Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Weg muss dem Ziel entsprechen

Ich kann der Argumentation, dass es nicht sinnvoll ist, „mit Gewalt eine Gesellschaft ohne Gewalt“ (S&S: 54) zu schaffen, viel abgewinnen. Nicht teilen kann ich die Behauptung, dass im Marxschen Übergangskonzept „die möglichen Gewalttaten zur Erreichung des Sozialismus […] eingeplant“ (ebd.: 89) gewesen wären. Es geht nicht um ideengeschichtliche Pläne, es geht um reale Erfahrungen. Und noch nie in der Geschichte (bis dahin und auch bis heute) konnte eine Befreiungsbewegung ohne den Widerstand durch die Vertreter des zu Überwindenden agieren und einfach frisch, frei und fröhlich „das Neue konstituieren“. Wir kennen das Schicksal der Pariser Commune. Den brutalen Vernichtungsfeldzug gegen die südamerikanischen Linken in den 70er Jahren schildert z.B. nachdrücklich Naomi Klein (2009). Es war ja nicht der Wunsch der Revolutionäre, mit Gewalt vorzugehen, mindestens, um sich zu schützen. Gerade das Bild einer Barrikade ist hier tragend: Hinter Barrikaden verschanzt man sich, um das gewonnene Terrain zu verteidigen. Solange es Konterrevolution gibt, ist ohne Barrikaden auch keine Konstitution des Neuen möglich.

Insofern ist die schöne Losung, dass der Weg dem Ziel entsprechen muss, ein frommer Wunsch; ob er verwirklicht werden kann, hängt von der zu lösenden Aufgabe ab. Wenn die Konterrevolution anmarschiert, kann ich mich entweder ergeben und die Befreiung abbrechen, oder ich kann mit viel Glück unter günstigen Umständen vielleicht auch wie Gandhi eine Art „Salzmarsch“ initiieren. Wenn Eigentum zugunsten der gewünschten kollektiven Verfügung erreicht werden soll, müssen wir es in irgendeiner Weise erst einmal enteignen, um es selbst nutzen zu können. Das gilt auch für die Häuser mit Meerblick, die z.B. im Gebiet der früheren DDR erst einmal alle wieder privatisiert wurden. Natürlich gibt es Lebens- und Re-/Produktionsmittel, die wir an den gegenwärtig herrschenden Eigentumsverhältnissen vorbei einfach neu produzieren und dann in kollektiver Verfügung nutzen können. Dies gelingt vor allem im nichtmateriellen Bereich wie bei der Software, dort kann es gelingen, die kapitalistischen Verhältnisse „auszukooperieren“. Das Salz in Indien jedoch war den Menschen durch ein britisches Monopol entzogen. Sie kämpften nicht mit Waffen, aber begannen einfach, selbst Salz zu gewinnen und stellten sich den brutalen Folgen – ein Musterbeispiel des gewaltfreien Widerstandes. In diesem Fall war dieser Widerstand zumindest teilweise erfolgreich. Im Fall der Übernahme der komplexen Produktionsmaschinerie zur Befriedigung der materiellen Bedürfnisse werden andere Strategien notwendig sein – auf jeden Fall wird die Aneignung andere Strategien erfordern als die spätere Nutzung unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Das bedeutet natürlich keine „Trennung von Weg und Ziel“ (S&S: 53), spricht aber gegen ihre umstandslose Identifizierung.

Konstitution vor Bruch

Die Aufhebungstheorie von Simon und Stefan fordert eine Orientierung auf „Konstitution vor Bruch“ (ebd.: 87). Die „Verfügung über die Bedingungen unseres Handelns, Lebens und Fühlens“ soll „schrittweise“ errungen werden (ebd.: 88) Im Konstitutionsprozess sollen sich dann die „neuen Bedingungen […] nur Schritt für Schritt ausdehnen“ (ebd.). „Erst wenn dieser Konstitutionsprozess eine ausreichende Größe erreicht hat“, kann sich „in einem gesellschaftlichen Kipppunkt“ dieser „Prozess gesellschaftlich verallgemeinern“ (ebd.). Diese Konstitution soll selbstorganisiert und bedürfnisorientiert erfolgen. Damit setzen sich die Autoren explizit gegen andere Praktiken ab, denen sie unterstellen, dass „mögliche Gewalttaten zur Erreichung des Sozialismus“ eingeplant gewesen wären (ebd.: 89) – hier wiederum ohne die konkret-historischen Bedingungen einzubeziehen. Bei der Konstitution sollen bereits vor dem „Kipppunkt“ sog. „Vorformen“ des Neuen entstehen (ebd.: 90f.). Diese Vorformen sollen sich daran orientieren, was als kategoriale Utopie entwickelt worden ist. Sie sollen den Bruch mit der alten Logik schon in sich tragen. Erst wenn auf diesem Wege die geeigneten Vorformen in ausreichendem Maße bereits vor dem Bruch konstituiert wurden, kann eine „aktive Revolution“ schließlich auf der Basis einer schon entwickelten gesellschaftlichen Alternative stattfinden und wird sich nicht wie eine „reaktive Revolution […] bloß aus der Unzufriedenheit mit den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen“ entwickeln (ebd.: 95).

Diese Orientierungen basieren letztlich auch darauf, dass den bisherigen revolutionären Versuchen, den Kapitalismus zu besiegen, jeweils andere Konzepte zugeschrieben werden, von denen man sich absetzen möchte. Dazu muss aber gefragt werden, ob man der Pariser Commune vorwerfen muss, leider doch eine reaktive Revolution durchgeführt zu haben, statt die „Konstitution vor dem Bruch“ durchgeführt zu haben? Oder der Oktoberrevolution? Wie und wo hätten jemals die Menschen im Kapitalismus zuerst die „Verfügung über die Bedingungen … schrittweise“ erringen können und bis zu einer „ausreichenden Größe“ bringen können? Die Geschichte ist voll brutaler Konterrevolutionen (vgl. auch Klein 2009) und Simon und Stefan tun so, als hätten die Vertreter des Antikapitalismus nur die richtige, also ihre Aufhebungstheorie gebraucht… Dies wiederholt die schon erwähnte rein ideengeschichtliche und -kritische Herangehensweise von Simon und Stefan, wobei die jeweiligen konkret-historischen Bedingungen völlig vernachlässigt werden.

Das heißt, um im Keimform-Bild (siehe Abschnitt 5.2.) zu bleiben, dass beim Legen und Pflegen der Keime des Neuen das Umfeld ausgeblendet bleibt. Z.B. versuchen die Menschen in Rojava wirklich alles, das Neue zu konstituieren, müssen aber ständig um den Erhalt ihrer Oase kämpfen. Die Konterrevolution muss bekämpft werden, es müssen Brüche herbeigeführt werden, nur dann kann die Konstitution auch gelingen.

Dass Emanzipationsbestrebungen nicht von vornherein planten, reaktiv zu sein, oder nicht erst etwas Neues zu konstituieren, kann man ihnen nicht nachsagen. Die Wunsch-Vorstellungen von Simon und Stefan zur Aufhebung haben ebenfalls viele Vorläufer (z.B. anarchistische), deren Nennung, oder deren inhaltliche Einbeziehung dem Buch von Simon und Stefan gut getan hätte. Die Autoren setzen mehr auf Kategorien als auf geschichtliche Erfahrungen. So auch bei ihrer eigenen Aufhebungstheorie, der „Keimformtheorie“.