Dies ist die erweiterte Form meines Beitrags aus den Marxistischen Blättern 05_209:


Langform der Veröffentlichung in Marxistische Blätter 05_209:

Dialektik als Logik welcher Entwicklung?

Richard Sorg hat in der Nummer 4_2018 der „Marxistischen Blätter“ die Frage gestellt, ob es einen „Unterschied zwischen einer ‚idealistischen’ (Hegel) und einer ‚materialistischen’ Dialektik (Marx und Engels)“ gibt. Seine Ausführungen zeigen, dass der Unterschied nicht so groß ist, wie er häufig angenommen wurde und wird. Er verweist auf den „impliziten Materialismus“[1] (Sorg 2018: 107) bei Hegel. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede in der Art und Weise, wie Hegel in verschiedenen Themenkomplexen vorging und wie Marx und Engels daran herangingen. Richard Sorg skizzierte das unterschiedliche Vorgehen. Ich möchte diese Themenstellung noch ein wenig weiter führen, indem ich problematisiere, dass die Dialektik als Entwicklung sich insbesondere bei Hegel i.a. nicht auf zeitliche Veränderungen bezieht, sondern ) logisch-strukturell (bzw. logisch-systematisch) auf den „Gesamtzusammenhang“ (MEW 20, DN: 307 bezogen ist und sich von einer logisch-zeitlich (bzw. logisch-historisch) verstandenen Dialektik unterscheidet[2]. Diese Unterscheidung darf nicht verloren gehen, weil sonst viele Stellen bei Hegel und Marx falsch verstanden werden und das eigene dialektische Denken fehlgeleitet werden könnte.

Dialektik in Natur, Gesellschaft und Denken

Für Friedrich Engels war die Dialektik „weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“ (MEW 20, AD: 132). Damit wissen wir, wie er kurz vorher schreibt, “daß ich über den besondern Entwicklungsprozeß“ dann „gar nichts sage“ (ebd.: 131).

Diese „besondern Entwicklungsprozesse“ lassen sich zunächst für die unterschiedlichen Bereich Bereiche Natur, Gesellschaft und Denken unterteilen. Bei Hegel zeigen sich diese Unterschiede in seiner Unterteilung der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (HW 8-HW 10). Auf die Wissenschaft der Logik (HW 8)[3] folgen die Naturphilosophie (HW 9) und die Philosophie des Geistes (HW 10).[4] Der Gegenstand der Wissenschaft der Logik ist hierbei die Wissenschaft vom Denken, d.h. von der logisch-strukturellen Systematik der Denkbestimmungen und die Bereiche Naturphilosophie und Philosophie des Geistes[5] werden auch „Realphilosophie“[6] genannt.

Auf diese drei Bereiche bezieht sich auch Engels in seiner oben zitierten Unterteilung. Wenn wir im Folgenden zu den Besonderungen kommen, so sei hier bereits auf das Gemeinsame verwiesen. Friedrich Engels schreibt von einer „Analogie der Denkprozesse mit den Natur- und Geschichtsprozessen“ (MEW 20, DN: 529). Es geht um etwas „strukturell Vergleichbares“ (Sorg 2018: 112). Für  Hegel etwas untypisch vereinfachend ist in einem Zusatz zum § 81 der Enzyklopädie formuliert, dass „das Dialektische […] das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Betätigung in der Wirklichkeit“ (HW 8: 173) sei.

Dialektik des Denkens

Am klarsten wird die strukturell-logische Entwicklung in der Hegelschen Wissenschaft der Logik verständlich, weil hier von den Wissenschaften der realen Gegenstände noch abstrahiert wird. Diese Logik ist trotzdem nicht formal, denn sie bezieht sich nicht nur auf die Form des Gedachten, sondern es ist ganz wesentlich für die Hegelsche Logik, dass es die inhaltlichen Bedeutungen des Gedachten sind, auf die es ankommt. In dieser Logik werden allgemeine Denkformen – unabhängig vom individuellen Gedacht-Werden[7] – entwickelt. Dabei geht es Hegel weder in der Logik noch in der Philosophie der Natur oder des Geistes um eine zeitliche Entwicklung, denn Philosophie „zeitloses Begreifen“[8] (HW 9: 26).

Logik ist Denken, insofern dieses eine „sich entwickelnde Totalität seiner eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze“ (HW 8: 67) ist. Diese eigentümlichen Bestimmungen und Gesetze sind nicht formal-abstrakt und inhaltslos, sondern enthalten ihre eigenen Bedeutungen als ihre Inhalte. Wichtig ist es, hier nicht vorschnell „materialistisch“ werden zu wollen. In der Logik, der Dialektik des Denkens, geht es um die Bedeutung von Gedankenbestimmungen, nicht um reale Eigenschaften von Dingen oder Dinge selbst, wobei die Bedeutungen selbst nicht bloß subjektiver Art sind, sondern jeweils Momente der objektiven Realität selbst ausdrücken.

