Commons und alternative Projekte im Handgemenge

Dieser Text erschien in der Zeitung Contraste,
Oktober 2019, Nr. 421, S. 12 im Schwerpunkt „Wie geht Utopie“.


Der aktuelle Sonderbericht des IPCC zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und Landsystemen macht auf die Verwundbarkeit der Ernährungsgrundlage der Menschheit durch den Klimawandel aufmerksam. Gewusst hat mans ja schon, aber nun muss man es wissenschaftlich nachgewiesen zur Kenntnis nehmen und damit umgehen. Angesichts der sich häufenden Hiobsbotschaften bringt mich die Beschäftigung mit der Zukunft der Menschheit, d.h. mit der Variante davon, die die höchste Wahrscheinlichkeit hat, immer mehr um mein Weltvertrauen. Wir sind ein Vierteljahrhundert zu spät dran, um die Bremse einzulegen und die Richtung zu ändern, bevor es heikel wird. Es wird weiter zu ungeheuren Wetterextremen, Dürren, Überschwemmungen und Hurrikans kommen, deren Wahrscheinlichkeit und Stärke wir uns zuzuschreiben haben. Die jungen Leute haben zuerst gemerkt, dass wir Älteren die Gefahrenzeichen zu lange übersehen und die Augen davor geschlossen haben. Für solche wie mich, die schon länger trauern um die verlorenen glücklichen Zukünfte, oder jene, die bereits Panik vor dem zu Erwartendem haben, gibt es inzwischen schon eine – wohl nicht ganz ernst gemeinte – Diagnose: „Prä-Traumatisches Belastungssyndrom“. Ich bin also nicht allein mit meinen Ängsten. Dies zu wissen, hilft mir schon ungemein.[1] Wenn wir heute noch Utopien haben, müssen sie sich einem gewaltigen Crash-Test[2] unterziehen! Manchmal erfolgt dieser Crash-Test von alleine, etwa wenn Projekte des Mietshäuser Syndikats von rechten Anschlägen bedroht sind.[3]

Brigitte Kratzwald fragte sich bereits 2015, ob Commoning dem Klimawandel etwas entgegen setzen kann. Sie kam zum Ergebnis, dass die Praxis des Commoning geeignet ist, Regeln zu finden, mit denen Menschen in den unterschiedlichen Regionen vernünftig mit ihren Ressourcen umgehen können. Aber dies setze geeignete Rahmenbedingungen voraus, die zuerst durch eine „Veränderung der Machtverhältnisse, eine Entmachtung der großen Konzerne und eine weitreichende Demokratisierung“ erkämpft werden müssten. Leider ist nicht zu erwarten, dass dies in nächster Zeit gelingt. Die Commons stehen also als „Keimformen“ in den Startlöchern, aber der Boden, in dem sie keimen wollen, verdorrt, wird überschwemmt und im schlimmsten Fall auch noch besetzt von rechtsgerichteten Gemeinschaftsprojekten. Und der Klima-Umbruch wartet nicht. Nicht nur in der industriellen Landwirtschaft, sondern auch in Solidarischen Landwirtschaften und Gemeinschaftsgärten muss auf Dürren reagiert werden, das geht bis zur Aufgabe der Gemüseproduktion. Nachdem voriges Jahr noch verbreitet wurde, das Trinkwasser in Deutschland sei nicht in Gefahr, wird dieses Jahr schon nach einer kurzen Trockenwetterperiode klar, dass die Bedürfnisse an die Wasservorräte durch Trinkwassernutzung und Landwirtschaft in vielen Regionen schon stark konkurrieren. Alle Zeichen stehen auf eine Verstärkung der Konkurrenz. Wie Bruno Latour schrieb, haben sich die Herrschenden dieser Welt, auch die herrschenden Nationen, inzwischen davon verabschiedet, „die Welt zu führen“, sondern sie „suchen außerhalb dieser Welt Schutz“[4]. Der Versuch, sich selbst abzukoppeln vom sich ausweitenden Elend kennzeichnet auch die Abwehr von Migration und andere populistische Vorhaben. Sie sind „populistisch“, weil sie funktionieren in einer Welt, in der alle darauf gepolt sind, ihre eigenen Lebensinteressen nur auf Kosten anderer erfüllen zu können. Eine allgemeine Entsolidarisierung gewinnt immer mehr Raum, wo es doch gerade darauf ankäme, den kommenden stürmischen Zeiten Solidaritätsnetzwerke entgegen zu setzen. Dahinter steckt keine böse menschliche „Natur“, und das lässt sich auch nicht nur durch die strukturell herrschende Exklusionslogik[5] erklären. Dahinter steckt auch ein berechtigtes Bedürfnis, nämlich das nach Sicherheit. Dass Commons genau hierfür eine alternative, eine bessere Antwort geben können, ist in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt. Commons beruhen auf gegenseitiger Für- und Vorsorge, bieten neben Sicherheit noch Zugehörigkeit, Verbundenheit und Sinnstiftung.[6] Alle Beteiligten übernehmen und tragen die Risiken.[7] Gerade in Commons sind schnelle Reaktionen auf schnelle Veränderungen der Bedingungen möglich.[8]

