Klimawandel leugnen ist out – aber den Klimawandel verharmlosen, das geht noch.

Der Klimaforscher Hans von Storch stellt sich in einem Interview in SPIEGEL ONLINE gegen das Verbreiten von Panik und gegen Klima-Aktionismus.

Er hat demnach weniger Angst vorm Klimawandel als vor der Veränderung des gesellschaftlichen Klimas. Man müsste auch erst mal die Menschen in den armen Weltregionen fragen, ob sie denn den Klimawandel als ihr größtes Problem ansehen, sonst betreibe man wieder Bevormundung. Ein recht merkwürdiger „Dreh“ der Klima-Gerechtigkeitsproblematik.

Aber schauen wir uns einige seiner Bemerkungen genauer an:

„Früher war ein Sturm einfach ein Sturm, heute gilt er manchen als ein Vorbote des Weltuntergangs. Doch das ist eher ein psychologisches Phänomen, kein physikalisches. Nicht der Sturm selbst hat sich geändert, sondern wie wir ihn wahrnehmen.“ Es sei ein „Irrsinn, dass inzwischen jedes Wetterextrem auf die globale Erwärmung zurückgeführt und damit die Illusion geweckt wird, der Klimaschutz könnte solche Naturereignisse künftig verhindern.“

  • Niemand behauptet wohl, dass jedes Extremwetterereignis direkt vom Klimawandel verursacht ist. Mit gutem Grund aber ist anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit für diese extremen Ereignisse zunimmt. Das zeigt sich schon an der Verschiebung der Gleichverteilungskurve in die jeweils extremeren Bereiche (wie hier gezeigt).
  • Neuerdings gelingt es sogar, die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für bestimmte Ereignisse genauer anzugeben. Dies wird von der sog. Attributionsforschung (z.B. Friederike Otto: Wütendes Wetter) untersucht. Auch wenn z.B. für „Stürme“, weil sie zu komplex sind, noch nichts Genaues gesagt werden kann, so kann für die mit ihnen verbundenen Regenfälle doch einiges ausgesagt werden: So sind die mit dem Sturm Desmond am 5. Dezember 2015 im Norden Großbritanniens verbundenen Regenfälle „aufgrund des Klimawandels im Mittel 40% wahrscheinlicher geworden“ (ebd.: 74). Die 2017 in Houston durch den Hurrican Harvey gefallenen Regenmengen „sind in unserem Klima höchstens aller 9000 Jahre zu erwarten“ (ebd.: 79). Das ist gegenüber der Zeit vor dem bereits vorliegenden Klimawandel bereits dreifach erhöht (ebd.: 116). Mit jedem Grad Erwärmung wird sich die Wahrscheinlichkeit von Regenfällen wie durch Harvey noch einmal verdreifachen (ebd.).
  • Klimaschutz kann also verhindern, dass sich diese Wahrscheinlichkeit weiter erhöht. Zwei von drei künftiger derartige Regenfälle lassen sich für jedes verhinderte Grad Erwärmung verhindern. Wäre das zu wenig angesichts der Opfer jedes einzelnen Ereignisses?

„Frau Thunberg meint wohl vor allem jene Wissenschaftler, die sagen, was sie hören will.“

  • Greta Thunberg wird sich nicht zuerst entschlossen haben, Panik verbreiten zu wollen, um dann entsprechende wissenschaftliche Aussagen herauszusuchen. Eher sickerten Wissen um Fakten und Zusammenhänge erst nach und nach in einen wachen Geist, der sich dann der drohenden Folgen bewusst wurde und der Tatsache, dass jahrzehntelang trotz dieses Wissens zu wenig gegen die zu befürchtenden Folgen unternommen wurde. Dies regte sie dann an, endlich was zu tun.
  • Die Aussagen der Wissenschaft selbst, insbesondere die in den IPCC-Berichten zusammengefassten Ergebnisse sind seit jeher eher konservativ bezüglich zu befürchtender Entwicklungen, weil sie Erkenntnisse wie die positiven Rückkopplungen nach der Überschreitung der Kipp-Punkte in einigen Untersystemen des Klimasystems erst nach langen Überprüfungen und zeitlich erst einige Jahre nach ihrem Bekanntwerden in ihre Auswertungen einbeziehen. Das Verschwinden des arktischen Meereises und der Anstieg des Meeresspiegels wurden z.B. lange unterschätzt und die tatsächlichen Entwicklungen vollziehen sich wesentlich schneller als einst prognostiziert.
  • Seit ca. 10 Jahren geben einige der KlimawissenschaftlerInnen zu, dass sie selbst schon länger größere Ängste hegen, als sie öffentlich zugeben. (Hans-Joachim Schellnhuber war 2009 einer der ersten, der in der ZEIT gestand: „Manchmal könnte ich schreien“)