Die bei Hegel an den Anfang der Logik gestellte Bedeutung der Denkbestimmung „Sein“ ist leer, weil es noch nicht inhaltlich bestimmt ist. Dasselbe gilt für die Denkbestimmung „Nichts“. In einer neuen Bedeutung als „Entstehen“ und „Vergehen“ sind diese im nächsten Denkschritt bestimmt als Momente des Begriffs „Werden“, bzw. „Dasein“. Das „Dasein“ zeigt sich nun als Gegensatz von „Etwas“ und dem „Anderen“, die sich beide als „Endliches“ erweisen…. Auf diese Weise zeigt sich an jeder Denkbestimmung, dass sie schon etwas enthält, das noch nicht ausgedrückt ist. Am „Sein“ die Bestimmung, die das „Dasein“ dann besitzt; am „Dasein“ die spätere Unterscheidung von „Etwas“ und „Anderem“…. Die Aufeinanderfolge der logischen Denkbestimmungen, also die Dialektik des Denkens, ist auf diese Weise eine „sukzessive Explikation ihrer eigenen Voraussetzungen“ (Wandschneider 1997: 119). Dialektisches Denken besteht in diesem Sinne darin, „seine eigenen Voraussetzungen reflexiv einzuholen und kategorial ausdrücklich zu machen“ (ebd.: 145f.). Diese Voraussetzungen sind natürlich auch am Anfang schon da, von ihnen war aber abstrahiert worden, sie waren noch nicht explizit gedacht worden. Das heißt, das Verfahren dialektischer Begriffsentwicklung setzt „von Anfang an die gesamte Logik voraus“ (ebd.: 158). Dies begründet den Hegel oft vorgeworfenen Determinismus (alles ist letztlich vorherbestimmt) und hat hier, im Bereich der sich aufeinander beziehenden Inhalte der Denkbestimmungen eine gute Begründung und kann deshalb gerechtfertigt werden. Wenn Hegel von der Entwicklung (des Begriffs) spricht, so kennzeichnet er die Entwicklung als „Setzen dessen, was er an sich ist“ (HW 9: 36). Das, was er „an sich“ ist, ist immer schon vorhanden: „Das Ansich regiert den Verlauf“ (HW 3: 41). Daher rührt auch der strenge Determinismus dieser Ansicht, denn der dialektische Prozess kann nur dort ankommen. Die Selbsterkenntnis wird wahr, wenn sie das Selbst erreicht hat. Dieses Selbst wird vorausgesetzt – hier gibt es keine Unbestimmtheiten, keine Offenheit; keinen nicht von den Bedingungen vollständig festgelegte Reduktion vielerlei Möglichkeiten auf eine Möglichkeit, die sich notwendigerweise verwirklicht. Was hervorkommt, „ist aber alles im Keim schon enthalten“.

Der bei der strukturell-logischen Entwicklung vollzogene Weg, von den einfachsten, noch unvermittelten Verhältnissen ausgehend zu den komplexesten (von denen vorher noch abstrahiert worden war) voranzuschreiten, in denen alle inhaltlichen Bestimmungen in ihrer widersprüchlich-bewegenden Einheit begriffen werden, wird bei Marx als „Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen“ (MEW 42: 35) gekennzeichnet. Damit wird, weder bei Marx noch bei Hegel, ein zeitlicher historischer Verlauf beschrieben, sondern es geht um die Aufeinanderfolge von inhaltlichen Bedeutungen, die von jedem einzelnen Menschen gedacht werden können, deren Bedeutungsinhalt aber auch unabhängig vom unmittelbaren Gedacht-Werden in der entwickelten Weise miteinander zusammen hängen.

Es ist dabei nicht nur eine jeweils äußerliche Zuschreibung, wie sich die Kategorien in neue umwandeln, sondern es ist den Inhalten der jeweiligen Denkbestimmung selbst eigen, sich fort zu entwickeln. Aus ihrer eigenen Bedeutung ergibt sich letztlich ein Selbst-Widerspruch, der zu einer neuen Bedeutung hinführt, die die vorher gegensätzlichen Bedeutungsmomente in sich vereinigen kann (wir vollziehen diese in den Inhalten der Bedeutungen selbst begründete Bedeutungsverschiebung denkend nur nach).

Das Nach-Denken dieser Denkbestimmungen erfordert natürlich für das einzelne Bewusstsein Zeit – aber die Dialektik ist hier nicht als zeitliche Entwicklung vorhanden, sondern als logisch-struktureller/systemischer Zusammenhang. Dieser Zusammenhang wurde im Laufe der menschlichen Entwicklung auch immer besser erkannt, bis hin zu Hegel, der ihn auch ein einer für seine Zeit maßgeblichen Weise logisch-systematisch darstellen konnte.

Dialektik der Gesellschaft

In den realphilosophischen Teilen der Hegelschen Philosophie wird die die in der Logik vorgenommene Abstraktion von den realen Gegenständen bzw. deren Wissenschaften zurück genommen (vgl. Arndt 2017: 7)[9]. Die dialektische Methode ist dabei ein Mittel, um „die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstands“ (Marx MEW 1: 296) zu begreifen (Arndt 2015: 145).

Dialektische Logik des Kapitalismus

Dialektik bezieht sich in dieser Weise auf eine nicht zeitlich zu verstehende „Logik der Sache“ (MEW 1: 216). Wenn die zu begreifende Sache der Kapitalismus ist, so ist der Kapitalismus zwar historisch entstanden und vollzieht sich innerhalb einer sich verändernden Zeit; aber mit der „Logik der Sache“ wird zuerst einmal die strukturelle Beständigkeit betont. Struktur kennzeichnet dabei die „in einem bestimmten Zeitintervall“ für diese Sache „wesentlichen Verhaltensweisen“ (Hörz 1996: 847f.). Obwohl die im Kapital (MEW 23…25) vorgestellten Momente des komplexen Kapitalverhältnisses „in einem gleichzeitigen Nach- und Nebeneinander sich wechselseitig bedingen und beeinflussen und wechselseitig füreinander sowohl Voraussetzung und auch Resultat sind“ (Wolf 2007), folgen sie in der Darstellung „zwangsläufig einem Nacheinander bzw. einer linearen Aufeinanderfolge“ (ebd.).

