Schon mehrere Blogbeiträge beschäftigten sich mit dem Thema, was das Kennzeichnende an der Gesellschaftsformation „Kapitalismus“ ist. Eine Herausforderung dazu ist die Verbreitung der Ansicht, der Kapitalismus sei primär durch einen Zwang zur Beteiligung am Markt gekennzeichnet, während die Ausbeutung nicht als wesentlich angesehen wird (S&S: 37). Ich hatte das schon in meinem kritischen Kommentar zum Buch „Kapitalismus aufheben“ (S&S) unter Punkt 3.2.1 angesprochen. Simon Sutterlütti thematisiert dies auch in einem Keimform-Beitrag.

Eng damit verbunden ist auch die Frage, wie sich Geld und Kapital zueinander verhalten. Wichtig ist die Frage, um zu wissen, worin die Wurzel des Kapitalismus besteht, die wir ziehen müssen, wenn wir ihn „aufheben“ wollen.

Henne und Ei? Was ist Wesen und was Erscheinung?

 Wie verhalten sich nun die beiden im Kapitalismus auffindbaren Aspekte: – Zwang zur Marktbeteiligung für „Privatproduzenten“ und Enteignung der Mehrarbeit der lebendigen Arbeit – zueinander? Für Stefan Meretz ist der „Interessengegensatz von Kapital und Arbeit […] Erscheinungsform der zugrunde liegenden Prozesse der Produktion der gesellschaftlichen Lebensbedingungen in getrennter, privater Form“ (Meretz 2012: 97). Dem setzte ich bereits eine Analyse der Darstellungsweise von Marx im „Kapital“ entgegen (Schlemm 2016), wonach in diesem Werk nicht zuerst das wesentliche Prinzip steht, aus dem dann weitere Erscheinungsformen folgen, die abgeleitet wären. Stattdessen beginnt die Darstellung auf dem Weg „vom Abstrakten zum Konkreten“ mit Erscheinungsformen, um dann von ihnen her zum Wesen (für hegelianisierende PhilosophInnen: zum konkreten Begriff) des Kapitalismus zu kommen und auf diese Weise führt der Darstellungsgang im „Kapital“ in Richtung der Klassenverhältnisse als Grund für das zuvor Analysierte. Die zuerst geschilderten oberflächlichen Erscheinungsformen sind zwar auch wirklich und nicht nur eingebildet, deshalb kann es passieren, dass diese bereits für das Ganze genommen werden. Das wäre dann, wie Marx in einem ganzen Kapitel des „Kapitals“ beschreibt, „Fetischismus“. Hinter allen wie auch immer verselbständigten sachlichen Zusammenhängen oder Dingen (wie Waren und Geld) stecken doch immer die gesellschaftlichen (Klassen-)Verhältnisse als tieferer Grund.

Eine recht alte Schrift fiel mir dieser Tage in meiner Bibliothek in die Hände. Zwei Schriften von Martin Nicolaus von 1967 und 1968, beide zusammen 1970 auf Deutsch veröffentlicht (Nicolaus 1970). Diese drehen sich um die gleichen Fragen. Deshalb möchte ich näher darauf eingehen.

Charakteristik des Kapitalismus

Umschlag der Sichtweise bei Marx um 1850

Martin Nicolaus zeigt, dass die fraglichen Sichtweisen auf den Kapitalismus bei Marx beide vertreten sind. Dabei entwickelte dieser seine Ansichten so, dass er zuerst (bis ca. 1850) auch nur die Marktbeziehungen untersuchte und als Problem ansah, danach aber zusätzlich die Aneignung von Mehrarbeit untersuchte und schließlich erkannte, dass diese als in der Produktion stattfindender Prozess fundamentaler ist als die Tauschbeziehungen auf der Zirkulationsebene bzw. die Tauschform der Beziehung zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen. Denn schließlich muss der Wert und der Mehrwert, um den sich die Konkurrenzbeziehungen auf der Austauschebene beziehen, erst einmal hergestellt worden sein.

