Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


„An allem ist zu zweifeln…“ war das Motto einer Vortragsreihe in Dresden, in der ich über das hier verhandelte Thema vortrug. Marx musste in seinem Leben mehrmals zweifeln an seinen zu optimistischen Prognosen über eine baldige Revolution, aber er verzweifelte nicht, sondern setzte sich auf den Hosenboden und arbeitete weiter. Das ganze turbulente 20. Jahrhundert liegt zwischen ihm und uns. Die „bürgerlichen Ideologen“ verbreiteten schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Untergangsstimmung. Hauke Ritz kennzeichnet die „Neuzeittheorien“ als „Krisentheorien“ (Ritz 2013: 30), die die „Geschichte nicht als Fortschritt, sondern eher als Verhängnis und Verstrickungszusammenhang“ (ebd.: 45) betrachten. Rudolf Bultmann etwa schreibt: „Der Glaube an den stetigen Fortschritt der Menschheitsgeschichte ist verloren gegangen.“(Bultmann 1961: 50) Es fällt uns nicht mehr so leicht wie Helga Nowack im Jahr 1989, diese Ansichten als Reflexion des „Verlusts der historischen Hegemonie der Klasse“, d.h. der bourgeoisen herrschenden Klasse und als „bornierte, aber mögliche Widerspiegelung von Teilaspekten realer Dialektik […] des Fortschrittsprozesses“ (Nowack 1989: 782) anzusehen.

Das kurz darauf folgende Ende der DDR und der Ansätze, einen Sozialismus zu entwickeln, wurde auch ein solcher „Teilaspekt“. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts hielt die Geschichte ein wenig den Atem an. Manche glaubten, dass nun auch vom Kapitalismus ausgehend bessere Zeiten anbrechen könnten und endlich ein ökologisches Umsteuern gelingen könnte. Während die neoliberale Globalisierung durchmarschierte, sammelten sich Interessengruppen verschiedenster Art. Linke fanden neben eher kulturorientierten Themen wieder zum Interesse an Ökonomie zurück und rechte Netzwerke werkelten weitgehend unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle. Im neuen Jahrtausend wurde aber offensichtlich, dass Weichenstellungen erfolgen, die die Entwicklungswege für die nächsten Jahrzehnte weitgehend bestimmen werden. Während dies alles geschieht, sammeln sich Treibhausgase in der Atmosphäre, die ein „Kippen“ des Klimas aus einer 11 000-jährigen relativen Stabilität befürchten lassen, versauern die Ozeane, sterben die Korallenriffe und es werden viele atmosphärische-ozeanische und biosphärische Regulierungsnetzwerke zerstört, die bisher die natürlichen Grundlagen für die menschliche Zivilisation bildeten (mehr dazu siehe u.a. Schlemm 2018). Ökologisch und gesellschaftspolitisch sieht es gerade nicht gut aus: „Weit davon entfernt, einen höheren gesellschaftlichen Zustand vorzubereiten, sieht sich die bürgerliche Gesellschaft vielmehr von mächtigen Tendenzen einer Wiederkehr vorbürgerlicher Zustände bedroht.“ (Schmieder 2005: 120)

Auch Gesellschaften brauchen notfalls einige Zeit, um sich umzuorientieren. Die Veränderungen der natürlichen Lebensgrundlagen jedoch drohen in dauerhaft irreversible Zerstörungen umzuschlagen. Die Bremsen sind nicht stark genug und für eine echte Umkehr ist die Straße zu eng. Für „Schönwetter-Utopien“ ist kein Raum mehr. Das bedeutet letztlich, dass die Menschheit eine weitere „Kränkung“ hinnehmen muss (Schlemm 2018): Nicht in absehbarer Zukunft wird die Menschheit ins „Reich der Freiheit“ übergehen können, in dem „das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört“ (MEW 25: 828). Auch bei einem hoffnungsvollen Verlauf der weiteren Entwicklung wird die Wiederbelebung der zerstörten Naturräume sehr viel menschliche Arbeit erfordern. (Liu 2013) Konkrete Utopien, also Utopien, die diese entstehenden Bedingungen mit einbeziehen, sind sicher weiterhin möglich. Aber an einer Hoffnung, die primär auf der „realen Dialektik […] des Fortschrittsprozesses“ (Nowack 1989: 782) beruht, sollte doch stark gezweifelt werden. Andere Quellen des Zweifels an bestimmten Ansichten über die Marxsche Philosophie der Geschichte kommen aus feministischen Kreisen und postkolonialen Debatten, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte.


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