Nichtsdestotrotz spielen im Kapital auch historische Erklärungen (wie innerhalb der Wertformanalyse, MEW 80) und Geschehnisse, wie die Prozesse der sog. ursprünglichen Akkumulation (ebd.: 741ff.) eine große Rolle. Zu letzterem werden wir bei den „Grenzen der Dialektik“ (s.u.) zurückkommen.

Einen großen Teil des Kapitals nimmt jedoch die Darstellung der Selbstreproduktion des Kapitalismus ein. Marx zeigt, wie sich das Kapitalverhältnis immer wieder selbst reproduziert, und Widersprüche sind hier nicht per se Faktoren, die zur „Auf-Lösung“ des Systems führen, sondern als Lösung (der systematisch-logischen Durchdringung beim Erkennen und der  historischen Veränderung) immer wieder neue Reproduktionsformen als Bewegungsformen finden. „Man sah, daß der Austauschprozeß der Waren widersprechende und einander ausschließende Beziehungen einschließt. Die Entwicklung der Ware hebt diese Widersprüche nicht auf, schafft aber die Form, worin sie sich bewegen können. Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen. Es ist z.B. ein Widerspruch, daß ein Körper beständig in einen andren fällt und ebenso beständig von ihm wegflieht. Die Ellipse ist eine der Bewegungsformen, worin dieser Widerspruch sich ebensosehr verwirklicht als löst.“ (MEW 23: 119)

Arbeit als dialektisches Verhältnis

Ein anderes Thema, bei dem die dialektischen Denkbestimmungen als logisch- strukturelle (und nicht zeitliche) deutlich hervortreten, ist die Arbeit. Bei dieser „Sache“ wird auch die strukturelle Vergleichbarkeit von logischen Entwicklungsprozessen bei Hegel mit wirklichen (Arbeits-)Verhältnissen deutlich (vgl. Brokmeier 1983). Weingarten spricht sogar von einer „arbeitstheoretischen“ Grundlage der Dialektik (Weingarten 1995: 44). Auch für Peter Furth haben wir „in der Reflexion, als Vermittlung, das heißt als Beziehung auf sich durch anderes, […] den strukturellen Nachvollzug der konkreten Arbeit“ vor uns (Furth 1980: 72). In Hegels Logik ist die „Figur des Denkens, das sein Anderes voraussetzt, um es dann denkend wieder einzuholen“ (Brokmeier 1983: 10) zentral. Auch bei der Arbeit verhält sich der Mensch „zu den Mitteln zur Befriedigung seiner Bedürfnisse als (zu) einem durch ihn Hervorgebrachten und Gebildeten. Auch in dieser Äußerlichkeit verhält sich so der Mensch zu sich selbst.“ (HW 8: 89)

Bei dieser Selbstvermittlung werden jeweils als äußerlich vorausgesetzte Momente (in der Logik das jeweils Andere, bei der Arbeit die äußeren Naturgegebenheiten) zu Resultaten der sich selbst reproduzierenden Einheit (Tätigkeit des dialektisch-logischen Denkens, Arbeitstätigkeit), die jeweils als Gesamtzusammenhang zu begreifenden ist. Das jeweils Andere wird zum inneren Moment. Dies wird es nicht in einer zeitlichen Aufeinanderfolge, sondern das Nacheinander bezieht sich auf die Denkformen, mit denen wir die Einheit begreifen. Zuerst sehen wir die Unterschiede (das Etwas und das Andere, die Arbeit und seine äußerlich-natürlichen Voraussetzungen als unterschiedene); in einer vertieften Erkenntnisweise begreifen wir ihre innere Einheit (das Andere ist die durch das Etwas bestimmte Negation, die natürlichen Voraussetzungen der Arbeit sind durch die Möglichkeit ihrer Verarbeitung wesentlich bestimmt).

