Gelbe Westen (gfrz. gilets jaunes) sind seit einigen Wochen ein Symbol, aber kaum jemand weiß so ganz genau, wofür es steht. Linke haben gleich einen Rechtspopulismusverdacht.

Ich fand in einem Gespräch mit Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lasagnerie eine interessante Bemerkung zum Umgang mit solch unklaren Bedeutungen:

Die gilets jaunes haben keine vor­gegebene Bedeutung, an deren Heraus­bildung können und müssen wir mitarbeiten.

Sie äußern auch, dass jede „echte Bewegung“ auch dazu herausfordert, eine neue politische Sprache zu finden. Sie sprechen z.B. von „Klassenrassismus“,. Damit verbunden ist auch, dass die jeweils benachteiligten, unterdrückten, ausgebeuteten Klassen im Diskurs als „Objektklasse“ (Begriff nach Pierre Bordieu) verwendet werden. Wenn es passend erscheint, wird vermieden, über Rassismus oder Homophobie in diesen Klassen zu schreiben (und wie den Gesprächspartnern, die in Büchern darüber geschrieben haben, Vorwürfe gemacht) – und bei anderer Gelegenheit, wenn diese Unterdrückten und Ausgebeuteten plötzlich aktiv werden, wird ihnen vorgeworfen, dass auch rassistische und homophobe Elemente dabei hochkommen.

Die entscheidende Frage für uns wird übrigens von Didier Eribon gestellt:

Ja, das ist tatsächlich die Frage. Nicht: Weshalb ist es in Frankreich zur Explosion gekommen? Sondern: Weshalb geschieht das nicht in Deutschland?

Zum Interview

Im Teil II dieses Interviews geht es um weitere wichtige Fragen, die zur theoretischen Kennzeichnung der Situation wichtig sind:

  • Die bekämpfte Politik besteht nicht im „Neoliberalismus“ – diese Kennzeichnung würde das große Maß an damit verbundener direkter Unterdrückung verschleiern.  Besser wäre, von einer autoritären Politik  zu sprechen  , denn der Ausbau von Polizei, Armee, Justizsystem und Strafrecht ist ebenso wie die massive Unterstüung ökonomischer Monopolkonzerne ist genau das Gegenteil von „Liberalem“.
  • Der Umgang mit sozial Schwachen und farbigen Banlieue-Bewohnern ist nicht nur eine  „Ausgrenzung„, sondern diese ist verbunden mit massiver Unterdrückung auch im eigenen Feld. Die Leute werden nicht ausgegrenzt und ansonsten in Ruhe gelassen…

„De facto geht es vielmehr um Unter­drückung als um Ausgrenzung. Ein junger Schwarzer aus der Banlieue wird nicht «nur» aus der Innen­stadt ausgegrenzt, er wird in seinem eigenen Viertel von der Polizei überwacht und verfolgt. Ein Langzeit­arbeitsloser wird nicht «nur» aus dem Arbeits­markt ausgegrenzt, sondern von den Sozial­behörden dazu gedrängt, jeden beliebigen Job anzunehmen, er wird kontrolliert und unter Druck gesetzt.“

Als linke Intellektuelle thematisieren sie auch (wieder, so wie es schon einmal speziell aus Frankreich heraus debattiert wurde) das Verhältnis von Intellektuellen gegenüber politischen Bewegungen. Sie vertreten dabei unterschiedliche Positionen:

Eribon:

„Aus meiner Sicht bedeutet Intellektueller zu sein, sich ausserhalb der Orte der Macht zu situieren. Unsere Rolle ist es nicht, Macht auszuüben, sondern die Mächtigen kritisch zu überwachen.“

De Lasagnerie:

„Es gibt ein Problem mit dem kritischen Intellektuellen, der seine Ideale nicht kompromittieren will, mit niemandem kollaboriert, sich aber auch nie der Frage der effektiven Wirkungs­macht stellt. De facto ist diese Haltung extrem konservativ, zu puristisch, um je irgend­etwas zu verändern. Ich glaube, wir sollten neu darüber nachdenken, wie die Intellektuellen politisch inter­venieren.“

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