Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Simon und Stefan „glauben aber, dass die Fünfschritt-Heuristik auch qualitative Veränderungen in anderen Systemen – z.B. Gesellschaften – beschreiben kann“ (S&S: 202). Die Gliederung eines qualitativen Wandels in 5 Schritte ist als Abfolge von „logischen Schritte“ konzipiert: 1. Vorbedingungen, 2. Entwicklungswiderspruch 1 (später folgt ein zweiter Entwicklungswiderspruch), 3. Funktionswechsel, 4. Dominanzwechsel, 5. Umstrukturierung (ebd.: 203). Weiterführend gegenüber anderen Vorstellungen zu Qualitätssprüngen aus Dialektik und z.B. Evolutionsbiologie (vgl. Schlemm 1996: 123ff.) ist bei Holzkamp die Unterscheidung zwischen Funktions- und Dominanzwechsel (Holzkamp 1983: 79f.). Dabei ist es bei Holzkamp eine irgendwann im alten Zustand neu entstandene, später relevant werdende, „Partialfunktion“, deren Entstehung bereits im ersten Schritt untersucht wird, und deren Funktion im dritten Schritt wechselt, bis sie im vierten Schritt dann dominant wird und im fünften zur Umstrukturierung des gesamten Systems führt.

Die Idee eines derartigen Ausgangspunktes für die Durchsetzung von Neuem wurde Anfang der 2000er Jahre mit der Vorstellung und dem Begriff „Keimform“ weitergeführt (vgl. Schlemm, Meretz, Weiß 2006, 2014). Dieses Stichwort begründete ein seitdem auch innerhalb einer sehr aktiven Mailinglist weiter entwickeltes Konzept. Als Keimform gilt eine „neue Funktion im alten System“ (S&S: 202). Stefan Meretz kennzeichnete die „Keimform“ (auf der gesellschaftlichen Ebene) in einem früheren Text noch genauer als Verkörperung eines „neue[n] soziale[n] Prinzip[s]“ (Meretz 2014a). Die Art und Weise des Übergangs zu neuen gesellschaftlichen Verhältnissen auf der Basis der Entwicklung einer solchen Keimform bei Übergängen in der Geschichte wird nun von Simon und Stefan als die von ihnen vertretene Aufhebungstheorie verwendet. Hier werden einige der Schritte auch gegenüber frühen Überlegungen weiter präzisiert (S&S: 203f.). Das soll als heuristisches Modell dienen (ebd.: 202). Als Besonderheit der Methode wird erwähnt, dass sie das Neue als bekannt voraussetzt (ebd.: 203). Wichtig ist auch, dass die Schritte nicht (immer) als reale Prozessschritte missverstanden werden dürfen, sondern „als logische Schritte zu verstehen“ (ebd.) sind.

Bevor an eine Übertragung des Konzepts von den Gebieten, für die es Holzkamp selbst verwendete, in andere Gebiete wie die menschliche Geschichte gedacht werden kann, müssen die von Holzkamp selbst genannten Einschränkungen seines Konzepts mit bedacht werden:

Das betrifft folgende Punkte (siehe auch 5.2.1.)

