Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Wenn die Keimformtheorie als Aufhebungstheorie gilt, so wird sie als Geschichtstheorie verwendet. Das, was bisher in geschichtlichen qualitativen Umbrüchen in der Gesellschaft geschah, soll in grundsätzlich derselben Weise (in den genannten 5 Schritten) auch wieder passieren und deshalb kann das Wissen darüber Handlungsorientierungen geben.

In Anlehnung an Holzkamp wird bei dieser Methode das entstehende Neue bereits als bekannt vorausgesetzt. Die Zukunft ist jedoch offen. Trotzdem ist es möglich, gesellschaftliche Verhältnisse zu antizipieren, die noch nicht verwirklicht sind, aber gegenüber dem Gegebenen als besser zu bewerten sind und die als anzustrebendes Ziel vorgestellt werden können. Bei der Frage, wie wir dieses Ziel verwirklichen können, ist es durchaus sinnvoll, sich bereits gedanklich („virtuell“) auf den Standpunkt der antizipierten Ziel-Gesellschaft zu stellen und von da her „zurück“ zu schauen auf den Weg vom Gegenwärtigen, das dann das Vergangene ist, bis dahin. Das entspricht der grammatikalischen Form „Futur 2“: „Ich werde ein Haus gebaut haben“ – „Wir werden die bessere Gesellschaft errungen haben“. Aus der Antwort auf die Frage: „Wie werden wir das gemacht haben?“ können wir Orientierungen gewinnen, wie wir es machen können. Keimformtheorie kann in dieser Weise helfen, die notwendigen logischen Schritte beim Aufbau der neuen Gesellschaft vorzudenken. Dies vollziehen Simon und Stefan im Buch „Kapitalismus aufheben“ ab S. 209. für den „Commonismus“.

Im vorigen Abschnitt haben wir schon systematische Einschränkungen der Keimformtheorie kennengelernt, wenn sie als Geschichtstheorie verstanden wird. Diese Einschränkungen übertragen sich auch auf die Verwendung für die Antizipation künftiger gesellschaftlicher Transformationen.

Problem: Woher kommt die Zielbestimmung?

Wir haben im Bereich der Geschichte gesehen, wie wichtig die Charakterisierung des Ziels als Ausgangspunkt für das Finden der „Keimform“ für die Rekonstruktion des Weges von der Entstehung der „Keimform“ bis zu ihrer Durchsetzung ist. Simon und Stefan haben genau dafür ihre kategoriale Utopie, das Konzept des „Commonismus“.

Methodisch gesehen kann die Antizipation eines konkreten zukünftigen Zustands aus dem allgemeinen Begriff heraus nicht funktionieren. Dies kann am Beispiel der Methode aus der Kritischen Psychologe gezeigt werden: Der Begriff der Psyche, der von allen Konkretisierungen abstrahiert, besteht in der „Signalvermitteltheit der Lebenstätigkeit“. Er umfasst ALLE Formen des Psychischen und nicht etwa eine zeitlich späte vollständige Verwirklichungsform dieses Begriffs. Alle bisherigen und gegenwärtigen Formen der Psyche sind signalvermittelte Lebenstätigkeiten und alle künftigen werden es sein. Wie die künftigen sich gestalten werden, ist daraus in keiner Form antizipierbar.

Den Menschen ist es spezifisch, dass sie alle teilhaben an der Verfügung über den gesellschaftlichen Prozess (S&S: 128). Das machen sie immer, wenn auch in mehr oder weniger beschränkter Form. Als Ziel gilt nun für Simon und Stefan, dass möglichst alle Beschränkungen aufgehoben werden, zumindest jene, die in Gesellschaften unter Exklusionsbedingungen dazu führen, dass die Bedürfnisse einiger Menschen auf Kosten der Bedürfnisse anderer befriedigt werden. Wichtig wäre hierzu fragen, welche Schranken es genau sind, die es zu überschreiten gilt, statt eine Art idealisierte bedingungslose Beschränkungslosigkeit zu propagieren.