Der dialektische Prozess ist auf diese Weise durch das Hereinholen von vorher äußerlich erscheinenden Momenten ins Innere gekennzeichnet. Die Selbstreproduktion wird zur Selbst-Anreicherung. Dies geschieht in den Arbeitstätigkeiten und auch im dialektischen Denken. Die Kategorien in der Begriffsentwicklung in Hegels Logik sind stets Produkte vorheriger logischer Entwicklungen und Ausgangspunkt weiterer Entwicklungen. Dabei entsteht aber nicht nur ein fortlaufender linearer Prozess aufeinander folgender Kategorien bzw. einander abwechselnder Mittel, sondern dieser Prozess selbst bezieht sich auf sich selbst, er ist „reflexiv“. In der Arbeit „verhält sich so der Mensch zu sich selbst“ (HW 8: 89), das Denken vermittelt sich in der Aufeinanderfolge der Begriffe ebenfalls auf sich selbst (indem es das Aufeinanderfolgen denkt). Das „übergreifend Allgemeine“ (vgl. Hegel HW 8: 375, Holz 2005: 200) ist jeweils der Gesamtprozess.[10] Dieses „übergreifend Allgemeine“, das sich durch das jeweils Andere hindurch auf sich selbst bezieht, wird auf diesem Weg konkreter, wobei „concrescere“ „Zusammenwachsen/Verdichten“ bedeutet und anzeigt, dass das Konkrete reichhaltiger ist als das Abstrakte. Es entsteht nicht einfach durch eine sukzessive Anreicherung des vorher nur Abstrakten, sondern dadurch, dass das Vorherige sich als widersprüchlich erweist und bei der Lösung des Widerspruchs neue erweitert-konkretisierte Darstellungs- und Denkstufen bzw. Entwicklungsstadien erreicht werden. Das Konkrete ist „in sich entzweit gesetzt“ (HW 16: 29). Auch die Arbeit versteht Hegel in diesem Sinne als „das Resultat der Entzweiung als auch die Überwindung derselben“ (HW 8: 89). Die Momente der Arbeit: zweckmäßige Tätigkeit, Arbeitsgegenstand und Arbeitsmittel sind inhaltlich bestimmt nur durch ihren Bezug aufeinander, dabei hat das Arbeitsmittel eine vermittelnde Funktion zwischen Arbeitssubjekt und -objekt. Die Tätigkeit muss sich nach der sachlichen Bestimmtheit der beiden anderen Momente richten, das Objekt muss eine Umformung entsprechend der Zwecke ermöglichen und das Arbeitsmittel muss geeignet sein, das Gegebene entsprechend den Zwecken tatsächlich umzuformen. Die Faktoren stimmen nicht nur in gewissem Sinne überein (dass sie „geeignet“ sind), sondern sie wirken gegeneinander miteinander. Der Fortgang in diesem sich auf sich selbst beziehenden Prozess des Denkens oder der Arbeit ist überhaupt nur zu verstehen, wenn das Ausgangselement sich als entgegen gesetzt zu seinem Anderen erweist und diesem Gegensatz eine Einheit zu Grunde liegt (d.h. im wahrsten Sinne des Wortes sich als der Grund erweist), die konkreter ist als das Ausgangselement. Nehmen wir als Ausgangspunkt die Arbeit selbst, die Arbeitstätigkeit. Sie richtet sich gegen das Objekt, weil sich das Objekt der unmittelbaren Nutzung versperrt. In dieser Arbeitstätigkeit werden Arbeitsmittel erzeugt und genutzt und in diesen verkörpert sich die „Einheit von zwecksetzender Tätigkeit und vorausgesetztem Arbeitssubstrat“ (Furth 1980: 76). Durch diese Arbeitsmittel beziehen sich auch die arbeitenden Menschen aufeinander „und zwar im Miteinander der gleichzeitigen Kooperation wie im Nacheinander des historisch-gesellschaftlichen Zusammenhanges der Menschen“ (ebd.: 78). Auf diese Weise bezieht sich der menschliche Arbeitsprozess immer wieder auf sich selbst, er ist das Sich-Selbst-Reproduzierende. Er reproduziert sich durch das Aufeinanderwirken seines einander gegensätzlichen Momente selbst. Das Widersetzen des Objekts gegenüber der Tätigkeit und die gegen das Objekt gerichtete Tätigkeit verweisen auf den „Kern der Dialektik“ (LW 38: 214), d.h. den Widerspruch als „Einheit der Gegensätze“ (ebd.). In der Arbeitstätigkeit werden die Gegensätze in eine Einheit gebracht, in der sie sich bewegen können. Die „Lösung“ des Widerspruchs folgt in der Durchführung der Bewegung der Selbstreproduktion. Bewegung ist damit der „daseiende Widerspruch“ (HW 6: 76). Wie wir sehen, ist damit nicht eine zeitliche Zustandsänderung, gleich gar nicht mit einem Qualitätssprung gemeint, sondern „nur“ die eine die Struktur reproduzierende Selbstbewegung. Die gegensätzlichen Momente reproduzieren sich und ihre Selbstreproduktionsbewegung ist ihre Einheit. In diesem Fall ist die „Existenz des einen […] Voraussetzung für die Existenz des anderen“ (Horstmann 1988: 166). Beispiele sind hier „Aufbau- und Abbauprozesse, Leben und Tod, Wert und Gebrauchswert in der kapitalistischen Warengesellschaft, Kapital und Arbeit“ (ebd.). Diese Gegensätze sind Gegensätze „in der Existenz“, die aber noch innerhalb eines Wesens bestehen (Marx MEW 1: 293).

Übergang zur Geschichte

Beim Übergang von alten zu neuen Qualitätszuständen verändert sich jedoch die Grundqualität, damit das Wesen (für die betrachtete Ebene innerhalb einer strukturellen Hierarchie). In diesem Fall ist „jeweils einer der Gegensätze entwicklungsgeschichtliche Voraussetzung des anderen“ (Horstmann 1988: 166). Dann war vor dem Qualitätssprung das Neue aber schon der Möglichkeit nach gegeben (vgl. ebd.: 167); der Gegensatz bestand zwischen dem aktual Gegebenen und dem zukünftig Möglichen und die Einheit besteht in einer wirklichen qualitativen Veränderung, die in fortlaufender Zeit stattfindet. Hier geht findet ein Übergang „zwischen verschiedenartigen, aber genetisch miteinander verbundenen Wesen“ (ebd.: 169) statt. Die Wahrscheinlichkeit und schließlich Verwirklichung der entsprechenden Möglichkeit hängt von der Veränderung von Bedingungen ab. Die Bedingungsänderung vermittelt zwischen altem und neuem Zustand.