Dabei blieb Marx dann – seit der „Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (MEW 42) bis hinein in die Bände des „Kapital“ (MEW 23-26/II).

An der Vorherrschaft des Marktes kritisierte Marx bis 1849 die „Zersplitterung und Absage an die der Menschlichkeit innewohnende Entwicklungsmöglichkeiten“ (Nicolaus 1970: 9). Auch „Marx´ frühe Lohn- und Profit-theorie […] ist deutlich die Funktion eines Angebot-Nachfrage-Modells des Wirtschaftssystems.“ (Nicolaus 1970: 36)

Dies änderte sich nach 1850, was in den „Grundrissen zur Kritik der Politischen Ökonomie“ unübersehbar wird. Spätestens „mit den „Grundrissen“ geht uns ein Licht auf““ (ebd.: 35).

„Während sich Marx´ frühere Ökonomie auf die Bewegung der Konkurrenz gründete, analysiert er in den „Grundrissen“ systematisch und zum ersten Mal in seinem Werk die Ökonomie der Produktion.“ (ebd.: 11)

Damit änderte sich einiges. Während Marx vorher auch noch vom Verkauf der „Ware Arbeit“ sprach, so danach nur noch von der „Ware Arbeitskraft“. In der Fußnote 5 auf Seite 88 (MEW 4) wird eine entsprechende Änderung der Worte im Widmungsexemplar von „Das Elend der Philosophie“ vermerkt. Dass die Bedeutung dieser Begriffsänderung von S&S nicht verstanden wurde, zeigt deren unsystematische, wechselnde Bezeichnung „Arbeitskraft“, „sich selbst“ und „Arbeit“ (S&S: 37) bei deren kurzer Erläuterung der Ausbeutung.

Diese Änderung der Begriffe ist nicht unwichtig, sondern verweist auf ein tieferes Durchdringen des Prinzips der Ausbeutung im Produktionsprozess, der durch die oberflächliche Betrachtung der Tauschakte auf Marktebene verschleiert oder entwichtigt wird. Bei Marx ist nun nicht nur die Produktionsebene die wesentlichere gegenüber der Zirkulationsebene, auf der die Konkurrenz wirkt, sondern „Es erscheint also in der Konkurrenz alles verkehrt.“ (MEW 25: 219).

Es erscheint also in der Konkurrenz alles verkehrt. Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen […], sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff.“ (MEW 25: 219)

Solche Verhältnisse der Verkehrung analysiert Marx schon im ersten Band des „Kapitals“. Dabei erscheint der Wert als Gebrauchswert (MEW 23: 70), die konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform der abstrakt menschlichen Arbeit (ebd.: 72) und die Privatarbeit erscheint auch in Form ihres Gegenteils, der Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form (ebd.: 73). Klaus Peters untersuchte diese Verkehrung auch für die Produktivkräfte der Arbeit:

„Die Produktivkräfte der Arbeit „vergegenständlichen“ sich, wie Marx sagt, in den „sachlichen Arbeitsbedingungen“ – darunter die technischen Produktionsmittel – und erscheinen als Produktivkräfte des Kapitals.“ (Peters 1988)

Wie etwas auf der Ebene des Tauschs erscheint, bei der die Tauschenden als gleichberechtigte („Privatproduzenten“) erscheinen, verkehrt die wirklichen Verhältnisse, die sich im Re-Produktionsverhältnis als gegensätzliche Klassenbeziehungen erweisen.

