Klassen in der sozialen Dynamik

In dem Buch von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz „Kapitalismus aufheben“ taucht der Begriff der Klasse oder gar Klassenkampf überhaupt nicht mehr auf. Der Grund liegt darin, dass Stefan Meretz bereits in seiner Kritik an Klaus Holzkamp (Meretz 2012) die Verabschiedung von der Orientierung auf Klassen beschlossen hatte. Die Enttäuschung darüber, dass die Arbeiterklasse nicht die ihr zugeschriebene „historische Mission“ erfüllt hat, wird hier theoretisch damit begründet, dass sich zwar ein Interessengegensatz zwischen den Seiten Kapital und Arbeit begründen lasse, „nicht aber die (Selbst-)Aufhebungsperspektive auf Basis der Interessen der Arbeiterklasse.“ (Meretz 2012) Da Stefan Meretz und Simon Sutterlütti gleichzeitig auch gesellschaftliche Verhältnisse nur aus der Perspektive von in Bezug auf ihre Klassenlage unbestimmten Individuen betrachten, verschwinden die Klassen aus ihrer Theorie.

Dieser „Entwichtigung“ der Klassen habe ich schon in meinem Kommentar zu dem Buch u.a. mit einem Verweis auf die Bedeutung der Klassenbeziehungen bei der Entstehung des Kapitalismus widersprochen (Schlemm 2018). Es ist auch heute empirisch nicht so, dass jene, die der Arbeiterklasse angehören, „nur“ um höhere Löhne kämpfen würden. Auch im 20. Jahrhundert gab es ständig „Handlungen von Menschen die dagegen Widerstand leisten oder darauf reagieren, daß sie als Ware behandelt werden“ (Silver 2005: 226, 233), bzw. wo „die Arbeiterklasse gegen sich selbst, insofern sie Kapital ist“, kämpft (Tronti 1966/1971: 234). (vgl. eine kurze Zusammenstellung dazu in Schlemm 2017).

Es braucht also gar nicht die orthodoxe Lehre von der „historischen Mission“ der Arbeiterklasse angenommen werden, um Klassen für einen Strukturwandel der Gesellschaft doch noch für wesentlich zu halten. Interessant fand ich eine Definition des Begriffs „Klasse“, auf die Klaus Dörre verwies. Sie stammt von Ralf Dahrendorf:

„“Klassen“ sind aus bestimmten Strukturbedingungen hervorgegangene Interessengruppierungen, die als solche in soziale Konflikte eingreifen und zum Wandel sozialer Strukturen beitragen.“ (Dahrendorf, zit. in Dörre 2018: 43).

Dieser Definition fehlt natürlich einiges, was man aus marxscher Sicht ergänzen müsste – z.B. dass die Strukturbedingungen wesentlich durch die jeweilige Eigentumsform an den Produktionsmitteln bestimmt sind. Ausgehend von dieser dynamischen Sicht auf Klassen spezifiziert Klaus Dörre in seiner These 2, dass die Marxsche Klassentheorie „mit der Ausbeutung der Lohnarbeit ein Verbindungsprinzip benennt, das zugleich gesellschaftlichen Wandel erklären soll“ (Dörre 2018: 42). Das bedeutet nicht, dass diese oder jene Entwicklung dadurch vorgezeichnet sei, aber es benennt ein wichtiges Kampffeld.

3. Wie stehts mit den Klassen heute?

Die fatalen Folgen des fehlenden „Klassenkampfs von unten“, der das Ausleben der Wut über die wachsenden Ungleichheiten und Ohnmachten von der Linie zwischen „unten“ und „oben“ auf Fragmentierungen innerhalb der unteren Klassenteile verschiebt, wurden schon erwähnt. Bei Klaus Dörre wird diese Gesellschaft als „demobilisierte Klassengesellschaft“ bezeichnet (ebd.: 43). Denn mobil sind die arbeitenden Klassen nicht gerade, wenn es gegen die wirklichen Ausbeuter bzw. die die Ausbeutung ermöglichenden gesellschaftlichen Verhältnisse geht. Klaus Dörre geht davon aus, dass die Lohnarbeitsklassen „im Plural buchstabiert werden müssen“ (Dörre 2018: 44). Denn:

„Grundsätzlich verfügen Lohnarbeitsklassen über ein weites Spektrum an Handlungsstrategien, die auch antagonistische Kooperation zwischen Herrschenden und Beherrschten oder die Verteidigung von Privilegien mittels Statuspolitik bestimmter Berufsgruppen einschließen können. Revolutionäres Klassenhandeln ist die seltene Ausnahme. Jeder Übergang von individuellen zu kollektivem und organisiertem Klassenhandeln erweist sich als äußerst voraussetzungsvoll. Zu kollektivem Handeln von Lohnarbeiterklassen kommt es nur, sofern ein gemeinsames Bewusstsein für ebenjene Kausalmechanismen entsteht, die Arm und Reich, Ausbeuter und Ausgebeutete, Herrscher und Beherrschte zueinander in Beziehung setzen.“ (Dörre 2018: 46f.)