Der Übergang von einer lediglich strukturell-logischen Betrachtung zu einer historischen bedarf also der Untersuchung der Möglichkeiten, deren Verwirklichung von Bedingungen abhängt und der Bedingungsänderungen selbst. Auf diese Weise lassen sich aus der strukturell-logischen Dialektik heraus auch historische „Entwicklungstendenzen“ ableiten. Aus strukturell-logischen „Widersprüchen der Bewegung“ “, die das Ganze bei fortlaufender Zeit reproduzieren, können dann historische und qualitätsändernde „Widersprüche der Entwicklung“ werden (vgl. Philippi, Schlemm, Strobel 2019). Bei der zeitlichen Entwicklung wirken einerseits die inneren Zusammenhänge des sich Entwickelnden[11] und sich dadurch ändernde Bedingungen, andererseits spielen reale Bedingungen, die nicht vom sich Entwickelnden selbst gesetzt werden, eine große Rolle. Die Veränderung der Bedingungen, die in realen Prozessen den Übergang von alten zu neuen Zuständen vermittelt, verweist auf eine Grenze der Dialektik (vgl. MEW 42: 43). Die Bedingungen ändern sich bis zu dem Moment, an dem das Zukünftige zur Gegenwart gerinnt. Bedingungen, die sich in der Zukunft noch ändern könnten, erweisen sich jeweils genau jetzt, im unendlich kleinen Moment der Gegenwart und die jeweils vorherige Vergangenheit, als vollständig bestimmt. In diesem Moment wird als dem Möglichen, das vorher mehr oder weniger wahrscheinlich sein konnte, etwas Existierendes: „Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, so tritt sie in die Existenz.“ (HW 6: 122) Für das Zukünftige ist diese Bedingungsgesamtheit für viele Aspekte noch nicht vorhanden, deshalb ist deren Zukunft noch offen gegenüber sich verändernden Wahrscheinlichkeiten. Dies wird in der Dialektik nicht mit behandelt. Eine dialektische Entwicklung ist bei Hegel so ein „Prozess der Erhaltung, der Wiedererlangung von Identität“ (Brokmeier 1983: 36) und nicht einer „nicht-teleologischen, ‚offenen’“ Entwicklung (ebd.). Hegel ist sich dessen bewusst, denn er spart Themen der Zukunft bewusst aus. Nicht umsonst begrenzt Hegel den Aussageraum seiner Philosophiegeschichte und auch der Weltgeschichte auf die Vergangenheit[12], denn die „Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ (HW 7: 28). Für die Vergangenheit gilt stets, dass in jedem früheren Punkt letztlich alle Bedingungen für das vorhanden waren, was sich dann schließlich entwickelte. Hier gilt ein rückblickender Determinismus. Mit dieser Perspektive ergibt sich für Hegel: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben“ (HW 12: 32). Das Notwendige ist hier entsprechend dem Erläuterten das, was „auf Grund der Gesamtheit der Bedingungen bestimmt“ ist (Hörz, Röseberg 1990/2013: 30). Oder: „Das Notwendige […] ist so, weil die Umstände so sind“ (HW 8: 294). Dies gilt für die Vergangenheit allemal.

Dialektik der Natur

Natur in der menschlichen Lebenspraxis

Wir können die Natur erkennen, weil sie uns nicht fremd ist. Wir wissen von der Natur nur das, was wir von ihr erfahren: „Aus den gesellschaftlichen Erfahrungen mit der Natur läßt sich kritisch extrapolieren, wie und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich die Natur entwickelt.“ (Kuhlmann 1978: 58) Wir erfahren in unserer Lebenspraxis die Natur als eigengesetzlich und im Rahmen ihrer Gesetzmäßigkeiten auch durch die Veränderung von Bedingungen veränderlich und veränderbar. In unserer wichtigsten Beziehung zur Natur, der Arbeitstätigkeit, begegnen uns die Naturgegenstände nicht nur als passive Gegenstände der Bearbeitung, sondern sie wirken in unterschiedlichster Weise durch die ihnen eigenen Bewegungsweisen mit.[13]

Natürlicher Gesamtzusammenhang

In der menschlichen Tätigkeit werden die Naturgegenstände zweckmäßig geformt, aber sie waren vorher nicht ungeformt, sondern sie sind selbst „natürlich vermittelt“ (Ruben 1969/2006: 15). In dieser natürlichen Vermittlung beziehen sich Naturmomente auch in widersprüchlicher Weise auf sich selbst. Auf diese Weise sind durchaus Vermittlungsstrukturen, die wir als „Dialektik“ kennzeichnen können, in der Natur vorhanden, auch wenn wir gerade nicht mit ihr wechselwirken. Würden wir dies verneinen, so würde „die Natur in der gleichgültigen Form des Rohstoffs“ (Ruben 1969/2006: 21) gedacht.

In der Natur finden wir logisch-strukturelle Aspekte der Dialektik wie Zusammenhang (MEW 20, DN: 355), Wechselwirkung (ebd.: 499) und Entgegensetzung (ebd.: 359). Das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch meist auf die zeitliche Entwicklung (MEW 20, AD: 22). Wirklich dialektische Vorgänge in der Natur dürfen nicht nur durch einzelne der von Engels aufgezählten „allgemeinsten Gesetze“ der Dialektik (MEW 20, DN: 348) bestimmt sein. Wenn etwa eine qualitative Zustandsänderung durch äußere „Zufuhr resp. Hinwegnahme von Materie oder von Bewegung“ (ebd.: 249) erreicht wird, so liegt noch kein dialektischer Zusammenhang vor. Erst die sog. „Negation der Negation“ verweist auf die dafür notwendige selbstbezügliche Struktur, verbunden mit der Widersprüchlichkeit. Die Zustände Lebend-Sein und Tot-Sein von Organismen sind gegensätzlich, aber sie werden benötigt, um die Abfolge der Generationen einer Artentwicklung zu sichern. Die Art entwickelt sich weiter, sie stellt das „Wesen“ dar, innerhalb derer die Einheit der Gegensätze den Reproduktionsprozess absichert. Hier liegt, obwohl auch eine zeitliche Veränderung (in Bezug auf einander folgende lebende und tote Einzelorganismen der Art) stattfindet, lediglich ein Widerspruch der reproduzierenden Bewegung vor, keiner der Entstehung von Neuem aus dem Alten.

