Dieser Beitrag gehört zum Text „Trägt oder trügt die Hoffnung aus einer dialektischen Geschichtsphilosophie?“


Ein Universalschlüssel, der etwa aus den früher gelehrten „dialektischen Grundgesetzen“ konstruiert wurde, erschließt uns weder die Geschichte noch sinnvolle Antizipationen der Zukunft. Natürlich gibt es Widersprüche, bei denen gegensätzliche Momente einer Einheit einander konstituieren. Natürlich können aus quantitativen Veränderungen nach Überschreiten eines Maßes qualitative Zustandsänderungen folgen. Natürlich wird das entstehende Neue das Alte im Prinzip doppelt negieren, weil es gegensätzliche Momente hat, aber das Sich-Verändernde (als „Menschheit“) doch mit sich gleich geblieben ist. In Hegels „Logik“ treibt der Widerspruch zwischen der zuerst erkannten Begriffsbedeutung mit der in ihm implizit enthaltenden weitergehenden, der ersten widersprechenden, Bedeutung zur Weiterentwicklung des Begriffs. In der „Weltgeschichte“ von Hegel werden die geschichtlichen Übergänge konkret untersucht. Beim Übergang zur griechischen Antike betont Hegel die „Berührung der persischen und griechischen Welt“ (HW 12: 273, vgl. 313ff.).

Die Kenntnis der späteren Übergänge vorwegnehmend verallgemeinert Hegel dann, dass ein altes Volk auf dieser Kulturstufe vor allem „durch die Berührung mit einem Volke, aus welchem der höhere Geist hervorgeht“ (ebd.: 276) untergeht. Nach dem Römischen Reich wird es „die Berührung mit dem Norden und den germanischen Völkern, welche nun welthistorisch werden sollen“ (ebd.: 343). Gerade weil die germanischen Völker bisher eine ganz andere Geschichte hatten, brachten sie ein anderes Prinzip in die Geschichte ein, nämlich das der individuellen Freiheit. Interessanterweise betont auch Engels eine solche Bedeutung des Beitrags der Kulturen aus den „barbarischen“ Regionen: „Zwischen dem römischen Kolonen und dem neuen Hörigen hatte der freie fränkische Bauer gestanden“ (MEW 21: 149). Auch der Historiker Otto Hintze sieht in den historischen Übergängen zu einem vollständigen Feudalismus (also einem, bei dem bestimmte kriegerische, wirtschaftliche und politisch-soziale Funktionen gleichermaßen voll ausgeprägt sind) vor allem eine „Kulturverflechtung“ am Werk. In Europa kommen alte germanische Traditionen mit denen der römischen Zivilisation zusammen, in Rußland das Ostslawentum und das oströmische Reich sowie die griechisch-katholische Kirche, die Islamstaaten werden durch die die Verflechtung der sassanidischen und der byzantinischen Kultur geprägt und in Japan werden die chinesische Staatsidee und der Konfuzianismus rezipiert. Es kommt immer zu einem „Zusammenwirken der beiden Faktoren: der stammesgeschichtlich-nationalen und des weltgeschichtlich-imperialistischen“ (Hintze 1929/1970: 28) „Der Feudalismus im vollen Sinne stellt sich in der Regel nur dort ein, wo die normale, direkte Entwicklung vom Stamm zum Staat abgelenkt wird durch eine weltgeschichtliche Konstellation, die zu einem überstürzten Imperialismus führt.“ (ebd.) Übrigens kennt auch die DDR-Geschichtsschreibung solche Geschehnisse, bei denen neue gesellschaftliche Verhältnisse eines äußeren „Anstoßes“ bedürfen. So schreibt etwa Joachim Herrmann: „Dort, wo die Volksmassen in Schlaf und Lethargie verfielen, erstarrte die gesellschaftliche Bewegung, sie bedurfte des Anstoßes durch andere, dynamischere Gesellschaften.“ (Herrmann 1986: 87)

Die Widersprüche, die hier als Entwicklungswidersprüche zur Entfaltung von Neuem führten, rührten dabei nicht aus einem der vorherigen Zustände allein her, sondern entstanden durch das Zusammenkommen von inneren und äußeren Faktoren. Die jeweils dadurch entstehenden neuen Widersprüche sprengen die neue Kultur dann nicht, sondern sie werden zu „Bewegungswidersprüchen“. Diese Bewegungswidersprüche sind die Grundlage für das Aufsteigen von Kulturen, sie erzeugen eine „Stärkung der Negativität in sich selber“ (HW 12: 440). Ich notiere diese Aussagen nicht, um sie zu neuen „Universalschlüsseln“ zu machen, sondern um darauf aufmerksam zu machen, wie wenig selbst Hegel in der Untersuchung der „Weltgeschichte“ dem folgte, was viele Hegelinterpretationen bei einer kurzschlüssigen Übertragung der „dialektischen Grundgesetze“ von der Logik (als „Idealismus“ diffamiert) in die menschliche Historie (als „materialistisch umgestülpt“ interpretiert) als „Dialektik“ verstehen.