Durch einen gegenüber dieser Herrschaft undifferenzierter Verweis darauf, dass „Fremdbestimmung […] kein Verhältnis zwischen Personen, Instanzen oder Klassen“ sei, sondern „ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, dem alle Gesellschaftsmitglieder unterliegen“ (Meretz 2012) wird darauf verzichtet, diese Streitlinie zwischen den Klassen „oben“ und jenen „unten“ zu benennen und im Denken zu verankern. Dies hat den Scheinalternativen der Wut gegen „Eliten“ oder gar gegenüber denen, die man noch weiter unter sich herab drücken möchte, wenig entgegen zu setzen außer psychologisierenden Verweisen auf eine selbstschädigende Selbstfeindschaft bei solchen Denk- und Handlungsmustern (wie in Sutterlütti, Meretz 2018).
Klaus Dörre unterscheidet – bei aller Dynamik – vor allem „drei Arbeitsklassen“ (ebd.: 44-45):

  1. Hochqualifizierte Beschäftigte, die noch „strukturelle Machtressourcen“ einsetzen und Gehaltszuwächse erreichen können.
  2. Menschen mit mittlerer Qualifikation in „überwiegend kommandierten Arbeitstätigkeiten“, die „primär am Erhalt ihres sozialen Status interessiert“ sind. „Ihre defensive Grundhaltung kann eine exklusive, nicht nur gegen oben, sondern auch gegen fremd- und anders gerichtete Solidarität motivieren.“
  3. „Unterklasse, die kaum über Machtressourcen“ verfügt, die vor allem „durch Enteignung von Sozialeigentum, sozialen Ausschluss, vorurteilsgeleitete Stigmatisierung und systematische Abwertung“ entsteht.

Das „Entwichtigen“ der Klassenbeziehungen (wie im Buch „Kapitalismus aufheben“) kann dazu führen, dass sich gefährliche Konsequenzen verfestigen:

„Sofern dem Alltagsbewußtsein beherrschter Klassen Orientierungen fehlen, die mobilisierte Kollektive hervorbringen könnten, wirken Klassenverhältnisse im Modus der Konkurrenz, infolge einer permanenten Scheidung in Gewinner und Verlierer sowie mittels kollektiver Auf- und Abwertungen.“ (Dörre 2018: 46)

Dann entstehen „Wettbewerbsklassen“ (ebd.). Diese Art Klassenbildung nennt Klaus Dörre „negative Klassenbildung“, und sie entsteht auf Grundlage der „Herausbildung sozialer Lagen und Muster der Lebensführung, die auf kollektiver Abwertung beruhen“ (ebd.).

Ich habe an der Klassen-Tagung nicht weiter teilnehmen können, hoffe aber, die Arbeit im „Projekt Klassenanalyse Jena“ wird bald Ergebnisse erarbeiten, die uns helfen, über Klassen neu zu denken und dementsprechend zu handeln.

Literatur:

  • Dörre, Klaus (2018): Die Bundesrepublik – eine demobilisierte Klassengesellschaft. Neun Thesen aus dem PKJ. In: Z.- Nr. 116, Dezember 2018, S. 40-50.
  • Eribon, Didier (2012): Rückkehr nach Reims. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Krysmanski, Hans- Jürgen (1990): Entwicklung und Stand der klassentheoretischen Diskussion.
  • Meretz, Stefan (2012): Exkurs: Kritik der traditionellen Klassentheorie. Teil 1.
  • Lenin, Wladimir Iljitsch (LW 29): Die große Initiative. In: W.I. Lenin: Werke. Berlin: Dietz-Verlag. S. 397-424.
  • Schlemm, Annette (2017): Der Klassenkampf! … da ist er aber immer noch. Osnabrück: Packpapier Verlag.
  • Schlemm, Annette (2018): Das Fehlen der Klassenbeziehungen.
  • Silver, Beverly J. (2005): Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870. Berlin: Assoziation A.
  • Sutterlütti, Simon; Meretz, Stefan (2018): Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken. Hamburg: VSA.
  • Tronti, Mario (1966/1971): Arbeit und Kapital. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik.
  • Vester, Michael (2008): Klasse an sich/für sich. In: Historisch Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 7.I. S. 735 – 775
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