Der Trick mit ungedeckten Versprechungen

Schon seit 30 Jahren wissen wir, dass die Emissionen von Treibhausgasen drastisch sinken müssen. So gut wie nichts geschah; der reale Emissionspfad übertraf in der Emissionsmenge den „Business as Usual“-Pfad, der 1990 als der schlechtest-mögliche eingeschätzt wurde (siehe die folgende Abbildung unter Verwendung DB 1990: 52). Anstatt bei 36,5 GT CO2-Emissionen pro Jahr (2018) müssten wir weltweit bei ca. 16 GT CO2-Emissionen pro Jahr liegen! Und das zusätzlich ausgestoßene CO2 sammelt sich Jahr für Jahr weiter in der Atmosphäre an.

30 Jahre nach diesen Plänen sind wir noch nicht einmal „in den Knick“ (das Abknicken der Kurve von einer Steigung hin zu einer Senkung) gekommen und die Verzögerung führt dazu, dass die die Neigung der Reduktionskurve immer steiler nach unten weisen muss (d.h. die notwendigen Reduktionsraten steigen enorm). Mit der angestiegenen CO2-Menge in der Atmosphäre verringert sich auch das Zeitfenster, das wir bis zum Aufbrauchen des CO2-Budgets noch haben, d.h. das Ende der Emissionen muss noch zeitiger erreicht werden, als 1990 angenommen. Die durchgezogene rote Linie zeigt die aus heutiger Sicht  notwendige Reduktionskurve im Vergleich zu der von 1990:

Inzwischen ist so viel Zeit vergeudet worden, dass die früheren Ziele nicht mehr erreicht werden können. Um niemanden zu beunruhigen, sondern weiter so tun zu können, als ginge alles seinen normalen Gang, wird seit einiger Zeit von „Klimaneutralität“ gesprochen und von der Senkung der sog. „Netto-Emissionen“ auf Null. Das bedeutet: Man kann mehr CO2 (und andere Treibhausgase) emittieren, wenn man verspricht, später viel davon zu „neutralisieren“, das heißt, der Atmosphäre wieder zu entziehen. Denn um auf Null zu kommen, müssen wir entweder die Emission ausreichend senken oder CO2 wieder aus der Atmosphäre herausziehen und anderweitig speichern. Haben Sie es gemerkt, dass die Klima“schutz“-Strategie sich längst von der ersten Möglichkeit auf die zweite verschoben hat? Um uns zu beruhigen, ist uns ein ungedeckter Scheck untergejubelt worden. Als es zu spät war, nur durch Reduzierungen das Ziel noch zu erreichen, wurde die zweite Option zum festen Bestandteil der CO2-Minderungsszenarien. Und dies, ohne dass das viel kommuniziert worden wäre.

Im IPCC-Bericht von 2001 (S. 203) endet die y-Achse, auf der die CO2-Emissionen aufgetragen sind, bei allen betrachteten Szenarien bei bzw. über Null:

2005 erstellte das IPCC einen Bericht über Carbon Dioxide Capture and Storage (Kohlendioxidabscheidung und -speicherung). Hier wurde meines Wissens erstmals die Bezeichnung „negative Emissionen“ verwendet. Als eine der eher harmlosesten Techniken, mit denen „negative Emissionen“ erzeugt werden können, wurde der Anbau von Biomasse und daran anschließende CO2-Abscheidung- und Speicherung (BECCS) genannt. 2001 wurde noch vorsichtig in der „Wenn-“-Form formuliert: „Wenn es im großen Maßstab durchführbar ist, könnte es hilfreich werden…“. Im IPCC-Bericht von 2007 (Assessment Report: AR 4) tauchten dann erstmals negative CO2-Werte in den Diagrammen zur Darstellung von Klimaszenarien auf (IPCC 2007: 16):

