Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Die dialektische Entwicklung in der Geschichte verbürgte für viele MarxistInnen ihren Fortschrittsoptimismus. Kuczynski schrieb nach der „Wende“: „Der einzige Trost in der gegenwärtigen Situation ist, daß man weiß, wie auch Engels sagt, daß die Geschichte im Zickzack verläuft, und daß sich letztlich stets die fortschrittliche Zickperiode durchsetzt.“ (Kuczynski 1994: 92) Ist er damit ein „hoffnungsloser Fall von Optimismus“, wie das Buch heißt, aus dem dieses Zitat entnommen ist? Ernst Bloch jedenfalls wusste um die Möglichkeit des Scheiterns (EP: 70), der Vereitelung der Utopie (PH 364): „Also, Hoffnung muß enttäuscht werden können, sonst kann sie keine Hoffnung sein.“ (Bloch 1975: 233)

Der Schriftsteller Christoph Hein kennzeichnet das Vorgehen in der DDR mit der Erfindung einer fünften Grundrechenart. Diese besteht darin, „daß zuerst der Grundstrich gezogen wird und als erforderliche und gewünschte Ergebnis darunter geschrieben wird“ (Hein 1989/2004: 137). Für eine „Geschichtsbetrachtung, die dieser Grundrechenart huldigt, wird mit Auslassungen, Vernachlässigungen und scholastischen Rösselsprüngen gearbeitet, es wird verschwiegen und geglättet, um aus dem Labyrinth der Geschichte möglichst fleckenlos und schnell zu jenem Ausgang zu gelangen, der dem gewünschten Selbstverständnis am nächsten kommt.“ (ebd.: 138)

Eins der Ergebnisse hatten dann ZehntklässlerInnen der DDR aus ihrem Staatsbürgerkundebuch zu lernen. Die marxistisch-leninistische Auffassung von der Gesetzmäßigkeit der Entwicklung „begründet die Überzeugung von der Notwendigkeit des geschichtlichen Fortschritts zuverlässig und wissenschaftlich“ (Hahn, Kosing, Rupprecht 1983: 412). Im westlichen Marxismus wurde diese 5. Grundrechenart nicht so gepflegt. Hier hieß es: „Die Entwicklungsrichtung gegebener Sozialsysteme ist – im Rahmen der objektiven materiell-technischen und sozialökonomischen Voraussetzungen – offen. Welche Richtung eingeschlagen wird, bzw. welche konkret-historische Ausprägungsform die entstehende Gesellschaftsformation […] annimmt, hängt ab von den empirisch zu rekonstruierenden Bedingungen des jeweiligen „historischen Milieus““ (Naumann 1978: 27).

Hegel kannte auch „mehrere große Perioden die vorübergegangen sind, ohne daß die Entwicklung sich fortgesetzt zu haben scheint, in welchen vielmehr der ganze ungeheure Gewinn der Bildung vernichtet worden und nach welchen unglücklicherweise wieder von vorne angefangen werden mußte […]“ (Hegel HW 12: 76f.). Viele Interpretationen von Hegel übersehen, dass „Entwicklung“ bei ihm vor allem für die Entwicklung des Begriffs in der „Logik“ steht und nicht einfach für zeitliche Veränderungen. Hegel weist in seinem gesellschaftstheoretischen Text, der „Philosophie des Rechts“, ausdrücklich darauf hin, dass ein „äußerliches Entstehen“ nicht mit dem „Entstehen aus dem Begriff“ verwechselt werden darf (HW 7: 37). Sein Schüler Johann Erdmann zeigt in einem Kommentar den Unterschied zwischen logischer Entwicklung und zeitlicher Genesis: Während diese „ewige Entwicklung“ mit Notwendigkeit aus dem Begriff folgt, kann der „Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn“(Erdmann 1864: 9).

