Den meisten Büchern, die anlässlich des Marxjahres erschienen, bringe ich kein Interesse entgegen. So führte mich auch nur ein Hinweis aus der Veranstaltungsreihe, innerhalb derer ich in drei Wochen in Hamburg sein werde, zu dem Buch von Kurz Bayertz mit dem nicht so besonders aufregenden Titel: „Interpretieren, um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie.“

Gleich das erste Kapitel, das ich las, begeisterte mich jedoch wegen der analytischen Klarheit. Hier geht es um die „philosophischen Voraussetzungen“ der Marxschen Theorie“, die Marx zu einem großen Teil nicht explizit erläuterte. Bayertz wählt für seine Darstellung das „Prinzip der wohlwollenden Interpretation“:

„Die Marxsche Theorie soll so stark gemacht werden wie möglich – aber nicht stärker. Wohlwollen zeigt sich nicht darin, dass man Unklarheiten und Inkonsistenzen kaschiert.“

Im folgenden Beitrag werde ich aus dem Kapitel V: „Geschichte, Fortschritt, Revolution“ berichten.

Die materialistische Geschichtstheorie von Marx unterscheidet sich von allen anderen Geschichtstheorien dadurch, dass sie „die Triebkräfte der Geschichte und ihre Ordnung nicht mehr in den Ideen, sondern im materiellen Leben der Menschen“ sucht. Was macht den „roten Faden“ einer solchen Geschichte aus? Was ist es, das dazu führt, „daß nichts bleibt, wie es ist…“? Als innergesellschaftliche Triebkraft gilt bei Marx die Produktivkraft der Arbeit. Darunter ist lt. Bayertz die menschliche Fähigkeit zu verstehen „unter Einsatz sämtlicher ihm zur Verfügung stehender materieller wie ideeller Mittel die Natur zu verändern“. Damit wird die Produktivkraft weder auf Technisches reduziert, noch wird sie zu „selbständig wirkenden Kräften“ hypostasiert. Der Entwicklungsstand der Fähigkeit, „unter Einsatz sämtlicher ihm zur Verfügung stehender materieller wie ideeller Mittel die Natur zu verändern“, hat nach Bayertz eine anthropologische und eine gesellschaftstheoretische Funktion: Anthropologisch ist das, „was der Mensch ist“, maßgeblich von der Produktivkraft seiner Arbeit abhängig. Und gesellschaftstheoretisch entscheidet diese Fähigkeit auch „über die Verhältnisse, die die Menschen untereinander in der Produktion eingehen“.

Das Wechselwirken von Produktivkräften (PK) und Produktionsverhältnissen (PV) führt nach Marx zu einem Entwicklungswiderspruch:

„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […] innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein.“ (MEW 13: 9)

Die Annahme, dass der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wesentlich für den Fortgang der Geschichte sind, enthält nach Bayertz 3 Thesen, die diskutiert werden müssen:

  1. Entwicklungsthese: Die Produktivkräfte haben eine inhärente Tendenz zur Entwicklung.
  2. Widerspruchsthese: Die PK geraten an einem bestimmten Punkt der Entwicklung in Widerspruch zu den bestehenden PV.
  3. Revolutionsthese: Die auf Dauer unvermeidliche Zuspitzung dieses Widerspruchs führt zur Revolution.

1. Entwicklungsthese

Warum entwickeln sich die Produktivkräfte immer weiter? Wenn sie das nicht tun, fällt die auf den Widerspruch von PK und PV gegründete Geschichtstheorie in sich zusammen. Es gab immer wieder große Zeiträume in gewaltigen Regionen, in denen wenig passierte oder entstandene PK für lange Zeit erfolgreich in ihrer Ausbreitung und Wirksamkeit behindert wurden.

Bayertz sieht hier ein Beispiel für die verborgenen Voraussetzungen der Marxschen Theorie. Die Fundierung der Geschichtstheorie in der Entwicklung der PK wird letztlich abgeleitet aus anthropologischen Grundannahmen, die zu Marxens Zeit fast unhinterfragt als gültig angenommen wurden. So definierte Hobbes die Glückseligkeit als „ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zu einem anderen“; Leibniz sah Glück an als „immerwährenden Fortschritt[…] zu neuen Freuden und neuen Vollkommenheiten“ an; Kant nahm an, dass die Anlagen der Menschen dazu bestimmt sind, „sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln“. Dass Menschen nach der Entfaltung ihrer Fähigkeiten streben, unterliegt dabei keiner empirischen Überprüfung.

2. Widerspruchsthese

Anders ist dies mit der Widerspruchsthese: diese galt durch viele Beispiele als bestätigt. Das bedingt – so möchte ich ergänzen – natürlich eine bestimmte Lesart von Grund und Folge bzw. Ursache und Wirkung, die in bestehende Korrelationen hineininterpretiert werden. Was war wesentlicher Prozess und was nur Begleitbedingung? Gerade für die Entstehung des Kapitalismus gab es im 20. Jahrhundert mehrere Debatten, in denen verschiedenste Konzepte gegen einander gestellt wurden.