  • Geht es bei der Untersuchung der Entwicklung in einem anderen Bereich (z.B. der Gesellschaft) um eine „Ausdifferenzierung“ einer „Grundform“ wie bei der Entwicklung der von Holzkamp untersuchten Psyche?
  • Gibt es einen „Träger der Entwicklung“, wie das Genom in der Evolutionsbiologie und damit der Entwicklung der Psyche?
  • Wie verhält sich die Tatsache, dass die Zukunft letztlich „offen“ ist, mit der im Fünf-Schritt-Konzept vorausgesetzten Beschränkung der Betrachtung auf eine „einzige Evolutionsreihe, nämlich der zum Menschen führenden“? Was bedeutet es, wenn von anderen möglichen Entwicklungswegen systematisch abstrahiert wird? Auch wenn dieses Konzept nicht für realhistorische Prozesse verwendet wird, sondern „nur“, um „Begriffe für einen qualitativen Wandel zu finden“ (S&S: 202) – fehlen dann nicht Begriffe für genau die Vielfalt möglicher Entwicklungswege, für die Synthesen vorher unabhängiger Evolutionszweige (die z.B. wegen der Fundierung in einem Differenzierungs-Entwicklungs-Konzept ausgeschlossen wurden)?
  • Es werden „Gegebenheitszufälle“ aus der Betrachtung ausgeschlossen, mit denen in realen Entwicklungsprozessen durchaus zu rechnen ist (auch „Wild Cards“ genannt, z.B. bei Steinmüller 2004).
  • Das, was entstanden ist und dessen Entstehung rekonstruiert wird, wird von Anfang an vorausgesetzt, nicht wirklich abgeleitet. So liegt nach Rückriem/Messmann auch der Leontjewschen historischen Methode, von der Holzkamp ausging, „notwendigerweise eine vorgängige Unterscheidung zwischen Tier und Mensch zugrunde“ (Rückriem, Messmann 1978: 154).

Keimformtheorie und allgemeine Entwicklungstheorie

Aufgrund der genannten Spezifika der Holzkampschen funktional-historischen bzw. logisch-historischen Methode werden sie sich nicht zu einer allgemeinen Entwicklungstheorie bzw. auch nur zu dem Teil, der sich mit qualitativen Übergängen beschäftigt, verallgemeinern lassen. Volker Schurig machte darauf aufmerksam, dass der psychologische Blick auf die natürlichen evolutionären Prozesse bei der Betrachtung der biotischen Evolution ohne die dort notwendigen Kategorien „theoretisch nicht überbewertet werde darf“ (Schurig 1985: 146) Wir müssen stattdessen die dort stattfindenden realen Prozesse und Widersprüche der Evolution darstellen (ebd.: 147).

„Wir dürfen diesen Rückgriff auf frühere Stufen in der Abstraktion jedoch nicht als wirkliche Theorie der Geschichte ausgeben, sondern müssen ihn als denkmethodisch bedingtes Vorgehen historischer Analyse begreifen und bei einer Theorie der realen Geschichte in Einheit von Natur- und Menschengeschichte die ganze Sache erneut auf den Kopf stellen, um die tatsächliche Entwicklungsrichtung zurückzugewinnen.“ (Schurig 1985: 148)

Schon für Leontjews historische Methode betonen Rückriem und Messmann, „daß man das Verständnis seines Grundansatzes ganz entscheidend verfehlt, wenn man davon ausgeht, Leontjew beabsichtige, die konkret besonderen Ursachen der realhistorischen Entwicklung zu beschreiben“ (Rückriem, Messmann 1978: 84). Auch Holzkamp betont, dass es lediglich um die logisch-historische Rekonstruktion geht – dies ist dann aber auch zu beachten, wenn man dieses Konzept antizipierend für künftige Entwicklungsprozesse, speziell Qualitätssprünge/Transformationen, verwenden will. Auch bezüglich seines Gegenstandes beschränkt sich Leontjew ausdrücklich auf die „historisch-logischen Bedingungen des Psychischen“ (ebd.: 115) und überlässt die Evolution des Biotischen „den zuständigen Einzelwissenschaftlern“ (ebd).

Von Holzkamp (wie auch Leontjew) kann also nicht direkt auf allgemeine Entwicklung geschlossen werden. Erstens aufgrund der Beschränkung auf eine logisch-historische Rekonstruktion, die wesentliche Entwicklungsfaktoren systematisch verdeckt und zweitens aufgrund der Beschränkung des Gegenstandsbereichs.

