Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Dem entspricht auch der Verzicht der Thematisierung der Klassenstruktur in Klassengesellschaften. Als neue Begriffe der Unterscheidung dessen, wovon die Transformation ausgeht und wohin sie führen soll wird nicht mehr vom Übergang von Klassengesellschaften zu einer klassenloser Gesellschaft gesprochen, sondern vom Überwinden der Exklusionslogik und der Durchsetzung der Inklusionslogik als gesellschaftliches Prinzip (S&S: 155). Exklusionslogik kennzeichnet Bedingungen, die den Menschen nahelegen, ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen (ebd.: 31), während die Bedingungen in einer inklusionslogischen Struktur den Menschen nahelegen, die Bedürfnisse anderer mit einzubeziehen (ebd.: 34).

Diese Begriffsbestimmung ist außerordentlich vage. Gerade den ökonomischen Märkten wurde genau solch eine Integrationsleistung zugesprochen. Nach Montesquieu führt gerade die Passung der Interessen des Kaufens und Verkaufens zu Vereinbarungen, die „auf den wechselseitigen Bedürfnissen“ (Montesquieu 1992: 3) beruhen.

In gerade diesen Bedingungen werden nun bei Simon und Stefan die exklusionslogische Bedingungen gesehen. Denn der Zugang zu den wichtigsten Lebensbedingungen und -mitteln für Menschen ist nur durch Warentausch möglich, wobei die meisten Menschen durch oder die ökonomische Notwendigkeit gezwungen werden, an der Re-/Produktion teilzunehmen. Inklusionslogische Bedingungen dagegen zeichnen sich bei Simon und Stefan durch Freiwilligkeit und kollektive Verfügung aus (ebd.: 158f.).

Aus geschichtstheoretischer Sicht fällt hier auf, dass die Vielfalt historisch-konkreter Gesellschaftsformen auf eine dualistische Sichtweise reduziert wird. Völlig unklar bleibt z.B., warum in den vorkapitalistischen Klassengesellschaften den Menschen nahegelegt war, „ihre Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer zu befriedigen“ (ebd.: 31). Es bleibt unhinterfragt, wer seine Bedürfnisse auf wessen Kosten befriedigen konnte, wer in welchem Maße worüber verfügen konnte. Wenn wir dies nicht wissen, können wir nicht wissen, ob sich nicht diese Verhältnisse nach der Beseitigung der Dominanz der Tauschlogik in der Ökonomie wieder reproduzieren. Es bleibt offen, warum nicht schon frühere Menschengruppen so etwas wie allgemeine Freiwilligkeit und kollektive Verfügung eingeführt haben bzw. warum eventuell Nischen, in denen wenigstens einiges davon verwirklicht war, stets von anderen geschichtlichen Kräften überrollt wurden.

Eine Antwort darauf, warum psychologisierende Sichtweise nicht direkt auf geschichtliche Prozesse anwendbar ist, ist die Tatsache, dass in Klassengesellschaften die gesellschaftlichen Verhältnisse „nicht die von Individuum zu Individuum [sind], sondern die von Arbeiter zu Kapitalist, von Pächter zu Grundbesitzer etc…“ (MEW 4: 123).

Verworfen wird auch der Begriff der „Interessen“, weil in ihm enthalten sein soll, dass sich Interessen immer nur auf Kosten Anderer durchsetzen können (S&S: 49). Erstens ist dies eine recht willkürliche Einengung des Interessenbegriffs und zweitens war es nun einmal vor allem geschichtlich so, dass sich die Interessen, die auf etwas fortschrittlich-Neues orientiert waren, immer gegen die Interessen von anderen, die am Alten festhalten wollten, richten mussten.

Simon und Stefan gehen – wie Klaus Holzkamp in der „Grundlegung der Psychologie – davon aus, dass Menschen sich nicht (bewusst) schaden wollen (vgl. Holzkamp 1983: 350). Wenn eine Person ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer befriedigt, so entsteht ein Widerspruch: Sie beteiligt sich dadurch an der Aufrechterhaltung von Strukturen, in denen auch die anderen ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer und damit auch von ihr selbst befriedigen. Das schadet ihr natürlich. Eine weitere negative Folge ist der Verzicht auf andere Handlungsorientierungen, nämlich solche, die allen gemeinsam eine Ausweitung oder Verallgemeinerung der Verfügung über ihre Lebensbedingungen ermöglichen könnten. Deshalb ist mit einem Handeln auf Kosten anderer immer auch eine Selbstschädigung verbunden. Um all dies zu thematisieren, wird der Begriff des „Interesses“ nicht gebraucht. Es ist aber fraglich, ob die psychologische Erklärung der Selbstfeindschaft ausreicht, um die Hoffnung zu tragen, dass sich Menschen im geschichtlichen Prozess auch danach richten. Der Gedanke der Selbstfeindschaft ist interessant, aber ob er als Triebkraft für gesellschaftliche Transformationen taugt, ist eher zu bezweifeln.

Uns fehlen hier wieder die Begriffe, die zwischen der psychologischen Ebene und der allgemein-menschlich-gesellschaftlichen Ebene eine Konkretisierung für konkret-historische Gesellschaftsformationen ermöglichen würden. Sie fehlen dann auch bei der begrifflichen Fassung der Übergänge zwischen solchen Gesellschaftsordnungen. Keine der bisherigen Gesellschaftsformen oder die Übergänge zwischen ihnen lassen sich irgendwie direkt aus den Bedürfnissen der Menschen ableiten. Wieso sollten wir es dann beim nächsten Übergang erwarten?