Dies setzt sich fort im IPCC-Bericht von 2014 (AR 5). Szenarien mit einer noch ausreichend niedrig angenommenen CO2-Konzentration für 2100 stützen sich nun „typischerweise auf die Verfügbarkeit und den verbreiteten Einsatz von BECCS und Aufforstung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ (IPCC 2013/2014: WGIII-11). Methoden der Kohlendioxidabscheidung und -speicherung werden auch CDR-Methoden (Carbon Dioxid Removal: Entfernung von Kohlendioxid) genannt. Im IPCC-Bericht von 2014 tauchen die negativen Emissionen rechts unten z.B. in der Abbildung für das „stringente“ Minderungsszenarium RCP2.6 (aus ebd.: 59, vgl. auch S. 87) auf:

Die hier angeführten negativen Emissionen im günstigsten Szenarium werden ausführlich begründet in der Fachliteratur (Gasser et al. 2015). Dies bezieht sich noch auf das weniger anspruchsvolle Ziel, die globale durchschnittliche Temperaturerhöhung auf 2 Grad zu begrenzen. Aber auch dafür wurde bereits vor fünf Jahren festgestellt, dass negative Emissionen (mindestens 1 GT/Jahr) gebraucht werden, sogar wenn gleichzeitig auch die Emissionen in sehr starker Weise eingeschränkt werden. Im Bericht von 2014 hieß es zur Umsetzbarkeit solcher Szenarien noch eher skeptisch: „Ob und in welchem Umfang diese und andere CDR-Technologien (Entfernung von Kohlendioxid) und -Methoden verfügbar sind, ist ungewiss, und CDR-Technologien und -Methoden sind in unterschiedlichem Maß mit Herausforderungen und Risiken verbunden (hohes Vertrauen).“ (IPCC 2014) In der Fußnote 18 wird ergänzt: „Arbeitsgruppe I zufolge ist das Potenzial der CDR-Methoden auf globaler Ebene biogeochemisch und technologisch begrenzt. Das bestehende Wissen reicht nicht aus, um zu quantifizieren, in welchem Umfang CO2-Emissionen im Laufe eines Jahrhunderts durch CDR teilweise kompensiert werden können. CDR-Methoden haben Nebenwirkungen und langfristige Konsequenzen auf globaler Ebene.“ (vgl. auch IPCC 2014: 23, vgl. auch IPCC 2013: 29, 546) Diese Techniken werden als wenig empfehlenswert geschildert: „Die meisten terrestrischen CDR-Techniken würden einen konkurrierenden Bedarf an Land nach sich ziehen und könnten mit nationalen und regionalen Risiken einhergehen, während maritime CDR-Techniken möglicherweise signifikante Risiken für Meeresökosysteme beinhalten können…“ (IPCC 2014: 95). Im technischen Bericht zu diesem IPCC-Bericht wird festgehalten: „CDR-Methoden, die den Kohlenstoffkreislauf managen, dürften kaum eine Option für eine rasche Verhinderung des Klimawandels darstellen.“ (IPCC 2013: 552). Methoden der Beeinflussung der Sonneneinstrahlung (SRM), wie sie als Climate-Engineering diskutiert werden, werden in diesem Bericht wegen den Unsicherheiten, Nebeneffekten, Risiken und Defiziten sowie den politischen und ethischen Konsequenzen ausdrücklich ausgeschlossen (ebd.: 25, 95, vgl. IPCC 2013: 627ff., das ändert sich auch 2018 nicht, vgl. IPCC 2018DE: 17, vgl. hierzu IPCC 2018 Ch. 4: 347ff.).

Wir wissen also seit über 10 Jahren, dass die angestrebten Ziele nicht mehr ohne CCS, mindestens BECCS, erreicht werden können (vgl. auch Smith et al. 2015), wobei die Möglichkeiten im ausreichenden Maße hierfür noch nicht sicher bestätigt waren und sind.

Spätestens damals hätten die Alarmglocken schrillen müssen, stattdessen wurde diese Tatsache mit der klammheimlichen Einführung der „Negativ-Emissionen“ verdeckt. In der Erklärung des IPCC-Sonderberichts von 2018 vom Umweltbundesamt (UBA) wird ausdrücklich darauf hingewiesen: „Die negativen Emissionen sollen auch dazu dienen, die bisher zu langsamen Treibhausgasminderungen auszugleichen.“ (UBA 2019: 36). Umso mehr gelten sie jetzt in verstärktem Maße als Form von Hoffnung, die die notwendige Dramatik der Lage verschleiert.