Ist die Panik begründet? „Nein, so schnell wird die Menschheit schon nicht untergehen.“

  • Das stimmt sicherlich. Aber was heißt „die Menschheit“? Sind 70 000 Menschen, die in Europa in den Hitzetagen im August 2003 zusätzlich starben, also über die Zahl hinaus, die als durchschnittliche Sterberate zu erwarten war, unwichtig? Soll es trösten, wenn einst irgendwo in kühler gebliebenen Gebieten sich die Reste der Menschheit, die aus den heißen Zonen flüchteten, die ständiger Unterversorgung durch Landwirtschaft auf schlechten Böden und Unwetterverlusten ausgesetzt sind und die sich dann vielleicht auch noch in ständigen Verteilungskämpfen befinden, doch noch halten?

Gleichzeitig weiß von Storch schon „Ich glaube, wir müssen uns darauf einstellen, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht wird. Wir werden uns wohl an ein deutlich wärmeres Klima anpassen müssen.“

  • Das heißt dann, dass bei einer global durchschnittlichen Erwärmung um 1,5 Grad „nur“ 700 Millionen Menschen öfter extremen Hitzewellen ausgesetzt wären, aber bei 2 Grad mehr als 2 Milliarden. Und in Zentralamerika und Westafrika schrumpft die Mais- und Weizenernte doppelt so stark. Es wird prognostiziert, dass bei 2 Grad Erwärmung 150 Millionen Menschen mehr an Folgen der durch den Klimawandel verursachten Luftverschmutzung sterben als bei „nur“ 1,5 Grad.
  • Außerdem ist zu befürchten, dass bereits bei 2 Grad Kipp-Punkte des Klimasystems ausgelöst werden, die zu einem „galoppierenden“ weiteren Klimawandel führenkönnten. Diese Veränderungen erfolgen schneller als jemals zuvor in der Erdgeschichte, so dass die Verschiebungen der Klimazonen schneller erfolgt als viele wichtige Ökosysteme folgen können. Dies entzieht uns Menschen wichtige landwirtschaftliche Lebensgrundlagen. Eine Anpassung daran dürfte kaum ohne enorme Verluste an Menschenleben möglich sein.
  • Klimaverhältnisse oberhalb von Änderungen von plus 4 Grad – die nicht mehr im Bereich des Unwahrscheinlichen liegen – münden kaum noch in stabile neue Verhältnisse ein, sondern es entstehen „vergleichsweise rapide Veränderung… und das nicht nur in Form eines einmaligen Anstiegs auf ein höheres Temperaturniveau, sondern in Gestalt einer anhaltenden und dynamischen Veränderung des Klimas…“ (Gerstengarbe, Welzer: Zwei Grad mehr in Deutschland, S. 11). Daran kann man sich nur schlecht anpassen.

„Vor dem Klimawandel selbst fürchte ich  mich nicht. Steigender Meeresspiegel und höhere Temperaturen sind zu bewältigen, daran kann sich der Mensch anpassen, wenn genug Zeit ist und die Änderungen begrenzt bleiben.“

  • Ja: „wenn genug Zeit ist und die Änderungen begrenzt bleiben“. Das anzunehmen, ist aber inzwischen mehr als fahrlässig und gehört zur Klima-Wandel-Verharmlosung.

