Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, aber es waren Veranstaltungen während den Ferienunis „Kritische Psychologie“, die mich darauf aufmerksam machten, dass es zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene noch soziale Orte gibt, die für die Orientierungen und Begründungen von Handlungen von Individuen wesentlich sind. Insbesondere den Namen Josef Held merkte ich mir. Vor kurzem las ich nun die IG-Metall-Jugendstudie aus dem Jahr 2002 (Bibouche, Held 2002) und fand darin interessante inhaltliche Ergebnisse zu Orientierungen von Jugendlichen zur damaligen Zeit (immerhin von vor 20 Jahren), aber auch wertvolle konzeptionelle Ergänzungen zu dem, was ich aus der Kritischen Psychologie kenne. Ich denke, diese sind wichtig 1. für das inhaltliche Konzept der Kritischen Psychologie wie auch 2. für die daraus abgeleiteten Praxen der Kollektiven Selbstverständigung.

1. Begriff „soziale Repräsentation“

Ein wichtiger konzeptioneller Verweis aus der IG-Metall-Jugendstudie bezieht sich auf die soziale Zwischenregion zwischen Individuen und Gesamtgesellschaft. Vor allem dieser soziale Ort bestimmt über den für die Individuen relevanten gesellschaftlichen Ausschnitt und die gesellschaftlichen Bedeutungen (Bibouche, Held 2002: 220). In solchen Orten (oder „Feldern“) entsteht ein gemeinsamer (Subjekt-)Standpunkt des „Wir“, unter den sich die Individuen größtenteils selbst subsumieren, was sich in Aussagen zeigt wie: „ja, so ist das bei uns“ (ebd.: 40). Auch individuelle Ansichten zeigen dann einen starken Bezug auf das eigene Milieu (ebd.: 95). Auf diese Weise findet Segmentierung statt, d.h. die Entstehung sozialer Gruppen, Szenen und Cliquen mit einem Eigenleben, in welchen auch z.B. eine Art Selbstethnisierung als Selbststilisierung stattfindet. Ethnische Selbststilisierung kann dann heißen: „Ich bin Grieche und Grieche zu sein ist cool“ (ebd.: 155). Dies bringt letztlich auch soziale Schließungen, d.h. den Ausschluss anderer mit sich (ebd.: 201).

Was vor allem in solchen sozialen Feldern entsteht, ist „soziale Repräsentation“, wofür der Begriff vor allem von Durkheim und Moscovici bereitgestellt und entwickelt wurde. Dieser Begriff klingt recht sperrig; er ist u.a. verwandt mit dem des Dispositivs bei Foucault (1978), dem des Paradigmas von Kuhn (1962) und dem Ideologiebegriff (s.u.). Es gibt auch keine leicht eingängige Definition des Begriffs. Er hängt mit der uns wohl allen bekannten Erfahrung zusammen, dass „Bilder und sprachliche Einflüsse […] in unseren Köpfen herumschwirren, die wir jedoch nicht geschaffen haben“ (Moscovici 1995: 281). Das gleiche betrifft Praktiken, an denen wir uns beteiligen.

Als Inbegriff sozialer Repräsentation betrachtet Moscovici „jede Form des Glaubens, der Ideologie, des Wissens (einschließlich der Wissenschaft)“ (Moscovici 1995: 298). Aber nicht nur Bewussteins- und Sprachinhalte (Diskurse) gehören zur sozialen Repräsentation, sondern auch Verhaltenspraktiken (Augoustinos 1995: 212ff.). Denkende und sprachliche Repräsentation sowie Beteiligung an Praxis ergeben sich für Individuen i.a. nicht direkt aus dem gesellschaftlichen Rahmen, sondern sind vermittelt durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen,

Eine soziale Repräsentation entspricht „einem bestimmten widerkehrenden und umfassenden Modell von Bildern, Glaubensinhalten und symbolischen Verhaltenswissen“ (Moscovici 1995: 310). Sie enthält veranschaulichende Beispiele, Wertehierarchie und passende Handlungsmodelle (Moscovici 1995: 310) und ermöglicht „gemeinsame Deutungs-, Erklärungs-, Handlungs- und Problemlösungsrepertoires“ (ebd.: 309). Soziale Repräsentationen entstehen