Seitdem wird die Mär, das wir noch 8 oder auch 10 Jahre Zeit hätten, auch von den Fridays For Future geglaubt, weil niemand sich traut, den Bankrott der bisherigen Klimapolitik zu benennen. Weil das niemand zugeben und akzeptieren möchte, werden wir alle in Geiselhaft genommen, jetzt glauben zu müssen, dass wir zwar nicht mehr das ursprüngliche Ziel der ausreichend hohen und schnellen Reduktionssenkung erreichen, aber dass wir wenigstens „Netto-Null“ erreichen könnten. Die Tatsache, dass die dabei unterstellten Methoden zum Einfangen und Speichern des CO2 gleichzeitig als „biogeochemisch und technologisch begrenzt“ und riskant wegen „Nebenwirkungen und langfristige[r] Konsequenzen“ eingeschätzt werden, wird dabei klammheimlich verschwiegen.

Auch in einer Abbildung aus dem Sonderbericht des IPCC von 2018 (häufig abgekürzt als SR1.5), bei dem es explizit darum ging, den globalen durchschnittlichen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, wird erst mal nur eine Netto-Null-Kurve dargestellt (IPCC 2018DE: 10, aus Abb. SPM.1):

Erst in einer späteren Abbildung, zu der oberflächliche Leser*innen kaum noch vordringen, wird die ganze Wahrheit dargestellt (ebd.: SPM.3A): „Netto-Null“ beinhaltet die Hoffnung auf Negativ-Emissionen und zwar in einem enormen Maß:

Die Dokumentation eines Webinars des Umweltbundesamtes (UBA) wird etwas deutlicher:

„In allen Szenarien, die im SR1.5 ausgewertet wurden, ist es bisher nicht möglich, Emissionen schnell genug zu reduzieren, um die Erwärmung bei 1,5 °C allein durch Treibhausgasminderung zu stoppen. Zusätzlich wird eine CO2 -Entnahme notwendig, um das „zu viel“ wieder aus der Luft zu entfernen. (UBA 2019: 37)

Ich erinnere jedoch an die Einschätzung der Negativ-Technologien vom IPCC 2014 als „biogeochemisch und technologisch begrenzt“ und riskant wegen „Nebenwirkungen und langfristige[r] Konsequenzen“.

In der folgenden Abbildung sehen wir 4 „Modellpfade“. Diese werden in dem Bericht ausführlich vorgestellt (aus IPCC 2018DE: 18):

Es wird oft gesagt, der IPCC-Bericht 2018 sage aus, dass eine Temperaturerhöhung über 1,5 Grad hinaus noch verhindert werden könne. Verschwiegen wird dabei meist, dass diese Pfade mindestens eine Vergrößerung des Anteils von Kernkraft auf das Anderthalbfache des Werts von 2010 erfordern, und/oder ein großes Ausmaß an Negativ-Emissionen durch CDR, in zwei Pfaden noch verbunden mit einer Vermehrfachung des Anteils der Kernenergie! Die Skepsis von 2014 scheint verschwunden zu sein, diese Methoden werden einfach einberechnet (vgl. IPCC 2018 Ch.4: 342ff.), obgleich die Probleme ehrlicherweise auch nicht verschwiegen werden

„Der Einsatz von CDR für mehrere hundert Gt CO2 unterliegt vielfältigen Einschränkungen bezüglich Machbarkeit und Nachhaltigkeit (hohes Vertrauen).“ (IPCC 2018DE: 21).

Immer noch gilt:

„Die meisten aktuellen und potenziellen CDR-Maßnahmen könnten im Falle eines umfangreichen Einsatzes bedeutende Folgen für Land, Energie, Wasser oder Nährstoffe haben (hohes Vertrauen). Aufforstung und Bioenergie können mit anderen Landnutzungen konkurrieren und erhebliche Folgen für Landwirtschafts- und Ernährungssysteme, biologische Vielfalt sowie andere Ökosystemfunktionen und -leistungen haben (hohes Vertrauen)“ (ebd., vgl. IPCC 2018 Ch.4: 394)

Das BECCS-Potential wird z.B. höchstens auf 5 Gt CO2/Jahr geschätzt (mit einem „mittleren Vertrauen“) (ebd.: 21). In den Pfaden 3-4 werden dagegen (ab 2050) bis 24 GT CO2 angenommen! Diese Zahlen überhaupt dahin zu schreiben, ist Augenauswischerei! Sie schreiben als „mögliche Pfade“ hin, was sie selbst mit „mittlerem Vertrauen“ für unmöglich ansehen!