An anderer Stelle führt Marx auch aus, dass das „gesellschaftliche Bedürfnis“, d.h. das, was das Prinzip der Nachfrage regelt, wesentlich bedingt ist durch das Verhältnis der verschiednen Klassen zueinander und durch ihre respektive ökonomische Position…“ (MEW 25:191)

Die Position von Marx nach 1850 zum Verhältnis zu Markt/Tausch/Konkurrenz und Produktionsbeziehungen der Klassen/Mehrarbeitsaneignung ist bei Nicolaus m.E. richtig zusammen gefasst:

„Die spezifische Beschaffenheit der kapitalistischen Produktion besteht […] in der Schöpfung und Aneignung von Mehrwert durch die Kapitalistenklasse.“ (Nicolaus 1970: 58)

Beides, aber eins ist der Grund des anderen

Wieso wir uns überhaupt fragen müssen, was wesentlich ist, kommt aus der Tatsache, dass beide Sichtweisen wirkliche Verhältnisse widerspiegeln – nur ist das eine der objektive Schein, das andere der Grund für diesen.

A)    Objektiver Schein

Natürlich gibt es im Kapitalismus „sachliche Abhängigkeit“ (die im Unterschied zu früheren Gesellschaftsformen die persönliche Unabängigkeit ermöglicht) (vgl. MEW 42: 91). Natürlich bildet die „wechselseitige und allseitige Abhängigkeit gegeneinander gleichgültiger Individuen […] ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwert, worin jedes Individuum seine eigne Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt für es wird; es muß ein allgemeines Produkt produzieren – den Tauschwert oder, diesen für sich isoliert, individualisiert, Geld“ (MEW 42: 89-90).

Wenn diese objektiven Erfahrungen unvermittelt theoretisiert werden, entsteht eine „pseudokonkrete“ „Verdopplung der Oberfläche“ (Kosik 1967: 9). In dieser Sichtweise erscheinen „alle immanenten Gegensätze der bürgerlichen Gesellschaft“ ausgelöscht (MEW 42: 166). Und deswegen kann dann nicht mehr aus irgendwelchen immanenten Gegensätzen ein Ausweg gesucht werden, sondern von etwas „ganz Anderem“, mag es nun innerhalb oder gleich außerhalb des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs seinen Ausgangspunkt nimmt, keimförmig oder wie auch immer.

Wenn dies alleine die Wahrheit ist, „dann ist die kapitalistische Klassenstruktur nur zufällig mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verbunden“ (Nicolaus 1970: 20). Nicht umsonst versucht Simon in einem Blogbeitrag einen Kapitalismus zu konstruieren, der ohne Klassenstruktur auskommt. Der Antwort, es könne „keinen Kapitalismus ohne Ausbeutung und Klassenverhältnisse geben“, kann ich zustimmen. (In Bezug auf „personalisierten Klassenverhältnisse“ gibt es – allen Gedankenexperimenten über „kapitalistische Genossenschaften“ zum Trotz – neben der Tatsache, dass das Klassenverhältnis in einigen privilegierten Regionen der Erde „in die Individuen eingewandert ist“ durchaus deutlich unterscheidbare entgegengesetzt agierende Akteure und Akteursgruppen, die jeweils eine Seite des Klassenverhältnisses vertreten).

B)    Grund der Erscheinung

Trotzdem ist für mich wie für den späteren Marx das Klassenverhältnis gegenüber der Tauschform der Beziehung zwischen „Privatproduzenten“ das Wesentliche, weil den Grund legende. Denn das Problem ist ja nicht, dass bei einem Tausch, bei dem die Beteiligten als Gleiche gelten, einer den anderen vielleicht übervorteilt, sondern dass es um Werte und Mehrwert geht, die in der Produktion erzeugt werden. Sie werden ERST (ausbeuterisch) erzeugt, und DANN (scheinbar unter Gleichen) getauscht. Einfacher kann ein Grund-Folge-Verhältnis gar nicht funktionieren.

Marx kritisiert Ansichten, bei denen „bei den einfachsten ökonomischen Verhältnissen“ stehen geblieben wird, „die, selbständig gefaßt, reine Abstraktionen sind; die aber in der Wirklichkeit vielmehr durch die tiefsten Gegensätze vermittelt sind und nur eine Seite darstellen, worin deren Ausdruck verwischt ist“ (MEW 42: 173-174). Für Marx sind die „tiefsten Gegensätze“ eben gerade nicht auf der Ebene des bloßen Austauschs zu erkennen, so wie sie folgerichtig auch bei Wood und S&S „verwischt“ sind.

