Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Von den logischen fünf Schritten des Keimformkonzepts vollziehen sich bei Simon und Stefan die letzten drei auch als zeitlicher „tatsächliche[r] Entwicklungsprozess“ (S&S: 204). Die ersten beiden (logischen) Schritte umfassen die Vorbedingungen (1), bei denen es einen Entwicklungswiderspruch (2) gibt. Danach entsteht im Funktionswechsel (3) eine Keimform, die noch im Alten möglich ist bzw. es sogar stützen kann (wie z.B. Freie Software, bzw. jetzt schon existierende Commons innerhalb des Kapitalismus). Erst danach – auch wieder durch einen bestimmten Entwicklungswiderspruch vorangetrieben – kann diese Form dominant werden (4) und schließlich das ganze System (bis hin zum Erreichen des „Commonismus“) umstrukturieren (5). Der eigentliche „Sprung“ geschieht vor allem im 4. Schritt. Die Dominanz zeigt sich – das wäre zu ergänzen – vor allem darin, dass nun die eigenen (gesellschaftlichen) Existenzbedingungen selbst erzeugt werden. Das nun dominant Gewordene „geht nicht mehr von Voraussetzungen aus, um zu werden, sondern ist selbst vorausgesetzt und, von sich ausgehend, schafft die Voraussetzungen seiner Erhaltung und Wachstums selbst.“ (MEW 42: 372)

Als „historische Analogie“ wird die Entstehung des Kapitalismus entsprechend dieser fünf Schritte geschildert. Hier zeigt sich, dass der Fünfschritt nicht nur als „Heuristik“ zur Ermittlung von Begriffen, sondern weitergehend auch als Geschichtstheorie verwendet wird. Er soll zur „Erklärung der Entstehung des Kapitalismus“ (ebd.: 207) verwendet werden. Die Frage ist nun: Wurde überhaupt schon einmal nachgewiesen, dass dieser Fünfschritt für geschichtliche Darstellungen oder gar Erklärungen sinnvoll ist? Für die Geschichte sind noch weniger als für die biotische Evolution allgemeingültige und typische Evolutionsfaktoren und -prinzipien verallgemeinerbar. Eine marxistische Geschichtstheorie würde hier auf Begriffe wie Gesellschaftsformation, Re-/Produktionsweise, Produktivkräfte, Eigentumsverhältnisse, Klassen etc. zurückgreifen.

Übrigens: Auch wenn man die Marxsche Wertformanalyse im ersten Band des „Kapitals“ (MEW 23: 62-85) historisch liest, so erklärt sich daraus noch längst nicht der „Kapitalismus“. Nicht dass getauscht wird, nicht dass es Geld gibt, noch nicht mal, dass alle Arbeitsprodukte die  Form von Waren annehmen macht bei Marx den Kapitalismus aus, sondern Geld wird dann zu Kapital, wenn es Mehrwert heckt. Und dafür reicht es nicht aus, dass z.B. alle Menschen kleine Warenproduzenten sind und alle mit allen ggf. auch geldvermittelt – tauschen, sondern es wird nach der Quelle des Mehrwerts gefragt. Dies ist die Ausbeutung fremder Arbeit, nämlich der Arbeitskraft jener, die nicht selbst über die Produktionsmittel verfügen können (vgl. Schlemm 2011c). Die historischen Existenzbedingungen sind „durchaus nicht da mit der Waren- und Geldzirkulation. Es [das Kapital, A.S.] entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet […]“ (MEW 23: 184).

Historisch sind solche von Produktionsmittel freien und auch persönlich freien Arbeitskräfte vor allem in England im Zusammenhang mit der Spezialisierung der Produktion und der Verschärfung der ausbeuterischen Pachtbeziehungen sowie den berüchtigten „Einhegungen“ entstanden. Diese historischen Vorgänge entsprangen nicht einfach der Geldform und werden bei der Beschreibung der Entstehung des Kapitalismus bei Simon und Stefan auch nur von ihren Ergebnissen her vorgestellt. Demnach „setze sich ab dem 16. Jahrhundert in England ein marktförmiges Pachtsystem durch“ (S&S: 208), aber warum und wie und warum gerade dort, wird nicht weiter untersucht. Für eine logisch-historische Rekonstruktion mag das genügen, als Geschichtstheorie ist es aber zu beschränkt. In die „Geschichte der Bildung“ gehören die „historischen Voraussetzungen, die als solche historischen Voraussetzungen vergangen sind“(MEW 42: 372) hinein. Diese interessieren bei einer logisch-systematischen Untersuchung der „kontemporären Geschichte“ (des Kapitals), d.h. in der Analyse des „wirkliche[n] System[s] der von ihm beherrschten Produktionsweise“ nicht und deshalb fehlen sie auch, wenn eine logisch-systematische Darstellungsweise unvermittelt als Historie gelesen wird.