Trotzdem sagen die Zahlen natürlich die Wahrheit, wir müssen sie nur richtig zur Kenntnis nehmen. JETZT müssen wir als Gesellschaft darüber diskutieren, ob wir den Anstieg der Kernenergie überhaupt verantworten können, JETZT müssen wir entscheiden, wieviel wir auf CDR/BECCS vertrauen wollen. Wir tun das aber nicht. Stattdessen lassen wir uns einlullen im Glauben, alles sei noch möglich und wir werden erst dann aufwachen, wenn es endgültig zu spät ist, diese Wege zu vermeiden. Dann sind die Sachzwänge gesetzt, anders geht es dann nicht mehr! Im eben genannten Bericht von 2018 steht im Text:

„Eine Überschreitung und Abhängigkeit von zukünftig großflächigem Einsatz von Kohlendioxidentnahme (CDR) kann nur vermieden werden, wenn die globalen CO2-Emissionen lange vor 2030 zu sinken beginnen (hohes Vertrauen).“ (IPCC 2018DE: 22)

Von Wissenschaftler*innen erwarte ich keine politischen Entscheidungen. Ich erwarte aber deutliche Hinweise darauf, wo wir als Gesellschaft entscheiden müssen, bevor die Sachzwänge unüberwindlich werden! Die Hinweise müssen deutlicher sein als jetzt. Wahrscheinlich scheuen die meisten Wissenschaftler*innen es, die Kassandra-Rolle einzunehmen und sich und uns einzugestehen, wie schlimm es schon steht. Aber man braucht auch nicht unbedingt Wissenschaftler*in zu sein, um die Berichte zu lesen. Das, was ich hier darstelle, ist alles veröffentlicht; nichts wird wirklich verschwiegen. Man muss nur genau hinschauen! Die Profiteure der neuen Technologien, darunter viel gefährlichere als BECCS, überlesen das nicht. Die scharren schon mit den Füßen, verlangen Fördermittel dafür. So werden vollendete Tatsachen geschaffen, die demokratische Diskussionen und Entscheidungen umgehen. Nur wenige Ausnahmen, wie Anderson und Peters (2016) machen auf die außerordentliche Problematik des Vertrauens auf die negativen Emissionen aufmerksam.

Sie verweisen u.a. darauf, dass in die meist verwendeten Modelle die Annahme hineingesteckt wird, dass eine perfekte Kenntnis der zukünftigenTechnologien vorläge und dass zukünftige Kosten weniger ins Gewicht fallen (ebd.: 183). Modelliert wird dann von vornherein ein „technologisches Utopia“ (ebd.). Es scheint dann so, als wären die Kosten für einen späteren Einsatz von BECCS geringer als sofortige Emissionsreduktionen.

„Das Versprechen zukünftiger und kostenoptimaler Technologien mit negativen Emissionen ist politisch attraktiver als die Aussicht, jetzt Politiken zu entwickeln, die eine schnelle und tiefgreifende Eindämmung ermöglichen.“ (ebd.)

Die Emissionsreduktionen können dann scheinbar auf die lange Bank geschoben werden. Diese Annahme ist aber verhängnisvoll, weil sie uns in eine Falle lockt, aus der wir nicht mehr herauskommen können, wenn das Versprochene nicht eintritt.

„Wenn man sich auf Szenarien verlässt, die negativen Emissionen eine große Rolle zuweisen, ist dies gleichbedeutend mit einer Wette darauf, dass dies technisch und wirtschaftlich machbar und künftig weithin akzeptiert ist. Der konservative Ansatz wäre, alles zu versuchen, um den Bedarf an negativen Emissionen zu minimieren.“ (Höhne u.a. 2019: 5)

Denn die meisten Hoffnungen auf „negative Emissionen“ sind wahrscheinlich grundsätzlich auf Sand gebaut. Erste Studien zur prinzipiellen Machbarkeit vor allem der vielleicht noch vertretbaren Methoden wie BECCS zeigen eher ein düsteres Bild.