Als realer Repräsentant für vieles, was die Hegelsche Dialektik ausmacht, gilt ein individueller Organismus. Das Beispiel der Entwicklung einer Pflanze aus ihrem Keim heraus bis zum nächsten Keim kann deshalb auch als Vorstellungsbeispiel für eine dialektische Entwicklung gelten: „Es ist dem Keime nichts anzusehen. Er hat den Trieb, sich zu entwickeln; er kann es nicht aushalten, nur an sich zu sein. Der Trieb ist der Widerspruch, daß er nur an sich ist und es doch nicht sein soll. Der Trieb setzt in die Existenz heraus. Es kommt vielfaches hervor; das ist aber alles im Keime schon enthalten, freilich nicht entwickelt, sondern eingehüllt und ideell. Die Vollendung dieses Heraussetzens tritt ein, es setze sich ein Ziel. Das höchste Außersichkommen, das vorherbestimmte Ende ist die Frucht, d. h. die Hervorbringung des Keims, die Rückkehr zum ersten Zustande. Der Keim will sich selbst hervorbringen, zu sich selbst zurückkehren. Was darin ist, wird auseinandergesetzt und nimmt sich dann wieder in die Einheit zurück, wovon es ausgegangen. Bei den natürlichen Dingen ist es freilich der Fall, daß das Subjekt, was angefangen hat, und das Existierende, welches den Schluß macht – Frucht, Samen -, zweierlei Individuen sind.“ (HW 18: 41) Wie sich die Entwicklung schon in der Form von jener im Denken unterscheidet, zeigt der letzte Satz.[14] In beiden Fällen aber gilt: „Das Ansich[15] regiert den Verlauf.“ (ebd.: 39)

Da Hegel nur diese Form des Zu-Sich-Zurückkommens untersucht, ist für ihn eine zeitlich veränderliche Aufeinanderfolge natürlicher Zustände, also die Evolution der Arten, kein Thema. Sein Schüler Erdmann begründet dies damit, dass „der Widerspruch, welcher die zeitliche Genesis eines Gegenstandes vermittelt, ein zufälliger wenigstens seyn kann“ (Erdmann § 17: 9). Tatsächlich spielen in der Evolution der Arten, ausgehend von genetischen Veränderungen in Populationen, zufällige Bedingungsänderungen in der Umgebung, insbesondere bei und nach großen Aussterbeereignissen eine überaus große Rolle.

Dualismus anstelle der Widersprüchlichkeit in der Naturwissenschaft

Friedrich Engels verweist auf die Bedeutung neuerer Erkenntnisse der Naturwissenschaften, um die Dialektik der Natur darin zu sehen. Allerdings weiß auch er, dass man die „unendliche Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen“ (MEW 20, AD: 20) nur erkennen kann, wenn man die Einzelheiten der Bewegung kennt und diese dann wieder „zusammensetzt“ (ebd.). Man muss nun in der Naturwissenschaft oder Geschichtsforschung, wie er schreibt, um „Einzelheiten zu erkennen […], sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen Zusammenhang herausnehmen“ (MEW 20, AD: 20). Dies ist auf bestimmten „Gebieten berechtigt und sogar notwendig“ (ebd.: 21). Die Einzelwissenschaften dürfen auch „nicht empiristisch“ missverstanden werden (vgl. Kuhlmann 1978: 81). Das heißt, es ist nicht möglich, von theoriefreien „gegebenen Tatsachen“ auszugehen, wie Engels noch annimmt (MEW 20, DN: 334). Wenn der Gegenstand der Einzelwissenschaften die Bewegung (jeweils auf dem von ihr untersuchten Strukturniveau) ist, so gilt: Um Bewegung messen zu können, muss ein jeweils unbewegter Maßstab angenommen werden. Und um Verhaltensweisen von Gegenständen einzeln zu erfassen, müssen die zu erfassenden Aspekte von anderen getrennt werden. Dies sind Voraussetzungen für Wissenschaften, die die erkennenden Menschen schaffen, entweder durch die Bereitstellung theoretischer Erkenntnismittel (z.B. von jeweils absoluten, d.h. nicht mitbewegten Raumkoordinaten für die Messung von Ortsbewegung) oder auch praktischer Handlungen (wie das Wägen, bei dem der zu wägende Gegenstand nur noch die Wechselwirkung mit der Gravitationswirkung der  Erde haben darf, nicht z.B. durch zusätzliche magnetische Kräfte beeinflusst werden darf). Die „Gegenstände“ der Wissenschaft sind nicht mehr unbeeinflusste Naturgegenstände. „Naturgegenstände wirken aufeinander ein und verändern so einander […]. Physikalische Gegenstände sind genau so nicht beschaffen“ (Wahsner 1993: 34) Auch Robert Steigerwald spricht vom „Unterschied zwischen den von uns geschaffenen Erkenntnissen und der objektiven Realität“ (Steigerwald 1995: 50). Die aus der wissenschaftlichen Arbeit entstehenden Ergebnisse, die Resultate der Naturwissenschaft sind Produkte menschlicher Arbeiten zu bestimmten (Erkenntnis- und letztlich praktischen) Zwecken.