Die Erfahrungen der Geschichte lassen sich schwer als pure Illustrationen der „dialektischen Grundgesetze“ interpretieren. Was zeigen diese Erfahrungen stattdessen? Ich nenne nur einige Eindrücke aus Studien zur Geschichte:

  • Die Entstehung von Neuem folgt nicht notwendigerweise aus den inneren Widersprüchen des Vorherigen, sondern eher aus dem Zusammentreffen von vorher unvereinbaren Kulturen und Faktoren.
  • Wenn jeweils bestimmte Zusammentreffen nicht stattgefunden hätten, wäre die Geschichte zumindest für die betroffenen Regionen in ganz andere Richtungen verlaufen: So geht auch Engels davon aus, dass für die ehemaligen römischen Provinzen ohne den Einfluss der gentilen Gesellschaftsverfassung auch eine „normännisch-sarazenische Unterjochung“ möglich gewesen wäre statt die Entstehung des Feudalismus (MEW 21: 149).
  • Die Entstehung von Neuem hat üblicherweise viele Voraussetzungen; eine „multifaktorielle“ Entstehungserklärung ersetzt mehr und mehr monokausale Erklärungsversuche. Die Faktoren lassen sich unterscheiden in „bestimmende“ und „mitwirkende“, einige davon entstanden in der vorherigen Entwicklungsphase notwendigerweise, andere sind demgegenüber kontingent und nur wo sie vorhanden waren, konnte die Entwicklung weiter gehen. Ellen Meiksin Wood nennt besondere rechtliche Bedingungen, die in England zu einer besonders schnellen Dynamik in Richtung des Kapitalismus führen konnten (Wood 2015). Aber auch diese allein hätten nicht dazu geführt. Gerade für England nennt jede geschichtliche Betrachtung der Entstehung des Kapitalismus viele, viele Besonderheiten (so z.B. Kofler 1948/92, Mothes 1983, Goldstone 2001, Kopsidis 2006), so z. B. die Folgen des frühen Bauernaufstandes unter Wat Tyler 1381, die Folgen des Rosenkrieges usw. usf.. Jede Theorie, die nur auf einen oder sehr wenige Faktoren setzt und diese verabsolutiert, muss aus der Erfahrung heraus angezweifelt werden.
  • Unterschiedliche Bedingungen führen zu unterschiedlichen Formen der jeweiligen Gesellschaftsformationen, dazu gehören auch die Ergebnisse von Klassenkämpfen. Auch letztlich niedergeschlagene Kämpfe führten meist dazu, dass die Fesseln der Unterdrückung nicht so eng gezogen wurden wie in Regionen ohne solche Kämpfe.
  • Zu den Bedingungen gehört in der menschlichen Geschichte wesentlich, dass diese Geschichte zwar nicht allein „durch“ den Geist, d. h. die Subjektivität bestimmt wird, aber immer „durch“ das Bewusstsein „hindurch“ geht und gestaltet wird. Wo im Frühfeudalismus sich die Menschen massiv gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzten, entstanden auch freiere Formen der Ausbeutung, die den Menschen mehr Möglichkeiten zur Selbstorganisation ihrer Arbeit und weiterer Widerstände ließen (vgl. Mothes 1983). Wenn Menschen heute weiterhin zulassen, dass die Lebensgrundlagen zerstört werden, dann gibt es kein „Gesetz des Fortschritts“, das ihnen die Folgen davon ersparen könnte.

All diese Formen der Kontingenz werden systematisch verdeckt, wenn Geschichte nur aus der Perspektive der „Eule der Minerva“ betrieben wird. Heide Gerstenberger schreibt dazu, dass „die rückblickende Feststellung einer Stringenz, das Nachzeichen der Fortwirkung von „Ursprüngen“, […] analytisch begrenzt“ ist. „Unter dem Gesichtspunkt der historischen Strukturlogik kommen immer nur diejenigen historischen Erscheinungen in den Blick, die sich tatsächlich durchgesetzt haben. Unterschlagen werden also all jene Alternativen, die sich aufgrund je konkreter Voraussetzungen ebenfalls entwickelt hatten und auch durch Trägergruppen vertreten worden waren.“ (Gerstenberger 1990/2017: 32) Durch diese Betonung der Kontingenz wird jedoch nicht das „Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ und eine vollständige Offenheit sozialer Praxis angenommen. Das Möglichkeitsfeld der Praxis wird durch frühere Praxis erweitert, aber auch begrenzt. Bedingungen werden irreversibel verändert, auf diese Weise verläuft sich das Geschehen nicht in einer willkürlichen Zick-Zack-Spur, sondern bildet einen auf dem Früheren basierende Ablauf, dessen Endpunkt jedoch in keiner Weise vorherbestimmt ist.