Zum Wegkommen von fossilen Brennstoffen sagt von Storch: „Auf ein paar Jahre früher oder später oder ein paar Zehntelgrad Erwärmung mehr oder weniger kommt es am Ende nicht an.“

  • Für ihn sicher nicht, er ist erstens alt genug, die schlimmeren Auswirkungen nicht mehr miterleben zu müssen und er lebt zweitens in einer Region, die nicht zuallererst und am schlimmsten betroffen sein wird und die eigentlich noch viele Ressourcen hat, um Menschen und Hab und Gut zu schützen oder wenigstens letzteres zu ersetzen. Der Bericht des IPCC von 2018 beschreibt die vorher nicht so deutlich gesehenen Unterschiede zwischen einer Steigerung um 1,5 Grad und um 2 Grad (wie oben schon erwähnt) nachdrücklich. Diese 0,5 Grad dazwischen sind „nur“ 5 Zehntelgrade.
  • Für die Vermeidung der Kipp-Punkte käme es dagegen gerade auf jedes Zehntelgrad Vermeidung an.

„Wie schnell steigt der Meeresspiegel wo in der absehbaren Zukunft? Inwieweit nehmen extreme Niederschläge oder Dürren zu? Wo werden Stürme heftiger und häufiger? Alles nicht abschließend beantwortete Fragen.“

  • Müssen wir es erst messen, bevor klar ist, dass jeder Meeresspiegelanstieg zu viel ist, die Zunahme von Extremniederschlägen und Dürren nicht zu verantworten ist und dass es nicht darauf ankommt, wo die Stürme heftiger und häufiger werden, da kein Ort auf der Erde unbeeinflusst von den globalen Destabilisierungen sein wird?
  • Genaue Voraussagen sind nicht notwendig, um eine angemessene Vorsorge einzuhalten. Für das globale Klima muss unbedingt das Vorsorgeprinzip eingehalten werden. Es besagt: „In Situationen der Ungewissheit können die Folgen eines Tuns für die Umwelt wegen unsicherer oder unvollständiger wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht endgültig eingeschätzt werden, die vorliegenden Erkenntnisse geben aber Anlass zur Besorgnis. In diesen Fällen muss der Staat nicht abwarten, bis Gewissheit besteht, sondern er kann unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes auf den Besorgnisanlass reagieren.“ (UBA)

Es wird nach von Storch der Eindruck erweckt, „das Klimathema sei die alles beherrschende Schicksalsfrage. […] Themen wie die Bekämpfung von Armut, Krankheiten und Hunger erscheinen auf einmal nachrangig.“

  • Tatsächlich beruhen (noch) nicht alle Probleme der Menschen auf dieser Welt und insbesondere in den armen Regionen auf den Folgen des Klimawandels. Die schon oben erwähnte Attributionsforschung kann z.B. helfen, genauer zuzuschreiben, warum Menschen von wo flüchten. Für die Überschwemmungen des Brahmaputra-Deltas im Jahr 2017 zeigt sich, dass der Klimawandel die Regenfälle um 70% wahrscheinlicher gemacht hat (Otto: 156). Die Gesamtbilanz bisher: „Unter den 190  Fällen an  Extremwetter die wir bislang untersucht haben, […] hat der Klimawandel etwa  zwei Drittel verstärkt oder wahrscheinlicher gemacht.“ (ebd.: 196)
  • Alle Problemlagen, die  mit biophysischen Lebensgrundlagen zu tun haben, werden durch den Klimawandel verstärkt, und damit geht  unter den gegebenen systemisch-strukturellen Bedingungen (Kapitalismus… + vor- und nebenkapitalistische Unterdrückungsstrukturen) auch die Verschlimmerung sozialer Lagen einher.

„Ja, aber hat man die Menschen in armen  Weltregionen gefragt, ob sie den Klimawandel selbst als ihr größtes Problem ansehen? Vielleicht haben sie aktuell ganz andere Sorgen.“

  • Natürlich haben sie „andere“ Sorgen: Hunger, Arbeitslosigkeit, Bildungsarmut, Wasserarmut, Dürren usw. usf. Aber alle diese Sorgen werden verstärkt durch die Folgen des Klimawandels. Und sie sehen es und sagen es uns! In Indien hat z.B. ein neunjähriges Mädchen die Regierung verklagt, damit diese das Pariser Klimaschutzabkommen einhält. (Quelle) Und natürlich sind es Menschen aus diesen zuerst und am schlimmsten betroffenen Regionen selbst, die auf allen großen Klimagipfeln ihre Stimme erhoben und deren Forderungen viel zu lange nicht gehört wurden. Die Frage, ob man sie denn gefragt habe, zeugt von absoluter Ignoranz.
  • Inzwischen ist es auch der Klimawandel selbst, der die Entwicklung ärmerer Länder bremst. (Quelle)