Tatsächlich kann man den Austausch zwischen Kapital und Arbeit gleich wie andere Austausche zwischen „Privatproduzenten“ (da meist die Unternehmen, oder bei Wood die Pächter, gemeint) betrachten, d.h. ohne Besonderung, ohne Gegensatz. Bei Marx wird aber sofort ergänzt: „2. Der Kapitalist tauscht die Arbeit selbst ein, die Arbeit als wertsetzende Tätigkeit, als produktive Arbeit; d.h., er tauscht die Produktivkraft ein, die das Kapital erhält und vervielfältigt und die damit zur Produktivkraft und reproduzierenden Kraft des Kapitals, eine dem Kapitals selbst angehörige Kraft wird.“ (MEW 42: 200). Damit sind wir bei der besonderen Qualität der Ware Arbeitskraft, die erst bei der Analyse der Mehrwertproduktion deutlich wird. Nach dieser Qualität hatte Stefan gefragt , was ich damals noch nicht so deutlich formuliert hatte…

„Hier erscheint […] der Gebrauchswert des […] Eingetauschten als besondres ökonomisches Verhältnis, und die bestimmte Verwendung des […] Eingetauschten bilden den letzten Zweck beider Prozesse. Dies unterscheidet also schon formell den Austausch zwischen Kapital und Arbeit vom einfachen Austausch – zwei verschiedene Prozesse.“ (MEW 42: 200)

Diese zweite Form des Austausches mit der zuerst genannten adäquaten Tauschbeziehung zu verwechseln, wäre nach Marx ein „misuse“.

„Im Austausch zwischen Kapital und Arbeit ist der erste Akt ein Austausch, fällt ganz in die gewöhnliche Zirkulation; der zweite ist ein qualitativ vom Austausch verschiedner Prozeß, und es ist nur by misuse, daß er überhaupt Austausch irgendeiner Art genannt werden könnte. Er steht direkt dem Austausch gegenüber; wesentlich andre Kategorie.“ (ebd.: 201)

Bei der Verwendung des Gebrauchswerts der Ware Arbeitskraft durch die kapitalistische Seite wird die Sphäre des Austauschs verlassen und muss sie verlassen werden (ebd.: 209). Die „wesentlich andre Kategorie“ darf über der Austausch-Gleichmacherei nicht vergessen werden: Das über den Austausch Hinausgehende am arbeitenden Menschen ist „seine Lebendigkeit“ (ebd.: 208) (vgl. zum Unterschied Arbeitsvermögen und Arbeitskraft).

Die Ausbeutung ist deswegen nicht nur quantitatives Wegnehmen von Mehrwert, sondern der „Verzicht des Arbeiters auf die Kontrolle über seine schöpferische Kraft (Nicolaus 1970: 23,kursiv AS) Verarmung ist nicht nur ein weniger an Geld, sondern dass „die schöpferische Kraft seiner Arbeit als Kraft des Kapitals, als fremde Macht sich gegenüber etabliert“ (MEW 42: 228)

Entstehung des Kapitalismus

Ellen M. Wood versteht den Zwang zum Tausch als das Wesen des Kapitalismus, d.h. in Form von „Imperative[n] des Wettbewerbs und der Profitmaximierung“, als „Zwang zur Reinvestition von Mehrwert“ (Wood 2015: 50). Die Gründe für die Entstehung des Kapitalismus im England des 16. Jahrhunderts als eine Art „Agrarkapitalismus“ sieht sie vor allem in besonderen Pachtbedingungen:

„Die Pachtbedingungen waren so, dass eine wachsende Zahl von Pächtern den Imperativen des Marktes unterworfen wurde – nicht der Möglichkeit, für den Markt zu produzieren und sich von Kleinproduzenten zu Kapitalisten zu entwickeln, sondern zu der Notwendigkeit, sich für den Markt zu spezialisieren und in Konkurrenz zu produzieren – einfach, um den Zugang zu den Subsistenzmitteln und zum Land selbst zu garantieren.“ (Wood 2015: 68, weitere Schilderung S. S 118ff. Gegensatz zu Frankreich: 124ff.)