Die für die Verwirklichung einer Inklusionslogik (in der strukturell gesichert ist, dass niemand mehr etwas davon hat, seine Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen) angenommenen Bedingungen sind „Freiwilligkeit“ und „kollektive Verfügung“ (S&S: 160). Keimformen sind also jene gesellschaftlichen Praktiken, in denen diese Prinzipien bereits heute verwirklicht werden: „Freiwilligkeit“ und „kollektive Verfügung“. Gefunden wird dies vor allem in Praxen des „Commoning“.

Skeptisch macht mich die Absolutheit der damit verbundenen Forderungen und Ausschlüsse (von weniger anspruchsvollen Konzepten, die z.B. nicht vollständig auf Tauschpraktiken verzichten). Es ist nicht sicher, ob die gegenwärtigen Krisen der menschlichen Gesellschaft in der nächsten anstehenden Phase der Entwicklung schon mit genau diesen maximal idealisierten Konzepten und Strategien gelöst werden können, oder ob erst Zwischenschritte anvisiert werden müssen, die zwar auf dem Weg hin zu dieser Maximalutopie liegen, aber wichtige Vorbedingungen konstituieren, ohne dass die Bedingungen für die vollständige Verwirklichung schon vorhanden wären. Diese Bedenken verstärken sich angesichts der Verschlechterung der natürlichen Bedingungen des Lebens auf der Erde. In der kategorialen Utopie von Simon und Stefan wird kein Problem darin gesehen, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit durch absolut freiwillige Beiträge ausgefüllt wird. Diese Hoffnung basiert einerseits auf der Überzeugung, dass Menschen nicht nur „konsumtive“, sondern auch „produktive“ Bedürfnisse haben. Andererseits scheint es mir, dass immer noch die Hoffnung vorhanden ist, dass aufgrund der immer weiter steigenden Arbeitsproduktivität (und dadurch, dass nur noch lebensbereichernde und keine profitgenerierten Bedürfnisse zum Ausdruck kommen) die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit weiter sinken wird. Diese Hoffnung ist jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr haltbar. In den nächsten Jahrzehnten wird die Arbeitsproduktivität in vielen Bereichen nicht mehr steigen, sondern eher sinken: 1. weil der exorbitante Energieverbrauch vor allem auch in der Landwirtschaft nicht mehr zu vertreten ist, 2. weil die Aufrechterhaltung der ökologischen Netzwerke als Grundlage für die Nahrungsmittelproduktion in den für lange Zeit instabil bleibenden Zuständen deutlich mehr lebendige Arbeit erfordern wird und 3. weil die Schäden aus dem Klima-Umbruch durch ständige Unwetter, Küstenverlagerungen etc. sowie die Folgen großer Migrationszüge enorm viel Ausgleichsarbeiten erfordern werden. Das Losungswort „Freiwilligkeit“ als Bedingung für die gesellschaftliche Inklusionslogik scheint unwiderlegbar, wenn man als Alternative nur „Zwang“ denkt, den natürlich niemand wirklich wollen kann. Auf die Herausforderungen der Herstellung der Passfähigkeit zwischen gesellschaftlicher Notwendigkeit und individuell-willkürlicher „Freiwilligkeit“ wird jedoch keine Antwort gegeben, weil die Frage aufgrund der Abstraktheit der Utopie gar nicht gestellt wird. Aufgrund dieser vagen, und inhaltlich unausgefüllten Zielvorstellung werden auch die Überlegungen darüber, wie dieses Ziel einmal erreicht worden sein könnte, genau so vage und unkonkret.