„Ein Kontinent wie Afrika wird ohne gewaltige zusätzliche Mengen an Energie nicht aus der  Armut herauskommen.“

  • Wenn es schlecht kommt, brauchen sie diese Energie in Afrika gar nicht, weil die Hitze in Afrika alles menschliche Leben unmöglich macht (und es höchst unwahrscheinlich ist, dass diese schon bisher armen Menschen sich vollklimatisierte Behausungen leisten könnten, wobei an eine Landwirtschaft in diesen Gebieten längst nicht mehr zu denken sein wird).
  • Sollte es nicht so schlimm kommen: Wer sagt denn, dass „gewaltige zusätzliche Mengen an Energie“ notwendig sind, um gut leben zu können? Eine bekannte Darstellung der Abhängigkeit des Human Development-Indexes vom Energieverbrauch zeigt eine Sättigung, bei der weiterer Energieverbrauch keine Steigerung des Human-Development-Indexes mit sich bringt. Wenn alle Länder, die im Verbrauch weit darüber liegen, ihren Verbrauch bis hin zu einem Wert, bei dem der HMI hoch genug ist, einschränken könnten, bliebe noch mehr als genug Energie für die ärmeren Länder übrig, um sich im Lebensniveau anzupassen.

„Schnell alle Kohlekraftwerke abzuschalten würde helfen – nur geht das aus ökonomischen Gründen nicht. Vielmehr müssten rasch überall Filter eingebaut werden, wie wir das in Deutschland erfolgreich in den Achzigerjahren vorgemacht haben.“

  • Diese optimistisch-technokratische Weltsicht ist untragbar. Die Technik der Schwefelfilter aus den 80er Jahren ist nicht zu vergleichen mit dem Versuch der Abscheidung von CO2 aus den Kohlekraftwerken („air capture“). Wie von Storch auf diese „Nachsorge-“ Technik setzt, ist ein gutes Beispiel dafür, dass Climate-Engineering-Hoffnungen zu einer Verzögerung der Emissionssenkungen führen. Rein praktisch sind derartige Technologien im erforderlichen Ausmaß auch nicht in nächster Zeit zu erwarten. Der Energieforscher Jeffrey H. Michel meint: „Ein weltumspannender Einsatz von CO2-Abscheidung wird inzwischen durch hohe Energiepreise und schwindende Kohlereserven verhindert“.
  • Wenn es ökonomisch „nicht geht“, muss die Ökonomie verändert werden! Mit einer Ökonomie des unendlichen Wachstums, an der nur wenige Menschen profitieren, aber für die die Mehrheit schon lange die Kosten trägt und die überlebensfeindliche Folgen mit sich bringt, muss durch eine überlebensfähigere werden!

„In einer Umfrage sagt die Mehrheit der Deutschen, dass ihr die Maßnahmen für den  Klimaschutz nicht weit genug gingen. Doch in derselben Umfrage spricht sich eine Mehrheit gegen höhere Benzin- und Heizölpreise aus. Das passt nicht zusammen.“

  • Wo er Recht hat, hat er Recht. Das passt nicht zusammen. Aber nicht nur aus Gründen der kognitiven Dissonanz (dass das Handeln nicht zum Denken passt, bzw. die Schlussfolgerungen nicht zu dem Angenommenen), sondern weil die Lebensbedingungen so sind, wie sie sind. Wenn es für Mobilität und Heizung keine Alternativen gibt, dann kann nicht angenommen werden, dass freiwillig mehr bezahlt wird (was viele gar nicht könnten). Wenn individuelle Konsumentscheidungen nur minimalen Einfluss auf die im Großen und Ganzen profitorientierte Wirtschaft haben, dann müssen diese gesellschaftlichen Strukturen verändert werden, statt die Schuld einzelnen Menschen zuzuschreiben. D.h. statt dieses Argument gegen die Menschen (und ihre Inkonsequenz) zu wenden, muss umso mehr auf notwendige strukturelle Veränderungen gedrängt werden.