Marx sah das noch anders. Als Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktion diskutierte er die „ursprüngliche“ Akkumulation im Kapitel 24. des ersten Bands des „Kapitals“. Auch Wood sieht die „Enclosures“ als Folge der von ihr in den Mittelpunkt gerückten Pachtbedingungen. Aber auch wenn bei den verschärften Pachtanforderungen die Lebensmittel nur noch über Geld und Warentausch erlangt werden konnten, konnte sich nichtsdestotrotz nach Marx Geld und Ware „nur unter bestimmen Umständen“ (MEW 23: 742) in Kapital verwandeln. Während bei Wood die Pächter, die untereinander in Konkurrenz treten, als gleichartige betrachtet werden (wie sie es unter der gleichmacherischen Perspektive des Tausches auch darstellt) und die Tatsache, dass Pächter auch unter Verwendung von Lohnarbeit ihr gepachtetes Land bewirtschaften, nur als unwesentliche Begleiterscheinung gewertet werden, ist letzteres für Marx zentral.

„Zwei sehr verschiedene Sorten von Warenbesitzern müssen sich gegenüber und in Kontakt treten, einerseits Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln, denen es gilt, die von ihm geeignete Wertsumme zu verwerten durch Ankauf fremder Arbeitskraft, andrerseits freie Arbeiter, Verkäufer der eigenen Arbeitskraft und daher Verkäufer von Arbeit. […] Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Entwicklungsbedingungen der Arbeit voraus.“ (MEW 23: 742)

Die Pächter in England waren angehalten, immer mehr Pacht erwirtschaften zu müssen, was sie durchaus durch Verbesserung der Bearbeitung der  Böden beziehungsweise profitablere Bewirtschaftung mit Schafzucht erreichten. Dabei darf aber nicht angenommen werden, der dadurch erzielte Mehrwert wäre durch die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit selbst entstanden, sondern aus marxistischer Sicht entsteht Mehrwert nur durch die Ausbeutung lohnabhängiger Arbeiter, die diese Verbesserungen durchführen. Nachdem die Löhne der Landarbeiter in England bis ins 14. Jahrhundert hinein gestiegen waren (aufgrund des relativen Mangels an Menschen durch die Pestfolgen), sanken die Reallöhne im 16. Jahrhundert–- vor allem auch wegen der gesetzlichen Festlegung der Maximallöhne ab 1563.

„Das Vorhandensein billiger Arbeitskräfte war für die Entstehung des Kapitalismus wesentlicher als die Nähe zu Märkten.“ (Dobb 1978: 79)

Dabei war das insgesamt steigende Einkommen über Lohnarbeit auch eine wesentliche Ursache für den Aufstieg der Industrie im späten 16. und 17. Jhd.

Nicolaus nennt als historische Voraussetzungen weiterhin die politische Emanzipation des Individuums aus den Fesseln der Ständeherrschaft, d.h. Menschen sind nicht mehr durch angeborene Privilegien und Leibeigenschaft gebunden, sondern wirken als „freie Vertragspartner“  -als „freie Personen, die freiwillig einen freien Äquivalententausch eingehen“ (Nicolaus 1970: 18).