Beweisen das die vorhandenen Commons, oder müssen sie erst in der schlimmsten Notlage neu entstehen? Silke Helfrich und David Bollier berichten von der Selbstorganisation im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien.[9] Anderswo wurde auf die Migrationsströme, die normalerweise neben geringen Willkommens-Aktivitäten beim größten Teil der Bevölkerung eher Abwehr hervorrufen, in commons-gerechter Weise reagiert: Riace[10] ist eine kleine Gemeinde in Kalabrien, wie viele ländliche Regionen langsam aussterbend. Als die Flüchtlinge kurz vor der Jahrtausendwende kamen, in einem vor der Küstenstraße gestrandeten Boot, wurden sie nicht einfach weiter geschickt. In ihnen wurden keine Last und kein Sicherheitsrisiko gesehen, sondern menschlicher Reichtum. Sie wurden aufgenommen, sie renovierten und belebten die vorher leerstehenden Häuser, Schulen wurden wieder eröffnet, Kooperativen gegründet und Geschäfte blühten wieder auf. Es sollen bis zu 800 Geflüchtete gewesen sein, die integriert wurden. Ein Erfolgsbeispiel, oder? Der zum Bürgermeister gewordene Aktivist Domenico Lucano gewann den Dresdner Friedenspreis, dafür wurden vor Ort seine Hunde vergiftet. Wim Wenders, der einen Film darüber machte („Il Volo“), meinte dazu: „Die wahre Utopie ist nicht der Fall der Mauer, sondern das, was in Kalabrien erreicht worden ist, in Riace.“. Im Oktober 2018 wurde Lucano verhaftet und durfte nach der Freilassung sein Dorf viele Monate lang nicht mehr betreten und die Geflüchteten wurden in Flüchtlingslager gesteckt. Lucano sollte mindestens ebenso bekannt sein wie Greta Thunberg. Und Projekte wie das „Projekt Shelter“ für den Start in ein selbstbestimmtes Leben für Geflüchtete in Frankfurt sollte es überall geben, ausgeweitet auch auf Hiesige, denen es nicht erst als Geflüchtete schlecht geht.