Heide Gerstenberger beschreibt die Probleme, die mit einer rückblickenden Methode für die Geschichtswissenschaft entstehen: „Obwohl die Ausgangsbedingungen, also die konkrete Form der Verteilung von Gewaltbesitz im Feudalismus als historisch kontingente Resultate bewaffneter Auseinandersetzungen eingeführt sind, könnte leicht gefolgert werden, die weitere Entwicklung der Herrschaftsverhältnisse sei einer inneren Logik zugeschrieben worden. Der Eindruck täuscht […]. Denn die rückblickende Feststellung einer Stringenz, das Nachzeichen der Fortwirkung von „Ursprüngen“, ist analytisch begrenzt. Unter dem Gesichtspunkt der historischen Strukturlogik kommen immer nur diejenigen historischen Erscheinungen in den Blick, die sich tatsächlich durchgesetzt haben. Unterschlagen werden also all jene Alternativen, die sich aufgrund je konkreter Voraussetzungen ebenfalls entwickelt hatten und auch durch Trägergruppen vertreten worden waren.“ (Gerstenberger 1990/2017: 32)

Marx thematisierte diese Problematik in den Entwürfen und dem Brief an Vera Sassulitsch. Sie hatte gefragt, ob die „Theorie der historischen Notwendigkeit“ so zu verstehen sei, dass „alle Länder der Welt alle Phasen der kapitalistischen Produktion durchlaufen“ und deshalb die Dorfgemeinden „zum Untergang verurteilt“ seien (Sassulitsch 1881 in MEW 19: 572). Marx stellte im Brief klar, dass sich die „historische Unvermeidlichkeit“, die er im „Kapital“ schildert, „ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt“ (MEW 19: 242). Der Unterschied zwischen Westeuropa und Rußland sieht er darin, dass in Westeuropa das kapitalistische Privateigentum aus vorherigem persönlichen Eigentum hervorging, während in Rußland noch über die Hälfte des Bodens in Gemeindebesitz war. Inwieweit in Westeuropa Haus und Hof der Ackerbauen schon ihr Privatbesitz war (heute unter der Bezeichnung „Allod“ bekannt), arbeitete Marx genauer in seinem ersten Entwurf für diesen Brief heraus (ebd.: 387f., vgl. auch im dritten Entwurf ebd.: 402ff.). Wenn in dieser Phase nicht schon derart das Privateigentum und damit das „zersetzende Element der ökonomischen und sozialen Gleichheit“ (ebd.: 388) vorhanden ist, sondern noch das kollektive Element vorherrscht, kann das Ergebnis der Geschichte auch anders aussehen. Für die Ackerbaugemeinde schreibt er: „Ihre Grundform läßt diese Alternative zu: entweder wird das in ihr enthaltene Element des Privateigentums über das kollektive Element, oder dieses über jene siegen. Alles hängt von dem historischen Milieu ab, in dem sie sich befindet… diese beiden Lösungen sind a priori möglich, aber für jede von ihnen ist offensichtlich ein völlig anderes historisches Milieu Voraussetzung.“ (MEW 19: 388-389, vgl. ebd.: 404) Dies verweist darauf, dass gerade dieses „historische Milieu“ eine sehr viel höhere Bedeutung hat, als ihm in dem Keimformkonzept zukommt. Es wird dort geradezu verschleiert, weil der Fokus nur auf die angenommene „Keimform“ und ihre Entwicklung gelegt wird.

Entstehung des Kapitalismus in 5 Schritten

Im Buch „Kapitalismus aufheben“ wird als Beispiel, das die Anwendbar- und Nutzbarkeit des Fünfschritt-Konzepts für geschichtliche Veränderungen zeigen soll, eine Theorie der Entstehung des Kapitalismus beschrieben. Dabei wird davon ausgegangen, dass viele häufig erwähnte Ansätze der Entstehung des Kapitalismus in Oberitalien, Flandern usw. nicht diskutiert werden brauchen, sondern es darauf ankommt, die tatsächliche erstmalige Entstehung des Kapitalismus in England zu untersuchen. Diese wird in der Quellenliteratur, auf die sich Simon und Stefan beziehen, vor allem mit der jeweils gleichzeitigen Situation in Frankreich verglichen, wo es nicht zur Entstehung des Feudalismus zur gleichen Zeit (16. Jhd.) kam. Der Schwerpunkt wird auf die Untersuchung der Tauschbeziehungen gelegt, weil angenommen wird, Kapitalismus bestehe darin, dass Tauschbeziehungen die „bestimmenden“ in der Gesellschaft sind (vgl. 3.2.1.). „Der Tausch wurde dann bestimmend, als er die Existenzsicherung des Großteils der Bevölkerung zu dominieren begann“ (ebd.: 209). Alle anderen Faktoren, die in der von ihnen herangezogenden Literatur wenigstens noch genannt wurden, entfallen aus dieser Geschichtstheorie. Sie selektiert und entwichtigt damit alle anderen Faktoren, wie z.B. die Klassenbeziehungen.