  1. durch Verankerung: Dabei werden ungewohnte Gedanken auf gewöhnliche, d.h. gewohnte Kategorien und Bilder reduziert (Moscovici, zit. in Flick 1995: 14). „Verankerung wird als ein sozialer Prozeß verstanden, der das Individuum in seinen sozialen Kontext, die kulturellen Traditionen seiner Gruppe etc. hineinzieht.“ (Flick 1995: 15)
  2. durch Objektivierung: Hier werden „abstrakte Ideen und Konzepte in ein konkretes Bild übersetzt oder an konkreten Gegenständen festgemacht“ (Flick 1995: 15)

Dies alles geschieht vorwiegend im sozialen Nahbereich.

Für die soziale Gemeinschaft/ Gesellschaft wirken soziale Repräsentationen vor allem stabilisierend. Es sind „psychische Phänomene, die […] einen gemeinsamen sozialen Ursprung haben und für das gesellschaftliche Leben unumgänglich sind“ (Moscovici 1995: 273), denn durch gemeinsame Wissensbestände und Techniken werden die Menschen aneinander gebunden und sie werden „zu einer Kraft, durch die passive Gesellschaftsmitglieder zu aktiven Mitgliedern werden, wobei sie dann an kollektiven Handlungen und an allem, was das gemeinschaftliche Leben aufrechterhält, teilnehmen.“ (ebd.)

Für das Individuum wird durch soziale Repräsentationen Orientierung und Kommunikation vereinfacht. Deshalb gilt, „daß die meisten Menschen populären Vorstellungen den Vorzug gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen geben und zwischen Gegebenheiten illusorische Beziehungen herstellen, die durch objektive Feststellungen nicht aufgebrochen werden können.“ (Moscovici 1995: 267)

Auch das Problem der Ideologien wird im Kontext der sozialen Repräsentationen diskutiert. Eine Ideologie ist nach Moscovici ein „Gemisch aus Chimären, Glaubenssätzen und bloß vorgestellten Dingen […], das die eigentlichen Ursachen der menschlichen Situationen und Triebkräfte menschlicher Handlungen auf den Kopf stellt“ (Moscovici 1995: 266). Antonio Gramsci verwies schon auf die große Nähe von Ideologien zum sog. „gesunden Menschenverstand“. Dieser ist aber nicht ein für allemal konstant und festgelegt, sondern es gibt in der Gesellschaft Kämpfe um die Hegemonie von Ideologien.

Derzeit werden als (in den 90er Jahren) vorherrschende soziale Repräsentationen vermerkt: liberaler Individualismus (Augoustinos 1995: 207), Konsumorientierung, Patriarchat, positivistische Wissenschaft und das Bezwingen der Natur durch technischen Fortschritt (Augoustinos 1995: 211). In der IG-Metall-Jugendstudie wird für die Zeit um den Jahrtausendwechsel festgestellt, dass die Jugendlichen in der BRD keinesfalls eine „Nullbock“- oder „No-Future-“ Stimmung pflegen. Bei ihnen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es keine durchgehenden Arbeitsbiographien mehr geben wird, sondern Flexibilität angesagt ist. Es ist bereits klar, „dass ein unbekümmertes Leben im sozialen Netz nicht ohne weiteres möglich und auch nicht wünschenswert ist“ (Bibouche, Held 2002: 43). Während die gesellschaftliche Zukunft eher skeptisch betrachtet wird, gehen die Jugendlichen i.a. davon aus, dass sie selbst persönlich die Herausforderungen meistern werden und auch wollen. Sie haben ein hohes Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Neues anzufangen (ebd.). Dabei gilt Arbeit immer noch als Hauptinstrument der gesellschaftlichen Integration (ebd.: 45). Der Drohung der Erwerbslosigkeit wird mit einem „Wille[n], dazu zu gehören, es schaffen zu wollen und dafür auch einen hohen Einsatz zu leisten“ (ebd.: 111) begegnet. Die Studie macht darauf aufmerksam, dass die neuen gesellschaftlichen Verunsicherungen besonders bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand zu Versuchen führt, „durch gegenseitige Bestätigung konventionalistischer und traditioneller Ansichten und durch soziale Bindung zu bewältigen“ (ebd.: 95).