Philosophisch wird das PK-PV-Verhältnis nach Bayertz als Inhalt-Form-Verhältnis konzipiert. Wenn man dies tut, so würde ich ergänzen, muss man auch die Hinweise von Hegel zum Inhalt-Form-Verhältnis ernst nehmen, dass nicht nur der Inhalt seine Form bestimmt, sondern auch die Form den Inhalt. Ein Inhalt ist ebenso selbst- wie durch die Form bestimmt.

3. Revolutionsthese

Für die Revolutionsthese spricht letztlich nur, dass Menschen sich „auf Dauer nicht von der Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse und vom Genuss der dadurch ermöglichten Errungenschaften abhalten“ lassen.

„Da es vor allen Dingen darauf ankommt, nicht von den Früchten der Zivilisation, den erworbenen Produktivkräften ausgeschlossen zu sein, so wird es notwendig, die überkommenen Formen, in welchen sie geschaffen worden, zu zerbrechen.“ (MEW 4: 140f.)

Die eben geschilderte Notwendigkeit ist eine „hypothetisch-praktische Notwendigkeit“: „Das Proletariat muss die Gesellschaft verändern, um seine Not zu beenden und um humane Lebensbedingungen durchsetzen zu können“ (Bayertz). Wenn Marx an vielen Stellen von einer „Unvermeidlichkeit“ des Übergangs zu einer neuen Gesellschaftsform spricht, so gehe er von einer solchen hypothetisch-praktischen Notwendigkeit doch zu einer kausalen Notwendigkeit über, was teleologische Lesarten befördert. Dann ist Marx Hegel näher, als er eigentlich sein möchte:

„Wenn ein Keim wirklich ist (= wirkt), kann die künftige Pflanze nicht mehr nur als möglich oder als zufällig ausgesprochen werden. Vorausgesetzt, dass keine Hindernisse auftreten und dass bestimmte Bedingungen gegeben sind, entwickelt sie sich notwendig.“ (Bayertz)

Organizistische Entwicklungsgesetzmäßigkeit

Damit sind wir bei einer wichtigen Denkfigur, die Marx unhinterfragt von Hegel übernimmt. Wenn Marx von gesellschaftlichen Entwicklungsgesetzmäßigkeiten spricht, hat er als Modell für Gesetzmäßigkeiten keine physikalischen vor Augen, sondern er orientiert sich an der Entwicklung von Organismen. Marx zitiert zustimmend eine Darstellung der „dialektischen Methode“ in einer Rezension, wonach der wissenschaftlichen Wert der Marxschen Forschung „in der Aufklärung der besondren Gesetze, welche Entstehung, Existenz, Entwicklung, Tod eines gegebenen gesellschaftlichen Organismus und seinen Ersatz durch einen andren, höheren regeln“ (MEW 23: 27), gesehen wird. Bayertz schließt daraus:

„Wie den Organismen derselben Art dieselbe ontogenetische Entwicklung vorgezeichnet ist, so ist auch den Gesellschaftsformationen ihre Entwicklung vorgezeichnet; im einen Fall zeigen die Hühner den Küken das „Bild ihrer eigenen Zukunft“, im anderen Fall zeigt England den Deutschen und Franzosen die Richtung, in die die Ökonomie sich bewegt.“ (Bayertz)

Wenn wir – mit Bayertz – Teleologie (als rückwärts gerichtete Kausalität) und Teleonomie (als Wirken genetischer und epigenitischer Programme) unterscheiden, so ist eine organismische Entwicklung tatsächlich teleonom. Ob aber die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit als in gleichem Sinne „teleonom“ angesehen werden kann, bezweifle ich. Auch Bayertz sieht für die Überzeugung, dass der Niedergang des Kapitalismus notwendig mit dem Aufstieg des Sozialismus zusammenfalle, keine materialistische Grundlage.

Was übrig bleibt, ist immer noch die hypothetisch-praktische Notwendigkeit und nur diese. Bayertz weist auf die häufige Verwendung der Formulierung einer „Frage von Tod und Leben“ bei Marx hin.

Ergänzung AS:

Angesichts der verheerenden Folgen des Überschreitens der Planetaren Grenzen steht diese Frage erneut vor der Menschheit. Mit dem Kapitalismus kann auch ein genügend großer Teil der Ausgebeuteten zu gut genug leben und leicht verschmerzen, dass auch sie „auf Kosten“ anderer und der Zukunft leben.

Klassenbegriffe sind Verhältnisbegriffe, sie unterscheiden zwischen Handlungen von Menschen im Verhältnis zu den Interessen anderer – jeweils bezüglich ihres Verhältnisses zu den Lebensbedingungen in bestimmten strukturellen Rahmenbedingungen. Heute steht der Klassengegensatz zwischen jenen Interessen, bei denen die Lebensbedingungen (die eigenen wie auch anderer und zukünftiger) ohne ihren Erhalt und ihre Reproduktion angeeignet werden und jenen, die sie jetzt und in Zukunft benötigen und um sie kämpfen müssen, wenn sie nicht ihr Leben verlieren wollen.

Dass dieser Gegensatz mitten durch uns hindurch läuft, ändert nichts an seiner Gegensätzlichkeit.

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