In diesem Erkenntnisprozess kann durch die Arbeit aber nicht Beliebiges hergestellt, „konstruiert“ werden. Die wissenschaftliche Arbeit ist nur erfolgreich, wenn es wirkliche Verhaltensweisen der Gegenstände sind, die sich in den Erkenntnisresultaten zeigen. Sie zeigen ihre natürliche Dialektik aber nicht unmittelbar, sondern in besonderer Weise. Wie schon angedeutet, müssen in der einzelwissenschaftlichen Arbeit gerade Momente, die eigentlich so miteinander wechselwirken, dass sich bei Veränderung des einen auch das andere mit verändert, voneinander separiert werden, um sie einzeln zu untersuchen. Sie kommen z.B. in der Physik auf dreierlei Weisen wieder zusammen: 1. Die einzelnen Grundgrößen der Physik, in denen jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen der natürlichen Gegenstände so substantiviert worden sind, dass sie messbar, d.h. mit Maßstäben vergleichbar werden, vereinen sich in den in Gleichungen darstellbaren Naturgesetzen. 2. Die unterschiedlichen Naturgesetze bilden zusammen übergreifende Theorien. 3. Für jede Theorie gibt es messtheoretische und -praktische Voraussetzungen (die Maßstäbe, der vorausgesetzte unbewegte Raum etc.) und diese müssen mit der Theorie zusammen entwickelt und verstanden werden. Alle drei Aspekte sollten von kreativen Physiker*innen verstanden und praktiziert werden, der dritte Aspekt ist jedoch eine originär philosophisch-erkenntnistheoretische Aufgabe.

Die Dialektik der Natur ist als solche also nicht Gegenstand der Naturwissenschaften. „Naturdialektik […] ergibt sich sinnvoll erst als Resultat der philosophischen Analyse der Naturwissenschaften.“ (Ruben 1969/2006: 3)

Grenzen der Dialektik und Probleme einer „Umstülpung“ von idealistischer in materialistische Dialektik

Friedrich Engels schrieb zur Hegelschen Dialektik: „Aber diese Methode war in ihrer Hegelschen Form unbrauchbar“ (MEW 21, LF: 292). Tatsächlich muss der Unterschied berücksichtigt werden, der sich bei Hegel in der Unterscheidung von Logik und Realphilosophie zeigt. Es gibt natürlich auch bei Hegel einen „Unterschied zwischen [dem] Begriff und seiner Verwirklichung“ (HW 6: 517). „Der Begriff in der Natur und im Geiste hat eine äußerliche Darstellung, worin seine Bestimmtheit sich als Abhängigkeit von Äußerem, Vergänglichkeit und Unangemessenheit zeigt.“ (ebd.: 517-518) „In der Realphilosophie müssen also die logischen Begriffe mit dem faktischen Geschehen verbunden werden. Diese Integration führt in Richtungen, die aus der Perspektive der Logik nicht vorgesehen sind.“ (Burbidge 2002: 230) Beim Erkennen existierender Gegenstände dürfen diese nicht einfach unter logische Strukturen subsumiert werden, d.h. es darf kein abstraktes Schema angewendet werden, „um nicht das Äußerliche und Zufällige durch Ideen in seiner Eigentümlichkeit zu stören“ (HW 4: 243). Manches Existierende, so z.B. die  „Schreibfeder des Herrn Krug“ (HW 2: 194, HW 9: 35) wurde als solches gar nicht zum Gegenstand der Hegelschen Philosophie. Man kann also nicht in alles etwas Dialektisches hineindichten wollen.

Ebenfalls darf bei aller Einheit der Unterschied zwischen einer logisch-strukturellen/systematischen und einer zeitlichen Entwicklung nicht eingeebnet werden. Sonst ergeben sich systematisch falsche Lesarten und Verwendungsfehler. Wenn es darum geht, die „Logik der Sache“ zu begreifen statt ein abstraktes Schema anwenden zu wollen, so ist die „Sache“ der denkenden Selbstreproduktion von Denkbestimmungen etwas anderes als eine zeitliche Entwicklung. Es ist nicht möglich, die Logik der Denkbestimmungen einfach materialistisch „umzustülpen“, sondern die jeweils „allgemeinsten Gesetze“ (MEW 20, DN: 348) müssen tatsächlich auf der Ebene der Sache selbst aus der Logik der Sache entnommen werden, weil die Umwandlungen bestimmt sind von den (sachlichen oder gedanklichen) Inhalten dieser Sache und keinen verallgemeinerten Abstrakta.

Literatur

Arndt, Andreas (2015): Geschichte  und Freiheitsbewusstsein. Berlin: Eule der Minerva.

Arndt, Andreas (2017): Hegels Begriff und der Begriff des Wertes in Marx‘ Kapital. Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie 2017, 4(1-2): 3-22.

Brockmeier, Jens (1983): Möglichkeit und Wirklichkeit in Hegels Entwicklungstheorie des ‚reinen Denkens’. In: Heinz Kimmerle (Hg): Dialektik heute. Rotterdamer Arbeitspapiere. Bochum: Germinal Verlag. S. 7-42.

Burbidge, John (2002): Objektivität, in: Wissenschaft der Logik (Hrsg. Anton Friedrich Koch, Friederike Schick), Berlin: Akademie Verlag 2002.

Engels, Friedrich (MEW 20, AD): Anti-Dühring. In: Marx, Engels: Werke, Band 20. Berlin: Dietz Verlag. S. 3 -303.

Engels, Friedrich (MEW 20, DN): Dialektik der Natur. In: Marx, Engels: Werke, Band 20. Berlin: Dietz Verlag. S. 305 – 707.

Engels, Friedrich (MEW 21, LF): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Marx, Engels: Werke, Band 21. Berlin: Dietz Verlag. S. 259 -307.

Erdmann, Johann Eduard (1864): Grundriss der Logik und Metaphysik. Halle.

Furth, Peter (1980): Arbeit und Reflexion. In: Peter Furth (Hrsg.): Arbeit und Reflexion. Zur materialistischen Theorie der Dialektik – Perspektiven der Hegelschen ›Logik‹. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag. S. 70-80.

Hager, Nina (2000): Gesetzeserkenntnis, Entwicklungstheorie passé? Randglossen aus philosophischer Sicht. Marxistische Blätter 5-2000, S. 67-73.Furth 1980

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 2): Jenaer Schriften. Werke 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 4):  Nürnberger und Heidelberger Schriften. Werke 4. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 3): Phänomenologie des Geistes. Hegel: Werke, Band 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (HW 5): Wissenschaft der Logik I. Hegel: Werke, Band 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970.