Eine allgemeine Entwicklungstheorie würde aus allen Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften Ergebnisse zu zeitlichen Veränderungen der jeweiligen Zustände auswerten und dabei als Entwicklung nicht nur Höherentwicklung, sondern auch Stagnations- und Regressionsphasen betrachten (vgl. Hörz, Wessel 1983). Aus der Untersuchung der kosmischen und biotischen Evolution ergeben sich viele Hinweise über typische Evolutionsfaktoren und -prinzipien (vgl. Schlemm 1996), so u.a.:

  • Entwicklung bezieht sich auf die Tendenz zur Entstehung und Stabilisierung höherer Qualitäten des Zustands in einem Bereich, der als sich entwickelnde Einheit vorliegt. Dabei müssen die Kriterien dafür, was als „höher“ bewertet wird, jeweils angegeben werden. In Bezug auf diesen Trend umfasst Entwicklung auch Phasen der Stagnation und Regression.
  • Ein Entwicklungsprozess setzt Wechselwirkungen der sich entwickelnden Einheit mit ihrer Umgebung voraus.
  • Dass neue Zustände entstehen, ist für die kosmische Entwicklung vor allem dadurch bedingt, dass die Existenzbedingungen der früheren Zustände „aufgebraucht“ wurden (Wasserstoff wurde im Stern „verbrannt“, später setzt ein anderer Kernsynthesezyklus ein, der das entstandene Helium „verbrennt“ usw.). Für die biotische Evolution sind zusätzlich andere Prozesse wirksamer (Selektion…).

Spezifisch für biotische Entwicklungsprozesse sind u.a. folgende Faktoren wichtig (ausführlichere Zusammenfassung siehe ebd.: 180):

  • Selbstreproduktion: Organismen reproduzieren sich durch die ständige Erneuerung ihrer Teile selbst und bilden einen gattungsmäßigen Entwicklungszusammenhang, wobei die Population die wesentliche Entwicklungseinheit darstellt.
  • Es existiert ein „Träger“ mit der Information der bisherigen Entwicklungsergebnisse und in diesem schlagen sich auch weitere Veränderungen nieder, weil er variabel ist (Mutationen) und gleichzeitig bei der Fortpflanzung relativ stabil weiter gegeben wird.
  • Die Wechselwirkungen bilden Zusammenhänge, die auch hierarchisch stufenweise Vernetzungen darstellen, welche sich wechselseitig stabilisieren (Ko-Evolution).
  • Neue evolutionäre Anfänge beginnen meist in kleinen, isolierten Bereichen der Population. Dies ist vor allem in jenen Bereichen möglich, die noch sehr wenig differenziert und gering spezialisiert sind.
  • Es setzen sich jene neuen Merkmale durch, die sich am schnellsten durchsetzen können, nicht jene, die vielleicht die „besseren“ gewesen wären.
  • Bei der Durchsetzung grundsätzlich neuer Qualitäten des Zustands der sich entwickelnden Einheit entstehen neue Ko-Evolutionsprozesse (nicht lediglich neue Komponenten). Im Sprung selbst maximiert sich die Entropieproduktion (Selbst-Organisierung erfordert Entropieexport), ein neuer stabiler Zustand ist dann wieder von einer minimierten Entropieproduktion gekennzeichnet.
  • Mögliches Neues (in Organismen) entsteht auch schon in stabilen Phasen des Alten – zum Durchbruch gelangen sie vor allem bei der Neuschöpfung ökologischer Nischen (für die Population) durch das Aussterben früherer Lebensformen.
  • Mit neuen, höheren Zustandsformen verändern sich auch die Dynamiken der Entwicklung („Evolution der Evolution“).

In der biotischen Evolution sind Funktionswechsel und Funktionserweiterung von bereits vorhandenen Strukturen in den Organismen ein typisches Evolutionsprinzip (ebd.: 144f.). Ob für die biotische Evolution eine Unterscheidung in Funktions- und Dominanzwechsel wie im Fünfschritt in allgemeiner Weise sinnvoll ist, müsste evolutionsbiologisch untersucht werden.

Insgesamt wird deutlich, dass viele dieser für die Evolutionsbiologie wichtigen genannten Faktoren nicht in der Fünfschrittheuristik enthalten sind, so dass sie bei einer Betrachtung der Evolution aus einer „Fünfschritt-Perspektive“ gar nicht erfasst werden könnten. Wahrscheinlich lassen sich die genannten 5 Schritte immer irgendwo im Evolutionsverlauf auffinden – sie würden aber den Blick auf die realen wichtigen Faktoren und Prinzipien des Evolutionsverlaufs auch einengen.