2. Zusammenhang mit dem Begriff „Bedeutung“

Klaus Holzkamp unterscheidet die gesellschaftlichen Bedingungen von den gesellschaftlichen Bedeutungen, die ein Verhältnis zwischen psychischen Charakteristika und den objektiven Beschaffenheiten der Umwelt darstellen (Holzkamp 1983: 207)

Ute Holzkamp-Osterkamp betont, dass es bei der Vermittlung zwischen menschlichen Handlungen und der bedeutungsvollen Realität nicht bloß auf den kognitiven Aspekt  ankommt, sondern der „wertende, emotionale Charakter der menschlichen Subjektivität“ wichtig ist (Holzkamp-Osterkamp 1976/1990: 49, kursiv A.S.). Außerdem kommen Bedeutungen dann ins Spiel, wenn es um einen „konkreten Kontext von Handlungsnotwendigkeiten“ geht (ebd.: 50, kursiv A.S). Nur dann wird der im Gegenstand „Axt“ enthaltene Verweisungscharakter „Zum Schlagen da“ tatsächlich als Bedeutung aktualisiert.

Bibouche und Held unterscheiden ebenfalls Bedingungen („Ökonomie, die Gesellschaftsordnung, die politischen, juristischen und institutionellen Verhältnisse“) von den Bedeutungen, worunter sie „Interpretationen der gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse“ verstehen, worunter z.B. die „Bedeutung von Nation, Ethnie und  Geschlecht“ auf der „Ebene der Diskurse und Ideologien“ in Form von Werten, Diskursen und Orientierungsangebote (Bibouche, Held 2002: 183) fallen. Dieses „in den Individuen verinnerlichte System von Werten, Ideen und Handlungsweisen, welche in Form von Codes als Grundlage der Kommunikation [und Orientierung, A.S.] in der Gesellschaft dienen“ (ebd.: 184) und im sozialen Umfeld zur Verfügung stehen und verändert wird, wird von Bibouche und Held dem vorher von ihnen verwendeten „Dreispaltenschema“ hinzugefügt (Abbildung ebd.: 185):

Auch von Moscovici werden die sozialen Repräsentationen als Bedeutungsinhalte diskutiert. Sie sind einerseits den Individuen objektiv gegeben:

„Was Gesellschaften von sich halten, die Bedeutungen, die sie ihren Institutionen zuschreiben, und die Bilder, die sie von sich machen, sind notwendigerweise Bestandteil der gesellschaftlichen Realität und nicht eine bloße Widerspiegelung.“ (Moscovici 1995: 273);

andererseits verfestigen bzw. verändern sie diese im Vollzug auch ständig. Gerade im Prozess der Globalisierung, dies stellen Bibouche und Held 2002 in der IG-Metall-Jugendstudie fest, entsteht gerade keine Homogenisierung und Gleichschaltung auch innerhalb der Kulturen, sondern die Globalisierung führt gerade zu mehr Individualisierung, Fragmentierung und Segmentierung. Dadurch wird schon um die Jahrtausendwende die bisher erreichten Formen der gesellschaftlichen Integrationen gefährdet und soziale Ausgrenzung gefördert (Bibouche, Held 2002: 203). Dass in der kapitalistischen Gesellschaft „nicht allen alles möglich“ ist, führt zu einer stärkeren „Hinwendung zur Familie, zur Clique, zur Peergroup, ganz allgemein: zum Milieu“ (ebd.: 219), mit all den Folgen, die wir jetzt fast 20 Jahre danach am Aufbrechen der politischen „Normalitäten“ erleben. Die damals schon zu verzeichnende Zunahme ausgrenzender Orientierungen (ebd.: 133ff.) wird derzeit politisch erschreckend wirksam.