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Endnoten

[1] Auch ich schrieb im vorigen Jahr über „Hegels implizite Ontologie. Das Durchscheinen der Welt in Hegels Kategorialentwicklung“ (Schlemm 2018a).

[2] Dass die Unterscheidung nicht unbedingt eine Trennung bedeutet, versteht sich von selbst. Die Einheit des Logischen und des Historischen aber behält die Unterscheidung, oder sie wird zur abstrakten Identität verabsolutiert.

[3] Die Wissenschaft der Logik ist auch schon Gegenstand der beiden Werke Wissenschaft der Logik. Erster Teil: Die objektive Logik (HW 5) und Wissenschaft der Logik. Zweiter Teil: Die subjektive Logik (HW 6).

[4] Dazu ist festzustellen, dass diese Reihenfolge der Struktur des wissenschaftlichen Systems folgt und keine zeitliche Aufeinanderfolge anzeigt.

[5] Die Kategorie „Geist“ kennzeichnet bei Hegel eine Struktur, die sich auf sich selbst bezieht (vgl. HW 10: 32) und sich damit selbst hervorbringt (HW 10: 237).

[6] Auch die sog. Realphilosophie hat als Gegenstand nicht die „Dinge an sich“, sondern das Wissen über die Gegenstände in Natur und Geist.

[7] In der einige Jahre vor der Wissenschaft der Logik von Hegel ausgearbeiteten Phänomenologie des Geistes war es dagegen darum gegangen, „das allgemeine Individuum, de[n] selbstbewußte[n] Geist, in seiner Bildung zu betrachten“ (HW 3: 31). Wir als Leser*innen der Hegelschen Texte vollziehen zwar diese allgemeinen Denkformen der Logik in unserem Bewusstsein (lernend, im günstigsten Fall mehr und mehr begreifend) nach; diese allgemeinen Denkformen und ihre Übergänge ineinander haben jedoch auch unabhängig vom individuellen Gedachtsein Gültigkeit.

[8] Auch bei dem Verweis auf die „Knotenlinie der Maßverhältnisse“ (HW 5: 435) geht es um eine „Skala des Mehr oder Weniger“ (ebd.: 437), wobei an bestimmten Umschlagpunkten bei „Weniger“ der eine und bei „Mehr“ der andere Zustand vorhanden ist. Nur beiläufig wird die Bewegung vom „weniger“ zum „mehr“ auch einmal durch eine äußere Kraft (z. B. bei einer Temperaturerhöhung) verursacht. Dieser zeitliche Vorgang kennzeichnet jedoch nicht das Wesentliche dieser Argumentation, sondern diese gilt für eine strukturell-logische Unterscheidung von Zustandsformen.

[9] Die häufig missverstandene Formulierung von Hegel über den „Entschluß der reinen Idee, sich als äußerliche Idee zu bestimmen“ (HW 6: 573) wird von Andreas Arndt entschlüsselt als „Rücknahme der anfänglichen Abstraktion […] von aller Bestimmtheit“ (Arndt 2017: 7).

[10] Richard Sorg bemüht sich zwecks Betonung des Materialismus, den Ausgangs- und Endpunkt im Materiellen zu sehen, wobei das Ideelle in der Zwecksetzung lediglich vermittelnd „dazwischen kommt“ (Sorg 2018a: 113). Die selbstreflexive Struktur ist dann nur noch erkennbar, wenn der materielle Gegenstand als durch ideelle Zwecke umformbar vorausgesetzt ist, der (ideelle) Zweck als materiell realisierbar und die „materielle (‚gegenständliche‘) Tätigkeit“ als vom (ideellen) Zweck bestimmt. Bei Hegel kann der Zweck „verständig“ so gedacht werden, dass er dem Tätigen als etwas zu Erreichendes, das noch außer ihm ist, erscheint, aber eine „vernünftige“ Betrachtung gibt zu erkennen, dass die Tätigkeit als zweckmäßige Tätigkeit den Zweck nicht mehr außer sich hat, sondern selbst enthält.

[11] vgl. mit einer Betonung der Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung z.B. bei Hager 2000 und Wahsner 2019 bei der Kommentierung eines Textes von mir (Schlemm 2018b).

[12] Dass Hegel sich in seiner Zeit nicht am Ende der Geschichte wähnte, beweist sein Verweis auf Amerika als das „Land der Zukunft“ (HW 12: 114). Aber „als ein Land der Zukunft geht es uns überhaupt hier nichts an; denn wir haben es nach der Seite der Geschichte mit dem zu tun, was gewesen ist, und mit dem, was ist […].“ (HW 12: 114)

[13] Ruben und Warnke nennen „unvorhergesehene Bedingungen“ (Ruben, Warnke 1979: 24) als Anzeichen dieses Wirkens der Natur. Die aktive Bedeutung der Natur ist jedoch auch durch ihre mitwirkende Eigenqualität gegeben.

[14] Für den Geist ist das anders: „Die Frucht, der Same wird nicht für den ersten Keim, sondern nur für uns; beim Geiste ist beides nicht nur an sich dieselbe Natur, sondern es ist ein Füreinander – und eben damit ein Fürsichsein. Das, für welches das Andere ist, ist dasselbe als das Andere. Nur dadurch ist der Geist bei sich selbst in seinem Anderen.“ (HW 18: 41)

[15] Das „Ansichsein“ ist hier als „Anlage“ oder „Vermögen“ bestimmt (vgl. HW 18: 39).