Die maximale Idealisierung ergibt sich daraus, dass Simon und Stefan mit einem „Begriff des Menschen“ seine Möglichkeiten bestimmen wollen (S&S: 123). Einerseits stecken in diesem Begriff dann alle jemals verwirklichten oder auch potentiellen menschlichen Möglichkeiten –auch jene, die wir fälschlicherweise gerne „unmenschlich“ nennen – andererseits meinen sie damit aber letztlich vor allem die von ihnen (und sinnvollerweise von uns allen) gewünschte Möglichkeit, dass wir Menschen unsere individuellen Bedürfnisse nicht mehr auf Kosten anderer befriedigen und uns somit nicht mehr selbst schaden. Letztlich verwenden Simon und Stefan die zweite Bedeutung als Begründung der kategorialen Utopie, die jetzt zum virtuellen Standpunkt der Futur-2-Rekonstruktion wird.

Ich komme noch einmal zu meiner Darstellung der Bedeutung des „Begriffs des Menschen“ für die kategoriale Utopie aus Kapitel 4.1 zurück. Jeder Mensch hat immer eine „Verfügung […] über seine eigenen Lebensbedingungen in Teilhabe an der Verfügung über den gesellschaftlichen Prozess“ (Holzkamp 1983: 241). In der gesamten bisherigen Geschichte war diese Verfügung gebunden an jeweils bestimmte Umstände und es gab ein je historisch-konkretes „Verhältnis von Ermöglichung und Behinderung“ (Markard 2009: 107). Da die kategoriale Utopie von allen historisch-konkreten Bedingungen abstrahiert, kommen auch behindernde Bedingungen aller Art, z.B. ökologische, nicht vor. In der kategorialen Utopie werden auf diese Weise alle Formen der Behinderung weg-geträumt bzw. weg-definiert und die absolute Ermöglichung vorgestellt.

Wie schon im Abschnitt 4.3.3 beschrieben, liegt das Problem darin, dass etwas „abstrakt-Anthropologisches“ hier „unvermittelt konkretisiert“ wird. Die zuerst nur „kategoriale“, als von jeder konkreten Form abstrahierende Utopie soll nun die nächste Gesellschaftsformation auch konkret bestimmen. Diese und genau jetzt – unabhängig von einer Diskussion über Verwirklichungsbedingungen.

Dabei wären es diese Bedingungen, die wir handelnd herbeiführen könnten…, wenn wir sie nur wüssten. Menschen können Bedingungen bewusst verändern – aber sie können keine unbedingten abstrakten Wunschträume verwirklichen. Aufgrund der Abstraktheit entsteht auch die von Simon und Stefan zugegebene Unsicherheit: „Wie können wir bestimmen, was die veränderbaren Voraussetzungen einer freien Gesellschaft sind? Was braucht sie unbedingt, was ist verzichtbar?“ (S&S 2: 211)

Diese unsicheren Fragen können prinzipiell nicht beantwortet werden, solange der abstrakte Standpunkt nicht verlassen wird.

Als Alternative diskutierte ich in Kapitel 4.3.2 die „Aufdeckung und Analyse wirklicher, konkreter Widersprüche innerhalb dieser Wirklichkeit, die auf Tendenzen zur Veränderung dieser Wirklichkeit hindeuten könnten“.

Es kann gut sein, dass diese Tendenzen zur Veränderung noch nicht auf die notwendigen Bedingungen für eine endgültige Befreiung der Menschheit von allen Klassenstrukturen bzw. Interessen, die auch gegensätzlich sein können und von allen Exklusionspraktiken hindeuten. Sollten wir dann diesen die kalte Schulter zeigen, weil sie unseren hohen Idealen nicht entsprechen? Hegel vergleicht diese Art Tugend mit „jenem Streiter, dem es im Kampfe allein darum zu tun ist, sein Schwert blank zu halten…“ (HW 3: 288). „Solcherlei ideale Wesen und Zwecke sinken als leere Worte zusammen, welche das Herz erheben und die Vernunft leer lassen, erbauen, aber nichts aufbauen“ (ebd.: 289).

