Hier kommt eine Ergänzung meines Textes zum Thema „Klima-Umbruch – Transformation – Lebensführung“. Im Text habe ich bereits auf das  Konzept von Joanna Macy für eine Gruppenarbeit zum Thema „Trauer und Verzweiflung“ verwiesen. Jetzt möchte ich noch etwas Methodisches ergänzen für jene Situation, in der das für die Zukunft Bedrohliche schon irgendwie gewusst wird, aber noch nicht gedacht wird. Das „irgendwie“ gewusst erweist sich als „unbewusst“  – es geht um das sog. „Soziale Träumen“. Neben dem Fühlen kann demnach auch das Träumen eine „erkenntnisleitende Funktion“ (Holzkamp 1983/1985: 333) haben. Es kann über das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ der 1. im Text genannten Phase hinausgehen: 


Häufig ist die Erkenntnis über die Lage schon eher im sog. Un(ter)bewussten angekommen, als im Bewusstsein. Dies kann z.B. durch die Untersuchung beängstigender Träume herausgefunden werden. Mit der Methode des „Sozialen Träumens“ können „Gespräche in den Köpfen“ entdeckt werden, in denen sich Ängste artikulieren. In Träumen werden „Beziehungen mit Objekten der Umwelt“ erprobt und antizipiert (Lawrence 2014: 7). Dadurch können wir einen  Zugang zu den „unbewussten Befürchtungen und Ängsten gegenüber der Gesellschaft […], in der wir leben“ (Lawrence 1998: 80) erreichen. Träume sind dann Schlüssel zu allem, was zwar „gewußt, aber noch nicht gedacht“ ist (ebd.: 173). ). Insofern können neben den Gefühlen auch Träume eine „erkenntnisleitende Funktion“ (Holzkamp 1983/1985: 333) haben (vgl. auch Tögel 1985: 23ff.). Lawrence entwickelte Gruppengespräche mit 30-60 Menschen, bei denen die unbewussten Prozesse „unbewusstes Wissen“ über die sie umgebende Gesellschaft offenbarten.[1] Auch bei der Antizipation von Bedrohungen weiß das Unbewusste oft schon mehr als das Bewusstsein. Charlotte Beradt berichtet von den Träumen des emigrierten Paul Tillich, der berichtete: „Ich bin aufgewacht mit dem Gefühl, daß unser ganzes Dasein verändert werde. Im bewußten Wachen glaubte ich, daß wir dem Schlimmsten entgehen könnten, aber mein Unterbewußtest wußte es besser.““ (Beradt 1966/2017: 9, kursiv AS)

[1] Veranstaltungen zum Erzählen und Interpretieren von Träumen fanden sogar in der Tent City University der Occupy-Aktionen 2011 in London statt (Sher 2013). Dort gab es vor allem Erzählungen mit Träumen einerseits über Reisen und andererseits über Verluste.

Literatur hierzu:

Beradt, Charlotte (1966/2018): Das Dritte Reich des Traums. Suhrkamp.

Gosling, Jonathan; Case, Peter (2013): Social dreaming and ecocentric ethics: sources of non-rational insight in the face of climate change catastrophe. September 2013, Organization 20(5):705-721.

Holzkamp, Klaus (1983/1985): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/Main, New York 1985.

Lawrence, W. Gordon (1998): Social Dreaming @ Work. New York: Routledge.

Lawrence, W. Gordon (2014): Soziales Träumen. Freie Assoziation. Zeitschrift für das Unbe-wusste in Organisation und Kultur. 17. Jg. (2014) Heft 1/2 S. 7-26.

Sher, Manni (2013): A Tale of One City: Social Dreaming and the Social Protest Movement – Occupy London at Tent City. Socioanalysis 15: 2013 (60-70).

Tögel, Christfried (1985): Der Traum in Geschichte und Gegenwart. In: H. Wendt (Hg.): Traum bearbeitung in der Psychotherapie. Leipzig: Thiema, S. 11-28.