Dass es den Menschen besser ginge, wenn sie nicht auf Kosten anderer handeln würden, gilt für alle Zeiten. Warum jedoch haben sie es bisher nie getan? Auch wenn der Wunsch danach berechtigt ist, reicht er nicht aus, um eine Handlungsstrategie zu entwickeln. Eine Handlungsstrategie muss in Rechnung stellen, was in der Geschichte wirklich zu jeweils neuen Formen drängt und sie ermöglichen kann.

Dazu ist u.a. ein Begriff des Interesses, der weiter gefasst ist als der von Simon und Stefan, geeignet. Auch Klaus Holzkamp kennt einen solchen Begriff in Form der „Lebensinteressen“. Es sind bei ihm die „Erscheinungsweisen der individuellen Notwendigkeit der Verfügung über persönlich relevante gesellschaftliche Lebensverhältnisse“, die „in die unmittelbare Lebenswelt“ vermittelt sind (Holzkamp 1988: 35f.). Es wäre z.B. verkürzt zu sagen, Menschen hätten ein Bedürfnis nach Arbeitszeitverkürzung. Sie haben vielleicht ein Bedürfnis nach Arbeit, Muße oder danach, an der Verfügung über die Lebensbedingungen teilzuhaben usw. usf. Diese übersetzen sich in Interessen, wenn es darum geht, sie unter konkret-historischen Bedingungen befriedigen zu können. Unter kapitalistischen Bedingungen übersetzen sich dies Bedürfnisse u.U. in das Interesse an Arbeitszeitverkürzung – das dann durchaus in kollektiver Weise wirksam werden kann. Die „Notwendigkeit der Verfügung“ führt für Menschen in unterschiedlichen Positionen auch zu unterschiedlichen Interessenlagen. Für Menschen, die Eigentum an Re-/Produktionsmitteln (oder entsprechenden anderen Formen des konstanten Kapitals) haben und es weiter behalten wollen, ergeben sich ganz andere Interessen als für Menschen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen können. Erstere sind an einer Verlängerung der Arbeitszeit der für sie Arbeitenden interessiert, letztere an einer Verkürzung. Auf diese Weise entstehen in den Klassengesellschaften tatsächlich gegensätzliche Interessen, wobei sich eine Richtung nur auf Kosten des jeweils anderen durchsetzen kann. Wahrscheinlich ist auch die Situation in einer klassenlosen, „inklusiven“ Gesellschaft durch unterschiedliche bis gegensätzliche Interessen gekennzeichnet, so in vielen Fällen, in denen es um Konflikte geht (S&S: 162, 174). Allein die Arbeitsteilung führt dazu, dass beteiligte Menschen unterschiedliche bis gegensätzliche „Notwendigkeiten der Verfügung“ haben werden. Wenn von „kollektiver Verfügung“ als Bedingung der Inklusionslogik gesprochen wird, so ist auch hier das Potential von unterschiedlichen bis gegensätzlichen Interessen der jeweiligen Kollektive enthalten. Auch hier ist eine begriffliche Differenzierung von „Bedürfnis“ und „Interesse“ notwendig. Die Art und Weise der Konfliktlösung, die Simon und Stefan mit dem Begriff der Bedürfnisse vorschlagen („inklusive Reformulierung des Konfliktproblems“ z.B. durch die Frage: Wie können wir die Häuser mit Meerblick möglichst bedürfnisgerecht nutzen? (ebd.: 165)), kann auch auf Interessenkonflikte übertragen werden (wenn man den Interessenbegriff nicht vorher willkürlich eingeengt hat).

Historisch gesehen diente der Interessenbegriff (abweichend von der etymologischen Herkunftsbedeutung) dazu, als Handlungsmotiv von Menschen nicht mehr wie vorher nur von Leidenschaften ausgehen zu müssen, sondern von Interessen ausgehen zu können.

„Sobald einmal die Leidenschaft als zerstörerisch und die Vernunft als wirkungslos betrachtet wurden, bot die Auffassung, daß das menschliche Handeln sich aus einem von beiden erschöpfend erklären oder ableiten ließe, eine außerordentlich düstere Perspektive für die Menschheit. Als daher das Interesse sich wie ein Keil zwischen die beiden überkommenen Kategorien des menschlichen Verhaltens schob, war dies eine hoffnungsvolle Botschaft“ (Hirschmann 1987: 52)

Interessen haben gegenüber den Leidenschaften (und auch den situationsgebundenen  Bedürfnissen) den Vorzug der Voraussagbarkeit und einer relativen Beständigkeit.

Der Interessenbegriff ist m.E. unverzichtbar für geschichtliche Analysen, wenn Handlungsinteressen und -strategien der verschiedenen Akteure diskutiert werden. Dabei werden vor allem geteilte und sogar organisierte Interessen am wirkungsvollsten. Eine rein individuelle Bedürftigkeit wird nicht zum geschichtlichen Wirkungsfaktor, sondern geschichtlich wirksam werden (damit zusammenhängende) Interessen an einer konkreten Gestaltung der Gesellschaft.

Auch andere fehlende Begriffe aus der Gesellschaftstheorie (siehe 3.2.) machen eine Analyse geschichtlicher Prozesse unmöglich. Historische Prozesse werden wegen dem Fehlen von gesellschaftlichen Vermittlungsbegriffen wie Klassen und Eigentumsverhältnissen nicht aufschlüsselbar. Denn wenn auch z.B. nicht alles aus den  Klassenkämpfen erklärt werden kann, kann vieles Wichtige nicht ohne die Berücksichtigung der Klassenkämpfe erklärt werden (Ich erinnere an die Vorgängigkeit der spezifischen Klassenverhältnisse für die von Wood erwähnten juristischen Besonderheiten im England, vgl. Brenner 1976/1995, Brenner 1982/1995).

Deshalb „hängt“ auch der Übergang von der jetzigen Gesellschaftsformation zur nächsten begrifflich „in der Luft“.