Hegel spricht im Zusammenhang mit der „Knotenlinie von Maßen“ (HW 5: 437) von einer „Änderung des Quantitativen“, das beim Erreichen eines bestimmten Maßes auch zu einer Qualitätsänderung führt. Das Wort „ändern“ ruft die Vorstellung eines zeitlichen Vorgangs hervor – jedoch ist dies bei Hegel hier an keiner Stelle gemeint. Das zeigen seine Beispiele, z. B. das natürliche Zahlensystem, die Grundtöne oder die Struktur chemischer Verbindungen (ebd.: 438f.). Das sind alles strukturelle (logische) Verhältnisse, die in dieser Betrachtungsweise nichts damit zu tun haben, dass sich die materiellen Verkörperungen dieser Verhältnisse im Laufe der Zeit verändern können. Wo Hegel dann beispielhaft zu einer zeitlichen Veränderung kommt, so bei der Zustandsänderung des Wassers (ebd.: 440), so wird offensichtlich, dass er damit das Reich der Logik verlässt: Hier wird eine Temperaturänderung erforderlich und auch wenn Hegel schreibt, dass das Wasser „seine Temperatur ändert“ weiß jede/r, dass Wasser seine Temperatur nicht aus sich heraus ändert, sondern nur durch eine äußere Energiezufuhr – eine materielle Vermittlung, die Hegel hier aber nicht zum Gegenstand seiner Betrachtung macht. Das materialistische „Umstülpen“ der Hegelschen Dialektik besteht häufig nur in der einer einfachen Übertragung der logischen begrifflichen „Entwicklung“ ins Materiell-Zeitliche. Dann werden die logischen Vermittlungen unmittelbar als zeitliche Veränderungen „gelesen“. Bei der Erklärung der „Temporalität der Dialektik“ vollzieht auch Hans Heinz Holz diesen Übergang in unvermittelter Weise. So springt er von der (logischen, aber wahrscheinlich bei ihm auch schon zeitlich gelesenen) Kontenlinie der Maßverhältnisse unvermittelt zu einem Zitat von Hegel aus der „Weltgeschichte“. Während es bei der Kategorie des Maßes (Holz 2005: 478) um logische Übergänge/Veränderungen geht, wird dann darauf geschlossen, dass „[d]ie Welt, deren Begriff hier gewonnen wird, […] eine im Prozeß sich verändernde“ (ebd.: 483) ist. Damit werden Argumentationen von Hegel, die logische Vermittlungen beinhalten, unvermittelt auf zeitliche Veränderungen übertragen. Hegel dagegen wusste noch, dass ein „äußerliches Entstehen“ nicht mit dem „Entstehen aus dem Begriff“ verwechselt werden darf (HW 7: 37). Auch wenn er davon ausgeht, „daß es […] in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei“ (HW 12: 20), so gewann er diesen Ausgangspunkt nicht etwa durch eine Übertragung der von ihm in der „Logik“ zusammengefassten Erkenntnisse, sondern „[e]s hat sich also erst aus der Betrachtung der Weltgeschichte selbst zu ergeben, daß es vernünftig in ihr zugegangen sei“ (ebd.: 22). Und sogar wenn das bis zum gegenwärtigen Tage nachzuweisen ist, muss das nicht viel heißen für die Zukunft. Hegel wusste durchaus, dass sich in Amerika neue Entwicklungen der Gesellschaft andeuten. Aber „als ein Land der Zukunft geht es uns überhaupt hier nichts an; denn wir haben es nach der Seite der Geschichte mit dem zu tun, was gewesen ist, und mit dem, was ist“ (ebd.: 114). Dies widerlegt erstens, dass Hegel den Entwicklungsweg der Menschheit in seiner Zeit hätte enden lassen; aber zweitens auch, dass er die Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung als abgeschlossen und nicht mehr offen betrachtet hätte. Nur in der Logik gibt es so einen Abschluss in der absoluten Idee (HW 6: 548, HW 9: 388) und im Gesamtsystem der philosophischen Wissenschaften im absoluten Geist (HW 8: 366). Dieses Gesamtsystem beinhaltet die „Weltgeschichte“ (ebd.: 347) und auch hier wiederholt Hegel, dass die Geschichte (also bis zu seiner Gegenwart) durchaus den „Endzweck“ gehabt habe, bis zum erreichten Stand der sich selbst bewussten Vernunft zu kommen. Er kritisiert aber Vorgehensweisen, bei denen „willkürliche Vorstellungen oder Gedanken“ vorausgesetzt werden und „solchen die Begebenheiten und Taten“ (ebd.: 348) angemessen werden. Er bezieht sich zwar bei den Vorstellungen und Gedanken hier auf „willkürliche“, er kritisiert also das Anpassen an Meinungen. Methodisch trifft dieser Vorwurf auch ein Vorgehen, bei dem Konstruktionen a priori, wie etwa seine „Logik“, als vorauszusetzende Gedanken gälten.


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