Vaughan et al. (2015: 5f.) schätzen ein, dass die Möglichkeiten der negativen Emissionen durch BECCS in den bisherigen Modellen eher systematisch zu groß eingeschätzt werden. Smith et al. (2013) untersuchen die Beschränkungen der Machbarkeit von BECCS und auch Aufforstung durch die Konkurrenz mit anderen Landnutzungen sowie den Verbrauch von Düngern und Wasser ausführlich. Typischerweise wird in den Modellrechnungen für den Anbau der BECCS-Pflanzen die doppelte Fläche von Indien benötigt (Anderson et al. 183). Der logistische und Transportaufwand dieser Mengen an Biomasse wird nie einberechnet (ebd.). Diese Methoden erhöhen auch den Druck auf andere kritische Umweltfaktoren. Für die BECCS-Pflanzen zur Entfernung von 1 GT CO2 würden 75% der derzeitigen N-Düngerproduktion benötigt. Die Herstellung der zusätzlichen Düngemittel würde im Übrigen wiederum Treibhausgase freisetzen (Boysen et al. 2017b: 470). Der Phosphordüngerbedarf begrenzt die Möglichkeiten des Wachstums der Energiepflanzen zusätzlich. Die Pflanzungen verbrauchen Wasser und dies in einer Situation, in der bereits ein Drittel der Menschen unter unzureichenden Wasserzugangsmöglichkeiten leiden. Auch die scheinbar unproblematische Methode der Aufforstung zur CO2-Bindung muss genau bedacht werden. Aufforstung auf vorherigen Wiesen ist z.B. kontraproduktiv, weil es 50% mehr Wasser erfordert (Smith et al. 2016). In Argentinien erhöht eine Aufforstung sogar die Versalzung der Böden. Wenn davon gesprochen wird, dass Landflächen, die nicht für Äcker oder Weiden genutzt werden, genutzt werden könnten, wird nie in  Frage gestellt, ob dieses Land nicht Menschen als Subsistenzgrundlage dient, sondern es wird einfach verplant. Man könnte nun denken, bei weitgehendem Verzicht auf Tierproduktion könnte das bisherige Weideland für BECCS-Pflanzen genutzt werden. Auch hier stellt sich die Frage nach indigenen Kulturen, deren Land man nicht einfach enteignen kann und außerdem ist bisheriges Weideland für BECCS-Pflanzen i.a. nicht produktiv genug (Boysen et al. 2017b: 470). Auch andere Faktoren, die im Konzept der Planetaren Grenzen als kritisch betrachtet werden, werden häufig stark beeinträchtigt, wie die Biodiversität. Andere Effekte, wie die Veränderung des Albedos (Sonnenrückstrahleffekt) durch BECCS oder Aufforstung sind ebenfalls zu beachten (vgl. Boysen et al. 2017a). Notwendige Bewässerungsinfrastrukturen mindern die Bilanz und sind ökologisch schädlich. Bei Wäldern ist außerdem der Entnahmeeffekt von CO2 aus der CO2 -Bilanz auf deren Wachstumszeit von ca. 50 Jahren begrenzt. Außerdem unterliegen alle Prozesse Verlusten, so dass 2,11 GT CO2 in BECCS-Biomasse eingebaut werden müssen, um 1 GT CO2 aus der Atmosphäre entfernen zu können (ebd.). Die Studie fasst zusammen:

„Solche ökologischen Zwänge sind in der Literatur unterrepräsentiert, werden aber die Rolle des BCDR bei der Eindämmung des Klimawandels einschränken.“(Smith et al. 2013: 99, BCDR meint biologische atmosphärische Kohlendioxid-Entfernung)

Boysen et al. (2017b) sind noch deutlicher: Wird auf eine „aggressive Emissionsreduktion“ verzichtet und stattdessen auf biologische CO2-Minderung gesetzt, müssen praktisch alle natürlichen Ökosysteme beseitigt werden, wenn die Landnutzung durch Menschen ansonsten unverändert bleibt, oder die schon bisher von Menschen genutzten Landgebiete umgenutzt werden (was natürlich nicht möglich ist), um die natürlichen Ökosysteme zu erhalten.