Bei der Untersuchung der historischen Entstehung des Kapitalismus macht es also einen großen Unterschied, ob wir lediglich nach bestimmten Pachtverhältnissen suchen oder nach der „Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Entwicklungsbedingungen der Arbeit“ unter der Voraussetzung, dass die Arbeiter „freie Personen“ sind, die bei allem Zwang zur Erwirtschaftung des Lebensunterhalts doch „freiwillig einen freien Äquivalententausch eingehen“. Bei der Frage, wann und wo in der menschlichen Geschichte Kapitalismus hätte entstehen können, spielt dies eine m.E. entscheidende Rolle. Nicht umsonst erwähnt auch Engels in seinen geschichtlichen Studien, dass nach der Antike „die Menschen andre geworden“ waren: „Zwischen dem römischen Kolonen und dem neuen Hörigen hatte der freie fränkische Bauer gestanden“ (MEW 21: 149).

Das Ende des Kapitalismus

Auch die Aussichten auf das Ende des Kapitalismus verändern sich mit den eben geschilderten unterschiedlichen Sichtweisen. Sogar bei Marx selbst: Noch im „Manifest der Kommunistischen Partei“ (1848) wurde der Sieg der Arbeiterklasse daraus abgeleitet, dass mit dem Fortschritt der Industrie die Konkurrenz der Arbeiter aufgehoben würde, was zu deren revolutionärer Vereinigung führe (MEW 4: 473f.). In dieser Zeit war bei Marx die „analytische Ableitung des zukünftigen Verlaufs der kapitalistischen  Entwicklung und der Rolle der Arbeiterklasse“ noch ausgearbeitet „aus dem Wettbewerbsmechanismus und aus der zu erwartenden Entwicklung des Marktes für die Ware Arbeit“ (Nicolaus 1970: 11).

Erst wenn man versteht, wie Marx später auch, dass die Produktivkräfte der arbeitenden Menschen „dem Kapital nur als Mittel“ erscheinen, „ um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren“, kann man auch sehen, dass sie „ in Fact aber […]die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen“ sind (MEW 42: 602).

Inhaltlich geht es dann nicht so sehr um revolutionäre Gewalt und Enteignung von Dingen und Ressourcen, sondern es geht um die Rückeroberung der Produktivkraft der Arbeit aus der Macht des Kapitals. Es ist sinnvoll, den Begriff der Produktivkraft der Arbeit zur „Re-Produktivkraft der Arbeit“ zu erweitern, um auch die reproduktive Arbeit mit zu erfassen.

Außerdem ist es heute schon deshalb überlebenswichtig, diese Kräfte dem Kapital zu entziehen, damit ihre Umwandlung in Destruktivkräfte als Grundlage der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen gestoppt werden kann. Die Rückeroberung der eigenen re-produktiven Kräfte kann natürlich nur auf der Basis dessen geschehen, dass auch die Re-Produktionsgegenstände (wie Ressourcen) und -mittel (wie technologische Mitte) nicht mehr von den Menschen getrennt sind. Durch die Betrachtung der Re-Produktivkräfte in diesem Sinn wird die Perspektive aber deutlich aufgeweitet.

Hier verbinden sich die bekannten Verweise auf die Rolle der Produktivkraftentwicklung und des Endes des Kapitalismus mit der Klassenbeziehung. Wir landen auf den berühmten Seiten ab Seite 600 des Bandes 42, in denen der Untergang von Gesellschaftsformationen an die Entwicklung der Produktivkräfte gebunden werden, an die Entwicklung der materiellen Existenzbedingung im Schoß der alten Gesellschaft selbst (vgl. MEW 13: 9).

Ein Ende des Kapitalismus ist nach Marx möglich,

  • „sobald […] die Bedürfnisse so weit entwickelt sind, daß die Surplusarbeit über das Notwendige hinaus selbst allgemeines Bedürfnis ist, aus den individuellen Bedürfnissen selbst hervorgeht“,
  • sobald „die Arbeitsamkeit durch die strenge Disziplin des Kapitals […] entwickelt ist als allgemeiner Besitz des neuen Geschlechts“ und
  • „endlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit […] so weit gediehen daß der Besitz und die Erhaltung des allgemeinen Reichtums einerseits nur eine geringre Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft erfordert und die arbeitende Gesellschaft sich wissenschaftlich zu dem Prozeß ihrer fortschreitenden Reproduktion […] verhält; also die Arbeit, worin der Mensch in ihr tut, was er Sachen für sich tun lassen kann, aufgehört hat.“ (MEW 42: 244)