3. Bedeutung für Analyse von Begründungsmustern in der KSV

Wie schon von Bibouche und Held 2002 praktiziert (siehe Abbildung oben) ist es sinnvoll, bei Analysen zu Orientierungen und Einstellungen ebenso wie für Begründungsdiskurse die soziale Verortung der Individuen innerhalb der Gesellschaft und damit auch die damit zusammenhängenden sozialen Repräsentationen explizit zu erkunden.

„Die Jugendlichen stehen also der Gesellschaft nicht alle in gleicher Weise und nicht unmittelbar gegenüber, sondern ihr jeweiliger sozialer Ort bestimmt über den für sie relevanten Ausschnitt… die gesellschaftlichen Bedeutungen werden in den sozialen Feldern jeweils in spezifischer Weise transformiert.“ (Bibouche, Held 2002: 220)

Dies erweitert das „Schema“ des Begründungsdiskurses (Schlemm 2011). Insofern das Herausarbeiten und die Veränderung von individuellen Begründungsmustern bei problemerzeugenden Handlungen das Ziel von Kollektiver  Selbstverständigung ist, ist hier diese neue Ebene ebenfalls zu beachten.

Sie ist bereits enthalten in der Methode der Erinnerungsarbeit nach Frigga Haug (2001). Hier werden geschriebene Texte diskursanalytisch analysiert und soziale Repräsentationen, wie sie in der Sprache aufzufinden sind, können gefunden werden. Martha Augoustino nennt u.a. folgende Merkmale von sozialen  Repräsentationen, wie sie derzeit typisch sind:

  • passivistische Konstruktion: „Ein Stadtteil brannte ab“ statt: „Die Polizei brannte einen Stadtteil nieder“ (Augoustino 1995: 213)
  • Vergegenständlichung: Nicht Menschen, sondern „die Inflation“ macht dies oder das (ebd.: 214)
  • Die Welt wird als männliche Ära repräsentiert durch den Gebrauch des Wortes „er“ (ebd.)
  • Kategorien wie „Terroristen“ vs. „Freiheitskämpfer“ bilden einen Deutungsrahmen (ebd.)
  • soziale Repräsentationen zeigen sich als „Ungereimtheiten, Widersprüche, Wissenslücken, das Gesagte im Gegensatz zum nie Erwähnten“ (ebd.: 215).

Literatur

Augoustinos, Martha (1995): Ideologie und soziale Repräsentationen. In: Flick, Uwe (Hg.): Psychologie des Sozialen. Repräsentationen in Wissen und Sprache. Reinbek bei Hamburg: Suhrkamp 1995. S. 200-217.

Bibouche, Seddik; Held, Josef (2002): IG-Metall-Jugendstudie. Lebenseinstellungen junger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Neue Orientierungen und Engagementformen. Marburg: Schüren Presseverlag.

Flick, Uwe (1995): Soziale Repräsentationen in Wissen und Sprache als Zugänge zur Psychologie des Sozialen. In: Flick, Uwe (Hg.): Psychologie des Sozialen. Repräsentationen in Wissen und Sprache. Reinbek bei Hamburg: Suhrkamp. S. 7-20.

Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve Verlag.

Haug, Frigga (2001): Erinnerungsarbeit. Hamburg: Argument-Verlag. (Erstausgabe 1990)

Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/Main, New York 1985

Holzkamp-Osterkamp, Ute (1976) : Motivationsforschung 2. Die Besonderheit menschlicher Bedürfnisse – Problematik und Erkenntnisgehalt der Psychoanalyse. Texte zur Kritischen Psychologie, Band 4/2. Frankfurt, New York: Campus Verlag. 1976, 4. Auflage 1990.

Kuhn, Thomas (1962): The Structure of Scientific Revolutions. Chicago: University of Chicago Press.

Moscovici, Serge (1995): Geschichte und Aktualität sozialer Repräsentationen. In: Flick, Uwe (Hg.): Psychologie des Sozialen. Repräsentationen in Wissen und Sprache. Reinbek bei Hamburg: Suhrkamp 1995. S. 266-314.

Schlemm, Annette (2011): Kritisch-psychologischer Begründungsdiskurs.