Gegen eine, berechtigt oder unberechtigt meist mit dem Namen Hegels verbundene, spekulative Sinngebung der Geschichte setzten Marx und Engels auf die Analyse der „wirklichen Bewegung“ (MEW 441ff.). Sie sahen die Weltgeschichte als Prozess der „Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit“ (MEW 40: 546). „Die Geschichte tut nichts, sie „besitzt keinen ungeheuren Reichtum“, sie „kämpft keine Kämpfe“! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft […]“ (MEW 2: 98). Etwas später kritisieren sie dann auch noch die Abstraktion „der Mensch“ (MEW 3: 69). Am Ende seines Lebens sah sich Marx mehrmals veranlasst, eine deterministische Interpretation seiner Vorstellungen über die menschliche Entwicklung zurückzuweisen. So argumentierte er gegen eine verallgemeinernd-historisierende Lesart des Kapitals, d.h. dagegen, seine „historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges zu verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände seien“ (MEW 19: 111). Hier sprach er sich auch explizit dagegen aus, einen „Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein“ zu suchen, sondern er wollte die geschichtlichen Erscheinungen dadurch analysieren, dass „man jede dieser Entwicklungen für sich studiert und sie dann miteinander vergleicht“(ebd.: 112). Auch in einem Brief an Vera Sassulitsch betonte er, dass gewisse von ihm gezogene geschichtliche Folgerungen „ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt“ seien (MEW 19: 242). Man kann durchaus, wie Marx und Engels schon in der „Deutschen Ideologie“ schrieben, „allgemeinste Resultate“ zusammenfassen und damit das geschichtliche Material zusammenfassen. Aber damit können wir „keineswegs […] ein Rezept oder Schema“ vorgeben, „wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt werden können“ (MEW 3: 23).

Wie kam es nun aber dazu, dass die Geschichte des Marxismus geprägt ist „von einer starken Strömung mechanistischer, deterministischer und evolutionistischer Theoreme zur Legitimation konkreter politischer Hoffnungen oder Herrschaftspraxis“ (Kuchenbuch 1978: 133)? David Mayer verortet diese Tendenz in der „Erste[n] Orthodoxie“ der II. Internationale (Mayer 2009: 25), bei der Elemente der Marxschen Geschichtstheorie zu einem „kompakten Deutungskomplex verdichtet“ (ebd.) wurden. Besonders auch unter dem Eindruck neuer naturwissenschaftlicher Methoden und Erfolge, nahm z. B. auch Karl Kautsky an, es gäbe ein „Gesetz des Fortschritts“(Kautsky 1927: 825ff.). Für die menschliche Entwicklung kommt zu den naturgesetzlichen Entwicklungen noch der Erfindergeist hinzu, wobei deren Ergebnisse immer wieder neue Probleme erzeugen, die den „Antrieb zu weiterer Entwicklung bilden, nicht vorhergesehen und gewollt wurden, sondern eine Macht bilden, die unabhängig vom Wollen und Wissen der Menschen und ihm vielmehr seine Richtung weist.“(ebd.: 835). Letztlich wird nach seiner Ansicht – dem damaligen Zeitgeist entsprechend – sich das geistige Leben, die Technik und die Persönlichkeitsentfaltung so entwickeln, dass diese Entwicklung die „Verarmung des wilden Teils der organischen Natur mehr als wettmachen wird“ (ebd.: 838).

Auch eine DDR-Autorin, die ein sehr gutes Buch über den Zusammenhang des Historischen und des Logischen geschrieben hat (ohne beides platt zu identifizieren), schrieb: „Ein wirksames marxistisches Geschichtsbild gibt Kraft und die Gewißheit, auf dem richtigen Weg zu sein.“ (Richter 1985: 16) Walter Benjamin hat dazu geschrieben, dass es nichts gibt, „was die deutsche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat, wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom. Die technische Entwicklung galt ihr als das Gefälle des Stroms, mit dem sie zu schwimmen meint“ (Benjamin 1942: 8-9). Und damit landen wir wieder bei dem Zitat aus dem Staatsbürgerkundelehrbuch.


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