Der berechtigtste Einwand gegen die Beteiligung an solchen Praktiken wie der Realpolitik ist, dass sie kontraproduktiv sein können, wenn ich als Maßstab der „Produktivität“ das absolute Ziel verstehe. Wenn ich Interessen anderer vertrete, verhindere ich, dass diese „anderen“ es selbst tun können; wenn ich mich an Realpolitik beteilige, kann sich der noch darüber hinaus weisende Horizont verschließen. Das stimmt alles – aber nur gegenüber der Hoffnung, dass der andere Weg, der solche Praktiken nicht wenigstens teilweise zur Veränderung der Bedingungen bräuchte, in irgendeiner Weise gangbar ist. Dies jedoch kann im Buch „Kapitalismus aufheben“ von Simon und Stefan nicht nachgewiesen werden, sondern an genau dieser Stelle zeigen die genannten möglichen denkbaren Szenarien für einen Dominanzwechsel, bei dem sich das Commoning gesellschaftlich durchsetzen und verallgemeinern würde (ebd.: 224-233), dass die bisher durchdachten Möglichkeiten nicht dazu ausreichen. Zwei frühere Hoffnungen, die mit der Erfahrung der Entwicklung der Freien Software verbunden gewesen waren, nämlich jene auf ein „Auskooperieren“ und die damit verbundene relativ konfliktlose „Ausdehnung“ (ebd.: 244ff.) werden realistischerweise in dem Buch „Kapitalismus aufheben“ schon in Frage gestellt. Ob ein Infragestellen der Eigentumsverhältnisse in krisenhaften Umbruchsituationen dazu führen könnte, dass „eine kollektive Verfügung darüber einfacher zu erreichen ist“ (ebd.: 232), ist sehr zweifelhaft. Warum sollte es „einfacher“ werden? Diese Vorstellung kann man nur haben, wenn man geschichtstheoretisch Möglichkeitsfelder ausblendet und eine linear-aufsteigende Line voraussetzt (wie es die funktional-historische bzw. logisch-historische Methode, aus der die Keimformtheorie als Geschichtstheorie entwickelt wurde, systematisch tut, siehe im vorigen Abschnitt). Als einziger Faktor, der von uns beeinflussbar zu sein scheint, bleibt das Ausmaß „wie verbreitet die Erfahrungen mit interpersonalen Inklusionsräumen sind“ (ebd.: 231). Dies blendet wiederum die mögliche Notwendigkeit von Widerstand und von Kämpfen aus (damit das „Schwert blank“ bleibt…).

Diese Unklarheiten am Ende des Buches, bei denen die Autoren auch die LeserInnen einladen, weiter mitzudenken, sind Ausdruck der schon in der Argumentationsstruktur angelegten Problematik–- z.B. des Ausgangspunkts in der bedingungslosen kategorialen Utopie –, deshalb können sie innerhalb dieses Rahmens m. E. nach auch nicht befriedigend gelöst werden.

Das alternative Vorgehen, wenn es schon vom Utopischen nicht lassen will, sollte sich an „konkrete Utopien“ halten, die die Bedingungen ihrer Zeit erfassen (Bloch 1974: 72). Zu fragen ist nach der Möglichkeit des Überschreitens der gegebenen Beschränkungen als Lösung der Widersprüche an dieser realen Grenze. Ob diese Möglichkeit jetzt und hier darin besteht, unmittelbar die kategoriale Utopie zu verwirklichen, wurde jedenfalls nicht gezeigt.

Die von Simon und Stefan herausgearbeiteten Bedingungen für eine Inklusionsgesellschaft, nämlich Freiwilligkeit und kollektive Verfügung, können die Funktion erhalten, eine richtungsleitende Orientierung zu geben. Wie ein Kompass könnten Praxen daraufhin hinterfragt werden, wie sie diese Bedingungen stärken oder unterminieren – ohne dass unbedingt zu erwarten wäre, die angezielte Richtung (z.B. Süden) als bestimmten Ort direkt zu erreichen (denn direkt am Südpol sind wiederum alle Himmelsrichtungen vorhanden).