„Die post-facto-Kohlenstoffentfernung auf einem unverminderten Emissonspfad würde die Nutzung eines Großteils der globalen Landoberfläche (natürliche oder landwirtschaftliche Flächen) erfordern, was unerträglich hohe Umwelt- und Sozialkosten verursachen würde.[…]
Selbst im „strong mitigation“-Szenario (RCP2.6) wären hohe Inputs an Wasser- und Düngemitteln erforderlich, um eine harte Flächenkonkurrenz zu vermeiden – mit potenziell negativen Nebenwirkungen für Klima und Gesellschaft.“ (Boysen et al. 2017b: 471)

All diese Studien machen darauf aufmerksam, dass wir um eine möglichst schnelle und massive Senkung der Emissionen („deep and rapid decarbonization“) nicht herum kommen (vgl. Smith et al. 2017: 48, Boysen 2017a: 4313)). Das verlangt eine „Transformation der globalen Ökonomie“, verbunden mit einer Begrenzung des Energiebedarfs und einer Veränderung der Konsummuster (Rogelj et al. 2018: 327). Statt dessen auf die Entfernung des CO2 aus der Atmosphäre zu setzen, bzw. die Verzögerung der Reduktionen damit entproblematisieren zu wollen, wäre nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht verantwortungslos. Smith et al. schließen ihren Artikel mit der Bemerkung, dass wir auch mit den Negativ-Emissionen keinen „Plan B“ in petto haben, sondern den Plan A mit der maximal möglichen Emissionsreduktion verfolgen müssen.

„Technologien mit negativen Emissionen sind keine Versicherungspolice, sondern eher ein ungerechtes Glücksspiel mit hohem Einsatz.“ (Anderson, Peters 2016: 183)

Eine Studie (Höhne u.a. 2019: 7) zeigt, wie steil die Kurve der Senkung der CO2-Emissionen sein muss, wenn nicht mit negativen Emissionen gerechnet wird. Im Vergleich dazu die Reduktionsziele der Bundesregierung:

Es gibt also allen Grund, 1. vehement zu fordern, dass wenigstens die schon angestrebten Ziele erreicht werden und 2. diese Ziele so zu verschärfen, dass möglichst viele der kritischen Technologien wie Kernkraft und CO2-Entnahme und -speicherung nicht dringend notwendig werden. Von Klimagerechtigkeit ist hier übrigens noch gar nicht die Rede, wenn wir die noch einberechnen, muss die Reduktionskurve noch steiler werden!


Nachtrag 22.11.2020:
Wenigstens den GRÜNEN hat man jetzt gesagt, dass das 1,5-Grad-Ziel schon nicht mehr zu erreichen ist.. Anders Levermann vom PIK hat den Delegierten ihres Parteitags zum 1,5-Grad-Ziel gesagt, das sei „ohne soziale und wirtschaftliche Verwerfungen praktisch nicht mehr zu schaffen“. Das Handelsblatt schreibt dazu: „Im Kompromiss heißt es nun, es sei „notwendig, auf den 1,5 Grad-Pfad zu kommen“.“



Hier noch ein Dossier zum
„Wetten auf negative Emissionen“


Abkürzungen

AFOLU: Landwirtschaft, Forstwirtschaft und andere Landnutzung (beeinflusst vor allem Treibhausgasemissionen von Methan, Lachgas usw.)

BCDR: biological atmospheric carbon dioxide removal = biologische atmosphärische Kohlendioxid-Entfernung

BECCS: Bioenergie mit CCS: Anbau von Biomasse, in der CO2 gebunden wird, bei deren Verbrennung das CO2 abgeschieden wird.

CCS: Kohlendioxidabscheidung und -speicherung

CDR: Carbon Dioxid Removal: Entfernung von Kohlendioxid

IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change. Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen.

SRM: Solar Radiation Modification: Beeinflussung der Sonneneinstrahlung

SR1.5: Kurzbezeichnung für den IPCC-Sonderbericht Global Warming of 1,5°C


Literatur

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