Am Nachmittag beteiligte ich mich an der ersten „Betzsavta“-Übung, von der ich schon länger von Petra gehört hatte. Bei dieser Methode wird durch ungewöhnliche Aufgaben Interaktionen in der Gruppe angeregt. Danach wird über die Wahrnehmungen und Beobachtungen gesprochen, so dass Widersprüche, die zu Reflexion anregen, erkannt und bedacht werden können. In unserer Übung ging es um das Treffen einer Entscheidung in der Situation eines „Handlungsnotstands“, wie er uns in den Klima-Katastrophen häufig begegnen wird. In der Reflektion danach lernten wir, womit wir uns selbst Beine stellten…

Der zweite Tag der Veranstaltung war dazu gedacht, dass die jeweils von einer Schule anwesenden Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern gemeinsam Pläne für Vorhaben an ihrer Schule schmieden konnten. Es gab einen Impulsvortrag von Stefan Rostock von Germanwatch darüber, dass auch die UNESCO bei der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE, engl. Abkürzung: ESD) fordert, dass die klimapolitischen Vorhaben nicht mehr nur individuelle Verhaltensänderungen zum Inhalt haben dürfen, sondern Strukturen verändern müssen, d.h. echte Transformationen müssen stattfinden.

Wie unsinnig es ist, nur individuelles Verhalten anzusprechen und verändern zu wollen, wenn die Strukturen dem entgegenstehen, zeigt das folgende Bild aus seinem Vortrag, das ich oben schon einmal verwendet habe, aber wegen seiner Bedeutung hier noch mal wiederhole:

Das von der UNESCO im November 2019 beschlossene „Programm ESDfor2030“ gibt wichtige Impulse und kann und sollte auch gerne genutzt werden, wenn man Argumente benötigt für seine eigenen Vorhaben in diesem Sinne im Bereich der Bildungsarbeit. Gefordert wird dort u.a.

  • dass die in der Bildungsarbeit angebotenen Handlungsoptionen zur Größe der Herausforderungen passen müssen,
  • d.h. auch, dass es eben nicht nur um eine Aufforderung zu individuellen Verhaltensänderungen gehen darf, sondern strukturelle Bedingungen dieses Handelns verändert werden müssen.
  • Die Bildung für  nachhaltige Entwicklung (BNE) bewegt sich von der bloßen Gestaltung von Projekten innerhalb der gegebenen Strukturen hin zur Strukturveränderung und dieses darauf bezogene Sich-Bilden und Handeln gehört zum Bürger-Sein.
  • Das UNESCO-Weltaktionsprogramm für die BNO fordert, die „Lernenden [zu] befähigen, sich selbst und die Gesellschaft in der sie leben zu transformieren“!!! (Quelle engl. hier)
  • Zum Begriff der Transformation gehört auch ein „gewisses Maß an Bruch („disruption“)“ (Quelle, Annex I, p. 2).
  • Und gar: BNE „muss sich auch direkter auf die nicht nachhaltigen Produktionsmuster der gegenwärtigen Wirtschaftsstrukturen auswirken“ (Quelle, Pkt. 4.10).

Was wir von der Zukunftswerkstatt Jena eigentlich schon seit 30 Jahren in unseren Vorträgen sagen, dass es nicht nur um individuelle Verhaltensänderungen gehen darf, sondern die gesellschaftlichen Strukturen „hinterfragt“ werden müssen – wie man jetzt so gerne sagt – und auch wirklich ernsthaft verändert werden müssen, ist nun auch offiziell für die weltweite Bildungsarbeit angesagt! Das war für mich wirklich neu und zeigt, dass sich auch offiziell manches doch noch irgendwann bewegt/bewegen lässt.

Ein weiterer Impuls von Germanwatch ist das Konzept des „Handabdrucks“. Dabei wird nicht mehr nur der Ökologische oder der CO2-Fußabdruck ermittelt, um ihn zu verkleinern, sondern es geht auch darum, die eigene Wirksamkeit bei der gesellschaftlichen Veränderung, also den eigenen „Handabdruck“, zu vergrößern.

Nach diesem Input beschäftigten wir uns in unterschiedlichen Laboren mit Themen der Entwicklung von Schulen. Unter anderem wurde hier das Konzept FREI DAY vorgestellt. In mindestens 4 Stunden in der Woche können Schüler*innen hier selbstbestimmt lernen. In einem weiteren Workshop ging es darum, wie wir andere Menschen ins Boot holen können. Dabei wurde zuerst überlegt, was denn uns selbst dazu bringt, uns mit dem Thema zu beschäftigen bzw. dafür zu engagieren. Und mit einer sog. „Kraftfeldanalyse“ konnten wir darüber nachdenken, was hemmende Faktoren sind und was fördernde, so dass sich daraus auch Anregungen für die Veränderung dieser Faktoren ableiten ließen. Mit diesen Hilfsmitteln erarbeiteten die Gruppen aus je einer der 13 Schulen danach zuerst ein Ziel, das sie in der nächsten Zeit erreichen wollen. Sie begannen mit der Sammlung von Vorstellungen, was sie in zwei Jahren beim Durchgang durch ihre Schule sehen möchten, das darauf hindeutet, dass ihre Wünsche sich verwirklicht haben.

Danach wurde konkret geplant, wie dieses Ziel erreicht werden könnte.

Da von vornherein nur jeweils mehrere Menschen aus einer Schule teilnahmen, konnten die Pläne sehr konkret werden und ich erfuhr überall eine Stimmung, die darauf hindeutet, dass es am nächsten Montag in der eigenen Schule wirklich losgeht! Darin unterscheidet sich diese Veranstaltung von anderen, in denen vereinzelte Individuen sich mal in einem Workshop treffen und etwas Spannendes ausdenken, dann aber zurück im Alltag schnell wieder allein gelassen sind und nichts erreichen können und ihren Elan verlieren.

In einer Abschlussrunde berichteten dann auch viele ganz genau, was sie in der ersten Woche zurück an ihrer Schule ganz konkret tun werden, um den Weg in die Richtung ihrer Ziele fortzusetzen.

Da kann ich nur VIEL ERFOLG wünschen!