Ja, im Idealfall können zuerst die Rahmenbedingungen verändert werden, unter denen sich dann die Commons ausweiten und ausbreiten können. Jetzt aber stecken wir bereits im Schlamassel. Wenn sich die Commons nicht jetzt schon „im Handgemenge“ beweisen, werden sie in der Zukunft für eine lange Zeit keine großen Chancen haben, weil sich die Rahmenbedingungen zu ihren Ungunsten verändern. Der herannahende Klima-Umbruch führt zu restriktiven, autoritären Lösungsversuchen. Der Versuch der Bepreisung des Umweltverbrauchs bzw. seiner Verschmutzung wird von jenen bezahlt, die am wenigsten profitieren von der Schädigung. Dies durchzusetzen verstärkt die schon jetzt gut funktionierende ausgrenzende Logik, bei der sich jeweils bestimmte Menschengruppen hinter ihren Vorteilen verschanzen, die sie vor allem gegen jene verteidigen, die noch schlechter gestellt sind. Selbstorganisationsprojekte könnten dann, wie jetzt schon die „Tafeln“, zu Notnägeln werden, die das Elend besser verwalten helfen. Wenn Commons nur die Notlösung sind, haben sie keine Zukunft. Wichtig wäre es, die in der Not geborenen Initiativen, etwa Kleiderspenden für die Geflüchteten, auszuweiten hin zu Selbstversorgungsprojekten für alle. Die gemeinschaftlichen Alternativen sollen zwar Menschen auch direkt helfen, aber sie dürfen nicht den Abbau derzeitiger Rechte abfedern, sondern Wege nach draußen aufzeigen. Dies ist keine weltfremde Forderung, sondern gerade in Notsituationen neigen Menschen überall dazu, sich gegenseitig zu helfen. Daraus könnte, so die Gruppe „Out of the woods“, eine Art „Katastrophen-Kommunismus“ entstehen. Man kann es auch „Kommunismus auf verbrannter Erde“ nennen. Auch und vielleicht gerade in der Hölle, kann und muss das Paradies entstehen (wie ein Buchtitel von Rebecca Solnit[11] andeutet). Das Projekt „Sozialistische Selbsthilfe Köln“ begann vor fast einem halben Jahrhundert als Selbsthilfeprojekt obdachloser Jugendlicher und Studierender[12] – Erste Keime einer kommenden „Commonistischen Selbsthilfe“. Angesichts der gefährlichen Entwicklungstrends kann sich die gesuchte Transformationsstrategie hin zu einer nichtkapitalistischen Entwicklung ihre Bedingungen nicht aussuchen, sie muss „im Handgemenge“ der Kämpfe ihre Position entwickeln und stärken.

Nur Schönwetter-Utopien brauchen Inseln und ferne Planeten, um weitab vom Handge-menge der alltäglichen Realität zu gedeihen. Wir haben nur diese Erde und auf ihr müssen wir es schaffen, aus der Defensive in eine Offensive zu kommen. Commoning ist keine nettes „Wünsch dir was“, sondern seine Praxis muss im Handgemenge, in den realen Widersprüchen praktisch handlungswirksam sein. Jene Commons, die um die Jahrtausendwende auch hier in Europa ins linke Theoriegespräch einsickerten, waren von vornherein kämpfende Commons. Commons, die gegen sich ausweitende Einhegungen kämpfen mussten. Aus der Verteidigung muss ein Angriff werden. Zapatistas in Mexiko und Fabrikbesetzer*innen in Argentinien und Griechenland agieren unter dem Motto: „Besetzen – Widerstehen – Produzieren“. Mit weniger Radikalität wird es nicht gehen, um die Rahmenbedingungen wirklich zu verändern. Wir brauchen mehr Riaces, mehr Carola Racketes.


[1] Gerne können andere, die das sehr bewegt, sich bei mir melden; ich würde mich gern mit ihnen austauschen.

[2] Annette Schlemm: Schönwetter-Utopien im Crashtest. Packpapier-Verlag 2013.

[3] Pressekonferenz des  Mietshäuser Syndikats Regionale Koordination Rhein-Main vom 19.12.2018.

[4] Bruno Latour: Das terrestrische Manifest. Suhrkamp 2018. S. 10.

[5] Simon Sutterlütti, Stefan Meretz: Kapitalismus aufheben. VSA-Verlag 2018. S. 31.

[6] Silke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons. transcript 2019. S. 158.

[7] Ebd.,S. 165f..

[8] Ebd., S. 177.

[9] Silke Helfrich, David Bollier: Frei, fair und lebendig, a.a.O., S. 22f..

[10] vgl. Contraste, Januar 2019, Nr. 412, S. 3.

[11] Rebecca Solnit: A Paradies built in Hell. Viking 2009.

[12] https://www.sozialistischeselbsthilfekoeln.de/geschichte/ .