Im Buch von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz wird nicht auf solche Bedingungen verwiesen, sondern auf die bei den Individuen immer vorhandene produktive Bedürfnisdimension gesetzt (S&S: 127, 168f., 178). Diese können, etwas kompliziert ausgedrückt, verstanden werden als „subjektiv-emotionale[r] Ermöglichkeitsgrund und Motor von Handlungen zur Kontrolle über die gesellschaftlichen, damit eigenen Daseinsumstände durch Teilhabe an der geplanten Veränderung der Natur gemäß gesellschaftlichen Lebensnotwendigkeiten“ (Holzkamp, Osterkamp 1977/2015: 273). Klaus Holzkamp und Ute Osterkamp verwiesen auch darauf, dass diese Bedürfnisdimension nicht einfach vorhanden ist und jederzeit beliebig „angezapft“ werden kann, sondern dass sie sich selbst entwickelt „in Abhängigkeit vom Fortschritt des Standes der Produktivkräfte und gesellschaftlichen Kooperation“ (ebd.). Die Hoffnung darauf, dass die produktive Bedürfnisdimension ausreichend stark entwickelt ist, dass alle gesellschaftlich notwendigen Arbeiten im nötigen Ausmaß völlig freiwillig übernommen werden und ohne solche „Druckmittel“ wie Entlohnung oder moralischen Druck, wie in der genannten utopischen Literatur, kann natürlich auch nur auf entsprechend stark entwickelte produktive Bedürfnisdimensionen setzen. Damit sind wir dann wieder bei Marxens „sobald-“-Formulierungen.

Deren Erfüllung wird mindestens an dem Punkt, an dem es um die geringere notwendige Arbeitszeit geht, derzeit durch die Folgen des Klima-Umbruchs in Frage gestellt. Hier muss die Utopie ihren Crashtest noch bestehen…


siehe auch:


genannte Literatur:

Dobb, Maurice (1978): Eine Erwiderung. In: Sweezy, Paul; Dobb, Maurice u.a. (1978): Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Bodenheim: Athenaeum Verlag. S. 74-88.

Holzkamp, Klaus; Osterkamp Ute (1977/2015): Psychologische Therapie als Weg von der blinden Reaktion zur bewussten Antwort auf klassenspezifische Lebensbedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft – am Beispiel des „Examensfalls“ von Manfred Kappeler. In: Klaus Holzkamp: Schriften VI. Hamburg: Argument Verlag 2015. S. 242-392.

Kosik, Karel (1967): Die Dialektik des Konkreten. Eine Studie zur Problematik des Menschen und der Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Meretz, Stefan (2012): Die „Grundlegung der Psychologie“ lesen: Einführung in das Standardwerk von Klaus Holzkamp. Books on Demand. Online: https://grundlegung.de/ (abgerufen 2018-09-22), insb.: https://grundlegung.de/artikel/8-5-exkurs-kritik-der-traditionellen-klassentheorie-teil-1/ und https://grundlegung.de/artikel/12-2-exkurs-kritik-der-traditionellen-klassentheorie-teil-2/

Nicolaus, Martin (1970): Konkurrenz und Mehrwert. Zur Klassentheorie bei Marx. Berlin: Merve Verlag.

Peters, Klaus (1988): Karl Marx und die Kritik des technischen Fortschritts. Online http://klauspeters.de/ (dann dem  Link folgen) (abgerufen 2019-02-05)

Sutterlütti, Simon; Meretz, Stefan (2018): Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken. Hamburg: VSA. (zitiert als S&S)

Wood, Ellen Meiksins (2015): Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. Hamburg: LAIKA Verlag.


 

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